… vor hundert Jahren: Ungeklärte Todesfälle

Es gab Gerüchte, Getuschel und große Unsicherheit. Was war wirklich passiert? Wer waren die Schuldigen? Warum konnte die Polizei die Fälle nicht aufklären?

Alles hatte seinen Anfang mit dem ungeklärten Tod von Elfi Rahn genommen. Die 7-jährige Schülerin wurde am 17.1.1918 gefunden, ob auf der Straße oder zu Hause ist nicht bekannt. Das Kind lebte bei Pflegeeltern und die Todesursache konnte laut Sterberegister der Gemeinde nicht festgestellt werden. Vielleicht wußten die Pflegeeltern mehr, offiziell zu Protokoll haben sie es nicht gegeben.

Die kirchliche Bestattung des kleinen Mädchens fand dann am 26. Januar statt. Pfarrer Jungklaus übernahm diesen Dienst.

Wenig später, am 31. Januar, starb der Konditor Alfred Bergemann laut Eintragung im Sterberegister auf der Straßenbahn. War es ein Unglück oder wurde die Todesursache falsch eingetragen?

Genaueres ist nicht bekannt. Möglicherweise starb er jedoch während der Ausschreitungen junger Berliner Streikender. Sie hielten an diesem Tag Straßenbahnen an, die in die nördlichen Vororte Berlins, wie Pankow, unterwegs waren. An den Haltestellen stürmten sie die Straßenbahnen, mißhandelten das Personal und nötigten mit Gewalt die Fahrgäste auszusteigen. Teilweise huben sie die Straßenbahnanhänger aus den Gleisen. Außerdem zerstörten sie Oberleitungen und zerschlugen die Fenster der Straßenbahnen. In den Arbeitergegenden bauten die Jugendlichen aus den Anhängern Wagenburgen, hinter denen sie sich verschanzten.

Der Straßenbahnverkehr war auch an den nächsten Tagen nicht nur in Richtung Norden für viele Stunden unterbrochen. Es hatten sich Nachahmer in ganz Berlin gefunden, die die Strecken blockierten.

Der 32-jährige Ehemann und Vater Alfred Bergemann wurde von Pfarrer Simon am 9. Februar kirchlich beerdigt.

Nicht lange danach fand man den Aushilfsfriseur Johannes Wehr tot auf dem Bahnhof Westend. Auch dieses Mal blieb unklar, warum der 35-Jährige sterben musste. Pfarrer Simon nahm gemeinsam mit der Witwe und den drei hinterbliebenen Kindern Abschied und begleitete sie auf ihrem schweren Weg.

Die drei ungeklärten Todesfälle innerhalb von gut einem Monat sorgten für viel Aufregung und Unruhe in der Gemeinde. Die Zeiten wurden unsicherer und die Gewalt auf den Straßen nahm zu. Innerhalb unserer Gemeinde wurde rege Anteilnahme und Mitgefühl für die Hinterbliebenen und die möglichen Opfer bekundet. (CB)