… vor hundert Jahren: Rede von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Lokal „Zum Kurfürsten“ am 18. Dezember 1918

Unweit der Hoffnungskirche, in der Berliner Straße 102, zwischen der Ecke Binzstraße und dem heutigen Naturkostladen „Tilia“, befand sich seit der Kaiserzeit das Lokal „Zum Kurfürsten“, das bald „Zum roten Kurfürsten“ hieß. Dieser Beiname sollte einmal mehr durch eine Rede von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bestätigt werden, die hier in Pankow, knapp einen Monat vor ihrer Ermordung im Januar 1919, am 18. Dezember 1918, leidenschaftlich gegen die Widersacher der Revolution auftraten und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen.

Im Archiv Pankow findet sich der Bericht des ehemaligen Besitzers des „Kurfürsten“, Carl Ebersbach von 1956, dessen Vater Karl Ebersbach 1897 das Grundstück vom insolvent gegangenen Bäckermeister Quast erworben hatte. Zuvor hatte sich an dieser Stelle ein bayrisches Bierlokal in Zeltform inmitten einer großen Gärtnerei befunden. 1896/97 wurden hier in der Berliner Straße 102 ein Vorderhaus, ein Quergebäude, ein Seitenflügel und ein großer Saal von 500 qm erbaut. 1898 erhielt Karl Ebersbach die Konzession und eröffnete am Himmelfahrtstage das Restaurant „Zum Kurfürsten“. Im Wohnhaus wurde ein Speiselokal eingerichtet, der Restaurantgarten lag straßenseitig. Neben dem Saalgebäude gab es einen Pferdestall und Schuppen für Kremser im Hof.

Im Alter von 24 Jahren, am 19. März 1902 übernahm sein Sohn Carl das Restaurant. „Einige Tage später kamen Genossen der S.P.D. zu mir (Freiwald, Eichler, Stubig usw.) und fragten, ob ich meinen Saal zur Versammlung hergebe, was ich tat. Daraufhin wurde festgemacht, daß in dem selben Jahr die erste Maifeier in Pankow, Berliner Str. 102 „Zum Kurfürsten“ stattfand. Der Eintrittspreis betrug 10 Pfg., das Programm ist mir noch in Erinnerung, Musik, Rede von Arthur Stadthagen. Der Erfolg war der, daß das Restaurant ab da „Der rote Kurfürst“ hieß und ich wurde von den Bürgerlichen boykottiert.“ Stammgäste in den Jahren 1904-1908 sollen die Bauarbeiter, welche an den Häusern in der Binzstraße bauten, gewesen sein. Er schildert weiter, dass er den Saal auch für den Turnverein „Fichte“ zur Verfügung stellte, da den Arbeitervereinen die Nutzung der städtischen Turnhallen verweigert wurde und dass im Jahr 1910 Clara Zetkin und die Genossin Stiller eine Versammlung zur Gründung einer Pankower Frauenschaft nutzten. Diese Versammlung wurde aufgelöst, was mit einer Geldstrafe von 30 Reichsmark für Stiller und Ebersbach endete.

Carl Ebersbach selbst wurde gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 eingezogen und war bis Anfang 1919 noch in Gomel (Weißrussland). Seine Frau übernahm unterdessen die Geschäfte im Pankower Restaurant und überließ den Saal im Dezember 1918 der KPD für eine bedeutende Veranstaltung: Am Mittwoch, 18. Dezember 1918, fand hier eine Großversammlung im überfüllten Saal statt, auf der Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vor etwa 2500 Besuchern gegen die Feinde der Revolution sprachen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen. Auch der Garten soll voller Menschen gewesen sein, teilweise saßen die Zuhörer auf den Bäumen und auf dem Saaldach. Für weitere Veranstaltungen der SPD und später der KPD hatte Ebersbach den Saal oft kostenlos überlassen.

Kurzzeitig wurde der Saal 1919 zu einem Filmtheater umgestaltet, was sich aber nicht rentierte. In den weiteren Jahren der Weimarer Zeit war das Lokal immer wieder Treffpunkt der Kommunisten, seit 1929 trafen sich hier auch die Nazis. Bei mehreren „Saalschlachten“ gab es Verletzte und Sachschäden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Erscheinungsbild des Restaurants. Da Carl Ebersbach eingetragenes Mitglied der der KPD war und seine Frau Jüdin, war das Ehepaar Anfeindungen durch die Nazis ausgesetzt. Seit 1936 war er gezwungen, den Saal an einen Nazi zu verpachten, ab 1942 dienten die Räumlichkeiten als Quartier für eine Luftwaffeneinheit und zahlreiche Filme wurden dort aufbewahrt. Am 24. April 1945 ging der Saal bei Luftangriffen durch deutsche Fliegerbomben in Flammen auf. Die Gastwirtschaft brannte in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 ab. Die Ruine wurde im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks 1955 enttrümmert. Um 1960 wurde das Wohnhaus wieder aufgebaut, im Erdgeschoss befanden sich dann dort eine Drogerie und ein weiterer kleiner Laden, ein Wiederaufleben der Gastwirtschaft gab es nicht mehr, obwohl Carl Ebersbach noch bis in die 80er Jahre in dieser Adresse wohnte. Zu dieser Zeit wurde an der Hausfassade eine Gedenktafel über das Versammlungs-Lokal der SPD „Zum Kurfürsten“ angebracht, die jedoch in den 1990er Jahren von unbekannt wieder demontiert wurde. Eine Fotografie der Tafel aus dem Jahr 1991 wird im Pankower Archiv aufbewahrt.

