…vor 100 Jahren: Festabend mit Kinder-Reigen und Theaterstück zur Spendensammlung für die Wilhelm Kuhr-Stiftung.

In der Hoffnungskirchengemeinde gab es auch in der Kriegszeit eine rege Kinder- und Jugendarbeit, denn im Gemeindegebiet wohnten viele Familien mit kleineren und größeren Kindern wie ein Blick auf die Taufen und Konfirmationen in der damaligen Zeit zeigt. Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit waren die Elternabende der verschiedenen Jugendgruppen. Oft wurde ein solcher Abend genutzt, um mit den Kinder Theaterstücke vorzuführen und dabei für einen guten Zweck Spenden zu sammeln. So war es auch am 13. April 1918: im großen Saal des „Konzerthauses Lindner“ in der Breiten Straße 34, den die Gemeinde damals immer wieder für größere Veranstaltungen nutzte, fand ein „Festabend zum Besten der Wilhelm Kuhr-Stiftung als Elternabend des Jugendgottesdienstes der Pankower Hoffnungskirche mit Hilfe des Evgl. Vereins junger Männer ‚Hoffnung'“ statt. So wurde es auf dem Programm angekündigt.

Im Vorfeld musste dieser Abend – wie damals üblich – polizeilich angemeldet werden. Die Genehmigung wurde problemlos erteilt mit der Bemerkung „Die Veranstaltung einer Tanzlustbarkeit ist verboten“.

Dem Programm war die Allgegenwart des Krieges anzumerken, trotzdem zeigte es eine Mischung aus ernsten und humorvollen Themen, so gab es einen Vortrag unter dem Titel „Kriegssegen?!“, einen Kinder-Reigen, ein Bühnen-Kinderspiel und zum Abschluss das Theaterstück „Landsturmmann Nitschke“ des Autors Siegfried Philippi, über das der Verlag schrieb „Das ganze Stück ist mit lebenswarmen Humor erfüllt“. Auch andere Darbietungen bereicherten den Abend, durch den Pfarrer Rudolf Jungklaus führte.  Der Eintritt zu diesem Abend kostete 50 Pfennig. Es ist davon auszugehen, dass der Saal gut gefüllt war, denn einige Tage später zahlte Pfarrer Jungklaus den Erlös von 185,95 Mark als Beitrag zur Bürgermeister Kuhr-Stiftung bei der Gemeinde-Hauptkasse ein.

Der Wilhelm Kuhr-Stiftung waren viele aus der Gemeinde sehr verbunden. Sie wurde zu Ehren des 1914 als Kriegsfreiwilliger gefallenen Pankower Bürgermeisters gegründet.

Bürgermeister Kuhr war in Pankow sehr beliebt: in den acht Jahren, in denen er Pankower Bürgermeister war (1906-1914) hat er viele wichtige Projekte vorangebracht: durch den starken Bevölkerungszuwachs musste die Infrastruktur  ausgebaut werden. So nahm er vorausschauend den Straßenbau in Angriff , außerdem den Bau von Schulen und des großen Pankower Wasserwerkes. Er entwickelte das gesamte Erziehungswesen des Bezirkes, kümmerte sich um Fragen der öffentlichen Gesundheit und der Sozialfürsorge. Das Projekt, für das er bis heute in Pankow bekanntesten ist, ist der Bürgerpark. Ursprünglich als Privatpark angelegt, sollte das Gelände 1906, nach dem Tod des letzten Besitzers, verkauft werden. Das Land war unter den konkurrierenden Terraingesellschaften sehr begehrt, Mietshäuser sollten gebaut werden. Doch Wilhelm Kuhr setzte gegen viele Widerstände durch, dass die Gemeinde den Park für 1 1/2 Millionen Goldmark kaufte und erhielt ihn so als grünen Ruhepol im wachsenden Pankow, in dem bis heute viele Bewohner und Besucher ihre Freizeit verbringen. Von Wilhelm Kuhr selbst wird berichtet, dass er jeden Morgen vor Dienstantritt durch den Bürgerpark spazierte.

