vor hundert Jahren … Walter Koeppen – Architekt im Berlin der Kaiserzeit und der Weimarer Republik

Walter Koeppen, geb. am 11. August 1877 in Berlin, gest. 1933, der sich im Wettbewerb für den Bau der Hoffnungskirche als Architekt durchgesetzt hatte und den prachtvollen Bau 1911-13 im neu zu erschließenden Gebiet Pankow-Süd realisierte, war bereits seit Anfang des Jahrhunderts mit baulichen Aktivitäten in der Stadt Berlin in Erscheinung getreten und blieb als solcher bis in die späten 1920er Jahre aktiv.

Seine ersten Entwürfe legte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor. So machte er 1905 durch Entwürfe zur Umgestaltung des Belle-Alliance-Platzes in Kreuzberg auf sich aufmerksam, damals in der Funktion eines Regierungsbauführers. Eine colorierte Entwurfszeichnung des Pavillons mit Wartebereich und „Cigarren“-Kiosk mit Grundrissplan und andere Entwürfe für Grabmalskunst, ein Landhaus und ein Kurhaus, datiert ab 1902, entstanden und werden heute im Architekturmuseum der Technischen Universität zu Berlin aufbewahrt.

Etwa zeitgleich zur Bauzeit der Hoffnungskirche ließ Walter Koeppen sich im damals noch außerhalb Berlins liegenden Hermsdorf privat nieder. Für das Grundstück Silvesterweg 11 (heutige Hausnummer) entwarf er ein geräumiges zweistöckiges Landhaus, dass von der Architekturfirma seines Bruders Carl Koeppen ausgeführt wurde. In der Architektonischen Rundschau 30 (1914) auf S. 71 wurde das Bauwerk mit Grundrissplänen des Erdgeschosses und des Obergeschosses sowie fotografischen Außen und- Innenansichten im Tafelteil der Fachzeitschrift abgebildet. An der Vorderseite des Hauses befindet sich ein von zwei Säulen flankierter, überdachter Portikus. Über dem Eingang prangt ein Reliefbild eines Puttos, welcher von der Jahreszahl 1912 umgeben ist; weitere Relieffriese gliedern die Ansicht des Gebäudes. Auf der Gartenseite des Hauses ist ein mittig gelegener Wintergarten mit aufgestockter Terrasse untergebracht. Ein Blick ins Innere zeigt das modern gestaltete Vestibül, das rechts auf eine breite Treppe mündet. Bei einem Abstecher von einem Spaziergang entlang des Tegeler Fließes kann auch der heutige Spaziergänger das Haus mit der Originalumfriedung noch in Augenschein nehmen.

Der Architekt hatte in Berlin sowohl für Sakral- als auch für Profanbauten gewichtige Aufträge. So schuf er schon vor dem Bau der Pankower Hoffnungskirche die Entwürfe zweier bedeutender Friedhofskapellen und mehrerer Grabmale in Berlin: 1908-09 entwarf er die Friedhofskapelle auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Kreuzberg mit einer Tempelfront und Dreiecksgiebel, in Anlehnung an das 1810 von Heinrich Gentz entworfene Mausoleum für Königin Luise im Park Charlottenburg. Die zweite Friedhofskapelle entstand 1910-12 auf dem St. Petri-Friedhof im Friedrichshain, deren Ausführung, wie schon erstere, das Baugeschäft seines Bruders Carl übernahm. Auch hier orientierte er sich an klassizistischen Architekturformen und kombinierte Portalsäulen in Kolossalordnung mit biedermeierlichen Elementen und farbigen Glasfenstern. Mustergültig gelang ihm die Einbindung des zweigeschossigen Putzbaues in die umgebenden Grabmale.

Zu Koeppens Leistungen auf dem Gebiet der Profanbauten in Berlin gehören die Wohnanlage in der Wollankstraße (1905-07) und die Posadowsky-Häuser (1905-06) im Ortsteil Gesundbrunnen, die in der Denkmaldatenbank verzeichnet sind.

