… vor hundert Jahren: Ostern 1919

Der Frühling hielt vorsichtig Einzug in Berlin. Die Tage waren jetzt wärmer und ab und zu lugte die Sonne hervor. Überall streckten die Frühlingsblumen ihre Köpfe aus der Erde und vertrieben das triste Wintergrau. Die Menschen auf der Straße erfreuten sich an ihrem Anblick und einige spürten eine frohe Erwartung. Sie hatten ein bisschen Aufmuterung nötig, endlich ging es aufwärts.

Die Presse kündigte die Verteilung von amerikanischen Lebensmitteln (Fleisch, Speck, Mehl) für die Woche nach Ostern an.

In Berlin war die Arbeitslosenzahl zurückgegangen. In den Zeitungen wurden freie Stellen für Arbeiter und Angestellte annonciert. Noch war die Wirtschaft nicht richtig angelaufen, doch es gab eine vorsichtige positive Prognose.

Die anhaltenden Streiks verhinderten jedoch zu hohe Erwartungen. Am Karsamstag nahmen zumindest die Angestellten der Warenhäuser ihre Arbeit wieder auf. Die Kaufhäuser konnten an diesem Tag endlich wieder für ihre Kunden öffnen. Die Arbeitsniederlegungen der Bankbeamten und der Arbeiter in der Metallindustrie gingen dagegen weiter.

Unruhe herrschte auch unter den Arbeiterräten. Ein Rätekongress der Arbeiterräte von Groß-Berlin war für den 19.4.1919, den Karsamstag, einberufen worden, um sich über das weitere Vorgehen abzustimmen. Noch gab es keine Weimarer Verfassung und der Machtkampf unter den verschiedenen politischen Kräften hielt in Deutschland und Berlin an.

In der Hoffnungsgemeinde gab es unter seinen Mitgliedern ein wenig mehr Zuversicht als in der harten Winterzeit. Neben den alltäglichen Schwierigkeiten, die sie bewältigten mussten, wurden jetzt wieder Familienfeste gefeiert.

Ende März wurden von den Pfarrern Simon und Jungklaus insgesamt 176 Jungen und Mädchen konfirmiert.

Am Ostersonntag taufte Pfarrer Simon zwei Kinder, am Ostermontag wurden von ihm acht Kinder und von Pfarrer Jungklaus ein Kind getauft. Das jüngste getaufte Kind, Margareta Elly Elisabeth Schrape, war erst 19 Tage alt. Nicht viel älter war ein weiteres kleines Mädchen: Lucia Greta Hoffmann. Sie war 40 Tage alt. Unter den Täuflingen fand sich auch ein uneheliches Kind, dass jedoch fünf Taufpaten an seiner Seite hatte. Sechs Tage später wurde erneut die Taufe von zwei Kindern gefeiert. Schon lange hatte die Hoffnungsgemeinde nicht mehr so viele Täuflinge innerhalb weniger Wochen gehabt.

Auch Hochzeitsgesellschaften fanden ihren Weg in die Hoffnungskirche. Vier junge unverheiratete Paare gaben sich Ende April vor Pfarrer Jungklaus das Ja-Wort. (CB)

Die Abbildung ist einer Postkarte mit folgenden Angaben entnommen: offizielle Karte für Rotes Kreuz Kriegsfürsorgeamt, Kriegshilfsbüro, Nr. 53-3

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… vor hundert Jahren: Zeitumstellung – Die Sommerzeit war 1919 kein Thema

Im Frühjahr, am 31. März 2019 werden die Uhren wieder um eine Stunde nach vorn gedreht, auf die Sommerzeit, wie schon seit eh und je? Ein Blick in die Zeit vor hundert Jahren lehrt uns, dass es im Jahr 1919 keine Sommerzeit gab. Aber ganz neu und unbekannt war das Thema nicht mehr:

In Deutschland wurde die Sommerzeit als wirtschaftliche Maßnahme erstmals 1916 im Ersten Weltkrieg eingeführt. Im Reichs-Gesetzblatt Nr. 67, heißt es dazu am 6. April 1916 in der „Bekanntmachung über die Vorverlegung der Stunden während der Zeit vom 1. Mai bis 30. September 1916.“, dass in diesem Zeitraum „die gesetzliche Zeit in Deutschland die mittlere Sonnenzeit des dreißigsten Längengrades östlich von Greenwich“ wäre. Eine Stunde wurde den Menschen über den Sommer also damals stibitzt, die dann im Herbst wieder auftauchte. Die Uhren wurden um eine Stunde vorgedreht, denn „der 1. Mai 1916 beginnt am 30. April 1916 nachmittags 11 Uhr [sprich: 23 Uhr] im Sinne der gegenwärtigen Zeitrechnung. Der 30. September 1916 endet eine Stunde nach Mitternacht.“ Bis zum letzten Kriegsjahr wurde nun drei Jahre lang in Deutschland die Zeit umgestellt, 1919 wurde die Sommerzeit wieder abgeschafft.

Erst im Zweiten Weltkrieg spielte die Zeitumstellung wieder eine Rolle, die dann nach dem Krieg, durch die Besatzungsmächte unterschiedlich gehandhabt, bis zum Ende der 1940er Jahre wieder gestrichen wurde. Bedingt durch die Ölkrise von 1973 flammte die Debatte wieder auf und 1980 wurde sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR die Sommerzeit wieder eingeführt. Auch in vielen anderen europäischen Ländern galten Sommerzeiten, die als westeuropäische, mitteleuropäische und osteuropäische Sommerzeiten in einheitlichen Richtlinien der EU verankert wurden.

Bis heute werden immer wieder die Argumente gegeneinander abgewogen. Im Laufe der Zeit kristallisierten sich zwei Lager heraus, die entschiedenen Befürworter der Zeitumstellung und die entschiedenen Gegner. Die Argumente ersterer bemühen vordringlich wirtschaftliche Gründe und eine effektivere Ausnutzung der Tageszeiten aus energiepolitischen Gesichtspunkten, während die Argumente derer, die sich dagegen stellten, den Nutzen bezweifelten und eher den menschlichen Biorhythmus in den Vordergrund stellten, Schlafmangel und folgende gesundheitliche Probleme vielfältiger Art, die inzwischen durch wissenschaftliche Studien belegt sind, stünden dagegen

Gerade in den letzten Jahren hat die Debatte über die Zweck- und Verhältnismäßigkeit des ganzen Aufwandes der Sommerzeiten wieder an Brisanz und Aktualität gewonnen, nicht zuletzt aufgrund umfangreicherer wissenschaftlicher Studien über die gesundheitlichen Folgen.

Mittlerweile ist sie jedoch nicht mehr nur eine nationale, sondern heutzutage eine durch das europäische Parlament mitbestimmte Fragestellung. Seit 2018 wird das Thema intensiv im EU-Parlament bearbeitet. Bei einer online-Befragung, an der sich über 500 Millionen EU-Bürger beteiligten, sprachen sich 84 Prozent der Teilnehmer für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. Daraufhin lenkte das EU-Parlament in Richtung einer endgültigen Abschaffung der Sommerzeit ein, welche in den kommenden Jahren vollzogen werden soll. Eine endgültige Entscheidung lässt jedoch noch auf sich warten.

Bis zur Einigung der EU-Mitgliedsstaaten heißt es also, geduldig zu sein und am 31. März wieder die Uhren um eine Stunde vorzustellen. (CW)

Vor hundert Jahren: Kohleengpass in Berlin

Ein Ende des Elends war nicht in Sicht. Gab es während des Krieges schon einiges gar nicht mehr oder nicht in ausreichender Menge, so wurde es danach, entgegen aller Hoffnung, noch schlimmer. Nicht nur Lebensmittel und Kleidung sondern auch die Kohle wurde immer knapper in Berlin. Die Zeitungen vermeldeten, dass die Kohlevorräte zur Neige gingen und ein Nachschub auf sich warten ließe. Grund dafür war nicht das Schrumpfen der deutschen Kohlevorkommen sondern Arbeitsniederlegungen der Bergarbeiter.

Die politischen Unruhen, die Deutschland zur Erklärung des Waffenstillstands gezwungen hatten, waren in weiten Teilen der jungen Republik noch nicht abgeflaut. Die Regierung rang in Weimar um eine neue  Verfassung während in München die Räterepublik ausgerufen worden war und in Mitteldeutschland und anderswo zur Beteiligung an Streiks aufgefordert wurde. Überall kämpften die verschiedenen politischen Kräfte um die Macht. Auch die Arbeiter in den Hallenser und Niederlausitzer Kohlerevieren, die überwiegend die Hauptstadt mit dem „schwarzen Gold“ versorgten, hatten sich dem Aufruf zur Arbeitsniederlegung angeschlossen.

