… vor hundert Jahren: Eine Kinderheilstätte in der Schönholzer Heide

Auf dem Internationalen Tuberkulose-Kongress 1908 in Washington berichtete ein Berliner Arzt über die Kinderheilstätte des Volksstättenvereins vom Roten Kreuz in der Schönholzer Heide. In seinem Vortrag erklärte er die dringende Notwendigkeit dieser Einrichtung und räumte u.a. ein, dass „.. die Tuberkulose, insbesondere diejenige der Lungen, unter den Schulkindern in viel stärkerem Maße verbreitet ist, als früher angenommen.“ Er wies darauf hin, dass gerade unter den Jugendlichen im Alter von 15-20 Jahren die Zahl der Erkrankten stetig anwuchs. Neben den bekannten Gründen war dieser Anstieg damit zu erklären, dass es nunmehr schulmedizinische Untersuchungen in Berlin gab und die statistischen Erhebungen zu genaueren Angaben über die Zahl der Erkrankungen führten.

Elf Jahre später war trotz des nun vorhandenen Problembewußtseins kein Rückgang der Krankheit zu verzeichnen. Bedingt durch den gerade beendeten Weltkrieg und die damit verbundene Lebensmittelknappheit war die Anzahl der Kinder mit Unterernährung in den großen Städten wie Berlin sehr hoch. Die unterernährten Kinder waren besonders anfällig für die Tuberkulose. Auch die Wohnverhältnisse waren für viele von ihnen weiterhin miserabel und förderten die Krankheit.

Erst durch den später einsetzenden sozialen Wohnungsbau mit seinen weiten, lichtdurchfluteten Höfen sollten sich die Wohnbedingungen für einige bedeutend verbessern.

Doch es sollten noch Jahrzehnte dauern bis die Tuberkulose weitesgehend verschwand. Daher waren im Jahr 1919 die Lungenheilstätten besonders wichtig, um den Kindern und Erwachsenen eine Chance auf Heilung oder Besserung einzuräumen. Rund um Berlin gab es eine Reihe davon. Die bekannesten lagen in Beelitz und Hohenlychen. Daneben gab es weitere saisonal geöffnete Heilstätten, die von Mai bis September betrieben wurden.

Ein paar von ihnen waren ausschließlich für Kinder. Die 1902 eröffnete Kinderheilstätte in der Schönholzer Heide war eine von ihnen. Dort wurden jedes Jahr 250-300 Kinder, überwiegend mit beginnender Tuberkulose, betreut und versorgt. Sie trafen jeden Morgen mit der Straßenbahn oder dem Zug gegen 8 Uhr ein und verbrachten dort den ganzen Tag. Gegen 19 Uhr fuhren sie wieder nach Hause oder übernachteten in der benachbarten Schönholzer Heilstätte, wenn ihr gesundheitlicher Zustand ein Hin- und Herfahren nicht erlaubte. Bei gutem Wetter blieben sie den ganzen Tag an der frischen Luft, um auf den Liegen auszuruhen, unter Anleitung kräftigende Gynastik zu machen und ausreichend stärkende Mahlzeiten einzunehmen. Für die Schulkinder gab es, wenn sie dazu in der Lage waren, einen zweistündigen Schulunterricht.

Die meisten der Kinder wurden die ganze Saison betreut, der Mindestaufenthalt betrug zwei Monate. Viele kamen auch mehrere Jahre hindurch und bekamen damit die Möglichkeit, das Erwachsenenalter zu erreichen und gesundheitlich so stabil zu werden, dass sie einen Beruf erlernen und ausüben konnten.

Doch leider schafften es nicht alle. Die Tuberkulose war in dieser Zeit eine Volkskrankheit. Auch in unserer Gemeinde litten Kinder und Erwachsene unter dieser Krankheit und nicht wenige starben daran. Von September bis Dezember wurden 51 Gemeindemitglieder kirchlich bestattet, darunter fünf Kinder. Vierzehn von ihnen starben an einer Lungenkrankheit.

Heute lässte sich nicht mehr ermitteln, wieviele Mitglieder unserer Gemeinde dank der Heilstätten wieder genasen oder eine Besserung erfuhren. Hoffen wir, dass es viele waren, die in den Genuss einer Heilstättenbehandlung kamen und dass die meisten der Kinder nur den kurzen Weg in die Schönholzer Heide hatten. (CB)

Das Foto ist entnommen aus: „Das Deutsche Rothe Kreuz und die Tuberkulose – Bekämpfung. Denkschrift für den Internationalen Tuberkulose-Kongress. Washington, 21. September bis 12. Oktober 1908“

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