Mit zunehmender Bauerfahrung übernahm Walter Koeppen auch technische Bauvorhaben in der rasant wachsenden Metropole Berlin:

An prominenter Stelle, unweit der gerade 2019 fertig gestellten James-Simon-Galerie, dem Zentraleingang zur Museumsinsel, befindet sich die „Eiserne Brücke“, nämlich die Verbindung der Museumsinsel zu den Uferstraßen am Kupfergraben und Am Zeughaus über den westlichen Spreearm.

Sie entstand 1914-16 nach Entwürfen Walter Koeppens als einbogige Brücke aus einer mit Muschelkalkstein verkleideten Eisenkonstruktion. Ihren Namen behielt die Brücke nach einem Vorgängerbau aus Gusseisen.

Bereits 1905 mit dem Pavillon am Belle-Alliance-Platz beschäftigt, konzentrierte sich Koeppen noch einmal 1920-23 mit dem Ort – ein aufwändiges Projekt für den Berliner Nahverkehr. So entwarf er den Untergrundbahnhof der Nord-Süd-Bahn am Bahnhof Hallesches Tor, der über eine Treppe und einen langgestreckten Tunnel mit dem Hochbahnhof verbunden war. Eine besondere Herausforderung dabei war der unmittelbar südlich liegende Landwehrkanal, wobei die Gleise unter der Wasserführung besonders tief angelegt werden mussten.

Mit der Bildung Großberlins 1920 war Walter Koeppen also an der Entwicklung und Modernisierung der Metropole in zahlreiche Projekte eingebunden und veröffentliche auch Publikationen, was z.B. eine von ihm – inzwischen längst zum Magistratsoberbaurat befördert – herausgegebene „Bauordnung für die Stadt Berlin“, vom 3. November 1925, mit Berlin-Plan belegt.

Alle aufgeführten Bauwerke stehen heute unter Denkmalschutz und sind in der Auflistung der Berliner Denkmaldatenbank verzeichnet. (CW)

Werbeanzeigen

… vor hundert Jahren: Sehnsuchtsland Dänemark

An einem frühen Morgen warten 21 kleine armselige Gestalten an einem der vielen Gleise des Stettiner Bahnhofs auf die Ankunft ihres Zuges. Sie wurden nach Dänemark eingeladen, um sich dort für mehrere Wochen oder gar Monate in einer Familie oder in einem der elf Ferienkolonien, die eigens für die deutschen Kinder eröffnet wurden, zu erholen.

Fürsorge und einen Tapetenwechsel haben sie dringend nötig. Bleich und abgemagert wie sie sind, haben sie nach der anhaltenden Hungersnot, die vorallem diese Großstadtkinder getroffen hat, kaum eine Chance, sich gesund zu entwickeln. Einige von ihnen sind unterernährt und so schwach, dass sie ihr weniges Gepäck nicht allein tragen können.

Aufgeregt und unruhig schauen sie sich um. Eine so weite Reise in eine unbekannte Gegend zu Menschen, die sie nicht kennen, ist ein Abenteuer, vor dem sie sich trotz aller Freude ein wenig fürchten.

Doch wenn sie wieder zurückkehren, haben sie das längst vergessen. Was hatten sie für eine herrliche Zeit, ein bißchen wie im Paradies. Zum ersten Mal seit langem konnten sie sich richtig satt essen. Sie wurden wieder kräftig und oft konnten sie wieder das Normalgewicht eines Kindes erreichen. Spaziergänge am Meer oder an einem der Seen, Spiele, Musik und die ärztliche Behandlung der verschiedenen in Folge der Unterernährung auftretenden Krankheiten ließen sie wieder gesund werden. Vielleicht haben sie ein bißchen Dänisch gelernt, vor allem haben sie Anteilnahme und Fürsorge erlebt, die ihnen zu Hause fehlten. Zum Abschied wurden sie meist von ihren Pflegeeltern neu eingekleidet, obwohl viele der Gasteltern nicht viel verdienten. Das Elend ihres deutschen Gastkindes rührte sie jedoch so, dass mancher eigener Sohn oder manche eigene Tochter in diesem Jahr auf einen neuen Mantel oder neue Schuhe verzichten mussten.

