…. vor hundert Jahren: Die Not mit dem Brot

In diesem Sommer reifte das Getreide wieder und die Kartoffeln wuchsen heran, ohne zu verfaulen. Zwar gab es keine Rekordernte, wie es sich die Bauern nach Jahren der Missernte gewünscht hatten, aber sie konnten mehr ernten, als in den Kriegsjahren davor. Auch die Kühe auf den Weiden fanden genug Gras und die Heuernte ging gut voran. Trotzdem stiegen die Getreide-, Brot- und Milchpreise und die damit einhergehende Schleichhandelkiminalität.

Am 10. August beschloss der Berliner Magistrat, die Vollmichpreise um 10 Pfennig ab dem 1. September zu erhöhen. Dabei hatte er die kinderreichen armen Familien im Blick, die unter dieser Erhöhung am meisten zu leiden hatten. Deshalb hatte er ein Preissteigerungssystem entwickelt, bei dem die Familien mit vielen Kindern nur wenige Pfennige mehr pro Liter zu zahlen hatten, wohingegen die anderen, wie die Milchhändler, erheblich mehr bezahlen mussten.

Umgehend protestierten die Händler, dies sei ungerecht und nicht tragbar. Sie führten an, dass sie nicht nur den größten Teil der Preiserhöhung zu tragen hätten, sondern auch noch das volle Risiko für den Verkauf der Milch. Oft genug, so argumentierten sie, käme die Milch sauer in ihren Läden an, weil die Transporteimer ungeeignet und die Milch nicht ordnungsgemäß behandelt worden sei.

Milch, Butter, Brot u.a. gab es schon seit langer Zeit nur noch über die ausgegebenen Lebensmittelkarten oder auf dem Schwarzmakrt zu kaufen. Die Not war groß und machte erfinderisch. Fast täglich berichteten die Zeitungen über Verurteilungen von Betrügern. Meist waren es Männer, die einen Handel mit den Lebensmittelkarten betrieben, polizeiliche Anmeldungen fälschten oder sich mehrfach als Untermieter in verschiedenen Bezirken eintragen ließen, um weitere Lebensmittelkarten zu erhalten.

Ein Fall von Butterdiebstahl gelangte zu größerer Aufmerksamkeit. Diesmal handelte es sich um vier weibliche Angestellte eines Berliner Buttergroßhandelsunternehmen. Sie arbeiteten als Filialleiterin, Kontoristin oder Verkäuferin in diesem Unternehmen und hatten gemeinsam größere Mengen an Butter und Magarine beiseite geschafft. In der Verhandlung kam jedoch zur Sprache, dass nicht nur diese weiblichen Angestellten, sondern auch die männlichen Führungskräfte in großem Stil Butter und Fette unterschlagen hatten, wie es vermutlich auch in anderen Großhandelsunternehmen üblich war.

Alle Maßnahmen des Berliner Magistrats zur Eindämmung dieser Misstände, wie z.B. die im August 1918 erlassenen zwei Verordnungen zur Eindämmung des Schleichhandels mit Mehl und Getreide, führten zu keinem Erfolg. Die Beschaffungskriminalität nahm zu.

Andernorts wurden zwei Drittel der Mühlen geschlossen, weil die Müller nicht den Anordnungen über das Ausmahlen von Selbstversorgergetreide Folge leisteten. Der Bauernverband kritisierte deshalb auch die Regelungswut der Regierung und setzte sich für einen freien Lebensmittelmarkt ein.

Eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung war trotz der guten klimatischen Bedingungen nicht sichergestellt. Schon jetzt stieg in einer ersten Welle die Zahl der mit der Spanischen Grippe Infizierten schnell an. Arbeitskräfte, die dringend auf dem Lande für die Ernte benötigt wurden, fielen aus und konnten nicht ersetzt werden. Die Folge war, dass vielerorts Kartoffeln u.a. in der Erde blieben und nicht rechtzeitig geerntet werden konnten.

