… vor hundert Jahren: Der 1. Mai 1918 in Berlin – ein Kampftag der Arbeiter?

Kalt und regnerisch war es an diesem 1. Mai in Berlin. Unruhe und Unzufriedenheit lag über der Stadt. Die Menschen auf der Straße fürchteten sich vor weiteren Rationierungen, Preiserhöhungen und der steigenden Kriminalität während die Abgeordneten im Preußischen Abgeordnetenhaus heftig über eine Neuregelung des Wahlrechts debatierten. Zeitgleich beriet der Hanseverein in seiner Versammlung über die Neuordnung der Wirtschaft nach dem Krieg. Die Vertreter der Arbeiter- und Angestellten zahlreicher Reichsbehörden, des Reichstages und der Stadt Berlin sowie Vertreter gemeinnütziger Gesellschaften wiederum riefen an diesem Tag auf ihrem Kongreß alle Arbeiter und Angestellten auf, nach Beendigung des Krieges die Errichtung einer auf das Gemeinwohl ausgerichtete Übergangsgesellschaft zu unterstützen. Außerdem forderten sie mehr Lohn, ein neues Bodenrecht und die Förderung des Kleinwohnungsbaus. Der Wohnungsnotstand war ihnen ein besonderer Dorn im Auge.

Dabei schien für alle ein Sieg der Deutschen in nicht allzu weiter Ferne.

An diesem Mittwoch gab es in Berlin überall öffentliche politische Diskussionen, doch kam es auch zu Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen?

Nein. Die seit ca. 1890 üblichen Streiks, Kundgebungen, „Maispaziergänge“ oder „Maifeste“ auf denen höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten gefordert wurden und die oft gegen den Widerstand der Arbeitgeber organisiert worden waren, gab es 1918 nicht. Mit Beginn des Krieges hatte man von Seiten der Gewerkschaft aus „nationaler Solidarität“ auf Aktionen an diesem Tag verzichtet.

Doch der Krieg zog sich Jahre hin und die Not unter Bevölkerung wurde immer größer. Gruppierungen wie der „Spartakusbund“ machten sich zum Sprachrohr der Unzufriedenen. Sie hatten in den letzten Jahren zu Streiks und Protesten aufgerufen. Im Januar/Februar 1918 kam es in Berlin zu einer großen Streikwelle der Arbeiter, die mit vehementer Polizeigewalt und zahlreichen Verhaftungen niedergeschlagen wurde. Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg u.a. Anführer der Bewegung saßen im Gefängnis und konnten keine weiteren Proteste organisieren. Wie der russische Botschafter in Deutschland erstaunt feststellte, herrschte große Ratlosigkeit unter den in Berlin lebenden Revolutionären.

Der 1. Mai 1918 ging daher friedlich und fast ohne öffentliche Proteste zu Ende. Zu Unmutsbekundungen kam es nur bei den Fahrgästen des öffentlichen Nahverkehrs. Die Fahrpreise in den Straßenbahnen und Stadtbahnen waren zum 1. Mai erhöht worden. Schaffner und Begleitpersonal sahen sich immer wieder Beschimpfungen und Protesten ausgesetzt.

In der Hoffnungskirche hingegen ging es fröhlich zu. Der 24-jährige Jungeselle Fritz Georg Krebs und seine noch sehr junge Verlobte Emma Anna Frida Ludwig wurden an diesem Tag von Pfarrer Simon getraut. Fünf weitere Hochzeiten wurden im Mai und Juni in der Hoffnungskirche gefeiert. (CB)

…vor 100 Jahren: Festabend mit Kinder-Reigen und Theaterstück zur Spendensammlung für die Wilhelm Kuhr-Stiftung.