Vier Jahre von 1917-1920 durften deutsche Kinder sich in Dänemark erholen. Das sog. Dänische Liebeswerk wurde von privaten und sozialen Initiativen durchgeführt. 1917 hatte der dänische Pastor Lindhardt erreichen können, dass 120 Kinder in einzelne christliche Familien für mehrere Wochen untergebracht werden konnten. Die Jahre darauf stellten Großgrundbesitzer, Industrielle, Pastoren, Gewerkschaftsmitglieder, Angestellte u.a. Unterkünfte oder das eigene Zuhause zur Verfügung. Viele spendeten Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Die dänische Regierung erlaubte, 1000 Kinder ins Land zu bringen.

Leider konnte nicht jedem bedürftigen Kind ein solcher Aufenthalt ermöglicht werden. Die dänische Hilfe ging jedoch darüber hinaus. 4000 Berliner Kindern bekamen 1919 die Gelegenheit, während der Sommermonate auf den grossen Spielplätzen in Blankenfelde in der Mark ihre freie Zeit zu verbringen. Sie konnten dort den ganzen Tag an der frischen Luft herumtollen und erhielten gehaltvolle Mahlzeiten, die mit Haferflocken, Milch, Speck, Malzbier und Zucker angereichert wurden. Diese Zutaten wurden aus Dänemark geliefert.

Nicht nur Dänemark leistete Hilfe. Auch Schweden, Norwegen, Holland, Schweiz, Amerika und England trugen nach dem Ersten Weltkrieg dazu bei, dass Leid in Deutschland zu mildern. Wohlfahrtsorganisationen, aber auch Privatinitiativen aus diesen Ländern nahmen sich der herrschenden Not an und sendeten Hilfspakete mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Arzneien oder ermöglichten Kindern einen Auslandsaufenthalt in ihrem Land.

Den meisten ist die sog. „Quäkerspeisung“ im Gedächtnis haften geblieben. Sie war eine kostenlose Essensausgabe an bedürftige Kinder, Erwachsene und Schwangere, die überwiegend von der englischen und amerikanischen Religionsgemeinschaft der Quäker, aber auch von anderen religiösen Gemeinschaften und Privatpersonen organisiert und finanziert wurde. Bis 1926 wurde sie in vielen deutschen Städten, auch in Berlin und Pankow, ausgegeben und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg als wieder großes Elend herrschte.

Auch in unserer Gemeinde gab es eine „Quäkerspeisung“. In einem der Gemeindesäle teilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen von 12.00-14.00 Uhr jeden Tag Suppe aus und nahm sich dabei gleichzeitig der vielen Sorgen und Nöten ihrer Besucher an. Dieses kostenlose Essen half vielen Gemeindemitgliedern zu überleben. (CB)

Das Foto ist der Broschüre „Nothilfe des Auslandes für Deutschland“, 1920 entnommen.

 

… vor hundert Jahren: Stillstand

Berlin steht still. Trotz unruhiger Zeiten, kurz nach der umstrittenen Unterzeichnung des Versailler Vertrags, kehrt Anfang Juli 1919 Ruhe ein. Jedoch weder politisch noch sozial. Nur auf den Gleisen und Schienen in und um Berlin herum herrscht Stillstand.

Grund dafür war ein groß angelegter Verkehrsstreik, der sowohl die Stadtbahnen als auch den Güterverkehr umfasste und dem sich alsbald etliche Metall- und Holzarbeiter anschlossen. Viele der Streikenden hatten ausschließlich wirtschaftliche Forderungen, die von den kommunistischen Streikführern aber um ein Vielfaches übertroffen wurden. Ihr Ziel war der Ausruf der Räterepublik und eine Umwälzung des Systems.

Die politische Instrumentalisierung des Streikrechts führte zu großen Widerständen, nicht nur in der Politik und Presse, sondern auch in den eigenen Reihen. Einige Führer sozialdemokratischer Organisationen und Mitglieder der sozialdemokratischen Regierung riefen dazu auf, trotz des Streiks arbeiten zu gehen. Doch alle, die dem Aufruf Folge leisten wollten, wurden mit Gewalt von ihrer Arbeit ferngehalten.

