… vor 80 Jahren: Eine Konfirmation, die im März 2022 mit einer Eichenkonfirmation gefeiert wurde

Die Konfirmationen, die im März 1942 durchgeführt wurden, füllen viele Seiten im Kirchenbuch unserer Gemeinde. An vier Tagen wurden insgesamt 380 Jugendliche von den Pfarrern Simon, Jungklaus, Bluhm und Erhardt konfirmiert, eine für uns nicht mehr vorstellbare Anzahl von Konfirmanden. 175 Jungen und 205 Mädchen erhielten in diesem Monat den Konfirmationssegen in der Hoffnungskirche.

Seit Bestehen der Hoffnungsgemeinde wurden die Konfirmationen im Frühling und Herbst gefeiert. Das änderte sich im Jahr 1942. Seit diesem Jahr fanden die Konfirmationen nur im März statt. Der Grund hierfür lag vermutlich darin, dass der Hoffnungsgemeinde immer weniger Pfarrer zur Verfügung standen.

Pfarrer Erhardt erhielt gleich zu Beginn des Krieges seinen Einberufungsbefehl und übernahm am 1. März 1942 während seines Heimaturlaubes die Konfirmation von 31 Mädchen.

Pfarrer Bluhm verließ noch im selben Jahr die Gemeinde, weil ihm die Verhaftung wegen seiner Tätigkeit für die Bekennende Kirche durch die Gestapo drohte. Im März 1942 konfirmierte er an zwei Tagen Jungen und Mädchen.

Einer der Konfirmanden war der 14-jährige Alfred Behrmann. Er erhielt am 8. März zusammen mit 41 weiteren Jungen und 65 Mädchen von Pfarrer Bluhm den Konfirmationssegen. Zu dieser Zeit besuchte er das Realgymnasium in der Kissingenstraße, das heutige Rosa-Luxemburg-Gymnasium, das damals ausschließlich Jungen unterrichtete.

Sein Vater, Hans Günter Behrmann, war Lehrer. Er trat in seine Fußstapfen und begann im Herbst 1952 seine Laufbahn auf der Schulfarm Insel Scharfenberg mitten im Tegeler See. Sie war zu dieser Zeit eine besondere Schule, mit eigenem Lehrplan und vielen pädagogischen Freiheiten, die es an sonst keiner anderen Schule in Berlin gab.

Alfred Behrmann lernte auf Scharfenberg seine Frau kennen, die für ein Jahr als englische Austauschlehrerin nach Berlin gekommen war.

Auch er ging für ein Jahr als Austauschlehrer in die USA und erhielt dort später eine Professur für Deutsche Literatur. Er war ein angesehener Germanist, veröffentlichte zahlreiche Artikel und schrieb Bücher.

Viele Jahre später kehrte er gemeinsam mit seiner Frau zurück nach Berlin. 2022 gratulierte ihm die Hoffnungsgemeinde zu seiner Eichenkonfirmation (80 Jahre). Leider konnte er sein ganz besondere Konfirmationsjubiläum nicht mehr gemeinsam mit den anderen Jubilaren aus der Hoffnungsgemeinde begehen, weil er kurz vor der Jubelkonfirmation, am 12. Mai 2022, starb. (CB)

… vor hundert Jahren: Eine besondere Weihnachtskarte

Auch am Ende diesen Jahres, gut drei Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkrieges, hungerten und froren viele Kinder und Erwachsene besonders in den Großstädten. Die Hungers- und Wohnungsnot war noch immer nicht überwunden. Zahlreiche Kinder litten aufgrund der schlechten Wohnbedingungen und der mangelhaften Ernährung an Wachstumsstörungen und vielerlei Erkrankungen, wie Tuberkulose.

Dieses Problems nahmen sich nicht nur die deutschen Parteien und Wohlfahrtsorganisationen an, sondern auch verschiedene Hilfsorganisationen innerhalb und außerhalb Europas. Es gab zahlreiche Lebensmittelspenden aus den USA, der Schweiz und anderen Ländern, meist angeregt und organisiert durch deutschstämmige Zuwanderer.

