…vor Hundert Jahren: Heinrich Görsch stirbt.

Direkt neben den Gräbern der wichtigen Pankower Pfarrer Jungklaus, Fritsch und Maresch ist das Grab befindet sich das Grab eines wichtigen Pankower Bürgers, mit dem die Pfarrer der Pankower Gemeinde zu Lebzeiten sicher auch zu tun hatten. Heinrich Görsch. Er war Gärtnereibesitzer, hatte große Felder, unter anderem Spargelfelder zwischen der Wollakstraße und der Florastraße. Für eine Verbindung zwischen diesen beiden Straßen stellte er das Land seiner Spargelfelder in diesem Bereich zur Verfügung. Dieser ehemalige Weg wurde nach ihm benannt und ist heute die Görschstraße.

Heinrch Görsch prägte Pankow in vielerei Hinsicht. Er nahm als Gemeindevertreter politischen Einfluss, außerdem verpachtete und verkaufte er viel Land zur Bebauung. Der damilige Bauboom machte ihn zu einem reichen Mann. Auch das Grundstück Amalienpark kaufte er zusammen mit anderen bekannten Pankowern wie dem Fabrikanten Fritz Heyn und ließ 1897 die Wohnanlage mit Paek von Otto March darauf bauen.

Heinrich Görsch starb am 27. Oktober 1919 im Alter von 79 Jahren. (GL)

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… vor hundert Jahren: Helene Schmitz – eine Berliner Stadtverordnete

Für eine Weile war Helene Schmitz fast Pankowerin – bis sie sich gezwungen sah, im September 1939 (also vor genau 80 Jahren) ihre Wohnung in der Bornholmer Straße aufzugeben. Aber wie kam es dazu?Helene Schmitz, geborene Hüser, wurde am 18. März 1874 in Elberfeld als Tochter eines Schuhmachers geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte sie eine Lehre, arbeitete im Anschluss als Posamentiererin und wurde sogar Meisterin und Abteilungsleiterin in der Herstellung von Zierborten. Im Jahre 1894 heiratete sie den Schlosser und Gewerkschaftsangestellten August Schmitz. Nach der Ehe nur Hausfrau zu sein, reichte ihr nicht, sie trat in die SPD ein. Den evangelischen Glauben empfand sie zu dieser Zeit als nicht mehr passend. 1910 zogen ihr Ehemann und sie nach Berlin. Auch in der großen Stadt blieb Helene Schmitz politisch in der SPD aktiv und 1916 erfolgte ihre Wahl in den Berliner SPD-Bezirksvorstand, dem sie bis 1926 angehörte. Mit der Revolution von 1919 bekamen Frauen in Deutschland nicht nur das Recht, zu wählen, sondern auch das Recht, gewählt zu werden. Helene Schmitz war eine der ersten Frauen, die in der Weimarer Republik im Stadtparlament und im preußischen Landtag vertreten waren. Bereits 1919 (und danach noch zwei weitere Male) wurde sie bei der Stadtverordnetenwahl im Wahlkreis 4 (Prenzlauer Berg) ins Stadtparlament gewählt, von 1925 bis 1932 gehörte sie dem Landtag an. Außerdem war sie von 1919 bis 1933 Vorstandsmitglied der Berliner Arbeiterwohlfahrt,die am 3. Dezember 1919 gegründet wurde, um der Not der Nachkriegsjahre besser begegnen zu können.Viele Jahre setzte sie sich auf diese Weise selbstbewusst und kämpferisch für die sozial Schwachen ein. Im Wahlkampf für die Wahl von 1932 verwies Helene Schmitz auf die Erfolge der sozialdemokratischen Regierungen in Preußen und machte sich stark für die Wiederwahl Otto Brauns. Vor allem die gesundheitlichen und fürsorgerischen Maßnahmen im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit lagen ihr am Herzen. Aber auch der humane Strafvollzug und der soziale Wohnungsbau waren für sie wichtige Themen.Doch mit der Wahl verlor die „Weimarer Koalition“ in Preußen ihre Mehrheit und die Machtübernahme der Nationalsozialisten deutete sich an. Deren Erfolg im Januar 1933 wurde für das Ehepaar Schmitz zu einem tiefen Eingriff in ihr Leben. Aufgrund ihrer politischen Tätigkeit wurde Helene Schmitz von der Gestapo überwacht. Ihr Mann, der als Angestellter einer Gewerkschaft mittlerweile arbeitslos geworden war, erinnerte sich 1952: „Unsere jahrelange Arbeit für die SPD war natürlich noch ein mitbelastendes Moment bei der Auseinandersetzung mit den Nazis. […] Die tägliche Bespitzelung wurde so unangenehm, dass wir uns entschlossen, unsere Wohnung in der Bornholmer Straße aufzugeben. Unser Häuschen in Frohnau wurde zum Sammelpunkt der alten Kollegen und auch Naziverfolgten […].“ So verkleinerte sich der Wirkungskreis der Politikerin. Als dann noch ihr Frohnauer Rückzugsort 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, musste das Ehepaar in eine Kellerwohnung in der Nähe umziehen. Ihre politischen Möglichkeiten schrumpften also weiter und die Befreiung von den Nationalsozialisten erlebte Helene Schmitz nicht mehr. Wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges starb sie am 4. Mai 1945 an einem Gehirnschlag.  (JM)