Der Streik beschäftigte die Öffentlichkeit über einige Tage hinweg, da anders als heute Lebensmittel, Rohstoffe und Medikamente nur über das Schienennetz geliefert werden konnten. Daher war mit drastischen Folgen zu rechnen, die insbesondere kranke und arme Menschen betreffen würden und es bei anhaltenen Arbeitsniederlegungen zu einer Verschlechterung statt der erhofften Verbesserung der Lebenssituation vieler Arbeiter kommen würde.

Außerdem betraf der Streik auch den Vorortverkehr, der unter anderem auch Pankow mit Berlin verband. Somit gestaltete es sich schwierig, den Arbeitsweg zu beschreiten. Doch aus der Not heraus wurden Fahrgemeinschaften gebildet, bei denen die wenigen zur Verfügung stehenden Busse und Autos effizient genutzt wurden.

Am 3. Juli endete der Eisenbahnstreik in Berlin nach drei Tagen, ging aber in Frankfurt und im Ruhrgebiet weiter. Stille kehrte in der belebten und sich im Wandel befindenden Hauptstadt Berlin auch in der Folgezeit nicht ein. (Ferdinand Bourcevet)

… vor hundert Jahren: Kleingärten, Arbeitergärten, Schrebergärten

„Wir müssen alle mehr denn jemals an der Erzeugung der Lebensmittel teilnehmen. Wir müssen alle lernen, wenigstens ein Stück Garten sachgemäß zu bearbeiten.“ So lautet einer der Aufrufe des Roten Kreuzes an seine Mitglieder im Frühjahr 1919.

Im Roten Kreuz gab es bereits schon lange vorher eine Reihe prominenter Befürworter und so entstanden 1901 in Charlottenburg die ersten Arbeitergärten, kleine parzellierte Grundstücke. Hintergrund war zunächst, dass den vielen an Tuberkulose erkrankten Berlinern und ihren Familien die Möglichkeit geschaffen werden sollte, sich an frischer Luft zu betätigen, zu erholen und sich mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, die sie sich selbst nicht leisten konnten.

Paralell dazu gab es die Laubenkolonnisten, sie waren aus der sogenannten Pflanzerbewegung entstanden. Brachliegende Flächen, meist Bauerwartungsland, wurden genutzt, um Kartoffeln und andere anspruchslose Früchte anzubauen. Außerdem wurden einfache Baracken und Unterstände auf den Grundstücken errichtet. Mit diesen bescheidenen Mitteln wollten die „Laubenpieper“ ihre Ernährungslage verbessern und den schlechten Wohnverhältnissen entkommen. Bis 1910 gab es in Berlin ca. 40.000 Kleingärtner. Der genutzte Boden gehörte meist der Stadt. Auch Kirchen und Privateigentümer, wie Terraingesellschaften, boten ungenutzte Flächen für eine kurzfristige Nutzung an. In der Regel wurden sie für drei bis sechs Jahre verpachtet.

Mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ende wurde es immer wichtiger, auf dem Land und in der Stadt die bäurische und kleingärtnerische Eigenversorgung voranzutreiben. In Zeitungen, Vereinen u.a. warb die Regierung dafür, einen eigenen Beitrag zur Lebensmittelversorgung zu leisten.

Verschiedene gesetzliche Regelungen unterstützten die kleingärtnerische Initiative. Doch einen umfassenden Schutz für Schrebergärten gab es nicht. Erst mit der am 31. Juli 1919 in Weimar verabschiedeten Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung wurde dies erreicht. Sie fasste die bestehenden Regelungen zusammen und ergänzte sie. Damit wurden erstmals die Kleingärtner vor zu hohem Pachtzins und willkürlicher Kündigung geschützt.

Auch in unserem Gemeindegebiet gab es Kleingärten. Bis in die 1920-er Jahre waren nach der Erinnerung von Gemeindemitgliedern in der Neumann- und Westerlandstraße Laubengärten vorhanden, teilweise mit Scheunen ausgestattet.