Vorallem die Stadtbevölkerung, auch viele Pankower, die sich nicht selbst versorgen konnten, litten am meisten darunter. (CB)

HInweis: Das oben gezeigte Bild findet sich unter: https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=6426

Advertisements

Zurück zu den Wurzeln: Mode aus Brennnesseln

Im Sommer 1918 liest man in vielen Zeitungen und auf Handzetteln „Sammelt Brennesseln!“ Das, was heute als ökologisch wertvoller Rohstoff von einigen Modedesignern als neue Geschäftsidee beworben wird, wurde schon im 11. Jahrhundert zur Textilherstellung genutzt und war vor 100 Jahren die aus der Not geborene Rückbesinnung auf alte Traditionen.

Denn durch die britische Seeblockade im 1. Weltkrieg konnte kaum noch Baumwolle von Deutschland importiert werden. Der Mangel machte sich immer stärker bemerkbar. Was früher verpönt war, dürfte im Jahr 1918 selbst in gepflegten bürgerlichen Pankower Haushalten keine Seltenheit gewesen sein: in geflickter Kleidung herumzulaufen. Denn neue Bauwollkleidung gab es schon lange nicht mehr zu kaufen. Nähkurse erfreuten sich in dieser Zeit außerordentlicher Beliebtheit. Die Industrie versuchte, Ersatzprodukte zu erzeugen – so gab es Kleidung aus Papierfasern oder eben Brennnesseln.

Die Fasern des Stängels der Brennnessel können mit Hilfe verschiedener Verfahren zu spinnfähigen Bastfasern aufbereitet werden, aus denen ein glänzender Stoff hergestellt werden kann, der im Sommer kühlt und im Winter warm hält. Was lag also näher, als die sonst unbeliebte Brennnessel zu sammeln und sogar gezielt anzubauen? Bereits 1917 wurde zu diesem Zweck die „Nessel-Anbau-Gesellschaft“ in Berlin gegründet, die auf 300 Hektar Land in Rummelsburg die Urtica dioica – die große Brennnessel – anbaute du auch bei Bauern in der Umgebung für deren Anbau warb. 400 Mark Prämie wurde dafür für jeden Hektar versprochen. Auch die Sammler der Pflanzen konnten sich damit Geld verdienen. 28 Mark wurden für 100 Kilo getrockneter Stängel gezahlt. Sicher versuchte auch so mancher Pankower und manches Pankower Kind so Geld zu verdienen. Für Blätter und Samen wurde ebenfalls gezahlt. Doch es ging nicht nur ums Geld, so appelliert die Nessel-Anbau-Gesellschaft 1918 in ihrem Merkblatt: „Jedes Kilo Faser trägt dazu bei, uns vom Ausland unabhängig zu machen, jedes Kilo Samen fördert den Anbau, und jedes Kilo Brennesselblätter kommt unserer Viehhaltung und damit der Volksernährung zugute!“ Als Nahrungsergänzung hatten viele Menschen die Nesselpflanze bereits entdeckt: in etlichen Berliner und Pankower Haushalten landete sie als Spinatersatz oder in Form von Brennnesselsuppe schon längst auf dem Teller.

Die 1918 groß angelegte Sammelaktion verlief allerdings hinsichtlich de Textilherstellung im Sande: so gab es einfach keine Textilfabriken für die Weiterverarbeitung der Fasern und schließlich machte auch das Kriegsende die aufwändige Produktion von Ersatzstoffen nicht mehr nötig. (GL)

…vor hundert Jahren: Berliner fahren Straßenbahn

1918 durchzog ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz die Stadt.

Angefangen hatte es mit Pferdebahnen, die später von den elektrischen Bahnen abgelöst wurden. Die erste Pferde-Straßenbahn fuhr vom Brandenburger Tor bis nach Charlottenburg zum damaligen Pferdebahnhof an der Kreuzung Spandauer Damm/Sophie-Charlotten- Straße. Ihre Jungfernfahrt hatte sie am 22. Juni 1865. Knapp 16 Jahre später, am 16. Mai 1881, nahm die erste elektrische Straßenbahn  in Lichterfelde ihren fahrbahnmäßigen Betrieb auf. Sie war eine Erfindung Werner von Siemens und eine große Weltneuheit.

In den Jahren danach kamen immer neue Strecken hinzu. Berlin wurde immer größer und die Vororte wurden zu ausgebauten Städten. Damit einher ging ein immer weit verzweigteres Straßenbahnnetz.

