… vor hundert Jahren: Stillstand

Berlin steht still. Trotz unruhiger Zeiten, kurz nach der umstrittenen Unterzeichnung des Versailler Vertrags, kehrt Anfang Juli 1919 Ruhe ein. Jedoch weder politisch noch sozial. Nur auf den Gleisen und Schienen in und um Berlin herum herrscht Stillstand.

Grund dafür war ein groß angelegter Verkehrsstreik, der sowohl die Stadtbahnen als auch den Güterverkehr umfasste und dem sich alsbald etliche Metall- und Holzarbeiter anschlossen. Viele der Streikenden hatten ausschließlich wirtschaftliche Forderungen, die von den kommunistischen Streikführern aber um ein Vielfaches übertroffen wurden. Ihr Ziel war der Ausruf der Räterepublik und eine Umwälzung des Systems.

Die politische Instrumentalisierung des Streikrechts führte zu großen Widerständen, nicht nur in der Politik und Presse, sondern auch in den eigenen Reihen. Einige Führer sozialdemokratischer Organisationen und Mitglieder der sozialdemokratischen Regierung riefen dazu auf, trotz des Streiks arbeiten zu gehen. Doch alle, die dem Aufruf Folge leisten wollten, wurden mit Gewalt von ihrer Arbeit ferngehalten.

Der Streik beschäftigte die Öffentlichkeit über einige Tage hinweg, da anders als heute Lebensmittel, Rohstoffe und Medikamente nur über das Schienennetz geliefert werden konnten. Daher war mit drastischen Folgen zu rechnen, die insbesondere kranke und arme Menschen betreffen würden und es bei anhaltenen Arbeitsniederlegungen zu einer Verschlechterung statt der erhofften Verbesserung der Lebenssituation vieler Arbeiter kommen würde.

Außerdem betraf der Streik auch den Vorortverkehr, der unter anderem auch Pankow mit Berlin verband. Somit gestaltete es sich schwierig, den Arbeitsweg zu beschreiten. Doch aus der Not heraus wurden Fahrgemeinschaften gebildet, bei denen die wenigen zur Verfügung stehenden Busse und Autos effizient genutzt wurden.

Am 3. Juli endete der Eisenbahnstreik in Berlin nach drei Tagen, ging aber in Frankfurt und im Ruhrgebiet weiter. Stille kehrte in der belebten und sich im Wandel befindenden Hauptstadt Berlin auch in der Folgezeit nicht ein. (Ferdinand Bourcevet)

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