Die Folge war, dass eine ausreichende Stromversorgung von Berlin nicht mehr gewährleistet werden konnte. Industriebetriebe mussten schliessen oder konnten nur noch eingeschränkt produzieren. Außerdem wurde der Verkehr fast vollständig eingestellt. Die Straßenbahnen fuhren gar nicht oder nur sehr unregelmäßig.

Auch die Züge nach Mittel- oder Süddeutschland verkehrten nicht mehr. Für die Einstellung des Zugverkehrs in Richtung Süden war allerdings nicht die Kohleknappheit verantwortlich sondern die Streikwelle in Mitteldeutschland. Aufgrund des Generalstreiks in Halle und Leipzig waren die dortigen Bahnhöfe lahmgelegt, ein Passieren war unmöglich.

Vorallem die einzelnen Haushalte hatten unter dem Kohlemangel erheblich zu leiden. Ein weiteres Mal gab es neue Bezugsscheine. Sie ermöglichten die Entgegennahme einer noch kleineren Menge an Heizmaterial und der Schwarzhandel erhielt erneut Aufschwung. Viele Berliner konnten deshalb ihre Wohnungen nicht mehr ausreichend heizen und froren bei den um diese Jahreszeit üblichen Temperaturen.

Die schlechte Versorgungslage scheint auch unsere Gemeinde getroffen zu haben. Die Zahl der kirchlichen Beerdigungen stieg. In den Monaten Januar bis März wurden von den Pfarrern Beier, Pankow und Simon 40 Gemeindemitglieder bestattet, im Vergleich zu sonstigen Zeiten waren das sehr viele. Kinder waren nicht so oft betroffen. Zumeist handelte es sich bei den Verstorbenen um Frauen und Männer mittleren Alters oder im Rentneralter. Auffällig häufig erlagen sie einer Atemwegs- oder Lungenkrankheit, nur wenige starben an Altersschwäche. (CB)

…vor 100 Jahren – Pankow und das Kino

Während in diesen Tagen die Berliner Filmfestspiele Zuschauer aus aller Welt in die Kinos der Stadt locken, steckte vor 100 Jahren das Kino noch in den Kinderschuhen. Doch Pankow war ein Ort, der die Anfänge des Kinos miterlebte, denn hier lebte und wirkte Max Skladanowsky, der zusammen mit seinem Bruder Emil 1894 eine Filmkamera und 1895 das Bioscop, einen Filmprojektor, baute. In der Berliner Straße 27, wo sich damals das Ausflugslokal „Feldschlößchen“ befand, zeigten die Brüder den Gästen im Juli 1895 erste Filme und drehten im Garten des Lokals kurze Filme, die im November 1895 im Berliner Wintergarten-Varieté als 15-minütiger Abschluss des Programms gezeigt wurde. Die Aufnahmen zeigten u.a. akrobatische und Jonglage-Nummern, verschiedene Tänze und ein boxendes Känguruh. Einen Monat lang wurde dieses Programm vor immer ausverkauften Publikum gezeigt. Ein Zeitungredakteur schrieb damals: „Das Finale der Vorstellung springt auf die kleinere Bühne des Bioscop über. Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht soll der Teufel wissen.“ Diese Präsentation ist als eine der ersten Filmvorführungen vor zahlendem Publikum in die Filmgeschichte eingegangen (zusammen mit der der Brüder Lumiére in Paris) und markiert damit die Geburtsstunde des Kinos. Einige Jahre später etablierte sich an diesem historischen Ort unter dem Namen „Pankower Lichtspiele“ ein festes Kino. Später wurde es in „Tivoli“ umgetauft, das an dieser Stelle noch bis 1994 existierte. Heute befindet sich auf dem Grundstück der Lidl-Markt, ein Mosaik-Schriftzug erinnert an die historische Bedeutung des Ortes und die Vorführung der Brüder Skladanowsky.