In Pankow wurde am 1. März 1904 der Straßenbahnbetrieb aufgenommen. Die Linie 49 fuhr von der Breiten Straße über die Schönhauser Allee, den Alexanderplatz, Kottbusser Tor bis zum Hermannplatz.

Ab dem 1. September 1907 fuhr eine weitere Straßenbahn. Die Linie Nr. 5 machte einen großen Bogen von Pankow (Breite Straße) bis zum Wedding über die Schönhauser Allee, den Alexanderplatz, die Hasenheide, die Yorkstraße, die Turmstraße, die Fennstraße zur Pankstraße. Beide Linien unterhielt die „Große Berliner Straßenbahn“, ein privates Unternehmen.

Die Straßenbahn war das beliebteste Berliner Verkehrsmittel. Seit 1908 gab es insgesamt 98 Straßenbahnlinien betrieben von 15 unterschiedlichen Straßenbahngesellschaften (acht private und sieben kommunale), die ein umfangreiches Liniennetz geschaffen hatten. Alle Straßenbahnunternehmen waren in einem Dachverband organisiert, der einen einheitlichen Fahrscheintarif und abgestimmte Fahrzeiten ermöglichte.

Die Fahrpreise waren mit dem Ausbau der Straßenbahnlienien kontinuierlich gestiegen. So kostete 1918 der Einzelfahrschein 0,15 M. Man konnte aber auch Doppelfahrscheine, Sammelkarten für 8 Fahrten, Monatskarten (auch für Schüler) und Arbeiterwochenkarten für 6 Fahrten erwerben.

Des einen Freud war des anderen Leid. Mit der Zunahme des Straßenbahnverkehrs stiegen auch die Verkehrsunfälle und immer häufiger kam es zu Personenschäden oder sogar Todesfällen. Vor allem Kinder waren von den schweren Unfällen betroffen. Die Schulverwaltung wies deshalb die Schulen an, Verkehrserziehung in den Unterricht aufzunehmen. Die Schüler sollten auf die besonderen Gefahren des Straßenbahnverkehrs hingewiesen werden.

Aber nicht nur Kinder verunglückten. Immer öfter gab es auch Zeitungsmeldungen über Verkehrsunfälle von Erwachsenen.

Die „Märkische Rundschau“ vom 20. Juni 1918 (Nr. 142) meldete:

Pankow. In der Schloßstraße zu Pankow stießen am Sonntag Nachmittag zwei Straßenbahnwagen zusammen, wobei ein Wagen bis auf den Bürgersteig geschleudert wurde. Eine Frau erlitt schwere, fünf weitere Fahrgäste leichte Verletzungen.“

Mehr als 40 tödliche Straßenbahnunfälle gab es jährlich in Berlin.

Auch Mitglieder der Hoffnungsgemeinde waren davon betroffen. Im Sterberegister der Gemeinde findet sich immer mal wieder der Eintrag „Tod auf/an der Straßenbahn“ als Todesursache. Von einem besonderen Fall hatten wir bereits im Februar berichtet. (CB)

… vor hundert Jahren: Feldpost und Briefe aus der Heimat – Zensur und andere Vorschriften

Postkarten, Briefe und Päckchen boten im Ersten Weltkrieg nahezu die einzige Kontaktmöglichkeit zwischen Front und Heimat, riesige Massen davon wurden in den vier Kriegsjahren geschrieben, verschickt, befördert, empfangen und hoffnungsvoll oder entmutigt gelesen. Die Feldpost von der Front sollte die Angehörigen zu Hause unterrichten, während mit Briefen aus der Heimatfront moralische Bestärkung und materielle Unterstützung zu erfolgen hatte.

Allererstes Anliegen der Briefeschreiber war die schlichte Wissbegierde um ein Lebenszeichen. Familienangehörige und Freunde wollten über Gesundheitszustand, Aufenthaltsort, über Leben oder Tod informiert sein. Je länger eine briefliche Pause bestand, desto beunruhigter wurden die Angehörigen, deshalb hatten auch scheinbar banal wirkende kurze Nachrichten oder sogar vorgefertigte Floskeln auf Postkarten essentiellen Wert.