In der Hoffnungskirchengemeinde gab es auch in der Kriegszeit eine rege Kinder- und Jugendarbeit, denn im Gemeindegebiet wohnten viele Familien mit kleineren und größeren Kindern wie ein Blick auf die Taufen und Konfirmationen in der damaligen Zeit zeigt. Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit waren die Elternabende der verschiedenen Jugendgruppen. Oft wurde ein solcher Abend genutzt, um mit den Kinder Theaterstücke vorzuführen und dabei für einen guten Zweck Spenden zu sammeln. So war es auch am 13. April 1918: im großen Saal des „Konzerthauses Lindner“ in der Breiten Straße 34, den die Gemeinde damals immer wieder für größere Veranstaltungen nutzte, fand ein „Festabend zum Besten der Wilhelm Kuhr-Stiftung als Elternabend des Jugendgottesdienstes der Pankower Hoffnungskirche mit Hilfe des Evgl. Vereins junger Männer ‚Hoffnung'“ statt. So wurde es auf dem Programm angekündigt.

Im Vorfeld musste dieser Abend – wie damals üblich – polizeilich angemeldet werden. Die Genehmigung wurde problemlos erteilt mit der Bemerkung „Die Veranstaltung einer Tanzlustbarkeit ist verboten“.

Dem Programm war die Allgegenwart des Krieges anzumerken, trotzdem zeigte es eine Mischung aus ernsten und humorvollen Themen, so gab es einen Vortrag unter dem Titel „Kriegssegen?!“, einen Kinder-Reigen, ein Bühnen-Kinderspiel und zum Abschluss das Theaterstück „Landsturmmann Nitschke“ des Autors Siegfried Philippi, über das der Verlag schrieb „Das ganze Stück ist mit lebenswarmen Humor erfüllt“. Auch andere Darbietungen bereicherten den Abend, durch den Pfarrer Rudolf Jungklaus führte.  Der Eintritt zu diesem Abend kostete 50 Pfennig. Es ist davon auszugehen, dass der Saal gut gefüllt war, denn einige Tage später zahlte Pfarrer Jungklaus den Erlös von 185,95 Mark als Beitrag zur Bürgermeister Kuhr-Stiftung bei der Gemeinde-Hauptkasse ein.

Der Wilhelm Kuhr-Stiftung waren viele aus der Gemeinde sehr verbunden. Sie wurde zu Ehren des 1914 als Kriegsfreiwilliger gefallenen Pankower Bürgermeisters gegründet.

Bürgermeister Kuhr war in Pankow sehr beliebt: in den acht Jahren, in denen er Pankower Bürgermeister war (1906-1914) hat er viele wichtige Projekte vorangebracht: durch den starken Bevölkerungszuwachs musste die Infrastruktur  ausgebaut werden. So nahm er vorausschauend den Straßenbau in Angriff , außerdem den Bau von Schulen und des großen Pankower Wasserwerkes. Er entwickelte das gesamte Erziehungswesen des Bezirkes, kümmerte sich um Fragen der öffentlichen Gesundheit und der Sozialfürsorge. Das Projekt, für das er bis heute in Pankow bekanntesten ist, ist der Bürgerpark. Ursprünglich als Privatpark angelegt, sollte das Gelände 1906, nach dem Tod des letzten Besitzers, verkauft werden. Das Land war unter den konkurrierenden Terraingesellschaften sehr begehrt, Mietshäuser sollten gebaut werden. Doch Wilhelm Kuhr setzte gegen viele Widerstände durch, dass die Gemeinde den Park für 1 1/2 Millionen Goldmark kaufte und erhielt ihn so als grünen Ruhepol im wachsenden Pankow, in dem bis heute viele Bewohner und Besucher ihre Freizeit verbringen. Von Wilhelm Kuhr selbst wird berichtet, dass er jeden Morgen vor Dienstantritt durch den Bürgerpark spazierte.

Wenige Tage nach Kuhrs Tod wurde von der Pankower Gemeindevertretung beschlossen,  die am Bürgerpark verlaufende Straße in Wilhelm-Kuhr-Straße umzubenennen. Und 1915 wurde im Preußischen Verwaltungsblatt angekündigt: „Zu Ehren des für das Vaterland gefallenen Bürgermeisters Kuhr soll in Pankow eine Wilhlem-Kuhr-Stiftug errichtet werden, die bezweckt, für Kriegsinvalide und die Hinterbliebenen von Gefallenen zu sorgen.“  (GL)

…vor 100 Jahren: Ostern 1918 und ein unrühmliches Schicksal zwischen zwei Weltkriegen.