Dieses Ereignis strahlte auf Pankow aus – vor hundert Jahren, im Jahr 1919, hatten sich bereits sechs Kinos in Pankow etabliert, wo sich die Pankower Filme ansehen konnten. (GL)

… vor hundert Jahren: Frauen wählen

Der 19. Januar 1919 war in vielerlei Hinsicht ein historischer Tag. Zum ersten Mal durften die Frauen in Deutschland wählen gehen und gewählt werden. Ca. 20 Millionen Frauen waren an diesem Tag aufgerufen, ihre Stimme zur Nationalversammlung abzugeben. Gewählt wurde ein Parlament, das keinem Monarchen verpflichtet war und später in Weimar zusammentrat.

Den ganzen Tag standen Männer, Frauen und Kinder in der klirrenden Kälte vor den Wahllokalen und verteilten an die zur Wahl gehenden Berliner/innen die Stimmzettel der von ihnen bevorzugten Partei. Eine allgemein gültige Wählerliste mit allen zur Wahl zugelassenen Kandidaten und Parteien gab es noch nicht. Jede/r Stimmberechtigte/r nahm sich den Wahlschein seiner Wunschpartei und gab ihn ab.

Am 12. November 1918 hatte die Übergangsregierung die erste demokratische Wahl mit unbeschränktem aktiven und passiven Frauenwahlrecht beschlossen. Danach erhielten alle Frauen, ob Hausfrau, Arbeiterin oder Adlige ab dem 20. Lebensjahr das Wahlrecht für die Stadt- und Landgemeinden, für den Bundesstaat und für das Parlament. Darüber hinaus durften sie sich selbst zur Wahl stellen.

Das war zu diesem Zeitpunkt sehr fortschrittlich und traf viele Frauen unvorbereitet. In Deutschland war ihnen bisher jegliches Recht wählen zu gehen verweigert worden. In anderen Ländern hingegen durften die Frauen bereits seit ungefähr 50 Jahren auf unterschiedliche Weise wählen.

Es war deshalb eine dringende Aufgabe der Parteien und Frauenrechtlerinnen, die potentiellen Wählerinnen zu überzeugen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen und ihnen gleichzeitig einen Überblick über die politischen Zielsetzungen zu geben. Wahlveranstaltungen, speziell für Frauen, wurden allerorts meist durch politisch aktive Frauen durchgeführt. Mit Flugblättern und Zeitungsartikeln wurden sie immer wieder angehalten, sich mit ihren neuen Rechten auseinanderzusetzen und diese zu nutzen. „Wahlrecht ist Wahlpflicht“ lautete einer der Slogan.

In Berlin war Luise Zietz eine bekannte Frauenrechtlerin. Sie hatte sich gemeinsam mit Clara Zetkin u.a. lange vorher für das Wahlrecht der Frauen eingesetzt. Bei ihren Veranstaltungen waren die Säle meist überfüllt. Wortgewaltig überzeugte sie die Zuhörerinnen, ihre Stimme abzugeben.

Die Zeit bis zur Wahl war knapp und von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Räten und den Freikorps überschattet. Neue Parteien hatten sich gebildet. Frauen, die bisher meist nicht in der Politik aktiv waren, ließen sich als Kandidatinnen aufstellen und führten, unerfahren auf diesem Gebiet, ihren ersten Wahlkampf durch.

Trotzdem beteiligten sich ca. 83 % der Wahlberechtigten an dieser Wahl. 37 Frauen zogen nach Auszählung der Stimmen als erste weibliche Abgeordnete in das Parlament ein und stellten damit ca. 10 % aller Abgeordneten. Luise Zietz war eine unter ihnen. Sie war für die USPD angetreten. (CB)

… vor hundert Jahren: Rede von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Lokal „Zum Kurfürsten“ am 18. Dezember 1918

Unweit der Hoffnungskirche, in der Berliner Straße 102, zwischen der Ecke Binzstraße und dem heutigen Naturkostladen „Tilia“, befand sich seit der Kaiserzeit das Lokal „Zum Kurfürsten“, das bald „Zum roten Kurfürsten“ hieß. Dieser Beiname sollte einmal mehr durch eine Rede von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bestätigt werden, die hier in Pankow, knapp einen Monat vor ihrer Ermordung im Januar 1919, am 18. Dezember 1918, leidenschaftlich gegen die Widersacher der Revolution auftraten und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen.