Wenige Tage nach Kuhrs Tod wurde von der Pankower Gemeindevertretung beschlossen,  die am Bürgerpark verlaufende Straße in Wilhelm-Kuhr-Straße umzubenennen. Und 1915 wurde im Preußischen Verwaltungsblatt angekündigt: „Zu Ehren des für das Vaterland gefallenen Bürgermeisters Kuhr soll in Pankow eine Wilhlem-Kuhr-Stiftug errichtet werden, die bezweckt, für Kriegsinvalide und die Hinterbliebenen von Gefallenen zu sorgen.“  (GL)

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…vor 100 Jahren: Ostern 1918 und ein unrühmliches Schicksal zwischen zwei Weltkriegen.

Ostern 1918 sollte endlich das letzte Kriegsostern sein. Die Bevölkerung ahnte das allerdings noch nicht, hoffte es höchstens. Vorerst war es wieder ein Ostern der Entbehrungen, die Lebensmittelknappheit machte es für die meisten Familien schwer, die Zutaten für ein feierliches Osteressen zu beschaffen.

Viele Belastungen hatten die Familien zu tragen – nicht nur durch die gefallenen Männer, durch die die Frauen die Verantwortung in der Familie übernehmen mussten, sondern auch durch die vielen Kriegsinvaliden, die nach Verwundungen zwar nach Hause zurückgekehrt, aber nun teilweise Pflegefälle waren oder durch ihre körperlichen Einschränkungen keine Arbeit ausüben konnten.

Einer dieser versehrten Kriegsheimkehrer war der Kaufmann Ernst Flessa, der am Ostersonntag 1918 seinen Sohn drei Monate alten Sohn in der Hoffnungskirche in Pankow taufen ließ. Flessa hatte von August 1914 bis März 1917 in der Armee des deutschen Kaisers gedient, davon auch einige Monate als Frontkämpfer. Eine Schutzverletzung machte ihn zum 100%igen Militärinvaliden, sein Rückenmark wurde beschädigt, wodurch es zu Lähmungserscheinungen an beiden Beinen und auch einer Affektion der Harnorgane kam. Diese Beeinträchtigung erschwerte es ihm, einer Arbeit nachzugehen.

Ernst Flessa sollte mehr als 20 Jahre später in der Hoffnungskirchengemeinde noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen. Zunächst noch arbeitslos engagierte er sich seit 1930 in der NSDAP als Leiter der Pankower Ortsgruppe Vineta. Darüber hinaus kandidierte er bei den Kirchenwahlen 1932 im Gebiet der Hoffnungskirche für die nationalsozialistische Bewegung „Deutsche Christen“, die fortan mit Reinhold Krause als führenden Kopf den Pankower Gemeindekirchenrat zu bestimmen versuchte. In immer neuen Anträgen wollten sie den Nationalsozialismus sichtbar und ideologisch in die Kirchengemeinde tragen. Sie wollten Hakenkreuzfahnen in der Kirche aufstellen, ihre Parteiuniformen im Amt als Kirchenälteste tragen, das über dem Eingangsprotal der Hoffnungskirche angebrachte Relief des Gottesauges sollte durch ein Christuskreuz mit aufgehender Hakenkreuzsonne ersetzt werden. Nur mit Mühe (und auch nicht immer) konnten solche Anträge verhindert und der nationalsozialistische Einfluss von den fünf Pankower Pfarrern zurückgedrängt werden, die alle Gegner der „Deutschen Christen“ waren. Bald formierte sich in der Gemeinde als Opposition dazu eine starke Anhängerschaft der „Bekennenden Kirche“, in die viele Pankower Gemeindeglieder eintraten. Ärgerlich über diesen Widerstand forderte Flessa vom Konsistorium „so schnell wie möglich mindestens drei von diesen Pfarrern“ durch Pfarrer der „Deutschen Christen“ auszutauschen. Auch hierin scheiterte Flessa, ansonsten konnte er jedoch von seinem politischen Engagement für die Nationalsozialisten vielfach profitieren. So bekam der bis dahin arbeitslose Kaufmann 1933 eine Stelle beim Berliner Beschaffungsamt, nachdem dort einige Mitarbeiter aus politischen Gründen oder aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entlassen wurden. 1935 wurde er durch Fürsprache von Parteigenossen zum Amtsleiter des Beschaffungsamtes befördert. Das böse Erwachen kam für ihn im Juni 1945. Als seine Tätigkeit für die NSDAP  bekannt wurde, wurde er entlassen, sein Hausrat wurde konfisziert und im September wurde er im Lager Sachsenhausen interniert, wo er bald darauf starb. (GL)