Eine der wichtigsten ausländischen Organisationen, die den Berlinern Hilfe leisteten, waren die sog. Quäker. Viele Jahre stellten sie über ein gut organisiertes Beschaffungssystem verschiedenen Berliner Wohlfahrtseinrichtungen Lebensmittel zum Zubereiten von Mahlzeiten bereit. Das Essen, die sog. Quäkerspeisung, wurde meist von deutschen Helfern gekocht und an die Bedürftigen verteilt. Oft gab es lange Schlangen an den Essensausgabestellen.

Auch in unserer Gemeinde verteilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen Helfern Tag für Tag im Gemeindehaus Mittagessen an die Schulkinder und andere Hilfsbedürftige. Gerade die Kinder lagen den Quäkern sehr am Herzen. Sie wünschten sich für sie eine bessere Zukunft ohne Krieg und Hunger.

In der Weihnachtszeit erhielten die Kinder deshalb von ihnen diesen besonderen Weihnachtsgruß. Gleichzeitig erinnert diese Karte an die großartige Hilfsbereitschaft der Quäker gegenüber den Notleidenden und Hungernden in Berlin und in anderen Städten Deutschlands nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und später auch des Zweiten Weltkrieges. (CB)

…. vor hundert Jahren: Die Franziskaner ziehen nach Pankow

Wer kennt sie nicht, die Suppenküche der Franziskaner in der Wollankstraße? Spätestens im Oktober wird ihr Wirken uns wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn wir zum Erntedankgottesdienst unsere Gaben der Suppenküche spenden.

Der Ursprung ihres Bestehens liegt in der Gründung einer Ordensniederlassung der Schlesischen Kustodie der hl.Hedwig in der Wollankstraße 18/19 in Berlin-Pankow im Jahr 1921. Als Gründungstag gilt der Franziskustag (4. Oktober).

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte die Schlesische Provinz den Wunsch, sich in Berlin niederzulassen. Doch es fanden sich zunächst keine geeigneten Räumlichkeiten für ein dauerhaftes Bleiben, einzelne Patres waren dennoch seit 1919 in der Stadt aktiv.

Im Juli 1921 konnten die Franziskaner endlich die zwei Grundstücke in der Wollankstraße kaufen. Auf den Grundstücken standen zur Straße hin Wohnhäuser, die von Mietern bewohnt waren. Im hinteren Teil gab es ein Gartenhaus, in das die Brüder ziehen wollten. Es war unbewohnbar und musste zunächst instand gesetzt werden. Im Oktober war es soweit hergerichtet, dass sieben Franziskaner einziehen konnten. Sie nannten es „Franziskusheim“.

In der Zeit der Weimarer Republik stieg die Zahl der Brüder auf sechzehn an. Erster Präses war Pater Johannes Imping. Von den Franziskanern war ein größerer Kapellenbau geplant, der jedoch aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden konnte. 1925 wurde jedoch ein dreistöckiger Neubau rechts neben dem „Franziskusheim“ eingeweiht.

Voller Eifer und Enthusiasmus gingen die Brüder daran, nach dem Ende des Krieges mitten im Elend von Berlin gemäß dem Vorbild von Franziskus zu wirken.

Ein Jahr nach der Gründung gelang es dem Präses zu günstigen Konditionen ein großes Grundstück in Seeberg bei Hoppegarten zu erwerben. Das war ein echter Glücksfall, denn nun waren die Brüder in der Lage, selbst Obst und Gemüse für den Eigenbedarf und darüber hinaus anzubauen. Sie eröffneten zum Ende des Jahres 1923 eine Lebensmittelzentrale um „den armen Terziaren (gemeint ist der verarmte Mittelstand)… zu billigen Preisen von auswärts Kartoffeln, Rüben, Eier, Butter, Speck und Erbsen“ anzubieten.

In den darauffolgenden Jahren wurde dies fortgesetzt. Darüber hinaus wurden zu Weihnachten 1927 mindestens 30 arme Kinder beköstigt und in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise wurden 80 bis 120 Menschen an der Klosterpforte verpflegt.

Die 1991 von Schwester Monika Hesse gegründete und bis heute bestehende Suppenküche hat eine hundert Jahre alte Tradition und ist den Brüdern heute wie damals sehr wichtig. Sie macht einen großen Teil ihrer Arbeit aus und trägt wesentlich zu ihrem großen Ansehen in Berlin und darüber hinaus bei.

