… vor hundert Jahren: Jugendgottesdienst zum 400- jährigen Reformationsjubiläum

Eine zentrale Jubiläumsfeier zur Erinnerung an die 95 Thesen Martin Luthers und der daraufhin einsetzenden Reformationsbewegung vor 400 Jahren, gab es es weder in Deutschland, noch in Berlin.

Die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz hatte sich bereits im Juni 1917 gegen eine Zentralfeier in Wittenberg am Reformationstag aufgrund des andauernden Krieges entschieden.

Der Kaiser ließ über die Presse mitteilen, dass es entgegen vorheriger Planungen keinen zentralen Reformationsgottesdienst in Berlin geben würde. Er verwies auf die angespannte politische Situation und die militärischen Niederlagen der deutschen Armee und ihrer Verbündeteten in den letzten Monaten. Gleichzeitig versprach er dies in einem besonders feierlichen Rahmen nachzuholen, wenn der Krieg gewonnen wäre. Lange, so war seine Hoffnung, würde es nicht mehr dauern. Die preußischen Kirchengemeinden forderte er unabhänig davon auf, das 400- jährige Jubiläum der Reformation festlich zu begehen.

Einen Feiertag schenkte der protestantische Kaiser seinen Untertanen nicht. Lediglich den evangelischen Beamten und Angestellten der Verwaltung, die einen Gottesdienst am 31.10.1917 besuchen wollten, wurden laut Runderlass des Ministers eine Freistellung von der Arbeit für diese Zeit bei vollem Lohnausgleich gewährt.

Einige der großen Kirchen Berlins, wie z.B. der Dom oder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, luden bereits vor dem eigentlichen Reformationstag zu Festgottesdiensten ein. Die meisten anderen Berliner Gemeinden, auch unsere, feierten am 31.10.1917 mit einem besonderen Gottesdienst den Reformationstag.

Wie wichtig das Reformationsjubiläum für die Pankower Gemeinde trotz oder gerade in den Kriegszeiten war, zeigen die verschiedenen Aktivitäten der Gemeindemitglieder. So gab es nicht nur einen Jubiläumsgottesdienst, sondern auch einen Elternabend des Jugendgottesdienstes der Hoffnungskirche, bei dem Martin Luther das Thema war. Er fand in den Abendstunden des 17.11.1917 im Restaurant „Kurfürst“ in der Berliner Straße statt. Neben einem Vortrag über den Reformator und einem Reigen gab es ein kleines Theaterstück, das von den Kindern der Gemeinde aufgeführt wurde. Es nannte sich „Luther als Kurrendeschüler“. (CB)

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… vor hundert Jahren: 400-jähriges Reformationsjubiläum in Pankow – Posaunenchor bläst vom Kirchturm der Hoffnungskirche

 

Seit der Reformation bis zum Sturz der Monarchie 1918 waren die evangelischen Landeskirchen durch das Summepiskopat, also die oberste Leitungsgewalt des Landesherrn geprägt. Die Feierlichkeiten zum 400. Reformationsjubiläum im Herbst 1917 stellten einen bedrückenden Gipfelpunkt dieser Ära dar, dienten sie doch Staat und Kirche als Handhabe zur Stärkung und Motivation der Bevölkerung im vierten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges. Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuss positionierte sich mit dem Versand einer Ansprache und dem nahegelegten Verlesen von der Kanzel und bekräftigte seine Intentionen zur Vereinnahmung für das Durchhaltevermögen im Krieg: „Wie unsere Väter im Glauben sich des Heldenmuts der Reformatoren, so wollen auch wir der dahingerafften Blüte unserer Söhne und Brüder uns wert erzeigen und bekennen: Ein feste Burg ist unser Gott – das Reich muss uns doch bleiben!“.

Zu Kriegsbeginn herrschte im Allgemeinen eine patriotische und begeisterte Zustimmung. Freiwillig gaben große Teile der Bevölkerung neben Kriegsanleihen auch Goldschmuck, Münzen, Hausgerätschäften aus Kupfer, Zinn und Messing zur Finanzierung des Krieges.

