…vor 100 Jahren: Architektur in Kriegszeiten – neue Herausforderungen für Kirchenarchitekt Walter Koeppen

Artikel aus Zentralblatt für Bauverwaltung 1917-02-10_Wettbewerb Koeppen_Bedürfnisanstalten und Grabmäler.jpg
Bericht über die Preisentscheidung in einem Architekturwettbewerb im Berliner „Zentralblatt der Bauverwaltung“ vom 10.02.1917

Die Kriegszeit stellt auch die Architekten vor neue Herausforderungen. So wird im Berliner „Zentralblatt der Bauverwaltung“ am 10. Februar 1917 dazu aufgerufen, im Interesse der Landesverteidigung den Verbrauch des Baustoffes Eisen aufs Äußerste einzuschränken – zum Beispiel durch „möglichst große Ausnutzung der Tragfähigkeit des Eisens“ und „weitestgehende Beschränkung der Bautätigkeit“.

Anstatt repräsentative Bauten zu entwerfen, bleiben für die nicht in den Krieg gezogenen Architekten bescheidenere Aufgaben als zu Friedenszeiten: im Zentralblatt der Bauverwaltung wird in derselben Ausgabe über Preisausschreiben für „kleinere Kriegs- und Kriegerdenkmäler“ oder „Bauten und Anlagen im Straßenbilde“ berichtet.

Walter Koeppen, der 40-jährige Architekt der Pankower Hoffnungskirche,  nimmt weiter an solchen Wettbewerben teil und gewinnt mehrere Preise. Allerdings für deutlich profanere Bauten: einen 1. Preis für den Entwurf von Kabelmasten für Straßenbahnen, einen 2. Preis für den Entwurf eines Fernsprechhäuschens und ebenfalls einen 2. Preis für den Entwurf einer öffentlichen Bedürfnisanstalt. (GL)

Kohlrüben, Wruken, Bodenkohlrabi, Steckrüben statt Kartoffeln

Die Versorgungslage der Bevölkerung und der Soldaten war im Winter 1917 sehr angespannt. Grund dafür waren nicht nur der anhaltende Krieg und die damit verbundenen fehlenden Importe vieler Lebensmittel und Früchte aus anderen Ländern, sondern auch die sehr schlechte Kartoffelernte des letzten Jahres in Deutschland. Der bestehende Lebensmittelbedarf konnte nicht annähernd gedeckt werden.

Es musste Ersatz geschaffen werden, um eine Hungersnot zu verhindern. Diesen fand die Regierung in den Kohlrüben, die gut in den einheimischen Böden gediehen waren. Die Rüben konnten im Gegensatz zu den Kartoffeln nur bis Mitte März sinnvoll gelagert und verwertet werden, danach waren sie für den Verzehr ungeeignet.

Das Kriegsernährungsamt wies deshalb Berlin und anderen Städten im Februar 1917 statt der benötigten Kartoffeln Kohlrüben in doppelter Menge zu und rief die Bevölkerung zur strikten Sparsamkeit mit den Kartoffeln auf. Sie waren, so argumentierte das Amt, ab dem März eines der wenigen verbleibenden Nahrungsmittel bis zur neuen Frühkartoffelernte.

„Kohlrüben, Wruken, Bodenkohlrabi, Steckrüben statt Kartoffeln“ hieß es allerorts. In den Zeitschriften wurden unterschiedliche Rezepte zur schmackhaften Zubereitung der Rübe, die regional verschiedene Bezeichnungen wie Wruke, Steckrübe oder auch Bodenkohlrabi hatte, abgedruckt.

Steckrübengerichte für 4 Personen

Braune Steckrüben

3-4 Pfd. Steckrüben, 3 Eßlöffel Zucker, 8 gestrichene Eßlöffel Mehl, Salz

Geschnittene Steckrüben in Salzwasser halb gar kochen und abgießen. Zur Soße Zucker und Mehl ohne Fett in eiserner Pfanne bräunen, mit Steckrübenwasser auffüllen und die Steckrübenstücke darin gar schmoren lassen.

Steckrübenfrikadellen

1 1/2 Pfd. Steckrüben putzen und im ganzen gar kochen, dann zermusen. 1 Pfd. gekochte geriebene oder zerquetschte Kartoffeln, Salz, Pfeffer, reichlich gehackte Zwiebeln gut miteinander mischen, zu Frikadellen formen, in Mehl wenden und in wenig Fett von beiden Seiten gut bräunen.

…vor 100 Jahren: Zuwachs in der Gemeinde – 8 Taufen, alles Mädchen

Auch wenn die Zahl der Taufen im Verlauf des Krieges merklich zurückging, wurden auch in dieser Zeit Kinder geboren und getauft. Im Januar 1917 waren dies 8 Säuglinge und Kleinkinder. Erstaunlicherweise wurden in diesem Monat in der Pankower Hoffnungskirche ausschließlich Mädchen getauft – das jüngste gerade 4 Wochen alt, das älteste 2 1/2 Jahre.