Wer mehr über die Geschichte der Franziskaner in Berlin-Pankow wissen möchte, dem sei die Chronik „100 Jahre Franziskaner in Berlin-Pankow (1921-2021)“ ans Herz gelegt. (CB)

… vor hundert Jahren: „Nie wieder Krieg!“

Der 31. Juli war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien über Berlin und es war weder heiß, noch schwül. Ideales Wetter, um sich zu einer Kundgebung aufzumachen. „Nie wieder Krieg!“ war der Ruf, dem Zehntausende an diesem Sonntagvormittag folgten. Auf ihrem Weg zum Lustgarten wurden sie von zahlreichen Musikkapellen begleitetet. Lange vor der festgesetzten Zeit drängten sich die Menschen dicht an dicht rund um das Museum, vor dem Dom, dem Schloss, dem Marstall und an dem Denkmal Friedrich Wilhelm III.

Knapp drei Jahre nach Kriegsende und genau sieben Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges gingen die Menschen an diesem denkwürdigen Tag auf die Straße, um die Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten. Angesichts der immer lauter werdenden Rufe nach Vergeltung für die Schmach der erzwungenen Kapitulationsbedingungen sahen sich viele gedrängt, dem Einhalt zu gebieten.

Gewerkschaften, Sozialisten, Unabhängige, der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, verschiedene Friedensorganisationen und viele andere hatten zu dieser Massendemonstration aufgerufen. Alle einte die Sorge um den wieder erwachten Militarismus, der immer mehr auch unter den jungen Leuten Anklang fand.

Der bekannte Schauspieler Wilhelm Dieterle eröffnete mit einem Prolog vor dem damaligen Großen Schauspielhaus die Veranstaltung. Die folgenden 30 Redner beschworen eine friedliche Außenpolitik und warnten vor erneuten Feindseligkeiten in Europa, wie es sie in Polen oder in der Türkei gab. Sie wiesen darauf hin, dass noch immer tausende Kriegsgefangene nicht zurückgekehrt waren und viele von ihnen weit weg von der Heimat in den Kriegsgefangenenlagern starben oder erkrankten.

Mehrheitlich wurde deshalb gefordert, dass der Kriegsgedanke nicht nur aus dem öffentlichen Leben, sondern auch aus den Schulen, Familien und den Kirchen verbannt werden und der neue Geist der Völkerverständigung Einzug halten sollte.

Nicht nur in Berlin, auch in vielen anderen Städten, wie Dresden oder München, demonstrierten die Menschen zu Hunderttausenden und setzten ein machtvolles Zeichen für den Frieden. Leider verlor die Friedensbewegung in den darauffolgenden Jahren immer mehr an Bedeutung, nicht zuletzt wegen der einsetzenden Rezession und der erfolgreichen Propagierung der sogenannten „Dolchstoßlegende“. (CB)

… vor hundert Jahren: Ausflug des Kirchenchores

Das Foto zeigt den Kirchenchor der Hoffnungsgemeinde, der im Mai 1921 einen Ausflug ins Berliner Umland unternahm.

Der Chor wurde am 18.09.1913 von dem Kantor Max Geselle als Laienchor gegründet und blieb bis 1936 unter seiner Leitung. Ursprünglich hatte der Kantor nicht die Absicht gehabt, einen Chor von freiwilligen Sängern und Sängerinnen aufzubauen, sondern wollte stattdessen lieber ausgebildete Blattsänger für die Gottesdienste. Doch dafür wurde ihm kein Geld zur Verfügung gestellt und so baute er einen eigenen Gemeindechor auf, der sich dank seines Engagements recht bald einen guten Ruf erwarb.

Neben der kirchenmusikalischen Begleitung der Gottesdienste gab es immer wieder Konzerte, auch mit moderner Musik, die gut besucht waren. (CB)

… vor 39 Jahren: Dr. Ulrich Kappes wird Pfarrer der Hoffnungsgemeinde

Anfang des Jahres 1982 kamen Dr. Ulrich Kappes und seine Frau Hannelore in die Gemeinde der Hoffnungskirche. Er war voller Tatendrang und scheute sich nicht vor den großen Aufgaben, die die Gemeinde zu bewältigen hatte.

Zu dieser Zeit gab es Unruhe und Unzufriedenheit unter den Gemeindemitgliedern. Das Angebot an Kreisen und Gruppen war sehr gering. Vorwürfe gegenüber den vier amtierenden Pfarrern und dem Gemeindekirchenrat prägten das Gemeindeleben.