vor hundert Jahren … Walter Koeppen – Architekt im Berlin der Kaiserzeit und der Weimarer Republik

Walter Koeppen, geb. am 11. August 1877 in Berlin, gest. 1933, der sich im Wettbewerb für den Bau der Hoffnungskirche als Architekt durchgesetzt hatte und den prachtvollen Bau 1911-13 im neu zu erschließenden Gebiet Pankow-Süd realisierte, war bereits seit Anfang des Jahrhunderts mit baulichen Aktivitäten in der Stadt Berlin in Erscheinung getreten und blieb als solcher bis in die späten 1920er Jahre aktiv.

Seine ersten Entwürfe legte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor. So machte er 1905 durch Entwürfe zur Umgestaltung des Belle-Alliance-Platzes in Kreuzberg auf sich aufmerksam, damals in der Funktion eines Regierungsbauführers. Eine colorierte Entwurfszeichnung des Pavillons mit Wartebereich und „Cigarren“-Kiosk mit Grundrissplan und andere Entwürfe für Grabmalskunst, ein Landhaus und ein Kurhaus, datiert ab 1902, entstanden und werden heute im Architekturmuseum der Technischen Universität zu Berlin aufbewahrt.

Etwa zeitgleich zur Bauzeit der Hoffnungskirche ließ Walter Koeppen sich im damals noch außerhalb Berlins liegenden Hermsdorf privat nieder. Für das Grundstück Silvesterweg 11 (heutige Hausnummer) entwarf er ein geräumiges zweistöckiges Landhaus, dass von der Architekturfirma seines Bruders Carl Koeppen ausgeführt wurde. In der Architektonischen Rundschau 30 (1914) auf S. 71 wurde das Bauwerk mit Grundrissplänen des Erdgeschosses und des Obergeschosses sowie fotografischen Außen und- Innenansichten im Tafelteil der Fachzeitschrift abgebildet. An der Vorderseite des Hauses befindet sich ein von zwei Säulen flankierter, überdachter Portikus. Über dem Eingang prangt ein Reliefbild eines Puttos, welcher von der Jahreszahl 1912 umgeben ist; weitere Relieffriese gliedern die Ansicht des Gebäudes. Auf der Gartenseite des Hauses ist ein mittig gelegener Wintergarten mit aufgestockter Terrasse untergebracht. Ein Blick ins Innere zeigt das modern gestaltete Vestibül, das rechts auf eine breite Treppe mündet. Bei einem Abstecher von einem Spaziergang entlang des Tegeler Fließes kann auch der heutige Spaziergänger das Haus mit der Originalumfriedung noch in Augenschein nehmen.

Der Architekt hatte in Berlin sowohl für Sakral- als auch für Profanbauten gewichtige Aufträge. So schuf er schon vor dem Bau der Pankower Hoffnungskirche die Entwürfe zweier bedeutender Friedhofskapellen und mehrerer Grabmale in Berlin: 1908-09 entwarf er die Friedhofskapelle auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Kreuzberg mit einer Tempelfront und Dreiecksgiebel, in Anlehnung an das 1810 von Heinrich Gentz entworfene Mausoleum für Königin Luise im Park Charlottenburg. Die zweite Friedhofskapelle entstand 1910-12 auf dem St. Petri-Friedhof im Friedrichshain, deren Ausführung, wie schon erstere, das Baugeschäft seines Bruders Carl übernahm. Auch hier orientierte er sich an klassizistischen Architekturformen und kombinierte Portalsäulen in Kolossalordnung mit biedermeierlichen Elementen und farbigen Glasfenstern. Mustergültig gelang ihm die Einbindung des zweigeschossigen Putzbaues in die umgebenden Grabmale.

