…vor 124 Jahren: Das Schicksal einer jüdischen Familie

Am 13. August 1893 wird Gabriella Licht in Budapest geboren. Damals ahnt sie noch nicht, dass die Hoffnungskirche eines Tages ein wichtiger Ort in ihrem Leben sein wird. Ihre Eltern sind jüdischen (mosaischen) Glaubens und auch Gabriella wächst zunächst in diesem Glauben auf.

Sie lernt den ebenfalls in Budapest geborenen Kaufmann Eugen Siklós kennen. Auch er ist jüdischen Glaubens. Die beiden heiraten und  im August 1920 kommen die gemeinsamen Zwillingstöchter Eva und Irene in Wien zur Welt.

Bald darauf zieht Familie Siklós nach Berlin, in den wachsenden Stadtteil Pankow. Hier zogen die Eltern mit den beiden Zwillingsmädchen in die Maximilianstraße 48, ins Gemeindegebiet der Hoffnungskirche.

Obwohl es in Pankow schon eine rege jüdische Gemeinde gab – das jüdische Waisenhaus in der Berliner Straße mit der darin befindlichen Synagoge war Zentrum des jüdischen Lebens in Pankow – suchte die Familie Kontakt zu Pfarrer Rudolf Jungklaus. Der war in der „Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden“ aktiv und so Ansprechpartner für viele Menschen jüdischens Glauben, die zum Christentum übertreten wollten. Pfarrer Jungklaus‘ Tochter erinnert sich später an die Familie: „Uns ist noch in Erinnerung, wie unser Vater einmal eine ganze Familie, Eltern und Kinder, die alle auf eigenen Wunsch hin getauft werden wollten, in unserer Wohnung zum regelmäßigen Unterricht versammelte. Es war uns sehr eindrücklich wie Vater von der hohen Intelligenz und der inneren Anteilnahme dieser Menschen sprach.“

Im Januar 1928 wurden die Eltern und die 7-jährigen Töchter von Pfarrer Jungklaus in der Hoffnungskirchengemeinde getauft.

Der weitere Lebensweg der Familie nahm durch die später aufkommende Herrschaft der Nationalsozialisten eine schrecklichen Verlauf: was aus Gabrielle und Eugen Siklós geworden ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Über ihre beiden Zwillingstöchter Eva und Irene ist bekannt, dass sie am 25.02.1945 im KZ Flossenbürg angekommen und dort am 31.03.1945 ums Leben gekommen sind. Sie sind 24 Jahre alt geworden. (GL)

…vor hundert Jahren: Kinderbetreuung in Kriegszeiten

Es ist Sommer, die Schulkinder haben Ferien. Die Sonne scheint und ab und an zieht eine Wolke am Himmel auf, die Regen bringt. Kinderlärm schallt von den Straßen, überall sieht man die Kleinen auf den Gehwegen spielen.

Für viele von ihnen war es noch bis vor einigen Jahren üblich, der Stadt den Rücken zu kehren und mit ihren Familien in die Sommerfrische zu ziehen. Dieses Glück haben nur noch wenige, denn ihre Eltern haben dafür weder Zeit noch Geld. Fast jeder Vater und immer mehr Mütter sind arbeiten.

Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5.12.1916, umgangssprachlich auch Hilfsdienstgesetz genannt, verpflichtet alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren, die nicht an die Front eingezogen wurden und bis zu diesem Zeitpunkt nicht in der Landwirtschaft tätig waren, zur Arbeit in den Rüstungs- oder anderen kriegswichtigen Betrieben.

Dadurch haben sie nicht nur keine freie Arbeitsplatzwahl sondern die Verpflichtung zur Arbeit. Anderseits werden in allen anderen Bereichen immer mehr Frauen benötigt. Zahlreiche Aufrufe auf Litfaßsäulen, in Zeitungen und Zeitschriften, in der Kriegswirtschaft tätig zu sein und den Verlust der männlichen Arbeitskräfte auszugleichen, machen das deutlich. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch in der Industrie werden sie gebraucht.

Viele Mütter sind dazu bereit, um sich und die Kinder zu versorgen, denn oft reicht die Witwenrente nicht aus. In anderen Familien sind die Ehemänner, Brüder oder Väter kriegsbeschädigt zurückgekehrt. Sie haben keine Möglichkeit, erwerbstätig zu sein.