 

… vor hundert Jahren: 180 Jugendliche feiern Konfirmation in der Hoffnungskirche

Konfirmationsurkunde der Hoffnungsgemeinde Berlin Pankow
Konfirmationsurkunde der Hoffnungsgemeinde Berlin Pankow

Seit dem Bestehen der Gemeinde hatten sich noch nie so viele junge Leute für eine Konfirmation in der Hoffnungskirche entschieden wie in diesem letzten Kriegsjahr. Warum sich ausgerechnet in diesem März so viele von Pfarrer Jungklaus und Pfarrer Simon konfirmieren ließen, kann nicht genau beantwortet werden. Auffällig ist, dass eine Reihe von ihnen nicht wie in den Jahren zuvor in Berlin oder deren Vororten geboren und getauft worden waren sondern mit ihren Familien erst später nach Berlin bzw. Pankow gezogen waren.

Dies lässt sich auch jetzt wieder in unserer Gemeinde beobachten. In den letzten Jahren ist die Zahl der Konfirmanten mit dem Zuzug vieler junger Familien kontinuierlich gestiegen.

Am 21. März 1918 konfirmierte Pfarrer Jungklaus 47 Mädchen und 39 Jungen. Unter ihnen befand sich der 14-jährige Edgar Parzifal Karl Wilhelm Schlaf, der in London geboren und getauft worden war und später mit seinen Eltern nach Berlin übersiedelte. Sein Vater, Karl Schlaf, war Werkführer und hatte die Position eines Aufsehers oder Vorstehers in einer Fabrik. In welcher Fabrik er diese höhere Postion einnahm ist nicht bekannt.

Viele andere Väter waren bei der Bahn beschäftigt. Sie waren entweder Lokomotivführer, Schaffner oder Bahnarbeiter.

Einen Tag später feierte Pfarrer Simon mit 94 Jugendlichen Konfirmation in der Hoffnungskirche. Es waren 51 Mädchen und 43 Jungen, unter ihnen sein eigener 14- jähriger Sohn Wolfgang Karl Theodor Simon. Er wurde in Sagan, im heutigen Polen, geboren und getauft. Auch die Pfarrersfamilie Simon war erst einige Jahre zuvor nach Pankow gezogen.

Eines der Mädchen, Maria Blaschke, war in Wien geboren und getauft worden. Ihre Eltern waren beide katholisch und besaßen eine Wäscherei in der Prenzlauer Promenade. Elfriede Herden war zunächst in der benachbarten katholischen Kirche St. Georg getauft worden. Ob sich die beiden Mädchen mit Zustimmung ihrer Eltern konfirmieren ließen oder gegen ihren Willen und welche Gründe die beiden hatten, werden wir wohl nie erfahren.

Der Krieg konnte auch einem solchem festlichen Tag nicht ganz ausgeblendet werden, zumindest bei den sieben Familien, die ohne einen Vater feierten. Ein Pflegekind beging seinen großen Tag ohne eigene Eltern. Einen schönen und aufregenden Tag hatten hoffentlich trotzdem alle 180 konfirmierte Jugendliche. (CB)

… vor hundert Jahren: Schuljahresbeginn zu Ostern – Pankower Schulen – Nutzung der Schulräume als Gemeinderäume

Schuljahresbeginn im Deutschen Reich war seit Anfang des 20. Jahrhunderts, so auch 1918 in Pankow, zu Ostern. Doch das letzte Schuljahr im Ersten Weltkrieg sollte für die meisten Schüler kein gewöhnliches werden. Wie schon in den vorhergehenden Kriegsjahren galt es für die diese oft, außerhalb der Schule Hilfsdienste zu leisten und anstelle der Männer gemeinsam mit den Frauen und Alten die Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Viele Schulen wurden außerdem zu Kasernen umfunktioniert, so auch die Schule in der Grunowstraße. Der Unterricht fand nur unregelmäßig statt, da viele männliche Lehrer zum Kriegsdienst eingezogen waren und ohne Vertretung fehlten. Von einer Erfüllung der Schulpflicht konnte nicht gesprochen werden.