Das Areal, das sich hinter der Kirche bis zur Binzstraße zog, war vor dem Ersten Weltkrieg von einer der Berliner Terraingesellschaften erworben worden. Es wurde nicht bebaut und später, ebenfalls in den 20-er Jahren, für Schrebergärten bis in die 1970-er Jahre genutzt. (CB)

… vor 76 Jahren: Sieghild Jungklaus wird als eine der ersten Frauen in Berlin ordiniert

Jungklaus-Sieghild
Sieghild Jungklaus (1915-2010) als Pfarrvikarin in den 1940er Jahren

Vor mehr als 100 Jahren wurde es den ersten Frauen in Berlin erlaubt, Theologie zu studieren. Bis sie Pfarrerinnen werden konnten und irgendwann die gleichen Rechte wie ihren männlichen Kollegen hatten, war es ein langer Kampf. Eine der Frauen, die ihren Nachfolgerinnen den Weg ebnete, war Sieghild Jungklaus, die von 1943 bis 1975 als Pfarrerin in der Hoffnungskirchengemeinde aktiv war. Zunächst unter dem Titel „Pfarrvikarin“, den damals ordinierte Frauen im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen tragen mussten, später unter den Titel „Pastorin“.

In der Hoffnungskirchengemeinde hat Sieghild Jungklaus den größten Teil Ihres Lebens verbracht – sie wurde als Tochter von Rudolf Jungklaus, dem ersten Pfarrers der Gemeinde, 1915 in das Pfarrhaus gegenüber der Hoffnungskirche hineingeboren. So erlebte sie mit, mit wie viel Engagement und Freunde ihr Vater den Aufbau der damals noch neuen Gemeinde vorantrieb. Dass die gesamte Familie dabei einbezogen wurde, war selbstverständlich. Dieses Erleben von Gemeindearbeit und das Vorbild ihres Vaters war für sie prägend, zumal dieser sie auf ihrem Weg als Theologin stets unterstütze.

So studierte Sieghild Jungklaus Theologie – gekennzeichnet wurde diese Studienzeit vom Nationalsozialismus und dem Kirchenkampf, was dazu führte, dass die junge Theologin die illegalen Veranstaltungen der Bekennenden Kirche besuchte, weshalb sie vom Studium an der Berliner Universität zwangsexmatrikuliert wurde. Sie konnte ihr Studium jedoch in Marburg weiterführen und ihre Theologischen Examina ablegen.

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte sie 1940 im ersten Kriegsjahr – ihr Verlobter, der Thologiestudent Siegfried Anz, der als Soldat eingezogen worden war, fiel.

Trotzdem setzte Sieghild Jungklaus ihr Studium fort und kämpfte mit ihren Mitstudentinnen darum, auch für das Pfarramt ordiniert zu werden, was Frauen bislang noch verwehrt blieb. Doch da so viele männliche Pfarrer als Soldaten im Krieg waren und in den Gemeinden fehlten, entschloss sich die Bekennende Kirche in Berlin, ab 1943 auch Frauen zu ordinieren. Auch Sieghild Jungklaus wurde so 1943 zu einer illegalen (weil nicht von der nationalsozialistischen Kirchenleitung abgesegneten) Pfarrvikarin ordiniert und war damit eine der ersten Frauen in der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Dass sie damit aber keinesfalls auf einer Stufe mit den männlichen Pfarrern standen, wurde gleich vermerkt: „Euer Dienst (…) richtet sich zunächst auf Frauen, Jugendliche und Kinder, in der Notzeit der Kirche auch auf alle Gemeindeglieder.“ In dieser „Notzeit“ übernahm Sieghild Jungklaus Aufgaben, die sonst Männern vorbehalten waren: sie predigte, nahm Trauungen vor und konfirmierte 1944 als erste Frau in Berlin Jugendliche. Nur unverheirateten Frauen war es damals gestattet, diesen Dienst auszuüben – wollten sie heirateten, hieß das, dass sie ihren Beruf aufgeben mussten.