Mit dem Versammlungsort „Der rote Kurfürst“ stand das südliche Pankow noch vor seiner Eingemeindung in die Metropole in enger Verknüpfung zu den weltbewegenden Revolutionsereignissen von 1918/19. Die durch rätedemokratische Ideen bestimmten Kräfte des linken Flügels der Revolutionäre sollten nach kurzer Zeit am Widerstand der SPD-Führung scheitern, die aus Furcht vor einem Bürgerkrieg die alten kaiserlichen Eliten nur teilweise entmachtet hatte. Ihren Höhepunkt fanden die Ereignisse, als rechtsgerichtete Freikorpseinheiten den sogenannten Spartakusaufstandes im Januar 1919 niederschlugen, in deren Zusammenhang auch die gewaltsamen Tode Luxemburgs und Liebknechts und mit ihnen bis zum Mai 1919 die Tode von mindestens 2400 Menschen standen. (CW)

Advertisements

… vor hundert Jahren: Ende des Ersten Weltkrieges

In den letzten Monaten hatte sich immer mehr Kriegsmüdigkeit unter der Bevölkerung breit gemacht. Die meisten sehnten den Frieden herbei. Auch unter den Politikern wuchs der Widerstand gegen eine Weiterführung des Krieges.

Die erwarteten militärischen Erfolge des deutschen Heeres waren seit dem Sommer ausgeblieben, die Mehrzahl der Soldaten waren demoralisiert und die deutsche Wirtschaft lag nach vier Kriegsjahren darnieder. Eine Besserung war nicht in Sicht.

Aus dieser Situation heraus entschied sich die deutsche Heeresleitung Anfang Oktober 1918 Waffenstillstandsverhandlungen zu führen. Sie wollte ohne größere Zugeständnisse an ihre Gegner den Krieg beenden. Zu einer schnellen Einigung zwischen den Kriegsparteien kam es nicht.

Ende Oktober verweigerten viele Matrosen den Gehorsam und bildeten gemeinsam mit den Soldaten und Arbeitern eigene Räte, die letztlich zur Abdankung des Kaisers am 9. November 1918 führten.

Zwei Tage später trat das von der neuen deutschen Regierung in Frankreich unterschriebene bedingungslose Waffenstillstandsabkommen in Kraft, das das Ende des Ersten Weltkrieges markiert.

Dem Abkommen folgten Vertragsverhandlungen mit den Siegermächten, die ihren Abschluss in den sog. Versailler Verträgen fanden. Deutschland wurde darin zu hohen Reparationszahlungen und anderen Leistungen verpflichtet, die letztlich, so die überwiegende Meinung der Historiker, zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten.

An einigen Fronten, überwiegend in Afrika, wurde auch nach dem 11. November 1918 noch weitergekämpft. Die Nachricht über den vereinbarten Waffenstillstand erreichte die Generäle erst später.

Die Zahl der Kriegstoten stieg bis zum Ende des Jahres weiterhin an. In den Dezemberausgaben der Zeitungen fanden sich noch viele Todesanzeigen von im Krieg gestorbener Männer und Frauen.

Während des Ersten Weltkrieges starben ca. 9 Millionen Soldaten, davon ca. 2 Millionen deutsche. Viele der heimgekehrten Männer hatten Schaden an Leib und Seele genommen. Ungefähr 2,5 Millionen Deutsche kehrten kriegsversehrt zurück.

Auch in unserer Kirche gedachte man der gefallenen Männer der Hoffnungsgemeinde. Auf der linken Seite des Altarraum lag ein Buch aus, in dem ihre Namen verzeichnet wurden. Dieses Buch ist leider nicht mehr erhalten und somit bleiben uns nur wenige Informationen über die in diesem Krieg umgekommenen Mitglieder unserer Gemeinde. (CB)

… vor hundert Jahren: Vom Branntweinmonopol und Alkohol

Während das Ende des 1. Weltkriegs absehbar war und bereits Friedensverhandlungen eingeläutet wurden, beschloss die Regierung eine Abgabenerhöhung für den Postverkehr sowie den Verkauf von Bier und Branntweinen. Darunter litten neben den Gastwirten vor allem die ärmeren Teile der Bevölkerung.

Anders als heutzutage war Alkohol weniger im privaten Rahmen ein Thema, vielmehr zentraler Bestandteil des freizeitlichen Beisammenseins in den unzähligen Kneipen. Während die Frauen zuhause für die Kinder und den Haushalt zuständig waren, gehörte es insbesondere für die Männer der Arbeiterklasse zu einem normalen Feierabend, ein, zwei Gläser Bier und ein paar Kurze zu trinken.