Ostern 1918 sollte endlich das letzte Kriegsostern sein. Die Bevölkerung ahnte das allerdings noch nicht, hoffte es höchstens. Vorerst war es wieder ein Ostern der Entbehrungen, die Lebensmittelknappheit machte es für die meisten Familien schwer, die Zutaten für ein feierliches Osteressen zu beschaffen.

Viele Belastungen hatten die Familien zu tragen – nicht nur durch die gefallenen Männer, durch die die Frauen die Verantwortung in der Familie übernehmen mussten, sondern auch durch die vielen Kriegsinvaliden, die nach Verwundungen zwar nach Hause zurückgekehrt, aber nun teilweise Pflegefälle waren oder durch ihre körperlichen Einschränkungen keine Arbeit ausüben konnten.

Einer dieser versehrten Kriegsheimkehrer war der Kaufmann Ernst Flessa, der am Ostersonntag 1918 seinen Sohn drei Monate alten Sohn in der Hoffnungskirche in Pankow taufen ließ. Flessa hatte von August 1914 bis März 1917 in der Armee des deutschen Kaisers gedient, davon auch einige Monate als Frontkämpfer. Eine Schutzverletzung machte ihn zum 100%igen Militärinvaliden, sein Rückenmark wurde beschädigt, wodurch es zu Lähmungserscheinungen an beiden Beinen und auch einer Affektion der Harnorgane kam. Diese Beeinträchtigung erschwerte es ihm, einer Arbeit nachzugehen.

Ernst Flessa sollte mehr als 20 Jahre später in der Hoffnungskirchengemeinde noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen. Zunächst noch arbeitslos engagierte er sich seit 1930 in der NSDAP als Leiter der Pankower Ortsgruppe Vineta. Darüber hinaus kandidierte er bei den Kirchenwahlen 1932 im Gebiet der Hoffnungskirche für die nationalsozialistische Bewegung „Deutsche Christen“, die fortan mit Reinhold Krause als führenden Kopf den Pankower Gemeindekirchenrat zu bestimmen versuchte. In immer neuen Anträgen wollten sie den Nationalsozialismus sichtbar und ideologisch in die Kirchengemeinde tragen. Sie wollten Hakenkreuzfahnen in der Kirche aufstellen, ihre Parteiuniformen im Amt als Kirchenälteste tragen, das über dem Eingangsprotal der Hoffnungskirche angebrachte Relief des Gottesauges sollte durch ein Christuskreuz mit aufgehender Hakenkreuzsonne ersetzt werden. Nur mit Mühe (und auch nicht immer) konnten solche Anträge verhindert und der nationalsozialistische Einfluss von den fünf Pankower Pfarrern zurückgedrängt werden, die alle Gegner der „Deutschen Christen“ waren. Bald formierte sich in der Gemeinde als Opposition dazu eine starke Anhängerschaft der „Bekennenden Kirche“, in die viele Pankower Gemeindeglieder eintraten. Ärgerlich über diesen Widerstand forderte Flessa vom Konsistorium „so schnell wie möglich mindestens drei von diesen Pfarrern“ durch Pfarrer der „Deutschen Christen“ auszutauschen. Auch hierin scheiterte Flessa, ansonsten konnte er jedoch von seinem politischen Engagement für die Nationalsozialisten vielfach profitieren. So bekam der bis dahin arbeitslose Kaufmann 1933 eine Stelle beim Berliner Beschaffungsamt, nachdem dort einige Mitarbeiter aus politischen Gründen oder aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entlassen wurden. 1935 wurde er durch Fürsprache von Parteigenossen zum Amtsleiter des Beschaffungsamtes befördert. Das böse Erwachen kam für ihn im Juni 1945. Als seine Tätigkeit für die NSDAP  bekannt wurde, wurde er entlassen, sein Hausrat wurde konfisziert und im September wurde er im Lager Sachsenhausen interniert, wo er bald darauf starb. (GL)