Mit Fortschreiten der Materialschlachten und zur Linderung des chronischen Rohstoffmangels erfolgten dann Zwangsmaßnahmen zur Einziehung von Metall. 1915 gab es dazu eine Forderung der Preußischen Kultusminister, EOK und Konsistorien, die in einer streng geheimen Aktion die Gemeinden aufriefen, die Kupferdächer ihrer Kirchen abzubauen und bei der Heeresverwaltung abzuliefern. Im Frühjahr 1917 verlangte das Berliner Kriegsministerium darauf die „freiwillige“ Ablieferung von Glocken und Orgelpfeifen aus Bronze. So erschienen auch die „Ausführungsbestimmungen zu der Bekanntmachung vom 1. März 1917 betreffend Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiwillige Ablieferung von Glocken aus Bronze“. Aufgeteilt wurde in drei Kategorien A, B und C, wobei nur letztere Gruppe als „wissenschaftlicher, geschichtlicher oder Kunstwert“ das Einschmelzen der Glocke sicher verhinderte. Ein großer Prozentsatz der deutschen Kirchenglocken landete auf den „Glockenfriedhöfen“ und fiel dieser Aktion zum Opfer.

Zu den kirchlichen Feierlichkeiten in Pankow am 31. Oktober 1917, einem Mittwoch, findet sich im Protokollbuch des Gemeindekirchenrates nur eine kurze Notiz, die besagt, dass „nach dem Konzert in der Hoffnungskirche ein Posaunenchor vom Turm blasen“ sollte. Weiter heißt es: „An demselben Abend um 7 Uhr soll ein Bläserchor von der alten Kirche in Ermangelung der Glocken das Fest einblasen.“ Ob die Glocken für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurden, ließ sich nicht nachweisen. (CW)

… vor hundert Jahren: „Neue Kleider, alte Stoffe“ – Herbstmode 1917

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Gab es am Ende des vierten Kriegsjahres noch ein Interesse an Mode oder wurde es durch den Mangel und die Alltagssorgen verdrängt?

Vieles könnte dafür sprechen, denn die Situation war infolge des andauernden Krieges für viele Frauen bedrückend und brachte so viele Sorgen mit sich, dass Modefragen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Es herrschte Mangel an Lebensmittel und Gebrauchsgütern. Eine immer größer werdende Anzahl der Frauen ging tagsüber arbeiten und kam erschöpft nach Hause. Sie sorgten sich um das Wohlergehen ihrer Kinder und ihrer Ehemänner, Väter und Brüder.

Trotzdem gab es auch im Herbst 1917 in Deutschland eine Herbstmode.

Das kriegsbedingte Modemotto hieß „Neue Kleider, alte Stoffe“. Die Röcke wurden weiter geschnitten und auf Wadenlänge gekürzt, damit die Frauen, die es eilig hatten, besser vorankamen. Es gab Arbeitsoverale für Frauen und das Kittelkleid wurde zur Alltagskleidung. Beides war praktisch und ließ viel Bewegungsfreiheit.

Längst hatten sich die Farben grau und schwarz durchgesetzt, auch im propagandistischen Sinne: grau als Huldigung an die Männer im Krieg und schwarz in Solidarität mit den vielen Witwen.

Seit April 1917 gab es eine neue Kleiderordnung, die von der Reichsbekleidungsstelle erlassen worden war. Danach blieben jeder Frau nur noch ein Sonntagsgewand und zwei Alltagsgewänder. Außerdem durfte sie lediglich je einen Sommer- und Wintermantel, zwei Blusen, drei Schürzen, sechs Taschentücher, ein Paar Winterhandschuhe sowie einen Rock besitzen. Insgesamt drei Paar Schuhe waren erlaubt, Winterstiefel mit eingeschlossen. Die einzige Ausnahme waren die Kopfbedeckungen. Davon konnte man soviel besitzen und tragen, wie man wollte.

Trotz dieser Beschränkungen wurde in den Modejournalen die neueste Mode mit Modellen und Schnittmustern vorgestellt. Kaufhäuser und Geschäfte warben mit entsprechenden Stoffen um ihre Kundinnen.