Das Kirchengebäude war in einem desolaten Zustand. Seit 1976 wurde der Kirchenraum nicht mehr genutzt. Die Gottesdienste fanden in der Brauthalle oder im Christophorus-Raum in der Borkumstraße statt, auch Weihnachten wurde dort gefeiert. Für größere Veranstaltungen wie Konfirmationen nutzte man die Nachbarkirchen der Gemeinden Alt-Pankow und Martin Luther.

Diese Probleme galt es zu lösen. Gemeinsam mit seiner Frau und vielen Gemeindemitgliedern begann Pfarrer Kappes mit der Restaurierung der Kirche und der Neuorganisation des Gemeindelebens. An den Wochenenden und an Feierabenden machten viele Freiwillige unter seiner Anleitung und mit seiner tatkräftigen Unterstützung den Kirchenraum begehbar und renovierten ihn, so dass zu Weihnachten erstmals wieder ein Gottesdienst stattfinden konnte. In den darauffolgenden Jahren wurde auch der Kirchturm und das Kirchendach erneuert und die drei Glocken im Glockenturm aufgehängt.

Zum Schluss ließ er den Kircheninnenraum, soweit es möglich war, original getreu ausmalen und gestalten. Die marode Sauerorgel wurde von der Firma Sauer von Grund auf erneuert.

Das Gemeindeleben erhielt neuen Schwung. Pfarrer Kappes regte die Gründung von vielen verschiedenen Bibel- und Gesprächskreisen an, eine Vielzahl von Gruppen entstand. Er organisierte Vorträge, Feste, Konzerte und Rüstzeiten. Ein besonderes Anliegen war ihm der Konfirmandenunterricht.

Den staatlichen Anfeindungen hielt er wie andere aufrechte Pfarrer bis zum Ende der DDR stand.

In den darauf folgenden Jahren kümmerte er sich vor allem um den Fortbestand einer lebendigen, generationsübergreifenden Gemeinde. Frau Kappes übernahm die Kinderarbeit und baute eine vielfältige Kinderkirche mit Christenlehre, Spielenachmittagen und Ferienrüstzeiten auf. Sie unterstützte ihren Mann bei seiner Gemeindearbeit und übernahm selbst vieles in Eigenverantwortung wie den Weltgebetstag.

Gab es zu seinem Amtsantritt noch vier besetzte Pfarrstellen, so war Pfarrer Dr. Kappes seit 1999 allein mit einem Vikar/einer Vikarin für die Hoffnungsgemeinde zuständig. Trotzdem wuchs sie und immer mehr Familien mit Kindern, aber auch Alleinstehende und Paare fühlten sich in der Hoffnungsgemeinde beheimatet. Seine Predigten und seine Gemeindeabende zogen viele Menschen an und das Gemeindeleben florierte. Es gab zahlreiche aktive Gemeindegruppen. Er organisierte ökumenische Abende, die einen regen Kontakt mit der benachbarten katholischen Gemeinde St. Georg folgen ließen. Auch der regelmäßige Austausch mit der Schwedischen Partnergemeinde in Wilmersdorf war ihm sehr wichtig. Er kümmerte sich u.a. um eine aktive Seniorenarbeit und etablierte den Ersten Adventssonntag zum Gemeindefest. Die Kirchenmusik wurde zu einem Schwerpunkt der Gemeinde. Ein Kinderchor wurde ins Leben gerufen, andere Musikgruppen folgten.

Die steigenden Kinderzahlen in der Gemeinde und im Kiez ließen ihn die Notwendigkeit einer Erweiterung des Kindergartens erkennen. Mit ganzer Energie setzte er sich für den Erweiterungsbau ein und kümmerte sich neben den Bauarbeiten auch um die Bereitstellung finanzieller Mittel und Spenden, wie er es für alle Gemeindeprojekten getan hatte.

2009 verließ Pfarrer Kappes die Hoffnungsgemeinde, um in den Ruhestand zu gehen. Er hielt dennoch weiter Kontakt zur Gemeinde und ein Mal im Jahr gestaltete er einen Gottesdienst in der Hoffnungskirche.