Auch in ihrer Kleidung sollten die Vikarinnen sich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden: ihre Dienstkleidung war ein schwarzes Kleid, zu dem sie ein Kreuz um den Hals trugen. Allerdings brachte Sieghilds Jungklaus‘ Vater ihr bald einen Talar mit, den er bei einem Schneider entdeckt hatte. So war es in der Hoffnungkichengemeinde selbstverständlich, dass Sieghild Jungklaus dort als Frau ihren Pfarrdienst ausübte, auch wenn sie durchaus einige Kämpfe auszustehen hatte. Vereinzelt gab es Menschen, die gegen „das Weib auf der Kanzel“ wetterten und beim Bischof protstierten.

Derzeit zeigt die Wander-Ausstellung „Vorgängerinnen – der Weg von Frauen ins geistliche Amt“ in der Marienkirche am Alexanderplatz den Kampf dieser ersten Theologinnen. Sieghild Jungklaus ist eine der darin porträtierten Frauen. Die Ausstellung wird voraussichtlich auch im Herbst in der Hoffnungskirchengemeinde zu sehen sein. (GL)

 

 

… vor hundert Jahren: Ostern 1919

Der Frühling hielt vorsichtig Einzug in Berlin. Die Tage waren jetzt wärmer und ab und zu lugte die Sonne hervor. Überall streckten die Frühlingsblumen ihre Köpfe aus der Erde und vertrieben das triste Wintergrau. Die Menschen auf der Straße erfreuten sich an ihrem Anblick und einige spürten eine frohe Erwartung. Sie hatten ein bisschen Aufmuterung nötig, endlich ging es aufwärts.

Die Presse kündigte die Verteilung von amerikanischen Lebensmitteln (Fleisch, Speck, Mehl) für die Woche nach Ostern an.

In Berlin war die Arbeitslosenzahl zurückgegangen. In den Zeitungen wurden freie Stellen für Arbeiter und Angestellte annonciert. Noch war die Wirtschaft nicht richtig angelaufen, doch es gab eine vorsichtige positive Prognose.

Die anhaltenden Streiks verhinderten jedoch zu hohe Erwartungen. Am Karsamstag nahmen zumindest die Angestellten der Warenhäuser ihre Arbeit wieder auf. Die Kaufhäuser konnten an diesem Tag endlich wieder für ihre Kunden öffnen. Die Arbeitsniederlegungen der Bankbeamten und der Arbeiter in der Metallindustrie gingen dagegen weiter.

Unruhe herrschte auch unter den Arbeiterräten. Ein Rätekongress der Arbeiterräte von Groß-Berlin war für den 19.4.1919, den Karsamstag, einberufen worden, um sich über das weitere Vorgehen abzustimmen. Noch gab es keine Weimarer Verfassung und der Machtkampf unter den verschiedenen politischen Kräften hielt in Deutschland und Berlin an.

In der Hoffnungsgemeinde gab es unter seinen Mitgliedern ein wenig mehr Zuversicht als in der harten Winterzeit. Neben den alltäglichen Schwierigkeiten, die sie bewältigten mussten, wurden jetzt wieder Familienfeste gefeiert.

Ende März wurden von den Pfarrern Simon und Jungklaus insgesamt 176 Jungen und Mädchen konfirmiert.

Am Ostersonntag taufte Pfarrer Simon zwei Kinder, am Ostermontag wurden von ihm acht Kinder und von Pfarrer Jungklaus ein Kind getauft. Das jüngste getaufte Kind, Margareta Elly Elisabeth Schrape, war erst 19 Tage alt. Nicht viel älter war ein weiteres kleines Mädchen: Lucia Greta Hoffmann. Sie war 40 Tage alt. Unter den Täuflingen fand sich auch ein uneheliches Kind, dass jedoch fünf Taufpaten an seiner Seite hatte. Sechs Tage später wurde erneut die Taufe von zwei Kindern gefeiert. Schon lange hatte die Hoffnungsgemeinde nicht mehr so viele Täuflinge innerhalb weniger Wochen gehabt.