Zu Koeppens Leistungen auf dem Gebiet der Profanbauten in Berlin gehören die Wohnanlage in der Wollankstraße (1905-07) und die Posadowsky-Häuser (1905-06) im Ortsteil Gesundbrunnen, die in der Denkmaldatenbank verzeichnet sind.

Mit zunehmender Bauerfahrung übernahm Walter Koeppen auch technische Bauvorhaben in der rasant wachsenden Metropole Berlin:

An prominenter Stelle, unweit der gerade 2019 fertig gestellten James-Simon-Galerie, dem Zentraleingang zur Museumsinsel, befindet sich die „Eiserne Brücke“, nämlich die Verbindung der Museumsinsel zu den Uferstraßen am Kupfergraben und Am Zeughaus über den westlichen Spreearm.

Sie entstand 1914-16 nach Entwürfen Walter Koeppens als einbogige Brücke aus einer mit Muschelkalkstein verkleideten Eisenkonstruktion. Ihren Namen behielt die Brücke nach einem Vorgängerbau aus Gusseisen.

Bereits 1905 mit dem Pavillon am Belle-Alliance-Platz beschäftigt, konzentrierte sich Koeppen noch einmal 1920-23 mit dem Ort – ein aufwändiges Projekt für den Berliner Nahverkehr. So entwarf er den Untergrundbahnhof der Nord-Süd-Bahn am Bahnhof Hallesches Tor, der über eine Treppe und einen langgestreckten Tunnel mit dem Hochbahnhof verbunden war. Eine besondere Herausforderung dabei war der unmittelbar südlich liegende Landwehrkanal, wobei die Gleise unter der Wasserführung besonders tief angelegt werden mussten.

Mit der Bildung Großberlins 1920 war Walter Koeppen also an der Entwicklung und Modernisierung der Metropole in zahlreiche Projekte eingebunden und veröffentliche auch Publikationen, was z.B. eine von ihm – inzwischen längst zum Magistratsoberbaurat befördert – herausgegebene „Bauordnung für die Stadt Berlin“, vom 3. November 1925, mit Berlin-Plan belegt.

Alle aufgeführten Bauwerke stehen heute unter Denkmalschutz und sind in der Auflistung der Berliner Denkmaldatenbank verzeichnet. (CW)

… vor hundert Jahren: Sehnsuchtsland Dänemark

An einem frühen Morgen warten 21 kleine armselige Gestalten an einem der vielen Gleise des Stettiner Bahnhofs auf die Ankunft ihres Zuges. Sie wurden nach Dänemark eingeladen, um sich dort für mehrere Wochen oder gar Monate in einer Familie oder in einem der elf Ferienkolonien, die eigens für die deutschen Kinder eröffnet wurden, zu erholen.

Fürsorge und einen Tapetenwechsel haben sie dringend nötig. Bleich und abgemagert wie sie sind, haben sie nach der anhaltenden Hungersnot, die vorallem diese Großstadtkinder getroffen hat, kaum eine Chance, sich gesund zu entwickeln. Einige von ihnen sind unterernährt und so schwach, dass sie ihr weniges Gepäck nicht allein tragen können.

Aufgeregt und unruhig schauen sie sich um. Eine so weite Reise in eine unbekannte Gegend zu Menschen, die sie nicht kennen, ist ein Abenteuer, vor dem sie sich trotz aller Freude ein wenig fürchten.

Doch wenn sie wieder zurückkehren, haben sie das längst vergessen. Was hatten sie für eine herrliche Zeit, ein bißchen wie im Paradies. Zum ersten Mal seit langem konnten sie sich richtig satt essen. Sie wurden wieder kräftig und oft konnten sie wieder das Normalgewicht eines Kindes erreichen. Spaziergänge am Meer oder an einem der Seen, Spiele, Musik und die ärztliche Behandlung der verschiedenen in Folge der Unterernährung auftretenden Krankheiten ließen sie wieder gesund werden. Vielleicht haben sie ein bißchen Dänisch gelernt, vor allem haben sie Anteilnahme und Fürsorge erlebt, die ihnen zu Hause fehlten. Zum Abschied wurden sie meist von ihren Pflegeeltern neu eingekleidet, obwohl viele der Gasteltern nicht viel verdienten. Das Elend ihres deutschen Gastkindes rührte sie jedoch so, dass mancher eigener Sohn oder manche eigene Tochter in diesem Jahr auf einen neuen Mantel oder neue Schuhe verzichten mussten.