Im Alter von 76 Jahren am 11.04.2021 (Quasimodogeniti) starb Pfarrer Dr. Ulrich Kappes in Luckenwalde. (CB)

… vor hundert Jahren: „ … und was sagst Du dazu, schwarz-weiße Kuh?“

Am Hafen in Bremen herrscht am 7. Februar 1921 großes Gedränge und Aufregung. Eine offizielle Delegation des Roten Kreuzes wartet auf das Einlaufen des amerikanischen Schiffes „S.S. West Arrow“. Endlich ist es in Sicht. Das Schiff hat eine ungewöhnlichen Ladung an Bord: 732 Kühen, 40 neugeborenen Kälber und 30 Viehzüchter. Ist die Verschiffung von Kühen aus Amerika nach Deutschland schon unüblich, so ist die mit dem Transport verbundene Auflage noch unüblicher: Das American Friends Service Committee und das Deutsche Rote Kreuz sollen die Tiere an Waisen- und Pflegeheime liefern und verteilen. Die bedürftigen Heime erhalten neben dem Tier auch Kraftfutter, das aus Amerika mitgebracht wurde.

Die Holstein-Kühe und ihre Kälber müssen allerdings zunächst in Quarantäne und auf ihren weiteren Transport warten. Der Grund hierfür ist der Versailler Vertrag und die damit verbundenen Reparationszahlungen. Deutschland ist laut dem Abkommen verpflichtet, 800.000 Milchkühe als Wiedergutmachung abzugeben. Es herrscht deshalb und wegen der allgemeinen Kriegsfolgen große Milchknappheit in den Städten und auf dem Land. Die deutsch-amerikanische lutherische und mennonitische Kirchenführer der Missouri-Synode und Farmer im Mittleren Westen reagieren auf die Not mit der ungewöhnlichen Idee die Milch, in Gestalt einer lebendigen Kuh, direkt an Bedürftige zu liefern. Außerdem sorgen sie durch Lieferung von Kraftfutter aus den USA dafür, dass die Milchquelle nicht versiegt. Einzige Bedingung dafür ist, dass die Kühe im Eigentum der Amerikaner bleiben und somit nicht als Reparationsleistung konfisziert werden können.

Während die Tiere sich in Quarantäne befinden und die Eigentumsverhältnisse geklärt werden, sind die amerikanischen Cowboys auf einer zweiwöchigen Deutschlandreise. Sie sollen das Land und die dort herrschende Not besser kennenlernen, um darüber in ihrer Heimat zu berichten und um weitere Spenden zu werben.

Eingeladen wurden sie vom Deutschen Roten Kreuz. Ihre Tour geht von Bremen über Bochum, Essen, Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart, München, Nürnberg nach Dresden und Berlin. In der Hauptstadt angekommen, besichtigen sie die Sehenswürdigkeiten und genießen die Großstadtatmosphäre. Ihnen zu Ehren wird im Gebäude des Deutschen Roten Kreuzes ein Empfang gegeben bei dem ihnen für ihr Engagement gedankt wird.

Über Hamburg kehren sie zurück nach Bremen zu ihrem Schiff und fahren mit reichlichen Eindrücken und Erfahrungen wieder nach Hause.

Insgesamt kamen in den beiden Jahren 1920 und 1921 drei Schiffe aus den USA nach Deutschland und brachten mehrere tausend gespendete Kühe, die so dringend gebraucht wurden. (CB)

… vor hundert Jahren: Ein Mädchen für alles

Es gab sie überall in Berlin und Pankow. Sie waren gut an ihrer weißen Schürze und ihrem weißen Häubchen zu erkennen – die Dienstmädchen.

Meist waren es junge, unverheiratete Mädchen, die sich in den Haushalten der Beamten, Adligen und Bürgerlichen von früh morgens bis spät abends um den Haushalt und die Küche kümmerten. Sie waren die ersten, die aufstanden, die Öfen anzündeten und die frische Milch holten, die der Milchmann in Flaschen oder Milchkannen vor der Haustür abgestellt hatte, während alle anderen noch schliefen.