Im Zusammenhang mit einem Heimaturlaub oder einem Lazarettaufenthalt konnten Soldaten unverfälscht höchstpersönlich Informationen in beide Richtungen transferieren, wohingegen der Feldpostbrief, der durch mehrere Instanzen befördert wurde, diese Sicherheit nicht bot. Schon seit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde der Briefzensur eine wichtige Rolle beigemessen, wenn auch in den ersten zwei Kriegsjahren noch unsystematisch und willkürlich. Jeder Feldbrief musste zunächst dem Vorgesetzten vorgelegt werden und dieser entschied dann weiter. Die Korrespondenzen aus dem Feld sollten den Kriegsverlauf ausschließlich positiv darstellen.

Während von der Front negative Meldungen in die Heimat vermieden werden sollten, hatte die Post aus der Heimatfront wiederum die Soldaten nicht unnötig mit den „Alltagssorgen“ zu belasten, sondern eher zu bestärken. Neben der Entsendung von Feldpostpäckchen in Form von „Liebesgaben“, „Fresspaketen“, Zigaretten oder warmen Socken waren vor allem Fotografien der Ehefrau, Verlobten oder Geliebten und bestärkende Berichte gefragt wohingegen „Klagebriefe“ von Frauen und Müttern an ihre kämpfenden Ehemänner und Söhne ins Feld über eigene Nöte an der Heimatfront allgemein tabu und mit der Vaterlandsliebe nicht vereinbar waren.

Im letzten Kriegsjahr war die Zensur allgegenwärtig geworden, auch logistisch war der Transport von Sender zu Empfänger nicht immer leicht zu gewährleisten und es kam darauf an, überhaupt noch Kontakt zueinander zu halten. Um den reibungslosen Transport zu erreichen, wurden über Zeitungen Richtlinien verbreitet.

Das Niederbarnimer Kreisblatt, die regionale Ausgabe für Oranienburg, Hohenneuendorf und Umgebung, Bernau und Liebenwalde, zu dessen Reichweite durchaus auch Pankow gehörte, veröffentlichte in seiner Ausgabe Nr. 123 am Mittwoch, den 29. Mai 1918 in seinen Kreis-Nachrichten nützliche Ratschläge in Sachen „Briefe an Kriegsgefangene“. Darin hieß es: „Wer an deutsche Kriegsgefangene, die in neutralen Ländern interniert sind, schreibt, schreibe so kurz und so deutlich wie möglich. Briefe, die über vier gewöhnliche Oktav- oder zwei Quartseiten lang oder undeutlich geschrieben sind, erleiden beträchtliche Verzögerungen, oft von mehreren Monaten, und werden mitunter von der ausländischen Zensur, durch die sie gehen, als unzulässig beschlagnahmt.

War also der Brief nicht nur inhaltlich unpassend, sondern zu unübersichtlich oder zu lang, da viermal oder gar achtmal gefaltet, konnte dies für seine schnelle Beförderung hinderlich sein, in jedem Falle war die Kontrolle und Zensur der Bevölkerung spätestens in diesem letzten Kriegsjahr bewusst geworden. Rückschlüsse auf die abnehmende Kriegsbereitschaft und Kampfmoral in diesen letzten Kriegsmonaten spiegeln sich auch aus diesem Blickwinkel wider. (CW)

… vor hundert Jahren: 130. Geburtstag und 70. Todestag Elsa Brändströms

 

Am 26. März 1888 erblickte in St. Petersburg ein kleines Mädchen das Licht der Welt. Elsa Brändström. Ihr Vater war zu dieser Zeit Militärattaché der Schwedischen Botschaft in Russland. Doch ihre Kindheit und Jugend verbrachte Elsa Brändström überwiegend in ihrem Heimatland Schweden.

Als Zwanzigjährige kehrte sie zurück nach St. Petersburg, weil ihr Vater zwischenzeitlich zum Gesandten des Königreiches Schweden ernannt worden war. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieg verbrachte sie dort eine unbeschwerte Zeit auf Bällen und Gesellschaften.