Im Archiv Pankow findet sich der Bericht des ehemaligen Besitzers des „Kurfürsten“, Carl Ebersbach von 1956, dessen Vater Karl Ebersbach 1897 das Grundstück vom insolvent gegangenen Bäckermeister Quast erworben hatte. Zuvor hatte sich an dieser Stelle ein bayrisches Bierlokal in Zeltform inmitten einer großen Gärtnerei befunden. 1896/97 wurden hier in der Berliner Straße 102 ein Vorderhaus, ein Quergebäude, ein Seitenflügel und ein großer Saal von 500 qm erbaut. 1898 erhielt Karl Ebersbach die Konzession und eröffnete am Himmelfahrtstage das Restaurant „Zum Kurfürsten“. Im Wohnhaus wurde ein Speiselokal eingerichtet, der Restaurantgarten lag straßenseitig. Neben dem Saalgebäude gab es einen Pferdestall und Schuppen für Kremser im Hof.

Im Alter von 24 Jahren, am 19. März 1902 übernahm sein Sohn Carl das Restaurant. „Einige Tage später kamen Genossen der S.P.D. zu mir (Freiwald, Eichler, Stubig usw.) und fragten, ob ich meinen Saal zur Versammlung hergebe, was ich tat. Daraufhin wurde festgemacht, daß in dem selben Jahr die erste Maifeier in Pankow, Berliner Str. 102 „Zum Kurfürsten“ stattfand. Der Eintrittspreis betrug 10 Pfg., das Programm ist mir noch in Erinnerung, Musik, Rede von Arthur Stadthagen. Der Erfolg war der, daß das Restaurant ab da „Der rote Kurfürst“ hieß und ich wurde von den Bürgerlichen boykottiert.“ Stammgäste in den Jahren 1904-1908 sollen die Bauarbeiter, welche an den Häusern in der Binzstraße bauten, gewesen sein. Er schildert weiter, dass er den Saal auch für den Turnverein „Fichte“ zur Verfügung stellte, da den Arbeitervereinen die Nutzung der städtischen Turnhallen verweigert wurde und dass im Jahr 1910 Clara Zetkin und die Genossin Stiller eine Versammlung zur Gründung einer Pankower Frauenschaft nutzten. Diese Versammlung wurde aufgelöst, was mit einer Geldstrafe von 30 Reichsmark für Stiller und Ebersbach endete.

Carl Ebersbach selbst wurde gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 eingezogen und war bis Anfang 1919 noch in Gomel (Weißrussland). Seine Frau übernahm unterdessen die Geschäfte im Pankower Restaurant und überließ den Saal im Dezember 1918 der KPD für eine bedeutende Veranstaltung: Am Mittwoch, 18. Dezember 1918, fand hier eine Großversammlung im überfüllten Saal statt, auf der Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vor etwa 2500 Besuchern gegen die Feinde der Revolution sprachen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen. Auch der Garten soll voller Menschen gewesen sein, teilweise saßen die Zuhörer auf den Bäumen und auf dem Saaldach. Für weitere Veranstaltungen der SPD und später der KPD hatte Ebersbach den Saal oft kostenlos überlassen.

Kurzzeitig wurde der Saal 1919 zu einem Filmtheater umgestaltet, was sich aber nicht rentierte. In den weiteren Jahren der Weimarer Zeit war das Lokal immer wieder Treffpunkt der Kommunisten, seit 1929 trafen sich hier auch die Nazis. Bei mehreren „Saalschlachten“ gab es Verletzte und Sachschäden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Erscheinungsbild des Restaurants. Da Carl Ebersbach eingetragenes Mitglied der der KPD war und seine Frau Jüdin, war das Ehepaar Anfeindungen durch die Nazis ausgesetzt. Seit 1936 war er gezwungen, den Saal an einen Nazi zu verpachten, ab 1942 dienten die Räumlichkeiten als Quartier für eine Luftwaffeneinheit und zahlreiche Filme wurden dort aufbewahrt. Am 24. April 1945 ging der Saal bei Luftangriffen durch deutsche Fliegerbomben in Flammen auf. Die Gastwirtschaft brannte in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 ab. Die Ruine wurde im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks 1955 enttrümmert. Um 1960 wurde das Wohnhaus wieder aufgebaut, im Erdgeschoss befanden sich dann dort eine Drogerie und ein weiterer kleiner Laden, ein Wiederaufleben der Gastwirtschaft gab es nicht mehr, obwohl Carl Ebersbach noch bis in die 80er Jahre in dieser Adresse wohnte. Zu dieser Zeit wurde an der Hausfassade eine Gedenktafel über das Versammlungs-Lokal der SPD „Zum Kurfürsten“ angebracht, die jedoch in den 1990er Jahren von unbekannt wieder demontiert wurde. Eine Fotografie der Tafel aus dem Jahr 1991 wird im Pankower Archiv aufbewahrt.