Preußen hatte zwar schon 1717 unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. eine Unterrichtspflicht für Kinder eingeführt, doch deren Durchsetzung sollte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauern. Volksschulen fanden zunächst Verbreitung. Eine weitergefasste Schulpflicht mit acht Schuljahren und fortbildender Schule bis zum achtzehnten Lebensjahr bestand erst ab der Weimarer Republik.

Mit 40000 Einwohnern war Pankow um die Jahrhundertwende zu einem ansehnlichen Berliner Vorort angewachsen und der Bau von großen Schulgebäuden wurde in Angriff genommen.

Ein bescheidenes erstes Schulgebäude am alten Dorfanger von 1837 mit zunächst zwei Klassenräumen und zwei Lehrerwohnungen in der Breiten Straße wurde 1869 um je vier Klassenräume und vier Lehrerwohnungen erweitert. Die Alte Pankower Gemeindeschule war bald für die 586 Kinder schon wieder zu klein und diente ab 1890 nur noch als Mädchenschule. Die Knaben bekamen einen neuen, stattlichen Schulbau in der Schulstraße, 1904 eröffnete in der Grunowstraße, nach Entwürfen des in Pankow tätigen Architekten Wilhelm Johow, die 2. Gemeindeschule.

Neue Schulräume gab es auch in der Thule-Grundschule und der Schule am Eschengraben, (heute zur Trelleborger Grundschule fusioniert). In der Thulestraße hatte die 3. Gemeindeschule 1893 mit sechs Klassen von insgesamt 254 Jungen und Mädchen eröffnet, 1914 wurde sie umgewandelt zur Gemeindeschule für Knaben, während die Schule am Eschengraben als reine Mädchenschule diente. Die Bornholmer Grundschule erbaute 1910 der Architekt und Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, der in Berlin insgesamt 70 Gemeindeschulen gebaut hatte.

Als erste zum Abitur führende Schule wurde 1907 in der Kissingenstraße das Realgymnasium Pankow (heute Rosa-Luxemburg-Gymnasium) eröffnet, in dem nur Knaben unterrichtet wurden. Zum Schulbau fügte Wilhelm Johow eine Turnhalle, eine „Villa“ für den Schuldirektor und später ein Toilettenhaus auf dem Hof.

Das Gegenstück, die höhere Mädchenschule, ein Lyzeum, konnte im Frühjahr 1910 nach Plänen des Architekten und Regierungsbaumeisters Carl Fenten in der Görschstraße eröffnet werden (heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium). Zusammen mit drei Gemeindedoppelschulen – also für Jungen und Mädchen – und einem Lehrerseminar mit Übungsschule war dieser historisierende Bau der riesigste Schulkomplex Pankows.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts auch der Mietskasernenbau in Pankow Süd rasant zunahm und die Hoffnungskirche noch nicht gebaut war, bezog die Kirchengemeinde noch in Friedenszeiten Schulräume zur Nutzung für Gottesdienste und Kindergottesdienste ein. Sieghild Jungklaus erinnerte sich aus Anlass des 50. Kirchweihjubiläums: „Der Kirchengemeinde wurde allmählich klar, dass sie für die Christen in diesem neu entstandenen Ortsteil etwas tun müssten. Die ersten Anfänge kirchlicher Arbeit bestanden darin, dass Gottesdienst und Kindergottesdienst in diesem Siedlungsgebiet gehalten wurde, und zwar in der Schule in der Thulestr. Es war ja damals selbstverständlich, dass die Schule der Kirche ihre Räume zur Verfügung stellte. Der für diesen Bezirk zuständige Pfarrer war Pfarrer Pankow, der in der Binzstr. wohnte. Die Schwestern, die zuerst in diesem Bezirk Dienst taten, waren Schwester Ida und Schwester Marthe Telzero. Es sammelte sich auch bald unter Leitung der Schwestern ein stattlicher Jungfrauenverein, wie man damals den weiblichen Teil der jungen Gemeinde nannte, und unter Pfarrer Pankows Leitung ein blühender Helferkreis für den Kindergottesdienst.“(CW)

… vor hundert Jahren: Ungeklärte Todesfälle

Es gab Gerüchte, Getuschel und große Unsicherheit. Was war wirklich passiert? Wer waren die Schuldigen? Warum konnte die Polizei die Fälle nicht aufklären?