Nach dem Ausbruch des Krieges veränderte sich ihr Leben radikal. Im Herbst 1914 nahm sie gemeinsam mit ihrer Freundin an einem Krankenpflegekurs teil. Die Pflege kranker und verwundeter Soldaten in den Lazaretten erfreute sich in dieser Zeit nicht nur in Russland sondern in ganz Europa bei den gutsituierten jungen Damen großer Beliebtheit.

Doch bei Elsa Brändström war es mehr. Nachdem sie bei einem Besuch des Nikolaihospitals das erste Mal auf verwundete Kriegsgefangene traf, beschloss sie, fortan in Kriegsgefangenenlazaretten und -lagern zu arbeiten.

Zusammen mit ihrer Freundin Ethel von Heidenstam wurde sie russische Schwester des Sankt-Georgs-Ordens und arbeitete in dem Hospital.

1915 organisierte sie gemeinsam mit ihrer Freundin neben einer Hilfsaktion für deutsche Kriegsgefangene den Austausch schwer verwundeter deutscher Soldaten gegen russische Verwundete und begab sich eigenmächtig nach Berlin, um sich mit dem Ehrenpräsidenten des Badischen Roten Kreuzes, Max von Baden, zu treffen und die unwürdigen Zustände der Kriegsgefangenen in Russland zu schildern. Im Anschluss daran erhielten sie eine große Summe Spendengelder für Hilfsgüter, die nach Sibirien in die Kriegsgefangenenlager geschafft werden sollten. Um selbst den Transport begleiten zu können, traten sie dem Schwedischen Roten Kreuz bei und unter deren Schutz führten sie die Reise durch.

In den sibirischen Lagern herrschten neben Hunger und Kälte sowie Willkür der Lageraufsicht auch menschenunwürdige hygienische Bedingungen, die die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten und Seuchen begünstigten. Medikamente und medizinische Ausrüstungen waren nicht vorhanden.

All dies nahmen die beiden jungen Frauen in Kauf und leisteten mit anderen Helfern Außergewöhnliches. Sie sorgten für Hygiene und eine einfache medizinische Grundausstattung in den Krankenbaracken und die Isolierung der Seuchenkranken. Darüber hinaus übernahmen sie die Pflege Kranker und Verwundeter und bemühten sich um eine ausreichende Versorgung der Gefangenen. Sie errichteten Bibliotheken und Arbeitsstätten, damit die psychisch angeschlagenen Inhaftierten wieder eine Perspektive entwickeln konnten.

Dreimal, zuletzt im russischen Bürgerkrieg 1918 bis 1920, machte sich Elsa Brändström, teilweise unter Lebensgefahr, in die sibirischen Weiten auf. Sie blieb dort viele Monate und half, wo sie konnte. „Engel von Sibirien“ nannten sie die Männer, die sie besuchte.

Mit vielen von ihnen blieb sie freundschaftlich verbunden und stand in Briefkontakt, auch nach Beendigung der Gefangenschaft.

Ihre Tätigkeit erforderte nicht nur viel Mut und Durchhaltevermögen, es kostete sie auch ihre Gesundheit. Sie war völlig erschöpft und erkrankte schwer.

1921 erschien ihr Buch „Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien 1914-1920“. Es wurde ein Welterfolg. Mit den Einnahmen aus diesem Buch und ihren Vorträgen errichtete sie u.a. die „Stiftung Arbeitssanatorium für ehemalige kriegsgefangene Deutsche“ und betrieb im Schloß Neusorge bei Mittweida ein Heim für Kinder, deren Väter in den russischen Kriegsgefangenenlagern gestorben waren. Sie hatte in Sibirien versprochen, für diese Kinder zu sorgen.

Am 6. November 1929 heiratete sie den Pädagogikprofessor Robert Ulich. Ihre Tochter Brita wurde 1932 geboren und 1934 wanderte sie mit ihrer Familie in die USA aus.

Auch während des Zweiten Weltkrieges und danach kümmerte sich Elsa Brändström um die Notleidenden.

Am 4. März 1948 starb sie nach schwerer Krankheit in Cambrigde (Vorort von Boston).

