… vor hundert Jahren: Frauen wählen

Der 19. Januar 1919 war in vielerlei Hinsicht ein historischer Tag. Zum ersten Mal durften die Frauen in Deutschland wählen gehen und gewählt werden. Ca. 20 Millionen Frauen waren an diesem Tag aufgerufen, ihre Stimme zur Nationalversammlung abzugeben. Gewählt wurde ein Parlament, das keinem Monarchen verpflichtet war und später in Weimar zusammentrat.

Den ganzen Tag standen Männer, Frauen und Kinder in der klirrenden Kälte vor den Wahllokalen und verteilten an die zur Wahl gehenden Berliner/innen die Stimmzettel der von ihnen bevorzugten Partei. Eine allgemein gültige Wählerliste mit allen zur Wahl zugelassenen Kandidaten und Parteien gab es noch nicht. Jede/r Stimmberechtigte/r nahm sich den Wahlschein seiner Wunschpartei und gab ihn ab.

Am 12. November 1918 hatte die Übergangsregierung die erste demokratische Wahl mit unbeschränktem aktiven und passiven Frauenwahlrecht beschlossen. Danach erhielten alle Frauen, ob Hausfrau, Arbeiterin oder Adlige ab dem 20. Lebensjahr das Wahlrecht für die Stadt- und Landgemeinden, für den Bundesstaat und für das Parlament. Darüber hinaus durften sie sich selbst zur Wahl stellen.

Das war zu diesem Zeitpunkt sehr fortschrittlich und traf viele Frauen unvorbereitet. In Deutschland war ihnen bisher jegliches Recht wählen zu gehen verweigert worden. In anderen Ländern hingegen durften die Frauen bereits seit ungefähr 50 Jahren auf unterschiedliche Weise wählen.

Es war deshalb eine dringende Aufgabe der Parteien und Frauenrechtlerinnen, die potentiellen Wählerinnen zu überzeugen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen und ihnen gleichzeitig einen Überblick über die politischen Zielsetzungen zu geben. Wahlveranstaltungen, speziell für Frauen, wurden allerorts meist durch politisch aktive Frauen durchgeführt. Mit Flugblättern und Zeitungsartikeln wurden sie immer wieder angehalten, sich mit ihren neuen Rechten auseinanderzusetzen und diese zu nutzen. „Wahlrecht ist Wahlpflicht“ lautete einer der Slogan.

In Berlin war Luise Zietz eine bekannte Frauenrechtlerin. Sie hatte sich gemeinsam mit Clara Zetkin u.a. lange vorher für das Wahlrecht der Frauen eingesetzt. Bei ihren Veranstaltungen waren die Säle meist überfüllt. Wortgewaltig überzeugte sie die Zuhörerinnen, ihre Stimme abzugeben.

Die Zeit bis zur Wahl war knapp und von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Räten und den Freikorps überschattet. Neue Parteien hatten sich gebildet. Frauen, die bisher meist nicht in der Politik aktiv waren, ließen sich als Kandidatinnen aufstellen und führten, unerfahren auf diesem Gebiet, ihren ersten Wahlkampf durch.

Trotzdem beteiligten sich ca. 83 % der Wahlberechtigten an dieser Wahl. 37 Frauen zogen nach Auszählung der Stimmen als erste weibliche Abgeordnete in das Parlament ein und stellten damit ca. 10 % aller Abgeordneten. Luise Zietz war eine unter ihnen. Sie war für die USPD angetreten. (CB)

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