Auch Hochzeitsgesellschaften fanden ihren Weg in die Hoffnungskirche. Vier junge unverheiratete Paare gaben sich Ende April vor Pfarrer Jungklaus das Ja-Wort. (CB)

Die Abbildung ist einer Postkarte mit folgenden Angaben entnommen: offizielle Karte für Rotes Kreuz Kriegsfürsorgeamt, Kriegshilfsbüro, Nr. 53-3

… vor hundert Jahren: Zeitumstellung – Die Sommerzeit war 1919 kein Thema

Im Frühjahr, am 31. März 2019 werden die Uhren wieder um eine Stunde nach vorn gedreht, auf die Sommerzeit, wie schon seit eh und je? Ein Blick in die Zeit vor hundert Jahren lehrt uns, dass es im Jahr 1919 keine Sommerzeit gab. Aber ganz neu und unbekannt war das Thema nicht mehr:

In Deutschland wurde die Sommerzeit als wirtschaftliche Maßnahme erstmals 1916 im Ersten Weltkrieg eingeführt. Im Reichs-Gesetzblatt Nr. 67, heißt es dazu am 6. April 1916 in der „Bekanntmachung über die Vorverlegung der Stunden während der Zeit vom 1. Mai bis 30. September 1916.“, dass in diesem Zeitraum „die gesetzliche Zeit in Deutschland die mittlere Sonnenzeit des dreißigsten Längengrades östlich von Greenwich“ wäre. Eine Stunde wurde den Menschen über den Sommer also damals stibitzt, die dann im Herbst wieder auftauchte. Die Uhren wurden um eine Stunde vorgedreht, denn „der 1. Mai 1916 beginnt am 30. April 1916 nachmittags 11 Uhr [sprich: 23 Uhr] im Sinne der gegenwärtigen Zeitrechnung. Der 30. September 1916 endet eine Stunde nach Mitternacht.“ Bis zum letzten Kriegsjahr wurde nun drei Jahre lang in Deutschland die Zeit umgestellt, 1919 wurde die Sommerzeit wieder abgeschafft.

Erst im Zweiten Weltkrieg spielte die Zeitumstellung wieder eine Rolle, die dann nach dem Krieg, durch die Besatzungsmächte unterschiedlich gehandhabt, bis zum Ende der 1940er Jahre wieder gestrichen wurde. Bedingt durch die Ölkrise von 1973 flammte die Debatte wieder auf und 1980 wurde sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR die Sommerzeit wieder eingeführt. Auch in vielen anderen europäischen Ländern galten Sommerzeiten, die als westeuropäische, mitteleuropäische und osteuropäische Sommerzeiten in einheitlichen Richtlinien der EU verankert wurden.

Bis heute werden immer wieder die Argumente gegeneinander abgewogen. Im Laufe der Zeit kristallisierten sich zwei Lager heraus, die entschiedenen Befürworter der Zeitumstellung und die entschiedenen Gegner. Die Argumente ersterer bemühen vordringlich wirtschaftliche Gründe und eine effektivere Ausnutzung der Tageszeiten aus energiepolitischen Gesichtspunkten, während die Argumente derer, die sich dagegen stellten, den Nutzen bezweifelten und eher den menschlichen Biorhythmus in den Vordergrund stellten, Schlafmangel und folgende gesundheitliche Probleme vielfältiger Art, die inzwischen durch wissenschaftliche Studien belegt sind, stünden dagegen

Gerade in den letzten Jahren hat die Debatte über die Zweck- und Verhältnismäßigkeit des ganzen Aufwandes der Sommerzeiten wieder an Brisanz und Aktualität gewonnen, nicht zuletzt aufgrund umfangreicherer wissenschaftlicher Studien über die gesundheitlichen Folgen.

Mittlerweile ist sie jedoch nicht mehr nur eine nationale, sondern heutzutage eine durch das europäische Parlament mitbestimmte Fragestellung. Seit 2018 wird das Thema intensiv im EU-Parlament bearbeitet. Bei einer online-Befragung, an der sich über 500 Millionen EU-Bürger beteiligten, sprachen sich 84 Prozent der Teilnehmer für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. Daraufhin lenkte das EU-Parlament in Richtung einer endgültigen Abschaffung der Sommerzeit ein, welche in den kommenden Jahren vollzogen werden soll. Eine endgültige Entscheidung lässt jedoch noch auf sich warten.

Bis zur Einigung der EU-Mitgliedsstaaten heißt es also, geduldig zu sein und am 31. März wieder die Uhren um eine Stunde vorzustellen. (CW)