Vier Jahre von 1917-1920 durften deutsche Kinder sich in Dänemark erholen. Das sog. Dänische Liebeswerk wurde von privaten und sozialen Initiativen durchgeführt. 1917 hatte der dänische Pastor Lindhardt erreichen können, dass 120 Kinder in einzelne christliche Familien für mehrere Wochen untergebracht werden konnten. Die Jahre darauf stellten Großgrundbesitzer, Industrielle, Pastoren, Gewerkschaftsmitglieder, Angestellte u.a. Unterkünfte oder das eigene Zuhause zur Verfügung. Viele spendeten Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Die dänische Regierung erlaubte, 1000 Kinder ins Land zu bringen.

Leider konnte nicht jedem bedürftigen Kind ein solcher Aufenthalt ermöglicht werden. Die dänische Hilfe ging jedoch darüber hinaus. 4000 Berliner Kindern bekamen 1919 die Gelegenheit, während der Sommermonate auf den grossen Spielplätzen in Blankenfelde in der Mark ihre freie Zeit zu verbringen. Sie konnten dort den ganzen Tag an der frischen Luft herumtollen und erhielten gehaltvolle Mahlzeiten, die mit Haferflocken, Milch, Speck, Malzbier und Zucker angereichert wurden. Diese Zutaten wurden aus Dänemark geliefert.

Nicht nur Dänemark leistete Hilfe. Auch Schweden, Norwegen, Holland, Schweiz, Amerika und England trugen nach dem Ersten Weltkrieg dazu bei, dass Leid in Deutschland zu mildern. Wohlfahrtsorganisationen, aber auch Privatinitiativen aus diesen Ländern nahmen sich der herrschenden Not an und sendeten Hilfspakete mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Arzneien oder ermöglichten Kindern einen Auslandsaufenthalt in ihrem Land.

Den meisten ist die sog. „Quäkerspeisung“ im Gedächtnis haften geblieben. Sie war eine kostenlose Essensausgabe an bedürftige Kinder, Erwachsene und Schwangere, die überwiegend von der englischen und amerikanischen Religionsgemeinschaft der Quäker, aber auch von anderen religiösen Gemeinschaften und Privatpersonen organisiert und finanziert wurde. Bis 1926 wurde sie in vielen deutschen Städten, auch in Berlin und Pankow, ausgegeben und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg als wieder großes Elend herrschte.

Auch in unserer Gemeinde gab es eine „Quäkerspeisung“. In einem der Gemeindesäle teilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen von 12.00-14.00 Uhr jeden Tag Suppe aus und nahm sich dabei gleichzeitig der vielen Sorgen und Nöten ihrer Besucher an. Dieses kostenlose Essen half vielen Gemeindemitgliedern zu überleben. (CB)

Das Foto ist der Broschüre „Nothilfe des Auslandes für Deutschland“, 1920 entnommen.

 

… vor hundert Jahren: Stillstand

Berlin steht still. Trotz unruhiger Zeiten, kurz nach der umstrittenen Unterzeichnung des Versailler Vertrags, kehrt Anfang Juli 1919 Ruhe ein. Jedoch weder politisch noch sozial. Nur auf den Gleisen und Schienen in und um Berlin herum herrscht Stillstand.

Grund dafür war ein groß angelegter Verkehrsstreik, der sowohl die Stadtbahnen als auch den Güterverkehr umfasste und dem sich alsbald etliche Metall- und Holzarbeiter anschlossen. Viele der Streikenden hatten ausschließlich wirtschaftliche Forderungen, die von den kommunistischen Streikführern aber um ein Vielfaches übertroffen wurden. Ihr Ziel war der Ausruf der Räterepublik und eine Umwälzung des Systems.

Die politische Instrumentalisierung des Streikrechts führte zu großen Widerständen, nicht nur in der Politik und Presse, sondern auch in den eigenen Reihen. Einige Führer sozialdemokratischer Organisationen und Mitglieder der sozialdemokratischen Regierung riefen dazu auf, trotz des Streiks arbeiten zu gehen. Doch alle, die dem Aufruf Folge leisten wollten, wurden mit Gewalt von ihrer Arbeit ferngehalten.