Ihre Arbeits- und Wohnungsbedingungen waren oft schlecht. Der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt, hatten sie so gut wie keine Möglichkeit, sich gegen Erniedrigungen, sexuelle Übergriffe und zu lange Arbeitszeiten zu wehren. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie einen eigenen Raum zum Schlafen zugewiesen. Das war meist eine kleine Kammer, in der gerade mal Platz für ein Bett und eine Waschschüssel war. Ihre Kleidung hing an Haken, die an der Wand angebracht waren. Die sogenannte Mädchenkammer war neben der Küche oder dem Bad untergebracht. Häufig waren es schmale Schläuche, die nicht einmal über ein Fenster verfügen.

Einige von ihnen findet man auch heute noch in den großen Pankower Vorderhauswohnungen z.B. in der Berliner Straße, der Binzstraße oder der Breiten Straße. Wer sich gerne mal damit vertraut machen möchte, kann die Museumswohnung in der Heynstraße 8 besuchen. Es ist eine vollständig erhaltene Pankower Wohnung aus der Jahrhundertwende mit Dienstmädchenkammer, Küche, Bad und Salon.

Andere Frauen hatten nicht einmal eine eigene Kammer. Sie schliefen auf einem Zwischenboden, der im Flur oder in der Küche eingezogen worden war und nur über eine Leiter zu erreichen war.

Neben der Mädchenkammer oder der Küche befand sich oft eine kleine Tür hinter der eine enge Treppe hinunter auf die Straße führte, der sogenannte Dienstbotenaufgang. Dieser Treppenaufgang wurde nur von der Dienerschaft benutzt, denn die feinen Herrschaften in den großen Stadtwohnungen wollten möglichst wenig Kontakt zu ihrem Dienstpersonal und ihnen keinesfalls beim Ausgehen oder mit ihrem Besuch begegnen. Daher benutzten die Herrschaften die breite, mit Teppichboden ausgelegte Treppe in einem mit Ornamenten und Glas ausgestatteten Treppenhaus, während das Personal den ganzen Tag treppauf und treppab in einem dunklen, engen Treppenaufgang unterwegs war und seine Arbeit verrichtete.

Trotzdem das heute seltsam anmutet, waren die damaligen Dienstmädchen oft froh über ihre Anstellung. Viele von ihnen waren aus der Provinz in die große Stadt gekommen, um Arbeit zu finden. Doch nur wenige waren dabei erfolgreich und deshalb dankbar für diese Gelegenheit.

In Berlin waren die Kriegsfolgen noch immer spürbar. Viele Familien konnten sich kein oder nur ein Dienstmädchen leisten. Sie hatten ihr Geld oder Vermögen im Krieg verloren. Nahrungsmittel und Kleidung waren knapp. Es gab zu wenige Verdienstmöglichkeiten für Frauen.

Die Arbeitssuche war gerade für ahnungslose junge Fräulein vom Lande ein gefährliches Unterfangen. Oft wurden sie unter falschen Versprechungen von den Bahnhöfen direkt in die Prostitution oder Kriminalität gezwungen. Einige wurden Opfer von Gewaltverbrechen bevor sie in Berlin richtig angekommen waren. (CB)

… vor hundert Jahren: Erste Stadtverordneten- und Bezirksverordnetenwahl für Groß-Berlin

Am 20. Juni 1920 werden erstmals alle Berliner und Neuberliner aufgerufen, ihre Abgeordneten für die Groß-Berliner Stadtverordnetenversammlung im Roten Rathaus und in den Bezirksrathäusern zu wählen.

Grund hierfür ist das bereits am 27. April verabschiedete Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin (Groß-Berlin). Es soll am 1. Oktober in Kraft treten. In diesem Gesetz wurde beschlossen, dass die meisten Berliner Vororte und angrenzenden Landkreise in die neue Stadtgemeinde Groß-Berlin eingemeindet werden sollen. Sie bilden neben den bisherigen Stadtbezirken weitere wie z.B. Pankow oder Charlottenburg.

Das neue Groß-Berlin braucht neue Repräsentanten, die an diesem Tag gewählt werden, denn bis Oktober sollen die notwendigen Maßnahmen für eine funktionierende Verwaltung und Regierung beschlossen und möglichst umgesetzt sein.

Gewählt werden deshalb nicht nur die Berliner Stadtverordneten sondern auch die Bezirksverordneten. Auf einem einheitlichen Wahlzettel sind alle Kandidaten des Wahlbezirkes für beide Parlamente aufgeführt. Sie werden für vier Jahre gewählt. Allerdings bleiben bis zum 1. Oktober alle bisherigen Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen bestehen.