Vor allem in den Städten fehlen den auf sich gestellten Müttern Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Gerade in den Sommerferien wollen sie sie nicht den ganzen Tag ohne Aufsicht lassen. Die Kleineren brauchen ohnehin eine Ganztagsbetreuung.

Um den Arbeitskräftebedarf besser koordinieren zu können und den Bedürfnissen der Frauen besser gerecht zu werden, richtet das Kriegsamt 1916 die „Frauenarbeitszentrale“ ein. Sie wird von Dr. Marie Elisabeth Lüders geleitet, die u.a. von Alice Salomon, trotz heftiger Bedenken, unterstützt wird. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die soziale Fürsorge für die Frauen zu verbessern und so machen sie sich neben Arbeitsschutz und geeigneten Unterkünften auch dafür stark, dass möglichst viele „Fabrikkrippen“ und „Stillkrippen und -stuben“, innerhalb oder in nächster Nähe von Betrieben, eingerichtet werden.

Die Hoffnungsgemeinde hat bereits seit 1913 ein Kindertagesheim, das sich im Seitenflügel des Gemeindehauses befindet. Alle Kinder sind willkommen und so besuchen auch Arbeiterkinder aus den naheliegenden Munitionsfabriken den Kindergarten. Sie werden von Schwester Ida und Martha Telzerow betreut.

Während des Krieges wird außerdem ein Hort für die älteren Kinder und Jugendlichen im Gemeindehaus eingerichtet, der von Schwester Martha geleitet wird. Viele finden hier Geborgenheit und Zuwendung. (CB)

…vor 100 Jahren: Patchwork 1917?

Auszug Taufbuch_Patchwork-legitimierte Kinder-1917-07-18
Auszug aus dem Taufbuch der Hoffnungskirchengemeinde 1917. Die vollständigen Namen wurden auf Grund von Datenschutz unkenntlich gemacht.

Am 18.07.1917 werden zwei Jungen getauft, deren Eintrag im Taufbuch der Hoffnungskirchengemeinde Anlass zu allerlei Spekulationen bietet. Es stellt sich die Frage: haben die Eltern dieser beiden Kinder damals schon das Modell einer heutigen Patchwork-Familie gelebt?

Getauft wurden an diesem Mittwoch vor 100 Jahren der 10-jährige Friedrich und der 4 Monate alte Heinz-Herbert. Bei beiden Kindern ist als Wohnort die Berliner Straße 85 eingetragen.

Die Eltern des 10-jährigen Friedrich sind der Arbeiter Ludwig G. und Emilie geb. P. Die Spalte „Ob es ehelich oder nicht“ verrät, dass die Eltern des Jungen noch nicht verheiratet waren, als dieser geboren wurde. Doch vermutlich wurde das ursprünglich uneheliche Kind durch eine spätere Ehe der Eltern „legitimiert“. Dieser Eintrag findet sich nämlich im Taufbuch.

Das zweite an diesem Tag getaufte Kind, der 4 Monate alte Heinz-Herbert, wurde ebenfalls unehelich geboren und zwar von der Witwe Elisabeth Johanna M. Die Spalte, in der der Vater eingetragen wird, bleibt zunächst frei. Erst mehr als ein halbes Jahr später wird hier der Eintrag vorgenommen „lt. Stammbuch legitimiert am 4.4.1918 […] durch den Unterbeamten Ludwig G.“

Beide Jungen haben also denselben Vater, allerdings unterschiedliche Mütter. Doch wie sah ihr Zusammenleben aus? Hat Ludwig G. in dem Haus mit Frau und Sohn gelebt, dort ab und zu die im selben Haus wohnende Witwe besucht und mit ihr heimlich ein Kind gezeugt? Oder hat er sich entschieden, das uneheliche Baby Heinz-Herbert und dessen Mutter mit ins Haus oder gar die Wohnung zu nehmen? Es ist kaum vorstellbar, dass die Mütter nichts von der jeweils anderen und dem anderen Kind wussten. Denn sie haben nicht nur im selben Haus gewohnt, sondern die beiden Jungen wurden am selben Tag vom selben Pfarrer getauft und hatten dieselben Taufpaten.

Uneheliche Kinder waren zu dieser Zeit eine Ausnahme im Taufbuch der Hoffnungskirchengemeinde und hatten etliche Nachteile. Oft wurden sie und ihre Mütter von der Umgebung als Schande angesehen. Auch hatten sie keinen Anspruch auf das Vermögen des Vaters nach dessen Tod. Nur wenn der Vater das uneheliche Kind von sich aus legitimiert hatte, konnte dieses in die Erbfolge eintreten.