Der Streik beschäftigte die Öffentlichkeit über einige Tage hinweg, da anders als heute Lebensmittel, Rohstoffe und Medikamente nur über das Schienennetz geliefert werden konnten. Daher war mit drastischen Folgen zu rechnen, die insbesondere kranke und arme Menschen betreffen würden und es bei anhaltenen Arbeitsniederlegungen zu einer Verschlechterung statt der erhofften Verbesserung der Lebenssituation vieler Arbeiter kommen würde.

Außerdem betraf der Streik auch den Vorortverkehr, der unter anderem auch Pankow mit Berlin verband. Somit gestaltete es sich schwierig, den Arbeitsweg zu beschreiten. Doch aus der Not heraus wurden Fahrgemeinschaften gebildet, bei denen die wenigen zur Verfügung stehenden Busse und Autos effizient genutzt wurden.

Am 3. Juli endete der Eisenbahnstreik in Berlin nach drei Tagen, ging aber in Frankfurt und im Ruhrgebiet weiter. Stille kehrte in der belebten und sich im Wandel befindenden Hauptstadt Berlin auch in der Folgezeit nicht ein. (Ferdinand Bourcevet)

… vor hundert Jahren: Kleingärten, Arbeitergärten, Schrebergärten

„Wir müssen alle mehr denn jemals an der Erzeugung der Lebensmittel teilnehmen. Wir müssen alle lernen, wenigstens ein Stück Garten sachgemäß zu bearbeiten.“ So lautet einer der Aufrufe des Roten Kreuzes an seine Mitglieder im Frühjahr 1919.

Im Roten Kreuz gab es bereits schon lange vorher eine Reihe prominenter Befürworter und so entstanden 1901 in Charlottenburg die ersten Arbeitergärten, kleine parzellierte Grundstücke. Hintergrund war zunächst, dass den vielen an Tuberkulose erkrankten Berlinern und ihren Familien die Möglichkeit geschaffen werden sollte, sich an frischer Luft zu betätigen, zu erholen und sich mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, die sie sich selbst nicht leisten konnten.

Paralell dazu gab es die Laubenkolonnisten, sie waren aus der sogenannten Pflanzerbewegung entstanden. Brachliegende Flächen, meist Bauerwartungsland, wurden genutzt, um Kartoffeln und andere anspruchslose Früchte anzubauen. Außerdem wurden einfache Baracken und Unterstände auf den Grundstücken errichtet. Mit diesen bescheidenen Mitteln wollten die „Laubenpieper“ ihre Ernährungslage verbessern und den schlechten Wohnverhältnissen entkommen. Bis 1910 gab es in Berlin ca. 40.000 Kleingärtner. Der genutzte Boden gehörte meist der Stadt. Auch Kirchen und Privateigentümer, wie Terraingesellschaften, boten ungenutzte Flächen für eine kurzfristige Nutzung an. In der Regel wurden sie für drei bis sechs Jahre verpachtet.

Mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ende wurde es immer wichtiger, auf dem Land und in der Stadt die bäurische und kleingärtnerische Eigenversorgung voranzutreiben. In Zeitungen, Vereinen u.a. warb die Regierung dafür, einen eigenen Beitrag zur Lebensmittelversorgung zu leisten.

Verschiedene gesetzliche Regelungen unterstützten die kleingärtnerische Initiative. Doch einen umfassenden Schutz für Schrebergärten gab es nicht. Erst mit der am 31. Juli 1919 in Weimar verabschiedeten Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung wurde dies erreicht. Sie fasste die bestehenden Regelungen zusammen und ergänzte sie. Damit wurden erstmals die Kleingärtner vor zu hohem Pachtzins und willkürlicher Kündigung geschützt.

Auch in unserem Gemeindegebiet gab es Kleingärten. Bis in die 1920-er Jahre waren nach der Erinnerung von Gemeindemitgliedern in der Neumann- und Westerlandstraße Laubengärten vorhanden, teilweise mit Scheunen ausgestattet.

Das Areal, das sich hinter der Kirche bis zur Binzstraße zog, war vor dem Ersten Weltkrieg von einer der Berliner Terraingesellschaften erworben worden. Es wurde nicht bebaut und später, ebenfalls in den 20-er Jahren, für Schrebergärten bis in die 1970-er Jahre genutzt. (CB)

… vor 76 Jahren: Sieghild Jungklaus wird als eine der ersten Frauen in Berlin ordiniert

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Sieghild Jungklaus (1915-2010) als Pfarrvikarin in den 1940er Jahren

Vor mehr als 100 Jahren wurde es den ersten Frauen in Berlin erlaubt, Theologie zu studieren. Bis sie Pfarrerinnen werden konnten und irgendwann die gleichen Rechte wie ihren männlichen Kollegen hatten, war es ein langer Kampf. Eine der Frauen, die ihren Nachfolgerinnen den Weg ebnete, war Sieghild Jungklaus, die von 1943 bis 1975 als Pfarrerin in der Hoffnungskirchengemeinde aktiv war. Zunächst unter dem Titel „Pfarrvikarin“, den damals ordinierte Frauen im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen tragen mussten, später unter den Titel „Pastorin“.

