Carl Fenten – ein wichtiger Architekt für die Hoffnungskirche und für Pankow

Wartehäuschen Mühlenstraße 1917_Architekt Fenten
Das „Wartehäuschen in der Mühlenstraße in Pankow, Arch: Fenten, Pankow (zurzeit im Felde)“ Bild aus der „Berliner Architekturwelt“, Heft 1/1917, S. 27

Nahe des heutigen U- und Trambahnhofs Vinetastraße in Pankow-Süd steht an markanter Stelle auf der Insel zwischen Berliner und Mühlenstraße ein altes Straßenmöbel, in dem heute unter dem Namen „China-Town“ ein Imbisslokal betrieben wird.

 

Um 1914 vom Architekten Carl Fenten entworfen, diente das Häuschen damals als Bedürfnisanstalt mit Wartehäuschen und Zeitungskiosk. Abgebildet war das Kleinod im Fachblatt „Berliner Architekturwelt“, Heft 1/1917, S. 27, als „Wartehäuschen in der Mühlenstraße in Pankow, Arch: Fenten, Pankow (zurzeit im Felde)“.

Der im neobarocken Stil errichtete Putzbau mit Klinkersockel hat ein zweistufiges biberschwanzgedecktes Walmdach, gekrönt durch einen kupfernen Dachreiter. Südlich öffnet sich das Häuschen durch ein von sechs Sandsteinsäulen getragenes Vordach. Darunter läuft rings um das Gebäude ein Eierstabfries. Das kleingliedrig gerahmte Kioskfenster wurde bei der Restaurierung in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt. Auf dem alten Foto sind auch die neu angepflanzten Straßenbäume gut sichtbar.

Schon in der späten Kaiserzeit war die Berliner Straße als Verbindung von Berlin und dem damaligen Vorort Pankow eine verkehrsreiche Straße, zunächst von Haferdroschken und Pferdeomnibussen, später der Straßenbahn frequentiert. 1930 wurde hier der U-Bahnhof Vinetastraße, vorläufig als Endhaltestelle in Pankow eröffnet.

Zum propagandistischen Großereignis 1936, den Olympischen Spielen, wurde das Gebäude umfunktioniert. Ein von Hakenkreuzfahnen flankiertes Schild prangte mit der Aufschrift „Auskunftsstelle des Olympia Verkehrs- und Quartiersamts Pankow“ über dem Eingang. Auch die Berliner Straße war dementsprechend geflaggt.

Carl Fenten, geboren am 20.4.1877, war seit der Jahrhundertwende, bis in die späte Weimarer Zeit als erfolgreicher Architekt in Pankow tätig, der stetig wachsenden Bevölkerungszahl in Pankow entsprechend, vor für allem Schul- und Wohnungsbauten.

Sein bedeutendstes Bauwerk ist der riesige Schulkomplex in der Görschstraße 42-44, eingerahmt durch die Flora, Neue Schönholzer und Wollankstraße, heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium und Arnold-Zweig-Grundschule. Im kurzen Zeitraum von 1909-11 entwarf er, gemeinsam mit Rudolf Klante und Eilert Franzen drei Gemeindedoppelschulen, eine Höhere Töchterschule, ein Höheres Lehrerinnenseminar mit zugehörigem Kesselhaus. Gleich in der Nachbarschaft, Görschstraße 45/46 steht ein neobarockes Gebäude, ehemaliges Hauptzollamt, heutiger Sitz der Algerischen Botschaft. Das 1908-10 im Spätrenaissancestil errichtete ehemalige Rathaus Niederschönhausen ist das heutige Max-Delbrück-Gymnasium.

Im Auftrag von städtischen Baugemeinschaften wie der Pankower Heimstätten GmbH realisierte Fenten in den 20er Jahren eindrucksvolle Wohnanlagen mit Innenhöfen und Vorgärten, so in der Galenus-, Klaustaler, Paracelsusstraße und der Prießnitzstraße sowie in der Achtermann-, Bleicheroder und Mendelstraße.

In seiner Funktion als Regierungsbaumeister stand Carl Fenten dem Gemeindekirchenrat beratend für das neue Bauprojekt der Pankower Hoffnungskirche zur Seite. Daneben war er Mitglied im Preisgericht, das bei der Ausschreibung zur Erlangung von Entwürfen für den Neubau der evangelischen Kirche vom Gemeindekirchenrat als Ideen-Wettbewerb unter den in Berlin und Vororten ansässigen Architekten zum 1. November [1910] eingesetzt wurde.

Die meisten Bauten von Carl Fenten stehen heute unter Denkmalschutz. (CW, GL)

…vor 124 Jahren: Das Schicksal einer jüdischen Familie

Am 13. August 1893 wird Gabriella Licht in Budapest geboren. Damals ahnt sie noch nicht, dass die Hoffnungskirche eines Tages ein wichtiger Ort in ihrem Leben sein wird. Ihre Eltern sind jüdischen (mosaischen) Glaubens und auch Gabriella wächst zunächst in diesem Glauben auf.

Sie lernt den ebenfalls in Budapest geborenen Kaufmann Eugen Siklós kennen. Auch er ist jüdischen Glaubens. Die beiden heiraten und  im August 1920 kommen die gemeinsamen Zwillingstöchter Eva und Irene in Wien zur Welt.