In Berlin gab es ca. 30 Kaufhäuser, 260 Konfektionsschneider und ca. 25 Maßateliers, die das Thema Mode weiterhin den Frauen näher brachten und dafür sorgten, dass der graue Alltag die neueste Herbstmode nicht ganz aus ihrem Leben verschwinden ließ. Das galt sicherlich auch für Frauen in der Hoffnungsgemeinde. (CB)

…. vor hundert Jahren: Konfirmation in der Hoffnungskirche von 136 Jugendlichen

An einem Donnerstag im September, kurz vor dem Erntedankfest, waren besonders viele Menschen in die Hoffnungskirche gekommen. Es herrschte große Aufregung und Stimmengewirr summte durch den Raum. Viele festlich gekleidete Familien warteten auf den Einzug von 30 Jungen und 27 Mädchen, die an diesem 27. September konfimiert werden sollten.

Endlich war es soweit. Die Orgel setzte ein und angeführt von Pfarrer Simon zog ein eindrucksvoller Zug von Konfirmanden durch das Eingangsportal in die Brauthalle bis in die vorderen Kirchenbänke.

Mitten unter ihnen befanden sich die drei Mädchen der Familie Luck. Die älteste Schwester Erna war fast 18 Jahre alt, die Jüngste der Schwestern war, wie die meisten der Konfirmandinnen, 14 Jahre alt. Die Familie Luck hatte vermutlich mit der Konfirmation der drei Schwestern so lange gewartet, bis auch die Jüngste konfirmiert werden konnte. Die Mädchen hatte einen Altersabstand von ca. zwei Jahren. So lag es nahe die Schwestern gemeinsam konfirmieren zu lassen und ein großes Familienfest in diesen schweren Zeiten zu feiern.

Einen Tag später, am 28. September, wurde erneut Konfirmation in der Hoffnungskirche gefeiert. Diesmal war es Pfarrer Jungklaus, der die 36 Jungen und 26 Mädchen anführte. Das Zwillingsschwesternpaar Elsbeth Josephine und Margarethe Wilhelmine Bandit, die beide 14 Jahre alt waren, waren darunter.

Auch Johanna Kerkow ließ sich in der Hoffnungskirche konfirmieren. Sie war die Tochter des Landwirtes Karl Otto Kerkow aus Karow und zumindest weitläufig mit der bekannten Karower Kerkow-Familie verwandt. Warum sie sich von Pfarrer Jungklaus konfirmieren ließ ist nicht mehr bekannt. Nur das große Unglück der Familie, das völlige Ausbrennen ihrer Scheune 1912, das die Karower Feuerwehr nicht mehr verhindern konnte, läßt sich noch zurückverfolgen. Vermutlich hatte jedoch Beides nichts miteinander zu tun. (CB)

Carl Fenten – ein wichtiger Architekt für die Hoffnungskirche und für Pankow

Wartehäuschen Mühlenstraße 1917_Architekt Fenten
Das „Wartehäuschen in der Mühlenstraße in Pankow, Arch: Fenten, Pankow (zurzeit im Felde)“ Bild aus der „Berliner Architekturwelt“, Heft 1/1917, S. 27

Nahe des heutigen U- und Trambahnhofs Vinetastraße in Pankow-Süd steht an markanter Stelle auf der Insel zwischen Berliner und Mühlenstraße ein altes Straßenmöbel, in dem heute unter dem Namen „China-Town“ ein Imbisslokal betrieben wird.

 

Um 1914 vom Architekten Carl Fenten entworfen, diente das Häuschen damals als Bedürfnisanstalt mit Wartehäuschen und Zeitungskiosk. Abgebildet war das Kleinod im Fachblatt „Berliner Architekturwelt“, Heft 1/1917, S. 27, als „Wartehäuschen in der Mühlenstraße in Pankow, Arch: Fenten, Pankow (zurzeit im Felde)“.

Der im neobarocken Stil errichtete Putzbau mit Klinkersockel hat ein zweistufiges biberschwanzgedecktes Walmdach, gekrönt durch einen kupfernen Dachreiter. Südlich öffnet sich das Häuschen durch ein von sechs Sandsteinsäulen getragenes Vordach. Darunter läuft rings um das Gebäude ein Eierstabfries. Das kleingliedrig gerahmte Kioskfenster wurde bei der Restaurierung in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt. Auf dem alten Foto sind auch die neu angepflanzten Straßenbäume gut sichtbar.

Schon in der späten Kaiserzeit war die Berliner Straße als Verbindung von Berlin und dem damaligen Vorort Pankow eine verkehrsreiche Straße, zunächst von Haferdroschken und Pferdeomnibussen, später der Straßenbahn frequentiert. 1930 wurde hier der U-Bahnhof Vinetastraße, vorläufig als Endhaltestelle in Pankow eröffnet.

