…vor 100 Jahren: Fritz Arnfeld, ein jüdischer Kaufmann, etabliert sich – eine Familie ohne Zukunft

Im Jahr 1919 ließ Fritz Arnfeld sein Gewerbe ins Handelsregister eintragen, das er bereits seit 1913 betrieb. In der Binzstraße 66 hatte er einen Handel für Haarschmuck eingerichtet. Unter dieser Adresse wohnte er auch mit seiner Frau Margarete und der damals 7-jährigen Tochter Charlotte. Der jährliche Ertrag seiner Firma betrug ca. 14.000 Mark bei einem Umsatz von 100.000 Mark. Das war ein recht guter Verdienst, wenn man das mit dem damaligen durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters von 127,- Mark vergleicht. Eine kleine Familie mitten im Pankow, die bald eine zweite Tochter bekam und einer guten Zukunft entgegensah.

Diese Zukunft führte sie auch in die Hoffnungskirchengemeinde – allerdings nicht aus freien Stücken, sondern getrieben von dem einige Jahrzehnte später herrschenden nationalsozialistischen Regime. Bis 1909 war Margarete evangelisch, dann trat sie aus der Kirche aus – vermutlich im Zuge ihrer Verheiratung mit ihrem jüdischen Ehemann. Die Familie lebte wie viele andere um sie herum – die Töchter lernten in verschiedenen Pankower Schulen, hatten viele Freundinnen. Das änderte sich mit der Machtübernahme durch Hitler und der Verfolgung der Juden. Auf Grund der Nürnberger Gesetze galten Fritz Arnfeld und seine ganze Familie als Juden. Als die Bedrängnisse immer größer wurden, hofften die beiden Töchter ihre Lage durch eine Taufe in der Hoffnungskirche zu verbessern. Pfarrer Jungklaus taufte die beiden Mädchen im Jahre 1937. Ein Jahr später wurde nach einem entsprechenden GKR-Beschluss die Mutter Margarete wieder in die evangelische Kirche aufgenommen. Dennoch mussten die beiden Töchter Zwangsarbeit leisten und bekamen reduzierte Lebensmittelrationen. Ein weiterer Versuch, wenigstens den Status der Töchter zu verbessern war die Scheidung der Eltern – so hofften sie wahrscheinlich, mit der Lossagung vom jüdischen Vater würde die Taufe der Töchter anerkannt. Doch erst wurde das Geschäft von Fritz Arnfeld liquidiert und dann kam es zur Katastrophe: erst wurde der Vater Fritz und bald darauf die ältere Tochter Charlotte deportiert und umgebracht. Die „arische“ Mutter und die jündere Tochter Ruth überlebten Krieg und Nationalsozialismus. (GL)

… vor hundert Jahren: Ein Postamt für Pankow

1919 – endlich sollte Pankow ein ordentliches Postamt bekommen! Zwar hatte die Landgemeinde Pankow bereits 1867 ihr erstes Postamt in der Breiten Straße 35 erhalten und zwanzig Jahre später ein größeres in der gleichen Straße. Doch das 1887 errichtete Postamt musste bereits vierzehn Jahre später dem neuen Rathaus weichen. Bis 1912 befand sich deshalb die einzige Pankower Postadressein der Wollankstraße, danach wurde das Postamt II in der Berliner Straße 110 eröffnet.Doch die Einwohnerzahlen nahmen zu – in ganz Berlin und in Pankow sowieso. Die Deutsche Post veranlasste daher den Bau zentral gelegener Hauptpostämter, die technisch den Ansprüchen der modernen Telekommunikation genügen sollten – mit Rohrpostanlagen und Telefonzentralen. In Pankow erwarb die Deutsche Post dafür 1913 einen ehemaligen Pfarracker an der Berliner Straße 12. Doch der Erste Weltkrieg und die wirtschaftlich ungünstigen Bedingungen der Nachkriegszeit machten einen direkten Baubeginn unmöglich. Das Gelände wurde vorerst als Familiengärten an Beamte der Post verpachtet.Mit dem Bau wurde erst 1919 begonnen, fertiggestellt wurde das Postamt 1923 – alle früheren Einrichtungen wurden zu diesem Zeitpunkt geschlossen. Ob der Architekt des neuen Postgebäudes tatsächlich der Pankower Maurermeister Carl Schmidt war, lässt sich zwar nicht belegen, doch Ortschronisten gehen davon aus. Es handelt sich bei dem Bau um einen viergeschossigen massiven Putzbau in grauen und rötlichen Tönen. Er steht auf einem T-förmigen Grundriss, dessen Eingangsportal von Säulen und dem gelben Schriftzug „Postamt“ markiert wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. In den fünfziger Jahren wurden die bisherigen technischen Einrichtungen wie Fernschreiber, Rohrpost und Werkstattmaschinen als funktionstüchtig übernommen; die Schalterräume, Hygieneeinrichtungen und Arbeitsräume wurden schrittweise modernisiert. In der Berliner Straße 12 befand sich außerdem der zentrale Fuhrpark aller Pankower Filialen mit eigener Werkstatt.Nachdem das Postamt Anfang der neunziger Jahre an die Deutsche Bundespost übergegangen war, wurde es denkmalgerecht saniert und seine Fassade erneuert. Vorerst blieb es in Benutzung, doch am 1. Mai 2016 wurde das Postamt geschlossen. Das weiterhin denkmalgeschützte Gebäude beherbergt heute eine bilinguale Gemeinschaftsschule mit Kindergarten, der ehemalige Telefonvermittlungssaal wird als Aula und Turnhalle benutzt. (JM)

Quelle v.a. und der verwendeten Fotos: Kerstin Lindstädt (Bezirksamt Pankow von Berlin): Berlin-Pankow. Aus der Bau- und Ortsgeschichte. 2010, S. 174.