Alles hatte seinen Anfang mit dem ungeklärten Tod von Elfi Rahn genommen. Die 7-jährige Schülerin wurde am 17.1.1918 gefunden, ob auf der Straße oder zu Hause ist nicht bekannt. Das Kind lebte bei Pflegeeltern und die Todesursache konnte laut Sterberegister der Gemeinde nicht festgestellt werden. Vielleicht wußten die Pflegeeltern mehr, offiziell zu Protokoll haben sie es nicht gegeben.

Die kirchliche Bestattung des kleinen Mädchens fand dann am 26. Januar statt. Pfarrer Jungklaus übernahm diesen Dienst.

Wenig später, am 31. Januar, starb der Konditor Alfred Bergemann laut Eintragung im Sterberegister auf der Straßenbahn. War es ein Unglück oder wurde die Todesursache falsch eingetragen?

Genaueres ist nicht bekannt. Möglicherweise starb er jedoch während der Ausschreitungen junger Berliner Streikender. Sie hielten an diesem Tag Straßenbahnen an, die in die nördlichen Vororte Berlins, wie Pankow, unterwegs waren. An den Haltestellen stürmten sie die Straßenbahnen, mißhandelten das Personal und nötigten mit Gewalt die Fahrgäste auszusteigen. Teilweise huben sie die Straßenbahnanhänger aus den Gleisen. Außerdem zerstörten sie Oberleitungen und zerschlugen die Fenster der Straßenbahnen. In den Arbeitergegenden bauten die Jugendlichen aus den Anhängern Wagenburgen, hinter denen sie sich verschanzten.

Der Straßenbahnverkehr war auch an den nächsten Tagen nicht nur in Richtung Norden für viele Stunden unterbrochen. Es hatten sich Nachahmer in ganz Berlin gefunden, die die Strecken blockierten.

Der 32-jährige Ehemann und Vater Alfred Bergemann wurde von Pfarrer Simon am 9. Februar kirchlich beerdigt.

Nicht lange danach fand man den Aushilfsfriseur Johannes Wehr tot auf dem Bahnhof Westend. Auch dieses Mal blieb unklar, warum der 35-Jährige sterben musste. Pfarrer Simon nahm gemeinsam mit der Witwe und den drei hinterbliebenen Kindern Abschied und begleitete sie auf ihrem schweren Weg.

Die drei ungeklärten Todesfälle innerhalb von gut einem Monat sorgten für viel Aufregung und Unruhe in der Gemeinde. Die Zeiten wurden unsicherer und die Gewalt auf den Straßen nahm zu. Innerhalb unserer Gemeinde wurde rege Anteilnahme und Mitgefühl für die Hinterbliebenen und die möglichen Opfer bekundet. (CB)

…vor 100 Jahren: der Amtsschimmel reitet – Lustbarkeitssteuer in Kriegszeiten

Auch in Kriegszeiten fand in der Hoffnungskirchengemeinde ein reges Gemeindeleben mit Theateraufführungen, Konzerten oder Vortragsabenden statt. Meist waren Kinder und Jugendliche an den Aktivitäten beteiligt und sammelten Spenden, indem sie an Elternabenden kleine Theaterstücke aufführten und dafür Eintrittskarten verkauften. Mit viel Liebe wurden die Aufführungen vorbereitet: Theaterstücke wurden ausgewählt, Kostüme und Requisiten gemietet, die Stücke wurden sorgfältig einstudiert und geprobt.

Oft fanden die Veranstaltungen nicht in der Kirche, sondern in anderen Räumlichkeiten statt, zum Beispiel im Restaurant „Zum Kurfürsten“ in der Berliner Straße 102. Dort gab es einen großen und prunkvollen Festsaal.

Diese Abende mussten im Vorfeld bei den Behörden angemeldet und polizeilich genehmigt werden. Manchmal wurde extra zu einem solchen Anlass die Polizeistunde verlängert, zum Beispiel für den Weihnachts-Elternabend des Evangelischen Vereins junger Männer Pankow-Hoffnung, für den die Polizeistunde „für diesen Abend bis 11 1/2 Uhr abends verlängert wurde“. Die Abrechnung der Einnahmen und Ausgaben und „des zum Besten der Armenpflege der Kirchengemeinde ‚Hoffnungskirche‘ abzuführenden Betrages“ musste zeitnah beim Polizei-Kommissariat vorgelegt werden.