Zum propagandistischen Großereignis 1936, den Olympischen Spielen, wurde das Gebäude umfunktioniert. Ein von Hakenkreuzfahnen flankiertes Schild prangte mit der Aufschrift „Auskunftsstelle des Olympia Verkehrs- und Quartiersamts Pankow“ über dem Eingang. Auch die Berliner Straße war dementsprechend geflaggt.

Carl Fenten, geboren am 20.4.1877, war seit der Jahrhundertwende, bis in die späte Weimarer Zeit als erfolgreicher Architekt in Pankow tätig, der stetig wachsenden Bevölkerungszahl in Pankow entsprechend, vor für allem Schul- und Wohnungsbauten.

Sein bedeutendstes Bauwerk ist der riesige Schulkomplex in der Görschstraße 42-44, eingerahmt durch die Flora, Neue Schönholzer und Wollankstraße, heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium und Arnold-Zweig-Grundschule. Im kurzen Zeitraum von 1909-11 entwarf er, gemeinsam mit Rudolf Klante und Eilert Franzen drei Gemeindedoppelschulen, eine Höhere Töchterschule, ein Höheres Lehrerinnenseminar mit zugehörigem Kesselhaus. Gleich in der Nachbarschaft, Görschstraße 45/46 steht ein neobarockes Gebäude, ehemaliges Hauptzollamt, heutiger Sitz der Algerischen Botschaft. Das 1908-10 im Spätrenaissancestil errichtete ehemalige Rathaus Niederschönhausen ist das heutige Max-Delbrück-Gymnasium.

Im Auftrag von städtischen Baugemeinschaften wie der Pankower Heimstätten GmbH realisierte Fenten in den 20er Jahren eindrucksvolle Wohnanlagen mit Innenhöfen und Vorgärten, so in der Galenus-, Klaustaler, Paracelsusstraße und der Prießnitzstraße sowie in der Achtermann-, Bleicheroder und Mendelstraße.

In seiner Funktion als Regierungsbaumeister stand Carl Fenten dem Gemeindekirchenrat beratend für das neue Bauprojekt der Pankower Hoffnungskirche zur Seite. Daneben war er Mitglied im Preisgericht, das bei der Ausschreibung zur Erlangung von Entwürfen für den Neubau der evangelischen Kirche vom Gemeindekirchenrat als Ideen-Wettbewerb unter den in Berlin und Vororten ansässigen Architekten zum 1. November [1910] eingesetzt wurde.

Die meisten Bauten von Carl Fenten stehen heute unter Denkmalschutz. (CW, GL)

…vor 124 Jahren: Das Schicksal einer jüdischen Familie

Am 13. August 1893 wird Gabriella Licht in Budapest geboren. Damals ahnt sie noch nicht, dass die Hoffnungskirche eines Tages ein wichtiger Ort in ihrem Leben sein wird. Ihre Eltern sind jüdischen (mosaischen) Glaubens und auch Gabriella wächst zunächst in diesem Glauben auf.

Sie lernt den ebenfalls in Budapest geborenen Kaufmann Eugen Siklós kennen. Auch er ist jüdischen Glaubens. Die beiden heiraten und  im August 1920 kommen die gemeinsamen Zwillingstöchter Eva und Irene in Wien zur Welt.

Bald darauf zieht Familie Siklós nach Berlin, in den wachsenden Stadtteil Pankow. Hier zogen die Eltern mit den beiden Zwillingsmädchen in die Maximilianstraße 48, ins Gemeindegebiet der Hoffnungskirche.

Obwohl es in Pankow schon eine rege jüdische Gemeinde gab – das jüdische Waisenhaus in der Berliner Straße mit der darin befindlichen Synagoge war Zentrum des jüdischen Lebens in Pankow – suchte die Familie Kontakt zu Pfarrer Rudolf Jungklaus. Der war in der „Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden“ aktiv und so Ansprechpartner für viele Menschen jüdischens Glauben, die zum Christentum übertreten wollten. Pfarrer Jungklaus‘ Tochter erinnert sich später an die Familie: „Uns ist noch in Erinnerung, wie unser Vater einmal eine ganze Familie, Eltern und Kinder, die alle auf eigenen Wunsch hin getauft werden wollten, in unserer Wohnung zum regelmäßigen Unterricht versammelte. Es war uns sehr eindrücklich wie Vater von der hohen Intelligenz und der inneren Anteilnahme dieser Menschen sprach.“

Im Januar 1928 wurden die Eltern und die 7-jährigen Töchter von Pfarrer Jungklaus in der Hoffnungskirchengemeinde getauft.

