…. vor hundert Jahren: Die Not mit dem Brot

In diesem Sommer reifte das Getreide wieder und die Kartoffeln wuchsen heran, ohne zu verfaulen. Zwar gab es keine Rekordernte, wie es sich die Bauern nach Jahren der Missernte gewünscht hatten, aber sie konnten mehr ernten, als in den Kriegsjahren davor. Auch die Kühe auf den Weiden fanden genug Gras und die Heuernte ging gut voran. Trotzdem stiegen die Getreide-, Brot- und Milchpreise und die damit einhergehende Schleichhandelkiminalität.

Am 10. August beschloss der Berliner Magistrat, die Vollmichpreise um 10 Pfennig ab dem 1. September zu erhöhen. Dabei hatte er die kinderreichen armen Familien im Blick, die unter dieser Erhöhung am meisten zu leiden hatten. Deshalb hatte er ein Preissteigerungssystem entwickelt, bei dem die Familien mit vielen Kindern nur wenige Pfennige mehr pro Liter zu zahlen hatten, wohingegen die anderen, wie die Milchhändler, erheblich mehr bezahlen mussten.

Umgehend protestierten die Händler, dies sei ungerecht und nicht tragbar. Sie führten an, dass sie nicht nur den größten Teil der Preiserhöhung zu tragen hätten, sondern auch noch das volle Risiko für den Verkauf der Milch. Oft genug, so argumentierten sie, käme die Milch sauer in ihren Läden an, weil die Transporteimer ungeeignet und die Milch nicht ordnungsgemäß behandelt worden sei.

Milch, Butter, Brot u.a. gab es schon seit langer Zeit nur noch über die ausgegebenen Lebensmittelkarten oder auf dem Schwarzmakrt zu kaufen. Die Not war groß und machte erfinderisch. Fast täglich berichteten die Zeitungen über Verurteilungen von Betrügern. Meist waren es Männer, die einen Handel mit den Lebensmittelkarten betrieben, polizeiliche Anmeldungen fälschten oder sich mehrfach als Untermieter in verschiedenen Bezirken eintragen ließen, um weitere Lebensmittelkarten zu erhalten.

Ein Fall von Butterdiebstahl gelangte zu größerer Aufmerksamkeit. Diesmal handelte es sich um vier weibliche Angestellte eines Berliner Buttergroßhandelsunternehmen. Sie arbeiteten als Filialleiterin, Kontoristin oder Verkäuferin in diesem Unternehmen und hatten gemeinsam größere Mengen an Butter und Magarine beiseite geschafft. In der Verhandlung kam jedoch zur Sprache, dass nicht nur diese weiblichen Angestellten, sondern auch die männlichen Führungskräfte in großem Stil Butter und Fette unterschlagen hatten, wie es vermutlich auch in anderen Großhandelsunternehmen üblich war.

Alle Maßnahmen des Berliner Magistrats zur Eindämmung dieser Misstände, wie z.B. die im August 1918 erlassenen zwei Verordnungen zur Eindämmung des Schleichhandels mit Mehl und Getreide, führten zu keinem Erfolg. Die Beschaffungskriminalität nahm zu.

Andernorts wurden zwei Drittel der Mühlen geschlossen, weil die Müller nicht den Anordnungen über das Ausmahlen von Selbstversorgergetreide Folge leisteten. Der Bauernverband kritisierte deshalb auch die Regelungswut der Regierung und setzte sich für einen freien Lebensmittelmarkt ein.

Eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung war trotz der guten klimatischen Bedingungen nicht sichergestellt. Schon jetzt stieg in einer ersten Welle die Zahl der mit der Spanischen Grippe Infizierten schnell an. Arbeitskräfte, die dringend auf dem Lande für die Ernte benötigt wurden, fielen aus und konnten nicht ersetzt werden. Die Folge war, dass vielerorts Kartoffeln u.a. in der Erde blieben und nicht rechtzeitig geerntet werden konnten.

Vorallem die Stadtbevölkerung, auch viele Pankower, die sich nicht selbst versorgen konnten, litten am meisten darunter. (CB)

HInweis: Das oben gezeigte Bild findet sich unter: https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=6426

Zurück zu den Wurzeln: Mode aus Brennnesseln

Im Sommer 1918 liest man in vielen Zeitungen und auf Handzetteln „Sammelt Brennesseln!“ Das, was heute als ökologisch wertvoller Rohstoff von einigen Modedesignern als neue Geschäftsidee beworben wird, wurde schon im 11. Jahrhundert zur Textilherstellung genutzt und war vor 100 Jahren die aus der Not geborene Rückbesinnung auf alte Traditionen.

Denn durch die britische Seeblockade im 1. Weltkrieg konnte kaum noch Baumwolle von Deutschland importiert werden. Der Mangel machte sich immer stärker bemerkbar. Was früher verpönt war, dürfte im Jahr 1918 selbst in gepflegten bürgerlichen Pankower Haushalten keine Seltenheit gewesen sein: in geflickter Kleidung herumzulaufen. Denn neue Bauwollkleidung gab es schon lange nicht mehr zu kaufen. Nähkurse erfreuten sich in dieser Zeit außerordentlicher Beliebtheit. Die Industrie versuchte, Ersatzprodukte zu erzeugen – so gab es Kleidung aus Papierfasern oder eben Brennnesseln.

Die Fasern des Stängels der Brennnessel können mit Hilfe verschiedener Verfahren zu spinnfähigen Bastfasern aufbereitet werden, aus denen ein glänzender Stoff hergestellt werden kann, der im Sommer kühlt und im Winter warm hält. Was lag also näher, als die sonst unbeliebte Brennnessel zu sammeln und sogar gezielt anzubauen? Bereits 1917 wurde zu diesem Zweck die „Nessel-Anbau-Gesellschaft“ in Berlin gegründet, die auf 300 Hektar Land in Rummelsburg die Urtica dioica – die große Brennnessel – anbaute du auch bei Bauern in der Umgebung für deren Anbau warb. 400 Mark Prämie wurde dafür für jeden Hektar versprochen. Auch die Sammler der Pflanzen konnten sich damit Geld verdienen. 28 Mark wurden für 100 Kilo getrockneter Stängel gezahlt. Sicher versuchte auch so mancher Pankower und manches Pankower Kind so Geld zu verdienen. Für Blätter und Samen wurde ebenfalls gezahlt. Doch es ging nicht nur ums Geld, so appelliert die Nessel-Anbau-Gesellschaft 1918 in ihrem Merkblatt: „Jedes Kilo Faser trägt dazu bei, uns vom Ausland unabhängig zu machen, jedes Kilo Samen fördert den Anbau, und jedes Kilo Brennesselblätter kommt unserer Viehhaltung und damit der Volksernährung zugute!“ Als Nahrungsergänzung hatten viele Menschen die Nesselpflanze bereits entdeckt: in etlichen Berliner und Pankower Haushalten landete sie als Spinatersatz oder in Form von Brennnesselsuppe schon längst auf dem Teller.

Die 1918 groß angelegte Sammelaktion verlief allerdings hinsichtlich de Textilherstellung im Sande: so gab es einfach keine Textilfabriken für die Weiterverarbeitung der Fasern und schließlich machte auch das Kriegsende die aufwändige Produktion von Ersatzstoffen nicht mehr nötig. (GL)