Das Andenken dieser großartigen Frau ist auch in unserer Gemeinde bis heute lebendig. Unsere Hoffnungskirche steht in der 1936 umbenannten Elsa-Brändström-Straße und es gibt seit vielen Jahren einen regen Kontakt zur schwedischen Partnergemeinde. (CB)

… vor hundert Jahren: Der 1. Mai 1918 in Berlin – ein Kampftag der Arbeiter?

Kalt und regnerisch war es an diesem 1. Mai in Berlin. Unruhe und Unzufriedenheit lag über der Stadt. Die Menschen auf der Straße fürchteten sich vor weiteren Rationierungen, Preiserhöhungen und der steigenden Kriminalität während die Abgeordneten im Preußischen Abgeordnetenhaus heftig über eine Neuregelung des Wahlrechts debatierten. Zeitgleich beriet der Hanseverein in seiner Versammlung über die Neuordnung der Wirtschaft nach dem Krieg. Die Vertreter der Arbeiter- und Angestellten zahlreicher Reichsbehörden, des Reichstages und der Stadt Berlin sowie Vertreter gemeinnütziger Gesellschaften wiederum riefen an diesem Tag auf ihrem Kongreß alle Arbeiter und Angestellten auf, nach Beendigung des Krieges die Errichtung einer auf das Gemeinwohl ausgerichtete Übergangsgesellschaft zu unterstützen. Außerdem forderten sie mehr Lohn, ein neues Bodenrecht und die Förderung des Kleinwohnungsbaus. Der Wohnungsnotstand war ihnen ein besonderer Dorn im Auge.

Dabei schien für alle ein Sieg der Deutschen in nicht allzu weiter Ferne.

An diesem Mittwoch gab es in Berlin überall öffentliche politische Diskussionen, doch kam es auch zu Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen?

Nein. Die seit ca. 1890 üblichen Streiks, Kundgebungen, „Maispaziergänge“ oder „Maifeste“ auf denen höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten gefordert wurden und die oft gegen den Widerstand der Arbeitgeber organisiert worden waren, gab es 1918 nicht. Mit Beginn des Krieges hatte man von Seiten der Gewerkschaft aus „nationaler Solidarität“ auf Aktionen an diesem Tag verzichtet.

Doch der Krieg zog sich Jahre hin und die Not unter Bevölkerung wurde immer größer. Gruppierungen wie der „Spartakusbund“ machten sich zum Sprachrohr der Unzufriedenen. Sie hatten in den letzten Jahren zu Streiks und Protesten aufgerufen. Im Januar/Februar 1918 kam es in Berlin zu einer großen Streikwelle der Arbeiter, die mit vehementer Polizeigewalt und zahlreichen Verhaftungen niedergeschlagen wurde. Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg u.a. Anführer der Bewegung saßen im Gefängnis und konnten keine weiteren Proteste organisieren. Wie der russische Botschafter in Deutschland erstaunt feststellte, herrschte große Ratlosigkeit unter den in Berlin lebenden Revolutionären.

Der 1. Mai 1918 ging daher friedlich und fast ohne öffentliche Proteste zu Ende. Zu Unmutsbekundungen kam es nur bei den Fahrgästen des öffentlichen Nahverkehrs. Die Fahrpreise in den Straßenbahnen und Stadtbahnen waren zum 1. Mai erhöht worden. Schaffner und Begleitpersonal sahen sich immer wieder Beschimpfungen und Protesten ausgesetzt.

In der Hoffnungskirche hingegen ging es fröhlich zu. Der 24-jährige Jungeselle Fritz Georg Krebs und seine noch sehr junge Verlobte Emma Anna Frida Ludwig wurden an diesem Tag von Pfarrer Simon getraut. Fünf weitere Hochzeiten wurden im Mai und Juni in der Hoffnungskirche gefeiert. (CB)

…vor 100 Jahren: Festabend mit Kinder-Reigen und Theaterstück zur Spendensammlung für die Wilhelm Kuhr-Stiftung.