Bald darauf zieht Familie Siklós nach Berlin, in den wachsenden Stadtteil Pankow. Hier zogen die Eltern mit den beiden Zwillingsmädchen in die Maximilianstraße 48, ins Gemeindegebiet der Hoffnungskirche.

Obwohl es in Pankow schon eine rege jüdische Gemeinde gab – das jüdische Waisenhaus in der Berliner Straße mit der darin befindlichen Synagoge war Zentrum des jüdischen Lebens in Pankow – suchte die Familie Kontakt zu Pfarrer Rudolf Jungklaus. Der war in der „Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden“ aktiv und so Ansprechpartner für viele Menschen jüdischens Glauben, die zum Christentum übertreten wollten. Pfarrer Jungklaus‘ Tochter erinnert sich später an die Familie: „Uns ist noch in Erinnerung, wie unser Vater einmal eine ganze Familie, Eltern und Kinder, die alle auf eigenen Wunsch hin getauft werden wollten, in unserer Wohnung zum regelmäßigen Unterricht versammelte. Es war uns sehr eindrücklich wie Vater von der hohen Intelligenz und der inneren Anteilnahme dieser Menschen sprach.“

Im Januar 1928 wurden die Eltern und die 7-jährigen Töchter von Pfarrer Jungklaus in der Hoffnungskirchengemeinde getauft.

Der weitere Lebensweg der Familie nahm durch die später aufkommende Herrschaft der Nationalsozialisten eine schrecklichen Verlauf: was aus Gabrielle und Eugen Siklós geworden ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Über ihre beiden Zwillingstöchter Eva und Irene ist bekannt, dass sie am 25.02.1945 im KZ Flossenbürg angekommen und dort am 31.03.1945 ums Leben gekommen sind. Sie sind 24 Jahre alt geworden. (GL)

…vor hundert Jahren: Kinderbetreuung in Kriegszeiten

Es ist Sommer, die Schulkinder haben Ferien. Die Sonne scheint und ab und an zieht eine Wolke am Himmel auf, die Regen bringt. Kinderlärm schallt von den Straßen, überall sieht man die Kleinen auf den Gehwegen spielen.

Für viele von ihnen war es noch bis vor einigen Jahren üblich, der Stadt den Rücken zu kehren und mit ihren Familien in die Sommerfrische zu ziehen. Dieses Glück haben nur noch wenige, denn ihre Eltern haben dafür weder Zeit noch Geld. Fast jeder Vater und immer mehr Mütter sind arbeiten.

Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5.12.1916, umgangssprachlich auch Hilfsdienstgesetz genannt, verpflichtet alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren, die nicht an die Front eingezogen wurden und bis zu diesem Zeitpunkt nicht in der Landwirtschaft tätig waren, zur Arbeit in den Rüstungs- oder anderen kriegswichtigen Betrieben.

Dadurch haben sie nicht nur keine freie Arbeitsplatzwahl sondern die Verpflichtung zur Arbeit. Anderseits werden in allen anderen Bereichen immer mehr Frauen benötigt. Zahlreiche Aufrufe auf Litfaßsäulen, in Zeitungen und Zeitschriften, in der Kriegswirtschaft tätig zu sein und den Verlust der männlichen Arbeitskräfte auszugleichen, machen das deutlich. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch in der Industrie werden sie gebraucht.

Viele Mütter sind dazu bereit, um sich und die Kinder zu versorgen, denn oft reicht die Witwenrente nicht aus. In anderen Familien sind die Ehemänner, Brüder oder Väter kriegsbeschädigt zurückgekehrt. Sie haben keine Möglichkeit, erwerbstätig zu sein.

Vor allem in den Städten fehlen den auf sich gestellten Müttern Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Gerade in den Sommerferien wollen sie sie nicht den ganzen Tag ohne Aufsicht lassen. Die Kleineren brauchen ohnehin eine Ganztagsbetreuung.

Um den Arbeitskräftebedarf besser koordinieren zu können und den Bedürfnissen der Frauen besser gerecht zu werden, richtet das Kriegsamt 1916 die „Frauenarbeitszentrale“ ein. Sie wird von Dr. Marie Elisabeth Lüders geleitet, die u.a. von Alice Salomon, trotz heftiger Bedenken, unterstützt wird. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die soziale Fürsorge für die Frauen zu verbessern und so machen sie sich neben Arbeitsschutz und geeigneten Unterkünften auch dafür stark, dass möglichst viele „Fabrikkrippen“ und „Stillkrippen und -stuben“, innerhalb oder in nächster Nähe von Betrieben, eingerichtet werden.

Die Hoffnungsgemeinde hat bereits seit 1913 ein Kindertagesheim, das sich im Seitenflügel des Gemeindehauses befindet. Alle Kinder sind willkommen und so besuchen auch Arbeiterkinder aus den naheliegenden Munitionsfabriken den Kindergarten. Sie werden von Schwester Ida und Martha Telzerow betreut.

Die Gemeinde reagiert auf die Notlage der Familien während des Krieges und so wird außerdem ein Hort für die älteren Kinder und Jugendlichen im Gemeindehaus eingerichtet, der von Schwester Martha geleitet wird. Viele finden hier Geborgenheit und Zuwendung. (CB)