Insofern ist der im Taufbuch dokumentierte Fall ein eher seltenes Beispiel relativer Offenheit. (GL)

Vor hundert Jahren … Front oder Fußball

Im Sommer 1917 endete die Berliner Fußballmeisterschaft 1916/17.

Den Kriegsleiden zum Trotz wurden in Berlin, anders als Deutschlandweit, zwischen den Jahren 1914 bis 1918 weiterhin Fußballmeisterschaften ausgetragen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren in und um Berlin 183 Fußballvereine gemeldet. Ein Großteil der rund 18.000 aktiven Fußballer wurde an die Front geschickt, wodurch die meisten Vereine an akuter Personalnot litten. Interessanter Weise wurde trotzdem 1917 die Berliner Liga von 10 auf 18 Vereine aufgestockt, wodurch es in der Saison 1916/17 keine Absteiger gab.

Die Saison war geprägt von einem spannenden Zweikampf zwischen BFC Hertha 1892 und SC Union Oberschöneweide um den Titel. Am Ende sicherte sich BFC Hertha 1892 (heute Hertha BSC) mit nur einem Punkt Vorsprung die Meisterschaft. Titelverteidiger BFuFC Victoria (heute BFC Victoria 1899) landete mit großem Abstand zum Führungsduo auf dem dritten Platz.

Obwohl es durchaus beeindruckend ist, während eines Krieges den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten, wird den sogenannten Kriegsmeisterschaften eine eher geringe Bedeutung zugeteilt. Dafür waren zu viele Spieler als Soldaten an der Front.

Vielleicht haben auch einige Gemeindemitglieder Spiele von BFC Hertha 1892 besucht, da sie nicht wie heute in Charlottenburg spielten sondern am Gesundbrunnen in der Bellermannstraße und sich Hertha auch während des Krieges großer Beliebtheit erfreute. (Ferdinand Bourcevet)

Vor hundert Jahren… 2 Trauungen in der Hoffnungsgemeinde

Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau
Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau

Viele Hochzeiten werden im Frühling gefeiert. Der Mai mit seinen angenehmen Temperaturen, dem frischen Grün an Bäumen und Sträuchern, dem Vogelgezwitscher und dem immer länger werdenden Tage lädt besonders zu fröhlichen Feiern ein. Doch der fortdauernde Krieg ließ nur wenige daran denken. Auch in der Hoffnungsgemeinde war der Kriegsalltag vorherrschend und so gaben sich im Mai 1917 nur zwei Paare vor Pfarrer Jungklaus das Ja-Wort.

Am 23.5.1917 heiratete der 25-jährige Unteroffizier Heinrich Bramoers seine 30-jährige Braut, Martha Suchland, in der Hoffnungskirche. Für beide Partner war es die erste Ehe. Martha Suchland stammte aus einer Pankower Gastwirt-Familie. Die Familie hatte bereits 1888 eine Gaststätte in der Damerowstraße in Pankow. Der Vater betrieb nun seine Gastwirtschaft in der Florastraße 35, im Eckhaus Florastraße/Mühlenstraße, wo heute die Paulus-Gemeinde Pankow ihre Räume bezogen hat.

Nicht nur an dieser Ecke gab es eine Gaststätte. Zu dieser Zeit waren zahlreiche Gastwirtschaften in der Florastraße und den benachbarten Straßen geöffnet. Daneben waren kleinere Metallbaubetriebe, eine Eisengießerei, verschiedenes Handwerk, Gärtnereien, Kaffee- und Lebensmittelläden, eine Buch- und Landkartenhandlung u.a. in der Florastraße ansässig.

Die Florastraße wurde Ende des 19.Jahrhunderts als eine der Verbindungsstraßen zwischen dem östlichen und dem westlichen Pankow angelegt und über Jahre in verschiedenen Bauabschnitten fertiggestellt. Ihren Namen erhielt sie um 1892 und weist damit zugleich auf die dort früher befindlichen Gärtnereien und Blumenfelder hin.

Pfarrer Jungklaus traute am 31.5.1917 ein weiteres Paar. Die Trauung fand jedoch nicht in der Hoffnungskirche statt, sondern in der Garnisonskirche. Der 27-jährige evangelische Telegrafist Karl Wilhelm Hermann Hein heiratete dort seine 25-jährige katholische Braut Emma Hadwig Bartsch.

