… vor 76 Jahren: Sieghild Jungklaus wird als eine der ersten Frauen in Berlin ordiniert

Jungklaus-Sieghild
Sieghild Jungklaus (1915-2010) als Pfarrvikarin in den 1940er Jahren

Vor mehr als 100 Jahren wurde es den ersten Frauen in Berlin erlaubt, Theologie zu studieren. Bis sie Pfarrerinnen werden konnten und irgendwann die gleichen Rechte wie ihren männlichen Kollegen hatten, war es ein langer Kampf. Eine der Frauen, die ihren Nachfolgerinnen den Weg ebnete, war Sieghild Jungklaus, die von 1943 bis 1975 als Pfarrerin in der Hoffnungskirchengemeinde aktiv war. Zunächst unter dem Titel „Pfarrvikarin“, den damals ordinierte Frauen im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen tragen mussten, später unter den Titel „Pastorin“.

In der Hoffnungskirchengemeinde hat Sieghild Jungklaus den größten Teil Ihres Lebens verbracht – sie wurde als Tochter von Rudolf Jungklaus, dem ersten Pfarrers der Gemeinde, 1915 in das Pfarrhaus gegenüber der Hoffnungskirche hineingeboren. So erlebte sie mit, mit wie viel Engagement und Freunde ihr Vater den Aufbau der damals noch neuen Gemeinde vorantrieb. Dass die gesamte Familie dabei einbezogen wurde, war selbstverständlich. Dieses Erleben von Gemeindearbeit und das Vorbild ihres Vaters war für sie prägend, zumal dieser sie auf ihrem Weg als Theologin stets unterstütze.

So studierte Sieghild Jungklaus Theologie – gekennzeichnet wurde diese Studienzeit vom Nationalsozialismus und dem Kirchenkampf, was dazu führte, dass die junge Theologin die illegalen Veranstaltungen der Bekennenden Kirche besuchte, weshalb sie vom Studium an der Berliner Universität zwangsexmatrikuliert wurde. Sie konnte ihr Studium jedoch in Marburg weiterführen und ihre Theologischen Examina ablegen.

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte sie 1940 im ersten Kriegsjahr – ihr Verlobter, der Thologiestudent Siegfried Anz, der als Soldat eingezogen worden war, fiel.

Trotzdem setzte Sieghild Jungklaus ihr Studium fort und kämpfte mit ihren Mitstudentinnen darum, auch für das Pfarramt ordiniert zu werden, was Frauen bislang noch verwehrt blieb. Doch da so viele männliche Pfarrer als Soldaten im Krieg waren und in den Gemeinden fehlten, entschloss sich die Bekennende Kirche in Berlin, ab 1943 auch Frauen zu ordinieren. Auch Sieghild Jungklaus wurde so 1943 zu einer illegalen (weil nicht von der nationalsozialistischen Kirchenleitung abgesegneten) Pfarrvikarin ordiniert und war damit eine der ersten Frauen in der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Dass sie damit aber keinesfalls auf einer Stufe mit den männlichen Pfarrern standen, wurde gleich vermerkt: „Euer Dienst (…) richtet sich zunächst auf Frauen, Jugendliche und Kinder, in der Notzeit der Kirche auch auf alle Gemeindeglieder.“ In dieser „Notzeit“ übernahm Sieghild Jungklaus Aufgaben, die sonst Männern vorbehalten waren: sie predigte, nahm Trauungen vor und konfirmierte 1944 als erste Frau in Berlin Jugendliche. Nur unverheirateten Frauen war es damals gestattet, diesen Dienst auszuüben – wollten sie heirateten, hieß das, dass sie ihren Beruf aufgeben mussten.

Auch in ihrer Kleidung sollten die Vikarinnen sich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden: ihre Dienstkleidung war ein schwarzes Kleid, zu dem sie ein Kreuz um den Hals trugen. Allerdings brachte Sieghilds Jungklaus‘ Vater ihr bald einen Talar mit, den er bei einem Schneider entdeckt hatte. So war es in der Hoffnungkichengemeinde selbstverständlich, dass Sieghild Jungklaus dort als Frau ihren Pfarrdienst ausübte, auch wenn sie durchaus einige Kämpfe auszustehen hatte. Vereinzelt gab es Menschen, die gegen „das Weib auf der Kanzel“ wetterten und beim Bischof protstierten.

Derzeit zeigt die Wander-Ausstellung „Vorgängerinnen – der Weg von Frauen ins geistliche Amt“ in der Marienkirche am Alexanderplatz den Kampf dieser ersten Theologinnen. Sieghild Jungklaus ist eine der darin porträtierten Frauen. Die Ausstellung wird voraussichtlich auch im Herbst in der Hoffnungskirchengemeinde zu sehen sein. (GL)

 

 

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