In der Hoffnungskirchengemeinde gab es auch in der Kriegszeit eine rege Kinder- und Jugendarbeit, denn im Gemeindegebiet wohnten viele Familien mit kleineren und größeren Kindern wie ein Blick auf die Taufen und Konfirmationen in der damaligen Zeit zeigt. Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit waren die Elternabende der verschiedenen Jugendgruppen. Oft wurde ein solcher Abend genutzt, um mit den Kinder Theaterstücke vorzuführen und dabei für einen guten Zweck Spenden zu sammeln. So war es auch am 13. April 1918: im großen Saal des „Konzerthauses Lindner“ in der Breiten Straße 34, den die Gemeinde damals immer wieder für größere Veranstaltungen nutzte, fand ein „Festabend zum Besten der Wilhelm Kuhr-Stiftung als Elternabend des Jugendgottesdienstes der Pankower Hoffnungskirche mit Hilfe des Evgl. Vereins junger Männer ‚Hoffnung'“ statt. So wurde es auf dem Programm angekündigt.

Im Vorfeld musste dieser Abend – wie damals üblich – polizeilich angemeldet werden. Die Genehmigung wurde problemlos erteilt mit der Bemerkung „Die Veranstaltung einer Tanzlustbarkeit ist verboten“.

Dem Programm war die Allgegenwart des Krieges anzumerken, trotzdem zeigte es eine Mischung aus ernsten und humorvollen Themen, so gab es einen Vortrag unter dem Titel „Kriegssegen?!“, einen Kinder-Reigen, ein Bühnen-Kinderspiel und zum Abschluss das Theaterstück „Landsturmmann Nitschke“ des Autors Siegfried Philippi, über das der Verlag schrieb „Das ganze Stück ist mit lebenswarmen Humor erfüllt“. Auch andere Darbietungen bereicherten den Abend, durch den Pfarrer Rudolf Jungklaus führte.  Der Eintritt zu diesem Abend kostete 50 Pfennig. Es ist davon auszugehen, dass der Saal gut gefüllt war, denn einige Tage später zahlte Pfarrer Jungklaus den Erlös von 185,95 Mark als Beitrag zur Bürgermeister Kuhr-Stiftung bei der Gemeinde-Hauptkasse ein.

Der Wilhelm Kuhr-Stiftung waren viele aus der Gemeinde sehr verbunden. Sie wurde zu Ehren des 1914 als Kriegsfreiwilliger gefallenen Pankower Bürgermeisters gegründet.

Bürgermeister Kuhr war in Pankow sehr beliebt: in den acht Jahren, in denen er Pankower Bürgermeister war (1906-1914) hat er viele wichtige Projekte vorangebracht: durch den starken Bevölkerungszuwachs musste die Infrastruktur  ausgebaut werden. So nahm er vorausschauend den Straßenbau in Angriff , außerdem den Bau von Schulen und des großen Pankower Wasserwerkes. Er entwickelte das gesamte Erziehungswesen des Bezirkes, kümmerte sich um Fragen der öffentlichen Gesundheit und der Sozialfürsorge. Das Projekt, für das er bis heute in Pankow bekanntesten ist, ist der Bürgerpark. Ursprünglich als Privatpark angelegt, sollte das Gelände 1906, nach dem Tod des letzten Besitzers, verkauft werden. Das Land war unter den konkurrierenden Terraingesellschaften sehr begehrt, Mietshäuser sollten gebaut werden. Doch Wilhelm Kuhr setzte gegen viele Widerstände durch, dass die Gemeinde den Park für 1 1/2 Millionen Goldmark kaufte und erhielt ihn so als grünen Ruhepol im wachsenden Pankow, in dem bis heute viele Bewohner und Besucher ihre Freizeit verbringen. Von Wilhelm Kuhr selbst wird berichtet, dass er jeden Morgen vor Dienstantritt durch den Bürgerpark spazierte.

Wenige Tage nach Kuhrs Tod wurde von der Pankower Gemeindevertretung beschlossen,  die am Bürgerpark verlaufende Straße in Wilhelm-Kuhr-Straße umzubenennen. Und 1915 wurde im Preußischen Verwaltungsblatt angekündigt: „Zu Ehren des für das Vaterland gefallenen Bürgermeisters Kuhr soll in Pankow eine Wilhlem-Kuhr-Stiftug errichtet werden, die bezweckt, für Kriegsinvalide und die Hinterbliebenen von Gefallenen zu sorgen.“  (GL)