Mit dem Versammlungsort „Der rote Kurfürst“ stand das südliche Pankow noch vor seiner Eingemeindung in die Metropole in enger Verknüpfung zu den weltbewegenden Revolutionsereignissen von 1918/19. Die durch rätedemokratische Ideen bestimmten Kräfte des linken Flügels der Revolutionäre sollten nach kurzer Zeit am Widerstand der SPD-Führung scheitern, die aus Furcht vor einem Bürgerkrieg die alten kaiserlichen Eliten nur teilweise entmachtet hatte. Ihren Höhepunkt fanden die Ereignisse, als rechtsgerichtete Freikorpseinheiten den sogenannten Spartakusaufstandes im Januar 1919 niederschlugen, in deren Zusammenhang auch die gewaltsamen Tode Luxemburgs und Liebknechts und mit ihnen bis zum Mai 1919 die Tode von mindestens 2400 Menschen standen. (CW)

… vor hundert Jahren: Ende des Ersten Weltkrieges

In den letzten Monaten hatte sich immer mehr Kriegsmüdigkeit unter der Bevölkerung breit gemacht. Die meisten sehnten den Frieden herbei. Auch unter den Politikern wuchs der Widerstand gegen eine Weiterführung des Krieges.

Die erwarteten militärischen Erfolge des deutschen Heeres waren seit dem Sommer ausgeblieben, die Mehrzahl der Soldaten waren demoralisiert und die deutsche Wirtschaft lag nach vier Kriegsjahren darnieder. Eine Besserung war nicht in Sicht.

Aus dieser Situation heraus entschied sich die deutsche Heeresleitung Anfang Oktober 1918 Waffenstillstandsverhandlungen zu führen. Sie wollte ohne größere Zugeständnisse an ihre Gegner den Krieg beenden. Zu einer schnellen Einigung zwischen den Kriegsparteien kam es nicht.

Ende Oktober verweigerten viele Matrosen den Gehorsam und bildeten gemeinsam mit den Soldaten und Arbeitern eigene Räte, die letztlich zur Abdankung des Kaisers am 9. November 1918 führten.

Zwei Tage später trat das von der neuen deutschen Regierung in Frankreich unterschriebene bedingungslose Waffenstillstandsabkommen in Kraft, das das Ende des Ersten Weltkrieges markiert.

Dem Abkommen folgten Vertragsverhandlungen mit den Siegermächten, die ihren Abschluss in den sog. Versailler Verträgen fanden. Deutschland wurde darin zu hohen Reparationszahlungen und anderen Leistungen verpflichtet, die letztlich, so die überwiegende Meinung der Historiker, zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten.

An einigen Fronten, überwiegend in Afrika, wurde auch nach dem 11. November 1918 noch weitergekämpft. Die Nachricht über den vereinbarten Waffenstillstand erreichte die Generäle erst später.

Die Zahl der Kriegstoten stieg bis zum Ende des Jahres weiterhin an. In den Dezemberausgaben der Zeitungen fanden sich noch viele Todesanzeigen von im Krieg gestorbener Männer und Frauen.

Während des Ersten Weltkrieges starben ca. 9 Millionen Soldaten, davon ca. 2 Millionen deutsche. Viele der heimgekehrten Männer hatten Schaden an Leib und Seele genommen. Ungefähr 2,5 Millionen Deutsche kehrten kriegsversehrt zurück.

Auch in unserer Kirche gedachte man der gefallenen Männer der Hoffnungsgemeinde. Auf der linken Seite des Altarraum lag ein Buch aus, in dem ihre Namen verzeichnet wurden. Dieses Buch ist leider nicht mehr erhalten und somit bleiben uns nur wenige Informationen über die in diesem Krieg umgekommenen Mitglieder unserer Gemeinde. (CB)