… vor hundert Jahren: Eine Kinderheilstätte in der Schönholzer Heide

Auf dem Internationalen Tuberkulose-Kongress 1908 in Washington berichtete ein Berliner Arzt über die Kinderheilstätte des Volksstättenvereins vom Roten Kreuz in der Schönholzer Heide. In seinem Vortrag erklärte er die dringende Notwendigkeit dieser Einrichtung und räumte u.a. ein, dass „.. die Tuberkulose, insbesondere diejenige der Lungen, unter den Schulkindern in viel stärkerem Maße verbreitet ist, als früher angenommen.“ Er wies darauf hin, dass gerade unter den Jugendlichen im Alter von 15-20 Jahren die Zahl der Erkrankten stetig anwuchs. Neben den bekannten Gründen war dieser Anstieg damit zu erklären, dass es nunmehr schulmedizinische Untersuchungen in Berlin gab und die statistischen Erhebungen zu genaueren Angaben über die Zahl der Erkrankungen führten.

Elf Jahre später war trotz des nun vorhandenen Problembewußtseins kein Rückgang der Krankheit zu verzeichnen. Bedingt durch den gerade beendeten Weltkrieg und die damit verbundene Lebensmittelknappheit war die Anzahl der Kinder mit Unterernährung in den großen Städten wie Berlin sehr hoch. Die unterernährten Kinder waren besonders anfällig für die Tuberkulose. Auch die Wohnverhältnisse waren für viele von ihnen weiterhin miserabel und förderten die Krankheit.

Erst durch den später einsetzenden sozialen Wohnungsbau mit seinen weiten, lichtdurchfluteten Höfen sollten sich die Wohnbedingungen für einige bedeutend verbessern.

Doch es sollten noch Jahrzehnte dauern bis die Tuberkulose weitesgehend verschwand. Daher waren im Jahr 1919 die Lungenheilstätten besonders wichtig, um den Kindern und Erwachsenen eine Chance auf Heilung oder Besserung einzuräumen. Rund um Berlin gab es eine Reihe davon. Die bekannesten lagen in Beelitz und Hohenlychen. Daneben gab es weitere saisonal geöffnete Heilstätten, die von Mai bis September betrieben wurden.

Ein paar von ihnen waren ausschließlich für Kinder. Die 1902 eröffnete Kinderheilstätte in der Schönholzer Heide war eine von ihnen. Dort wurden jedes Jahr 250-300 Kinder, überwiegend mit beginnender Tuberkulose, betreut und versorgt. Sie trafen jeden Morgen mit der Straßenbahn oder dem Zug gegen 8 Uhr ein und verbrachten dort den ganzen Tag. Gegen 19 Uhr fuhren sie wieder nach Hause oder übernachteten in der benachbarten Schönholzer Heilstätte, wenn ihr gesundheitlicher Zustand ein Hin- und Herfahren nicht erlaubte. Bei gutem Wetter blieben sie den ganzen Tag an der frischen Luft, um auf den Liegen auszuruhen, unter Anleitung kräftigende Gynastik zu machen und ausreichend stärkende Mahlzeiten einzunehmen. Für die Schulkinder gab es, wenn sie dazu in der Lage waren, einen zweistündigen Schulunterricht.

Die meisten der Kinder wurden die ganze Saison betreut, der Mindestaufenthalt betrug zwei Monate. Viele kamen auch mehrere Jahre hindurch und bekamen damit die Möglichkeit, das Erwachsenenalter zu erreichen und gesundheitlich so stabil zu werden, dass sie einen Beruf erlernen und ausüben konnten.

Doch leider schafften es nicht alle. Die Tuberkulose war in dieser Zeit eine Volkskrankheit. Auch in unserer Gemeinde litten Kinder und Erwachsene unter dieser Krankheit und nicht wenige starben daran. Von September bis Dezember wurden 51 Gemeindemitglieder kirchlich bestattet, darunter fünf Kinder. Vierzehn von ihnen starben an einer Lungenkrankheit.

Heute lässte sich nicht mehr ermitteln, wieviele Mitglieder unserer Gemeinde dank der Heilstätten wieder genasen oder eine Besserung erfuhren. Hoffen wir, dass es viele waren, die in den Genuss einer Heilstättenbehandlung kamen und dass die meisten der Kinder nur den kurzen Weg in die Schönholzer Heide hatten. (CB)

Das Foto ist entnommen aus: „Das Deutsche Rothe Kreuz und die Tuberkulose – Bekämpfung. Denkschrift für den Internationalen Tuberkulose-Kongress. Washington, 21. September bis 12. Oktober 1908“