Der weitere Lebensweg der Familie nahm durch die später aufkommende Herrschaft der Nationalsozialisten eine schrecklichen Verlauf: was aus Gabrielle und Eugen Siklós geworden ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Über ihre beiden Zwillingstöchter Eva und Irene ist bekannt, dass sie am 25.02.1945 im KZ Flossenbürg angekommen und dort am 31.03.1945 ums Leben gekommen sind. Sie sind 24 Jahre alt geworden. (GL)

…vor hundert Jahren: Kinderbetreuung in Kriegszeiten

Es ist Sommer, die Schulkinder haben Ferien. Die Sonne scheint und ab und an zieht eine Wolke am Himmel auf, die Regen bringt. Kinderlärm schallt von den Straßen, überall sieht man die Kleinen auf den Gehwegen spielen.

Für viele von ihnen war es noch bis vor einigen Jahren üblich, der Stadt den Rücken zu kehren und mit ihren Familien in die Sommerfrische zu ziehen. Dieses Glück haben nur noch wenige, denn ihre Eltern haben dafür weder Zeit noch Geld. Fast jeder Vater und immer mehr Mütter sind arbeiten.

Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5.12.1916, umgangssprachlich auch Hilfsdienstgesetz genannt, verpflichtet alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren, die nicht an die Front eingezogen wurden und bis zu diesem Zeitpunkt nicht in der Landwirtschaft tätig waren, zur Arbeit in den Rüstungs- oder anderen kriegswichtigen Betrieben.

Dadurch haben sie nicht nur keine freie Arbeitsplatzwahl sondern die Verpflichtung zur Arbeit. Anderseits werden in allen anderen Bereichen immer mehr Frauen benötigt. Zahlreiche Aufrufe auf Litfaßsäulen, in Zeitungen und Zeitschriften, in der Kriegswirtschaft tätig zu sein und den Verlust der männlichen Arbeitskräfte auszugleichen, machen das deutlich. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch in der Industrie werden sie gebraucht.

Viele Mütter sind dazu bereit, um sich und die Kinder zu versorgen, denn oft reicht die Witwenrente nicht aus. In anderen Familien sind die Ehemänner, Brüder oder Väter kriegsbeschädigt zurückgekehrt. Sie haben keine Möglichkeit, erwerbstätig zu sein.

Vor allem in den Städten fehlen den auf sich gestellten Müttern Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Gerade in den Sommerferien wollen sie sie nicht den ganzen Tag ohne Aufsicht lassen. Die Kleineren brauchen ohnehin eine Ganztagsbetreuung.

Um den Arbeitskräftebedarf besser koordinieren zu können und den Bedürfnissen der Frauen besser gerecht zu werden, richtet das Kriegsamt 1916 die „Frauenarbeitszentrale“ ein. Sie wird von Dr. Marie Elisabeth Lüders geleitet, die u.a. von Alice Salomon, trotz heftiger Bedenken, unterstützt wird. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die soziale Fürsorge für die Frauen zu verbessern und so machen sie sich neben Arbeitsschutz und geeigneten Unterkünften auch dafür stark, dass möglichst viele „Fabrikkrippen“ und „Stillkrippen und -stuben“, innerhalb oder in nächster Nähe von Betrieben, eingerichtet werden.

Die Hoffnungsgemeinde hat bereits seit 1913 ein Kindertagesheim, das sich im Seitenflügel des Gemeindehauses befindet. Alle Kinder sind willkommen und so besuchen auch Arbeiterkinder aus den naheliegenden Munitionsfabriken den Kindergarten. Sie werden von Schwester Ida und Martha Telzerow betreut.

Die Gemeinde reagiert auf die Notlage der Familien während des Krieges und so wird außerdem ein Hort für die älteren Kinder und Jugendlichen im Gemeindehaus eingerichtet, der von Schwester Martha geleitet wird. Viele finden hier Geborgenheit und Zuwendung. (CB)