In der Hoffnungskirchengemeinde hat Sieghild Jungklaus den größten Teil Ihres Lebens verbracht – sie wurde als Tochter von Rudolf Jungklaus, dem ersten Pfarrers der Gemeinde, 1915 in das Pfarrhaus gegenüber der Hoffnungskirche hineingeboren. So erlebte sie mit, mit wie viel Engagement und Freunde ihr Vater den Aufbau der damals noch neuen Gemeinde vorantrieb. Dass die gesamte Familie dabei einbezogen wurde, war selbstverständlich. Dieses Erleben von Gemeindearbeit und das Vorbild ihres Vaters war für sie prägend, zumal dieser sie auf ihrem Weg als Theologin stets unterstütze.

So studierte Sieghild Jungklaus Theologie – gekennzeichnet wurde diese Studienzeit vom Nationalsozialismus und dem Kirchenkampf, was dazu führte, dass die junge Theologin die illegalen Veranstaltungen der Bekennenden Kirche besuchte, weshalb sie vom Studium an der Berliner Universität zwangsexmatrikuliert wurde. Sie konnte ihr Studium jedoch in Marburg weiterführen und ihre Theologischen Examina ablegen.

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte sie 1940 im ersten Kriegsjahr – ihr Verlobter, der Thologiestudent Siegfried Anz, der als Soldat eingezogen worden war, fiel.

Trotzdem setzte Sieghild Jungklaus ihr Studium fort und kämpfte mit ihren Mitstudentinnen darum, auch für das Pfarramt ordiniert zu werden, was Frauen bislang noch verwehrt blieb. Doch da so viele männliche Pfarrer als Soldaten im Krieg waren und in den Gemeinden fehlten, entschloss sich die Bekennende Kirche in Berlin, ab 1943 auch Frauen zu ordinieren. Auch Sieghild Jungklaus wurde so 1943 zu einer illegalen (weil nicht von der nationalsozialistischen Kirchenleitung abgesegneten) Pfarrvikarin ordiniert und war damit eine der ersten Frauen in der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Dass sie damit aber keinesfalls auf einer Stufe mit den männlichen Pfarrern standen, wurde gleich vermerkt: „Euer Dienst (…) richtet sich zunächst auf Frauen, Jugendliche und Kinder, in der Notzeit der Kirche auch auf alle Gemeindeglieder.“ In dieser „Notzeit“ übernahm Sieghild Jungklaus Aufgaben, die sonst Männern vorbehalten waren: sie predigte, nahm Trauungen vor und konfirmierte 1944 als erste Frau in Berlin Jugendliche. Nur unverheirateten Frauen war es damals gestattet, diesen Dienst auszuüben – wollten sie heirateten, hieß das, dass sie ihren Beruf aufgeben mussten.

Auch in ihrer Kleidung sollten die Vikarinnen sich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden: ihre Dienstkleidung war ein schwarzes Kleid, zu dem sie ein Kreuz um den Hals trugen. Allerdings brachte Sieghilds Jungklaus‘ Vater ihr bald einen Talar mit, den er bei einem Schneider entdeckt hatte. So war es in der Hoffnungkichengemeinde selbstverständlich, dass Sieghild Jungklaus dort als Frau ihren Pfarrdienst ausübte, auch wenn sie durchaus einige Kämpfe auszustehen hatte. Vereinzelt gab es Menschen, die gegen „das Weib auf der Kanzel“ wetterten und beim Bischof protstierten.

Derzeit zeigt die Wander-Ausstellung „Vorgängerinnen – der Weg von Frauen ins geistliche Amt“ in der Marienkirche am Alexanderplatz den Kampf dieser ersten Theologinnen. Sieghild Jungklaus ist eine der darin porträtierten Frauen. Die Ausstellung wird voraussichtlich auch im Herbst in der Hoffnungskirchengemeinde zu sehen sein. (GL)