Beide Trauungen wurden in das Kirchenbuch eingetragen. (CB)

… vor 100 Jahren: Ostern 1917

(Postkarte)

Die Osterzeit war turbulent und geprägt von innen- und außenpolitischen Unruhen. Das Weltgeschehen toste, es blieb kaum Zeit und Raum für Besinnlichkeit und Innehalten.

Am Karfreitag, den 6. April 1917, hatte die USA dem Deutschen Reich den Krieg erklärt und war damit offiziell in den Ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente beigetreten.

Hunderttausende deutsche, britische und kanadische Soldaten starben währenddessen in der Schlacht bei Arras an der Westfront, die von März bis Anfang Mai dauerte und in Großbritannien als „Bloddy-April“ in die Geschichte eingegangen ist.

In Deutschland forderte die Reichsbank alle Bürger zur Zeichnung der Sechsten Kriegsanleihe auf, obwohl viele Menschen bereits kaum noch über finanzielle Mittel verfügten. Sie hatten während des vorangegangenen Winters an Lebensmittelknappheit und Krankheiten gelitten. Die versprochenen militärischen Siege waren ausgeblieben. Kriegsmüdigkeit und Unzufriedenheit machten sich breit. Das Vertrauen in die Regierung war merklich gesunken. Es drohten politische Unruhen im Reich.

Am 6./.8. April 1917 wurde von den Mitgliedern der sozialdemokratischen Opposition die Unabhängige Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (USPD) in Gotha gegründet.

In seiner „Osterbotschaft“ versprach Kaiser Wilhelm II. deshalb die Aufhebung des preußischen Dreiklassenwahlrechts nach Kriegsende.

Mitten in diesem Geschehen feierte die Hoffnungsgemeinde ihr Osterfest. Die Kirchenglocken läuteten weithin hörbar und die Menschen strömten zu den Festgottesdiensten am Ostersonntag und Ostermontag. Pfarrer Simon taufte am Ostermontag 26 Kinder in der Hoffnungskirche. (CB)

…vor 100 Jahren: Rückkehr an seine erste Wirkungsstätte – Kunstmaler Franz Markau lässt sein erstes Kind taufen

 

Ansicht Kanzelaltar und Markau-Malereien aus Wasmuthsche Monatshefte_blog.png
Die von Franz Markau bemalte Wand hinter dem Kanzelaltar der Hoffnungskirche. Diese ursprüngliche Gestaltung wurde in den 1960er Jahren zerstört.

Am 8. April 1917 wurde in der Hoffnungskirche ein ganz besonderes Kind getauft: Annemarie Markau. Sie war das erste Kind des Kunstmalers Franz Markau, der mit der Ausmalung der Hoffnungskirche wenige Jahre zuvor seinen ersten Auftrag erhalten hatte. Zwischen 1912 und 1913 erschuf er das große Altarbild, das heute nicht mehr erhalten ist, und einige inzwischen wieder rekonstruierte Malereien an der Decke und den Wänden des Innenraumes. In der Ausgabe der Architekturzeitschrift „Wasmuths Monatshefte“ von 1914/1915 wurde in einem Artikel über die damals gerade fertiggestellte Hoffnungskirche der junge Maler besonders hervorgehoben: „In diesen Malereien hat Markau, sowohl was die Komposition als die Farbe betrifft, eine bemerkenswerte Probe seiner Begabung gegeben.“

Inmitten dieser Malereien, mit denen der Vater so viel Zeit verbracht hatte, sollte Markaus vier Monate alte Tochter getauft werden. Extra aus Charlottenburg kam die Familie damals dafür nach Pankow.

Ungetrübt war dieses Ereignis sicher nicht: Franz Markau war zu dieser Zeit Soldat im ersten Weltkrieg und die junge Familie musste um sein Leben bangen. Umso größer wurde die Taufe begangen: allein sechs Patinnen und Paten (teilweise aus dem Künstlermilieu) sagten zu, die kleine Annemarie auf ihrem Lebensweg zu begleiten und unterstützen.

Franz Markau überlebte den Krieg, an dem er vom ersten bis zum letzten Tag als Soldat beteiligt war, und gründete anschließend mit Unterstützung von Käthe Kollwitz eine Gruppe „ehemals feldgrauer Künstler“. (GL)