Auch Lustbarkeitssteuer wurde auf solche Veranstaltungen erhoben. Noch heute wird diese Art von Steuer unter dem Namen Vergnügungssteuer erhoben – vor allem auf Eintrittsgelder für Veranstaltungen (Kartensteuer), Spielautomaten (Spielgerätesteuer) und auch auf sexuelle Dienstleistungen (Prostitutionssteuer).

Da allerdings ein solcher Elternabend eine kleine Veranstaltung war und die Einnahmen für einen guten Zweck verwendet werden sollten, befreite der Gemeinde-Vorstand Pankow die Elternabende des Jugendvereins auf Antrag von Pfarrer Jungklaus in Zukunft von der Lustbarkeitssteuer. (GL)

 

… vor hundert Jahren: Munitionsschutt des Ersten Weltkriegs in Pankow

Berlin war im Ersten Weltkrieg wichtiger Industriestandort und aktiver Rüstungslieferant, darunter waren bedeutende Betriebe wie die „Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken“ in Moabit und Wittenau, A. Borsig in Berlin-Tegel, die „Berliner Maschinenbau AG“, die „Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft“ Fabriken Henningsdorf, die „Argus-Motorengesellschaft“ in Berlin-Reinickendorf, die „Luft-Verkehrs-Gesellschaft“ in Berlin-Johannisthal und die „Daimler Motorengesellschaft“, Zweigniederlassung Berlin-Marienfelde.

In Süd-Pankow befand sich keine Munitionsfabrik jedoch hatten die Bewohner vor ihrer Haustür, nahe der Hoffnungskirche, einen Schuttplatz, auf dem Fabrikationsabfall von Munitionsbetrieben abgeladen wurde. Sieghild Jungklaus, 1941-1975 Pfarrerin der Hoffnungskirche und Tochter des frühen und langjährigen Pfarrers Rudolf Jungklaus kannte das noch unbebaute Areal und Umfeld der Hoffnungskirche aus ihren Kindheitsjahren. 1963 verfasste sie, anlässlich des 50jähigen Jubiläums der Hoffnungskirche, einen detaillierten Rückblick, in dem sie schilderte: „Das Gebiet zwischen Binzstraße und Lindenpromenade [heutige Elsa-Brändström-Straße – C.W.] wurde zur Schutthalde für die Munitionsfabriken. Erst nach dem 1. Kriege entstand dort Laubengelände.“ Von welchen Fabriken die Abfälle stammten und welche Art von Schutt es sich handelte ist nicht erwähnt, jedoch fanden die nachfolgenden Schrebergärtner sicher noch Reste der Rückstände aus dieser Zeit.

Als im Januar 1918 das vierte und letzte Kriegsjahres anbrach, war als Folge der jahrelangen Lebensmittelunterversorgung, schwerster Arbeitsbelastungen und ausbleibender Erfolge an der Kriegsfront unter den Berlinern, wie bei großen Teilen der Zivilbevölkerung des ganzen Landes, eine tiefe Erschöpfung gegenwärtig und die Kriegsmoral zunehmend gesunken, ein günstiger Zeitpunkt für beginnende größere Proteste.

Ende Januar rief der Spartukusbund zu Streiks auf, die sich erstmals zu landesweiten politischen Massenstreiks, besonders in den Großstädten, ausweiten sollten. Die Vossische Zeitung und das Berliner Tageblatt berichteten tagtäglich über die Ausstandsbewegungen und verzeichneten in Berlin Zahlen bis zu 400.000 Demonstranten, die ersten waren Arbeiter der Rüstungs- und Munitionsfabriken. Die Regierung und das Militär befürchteten einen Aufstand in der Hauptstadt und verhängten daraufhin am 31. Januar 1918 den verschärften Belagerungszustand, woraufhin die Demonstrationen und Kundgebungen gewaltsam aufgelöst wurden, dabei gab es Tote und Verletzte. Spartakistischer Streikführer und viele Arbeiter wurden inhaftiert. Zehn Monate vor der Novemberrevolution saß das revolutionäre Potential bereits in den Startlöchern. (CW)