…vor 100 Jahren: Patchwork 1917?

Auszug Taufbuch_Patchwork-legitimierte Kinder-1917-07-18
Auszug aus dem Taufbuch der Hoffnungskirchengemeinde 1917. Die vollständigen Namen wurden auf Grund von Datenschutz unkenntlich gemacht.

Am 18.07.1917 werden zwei Jungen getauft, deren Eintrag im Taufbuch der Hoffnungskirchengemeinde Anlass zu allerlei Spekulationen bietet. Es stellt sich die Frage: haben die Eltern dieser beiden Kinder damals schon das Modell einer heutigen Patchwork-Familie gelebt?

Getauft wurden an diesem Mittwoch vor 100 Jahren der 10-jährige Friedrich und der 4 Monate alte Heinz-Herbert. Bei beiden Kindern ist als Wohnort die Berliner Straße 85 eingetragen.

Die Eltern des 10-jährigen Friedrich sind der Arbeiter Ludwig G. und Emilie geb. P. Die Spalte „Ob es ehelich oder nicht“ verrät, dass die Eltern des Jungen noch nicht verheiratet waren, als dieser geboren wurde. Doch vermutlich wurde das ursprünglich uneheliche Kind durch eine spätere Ehe der Eltern „legitimiert“. Dieser Eintrag findet sich nämlich im Taufbuch.

Das zweite an diesem Tag getaufte Kind, der 4 Monate alte Heinz-Herbert, wurde ebenfalls unehelich geboren und zwar von der Witwe Elisabeth Johanna M. Die Spalte, in der der Vater eingetragen wird, bleibt zunächst frei. Erst mehr als ein halbes Jahr später wird hier der Eintrag vorgenommen „lt. Stammbuch legitimiert am 4.4.1918 […] durch den Unterbeamten Ludwig G.“

Beide Jungen haben also denselben Vater, allerdings unterschiedliche Mütter. Doch wie sah ihr Zusammenleben aus? Hat Ludwig G. in dem Haus mit Frau und Sohn gelebt, dort ab und zu die im selben Haus wohnende Witwe besucht und mit ihr heimlich ein Kind gezeugt? Oder hat er sich entschieden, das uneheliche Baby Heinz-Herbert und dessen Mutter mit ins Haus oder gar die Wohnung zu nehmen? Es ist kaum vorstellbar, dass die Mütter nichts von der jeweils anderen und dem anderen Kind wussten. Denn sie haben nicht nur im selben Haus gewohnt, sondern die beiden Jungen wurden am selben Tag vom selben Pfarrer getauft und hatten dieselben Taufpaten.

Uneheliche Kinder waren zu dieser Zeit eine Ausnahme im Taufbuch der Hoffnungskirchengemeinde und hatten etliche Nachteile. Oft wurden sie und ihre Mütter von der Umgebung als Schande angesehen. Auch hatten sie keinen Anspruch auf das Vermögen des Vaters nach dessen Tod. Nur wenn der Vater das uneheliche Kind von sich aus legitimiert hatte, konnte dieses in die Erbfolge eintreten.

Insofern ist der im Taufbuch dokumentierte Fall ein eher seltenes Beispiel relativer Offenheit. (GL)