Zur Wahl stellen sich u.a. Vertreter der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), DVP (Deutsche Volkspartei), DDP (Deutsche Demokratische Partei), DNVP (Deutsch-Nationale Volkspartei) und der Zentrumspartei.

Pankow wird ein eigener Stadtbezirk, ist aber keinen eigenen Wahlkreis sondern bildet gemeinsam mit Weißensee und Reinickendorf einen Wahlbezirk.

Aufgrund einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes wird jedoch die Wahl

vom 20. Juni 1920 für ungültig erklärt und muss wiederholt werden. Die Neuwahl findet am 16. 10. 1921 statt.

Die meisten Stimmen in Berlin bekommen die linken Sozialdemokraten von der USPD, gefolgt von der SPD und knapp dahinter der nationalliberalen DVP.

Der neue Bürgermeister von Pankow ist der alte: Gustav Stawitz, der seit 1914 Pankow regiert. Allerdings wird ihm für den neuen Stadtbezirk Pankow der Verwaltungsdirektor Erich Böhm zur Seite gestellt. (CB)

… vor hundert Jahren: Wahl der Elternbeiräte

Im März 1920 fanden zum ersten Mal in den Pankower Schulen, wie auch in allen anderen deutschen Schulen, aufgrund einer von Kultusminister Haenisch am 5. November 1919 erlassenen Wahlordnung Elternbeiratswahlen statt. Die Wahl wurde mit Wahlzetteln in Wahllokalen durchgeführt. Sie war geheim.

Bereits 1918, kurz vor Kriegsende, war vom Preußischen Kultusministerium eine Wahl von Elternbeiräten angeordnet worden. Allerdings sollten damals die Elternvertreter durch das Schulkollegium/Direktor bzw. den Bürgermeister ernannt bzw. berufen werden.

Das war dieses Mal anders. Mit der neuen Wahlordnung erhielten alle Eltern das gleiche aktive und passive Wahlrecht für eine Elternvertretung an den Schulen ihrer Kinder. Jede Mutter und jeder Vater konnten sich zur Wahl stellen und/oder die gewünschten Elternvertreter wählen. Damit sollte jedem Elternteil ein gewisses Mitbestimmungsrecht in Hinblick auf den Schulbetrieb, die Schulzucht und die geistige und körperliche Ausbildung ihrer Kinder eingeräumt werden.

Im Vorfeld der Elternbeiratswahl wurde auf den Elternversammlungen und auch außerhalb der Schulen ein heftiger Wahlkampf geführt. Es gab erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den Kandidaten der unpolitisch-christlichen Liste und der sozialistisch-weltlichen Liste.

Im Wesentlichen ging es den Anhängern der unpolitisch-christlichen Liste, die von den Kirchengemeinden unterstützt wurden, um die Weiterführung des Religionsunterrichts, des Schulgebets und der christlichen Weihnachtsfeier. Außerdem sollte die Vermittlung von christlichen Werten wie Nächstenliebe weiterhin Bestandteil des Schulunterrichts sein. Die Einführung eines weltlich-politischen Schulfaches lehnten sie ab.

Die Vertreter der sozialistisch-weltlichen Liste waren zumeist Mitglieder der Arbeiterparteien wie SPD oder USPD. Sie traten u.a. für die Abschaffung des Religionsunterrichts und die Einführung eines politischen Weltkundefaches ein. Alles Christliches sollte aus den Schulen verbannt werden.

Diese Elternbeiratswahl war ein wichtiges Thema in unserer Gemeinde. In unserem Archiv finden sich hierzu einige Wahlaufrufe. Darin wird eindringlich an die evangelischen Eltern appelliert, sich an der Wahl zu beteiligen und eine Entscheidung zugunsten der unpolitischen Liste zu treffen. Leider sind die Ergebnisse dieser ersten Wahl für die benachbarten Pankower Schulen nicht bekannt, noch wie viele Eltern überhaupt ihre Stimme abgaben.

Doch das die Elternbeiratswahlen auch in den nächsten Jahren immer wieder ein wichtiges Ereignis im Gemeindeleben waren, lässt sich aus den überlieferten Flugblättern für die späteren Wahlen und deren dokumentierte Ergebnisse ableiten. (CB)