Auch sonst hatten die Täuflinge einiges gemeinsam: sie wurden alle ehelich geboren und hatten jeweils zwei evangelische Elternteile. Die Hälfte, also vier der Tauffamilien, wohnten in der Maximilianstraße, zwei weitere in der damaligen Kaiser-Friedrich-Straße (heute: Thulestraße). Ein beliebter Vorname war damals offensichtlich „Gertrud“, den drei der Mädchen trugen, gefolgt von Anna und Johanna, die jeweils zweimal vergeben wurden.

Die Väter hatten recht unterschiedliche Berufe: es gab zwei Schlosser, einen Bürobeamten, einen Schachtmeister, einen Arbeiter, einen Schiffbau-Ingenieur, einen Bäcker und einen Schirmmacher. Wie viele dieser Männer zu der Zeit als Soldaten im Krieg waren, ist den Kirchenbüchern nicht zu entnehmen. (GL)

…vor 83 Jahren – Gedenken anlässlich des Holocaust-Gedenktages

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Auszug aus dem Kirchenbuch der Hoffnungskirchengemeinde mit dem Eintrag „Meseritz“

Der heutige Eintrag beschäftigt sich nicht mit der Zeit vor 100 Jahren, sondern anlässlich des heutigen Holocaust-Gedenktages, der in diesem Jahr besonders an die Opfer der NS-Euthanasie erinnert, mit genau so einem Fall, der auch in den Kirchenbüchern der Hoffnungskirchengemeinde zu entdecken ist. Am 11.07.1944 wurde von Pfarrer Jungklaus die aus Spandau stammende Hedwig M. bestattet. Als Todesursache ist im Kirchenbuch „nervenkrank“ vermerkt. Verräterisch ist der standesamtliche Eintrag „Meseritz“. Das war das hauseigene Standesamt der „Pflege- und Heilanstalt Meseritz-Obrawalde“. Dort wurden ab 1942 systematisch Patienten meist durch Verabreichung von Gift ermordet. Hedwig M. war 39 Jahre alt, als sie starb, sie hinterließ einen Sohn, eine Mutter, eine Schwester und sechs Brüder. Mehr ist über sie nicht bekannt… (GL)

 

 

Tuberkulose und andere Atemwegserkrankungen

Lungenentzündung und Tuberkulose waren sehr verbreitet und eine der häufigsten Todesursachen in der Hoffnungsgemeinde. In den ersten Monaten des Jahres 1917 starben daran 24 Gemeindemitglieder. Der Kriegswinter brachte eine immer enger werdende Versorgungslage und so erkrankten vor allem die Ärmeren, die in engen und dunklen Wohnungen wohnten und wenig zu essen hatten. Auch Kinder und Ältere waren häufig betroffen.

Es war allgemein bekannt, dass feuchte und dunkle Wohnungen und unzureichende Ernährung eine der Ursachen für die große Verbreitung von Tuberkulose waren. Darauf wiesen die Ärzte in den medizinischen Zeitschriften und auf den deutschen und internationalen Ärzte-Kongressen, wie dem Internationalen Tuberkulose-Congress, hin. Sie warnten vor schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen.

In unserem Gemeindegebiet berücksichtigte man dies beim Bau der neuen Häuser, mehrere Hinterhöfe gab es nicht mehr. Stattdessen wurden viele der neuen Wohnhäuser nach dem Ersten Weltkrieg mit genügend Platz und Licht, mit großen grünen Hinterhöfen und teilweise mit Gärten, statt engen Höfen, ausgestattet z.B. in der Lindenallee (später Elsa-Brändström-Straße) oder der Vinetastraße.

Neujahr 1917

Wieder begann ein neues Jahr im Kriegszustand. Viele Männer lagen in kalten Schützengräben oder Lazaretten fern ihrer Familien und sehnten den Sieg oder Frieden herbei.

Hier, in Berlin-Pankow in der Hoffnungsgemeinde, wurde so gut es ging das gemeindliche Leben aufrecht erhalten. So wurden im Januar acht Kinder im Alter von 1-3 Jahren von den Pfarrern Jungklaus und Simon getauft. Sechs kirchliche Trauungen fanden in der Hoffnungskirche statt, vier der frisch getrauten Ehemänner waren Soldaten. Unter den Neuvermählten befanden sich auch zwei Paare, bei denen alle bereits schon einmal verheiratet waren und nun erneut getraut wurden. Sie hatten noch nicht das 30. Lebensjahr erreicht und vermutlich schon ihren ersten Ehepartner verloren.