Alkoholismus war immer noch ein großes Problem, obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch von Schnaps in den letzten 50 Jahren um ein Drittel zurückgegangen war. Eine der Hauptursachen für den Rückgang war die stetig steigenden Abgaben auf Spirituosen.

Am 01. Oktober 1918 gab es zum letzten Mal im bald nicht mehr existenten deutschen Kaiserreich eine Erhöhung der Reichsabgaben. Pro Liter Likör musste ein Wirtshaus oder eine Kneipe für die damalige Zeit sehr hohe 14 Mark Zollgebühren an das Reich bezahlen, für Cognac 13 Mark und für alle anderen Trinkbranntweine 7,5 Mark. Im Gegensatz zu anderen Gütern wurden die Branntweine nicht exportiert, sondern nur innerhalb der Reichsgrenzen verkauft. Man sprach von einem Branntweinmonopol. Damit das Reich trotzdem durch den Inlandsverkauf Einnahmen generieren konnte, wurden regelmäßig die Abgaben erhöht. Ebenfalls davon betroffen war die Biersteuer, jedoch in deutlich kleineren Dimensionen. Der Bierkonsum pro Person war im Gegensatz zum Branntwein kontinuierlich angestiegen, in den letzten 40 Jahren um fast ein Drittel. Damit zeigte sich eine deutliche Tendenz innerhalb der Gesellschaft: Eine Entwicklung weg vom Besäufnis hin zu einer mehr oder weniger verantwortungsvollen Trinkkultur. Dem konnte auch nicht die neuerliche Erhöhung der Biersteuer auf 12,05 Pfennig pro Liter entgegen wirken.

Im Einzugsgebiet der Gemeinde befand sich die 1882 gegründete Weißbierbrauerei Willner auf dem Gelände Berliner Straße/Eschengraben. Das Bier erfreute sich großer Beliebtheit und so überstand diese Brauerei nicht nur die Wirren des Ersten und Zweiten Weltkrieges und deren Nachkriegszeit, sondern konnte bis 1990 ihren Betrieb aufrecht erhalten.

Auf dem Gelände gab es eine Gastwirtschaft, in der sicherlich das Willner-Bier ausgeschenkt wurde. Auch in vielen anderen der zahlreichen Pankower Gasthäusern, Kneipen und Eckkneipen konnte Bier getrunken werden. Die Auswahl war groß. Schon in der Berliner Straße gab es über zehn Gastwirtschaften, sogar in der Brennerstraße 1 konnte man bei einem Bier zusammensitzen. (Ferdinand Bourcevet)

… vor hundert Jahren: Die Hoffnungsgemeinde wird fünf Jahre alt

Der 12. September 1918 war ein gewöhnlicher Donnerstag. An diesem Tag ließen weder eine Taufe noch eine Hochzeit die Kirchenglocken außerhalb der gewohnten Zeiten schlagen.

Die Zeitungen meldeten den Beginn einer weiteren Schlacht gegen die deutschen Truppen, aber das Kriegsgetöse war weit weg. Nichts deutete auf ein baldiges Ende des Krieges hin. Die Menschen in Pankow gingen ihren alltäglichen Geschäften nach.

Für die Hoffnungsgemeinde war es dennoch ein besonderer Tag. Sie hatte ihr 5-jähriges Jubiläum. Besondere Feierlichkeiten gab es nicht. Vermutlich hatten die meisten Gemeindemitglieder, die Frauen waren, dafür keine Zeit und Möglichkeiten. Sie mussten arbeiten gehen und/oder sich um ihre Kinder und die von der Front zurückgekehrten Männer, Väter, Brüder oder Söhne kümmern.

Auch wenn der Kriegsalltag wenig Grund zur Freude gab, die Mitglieder und Pfarrer der Hoffnungsgemeinde konnten mit Stolz auf die Bilanz ihrer ersten fünf Jahre blicken. Es hatte sich ein reges Gemeindeleben in der Kirche und den Räumen des Gemeindehauses entwickelt. Ein Blick in die Kirchenbücher erzählt davon:

1.284 Menschen, vorwiegend Kinder, wurden bis zum fünften Jubiläumstag in der Hoffnungskirche getauft. Die erste Taufe erhielt der vier Monate alte Kurt Fritz Georg am 5. Oktober 1913. Pfarrer Jungklaus taufte ihn. Fünf Taufpaten standen dem kleinen Jungen an diesem wichtigen Tag zur Seite.

Am 25. September 1918 wurden ein zweites Mal in diesem Jahr Jugendliche von Pfarrer Simon und Jungklaus konfimiert. In den ersten fünf Jahren erhielten insgesamt 1.517 Jungen und Mädchen von den beiden Pfarrern die Konfirmation.

Auch die kirchlichen Trauungen gehörten zum Alltag der Gemeinde. Die erste Hochzeit fand am 3. Oktober 1913 statt. Der 31-jährige Bräutigam Franz Oskar Steinhagen und seine 29-jährige Braut Elisabeth Franziska Karolina Martha Matilda Schubn ließen sich von Pfarrer Pankow den Segen für ihre Ehe geben. Weitere Paare folgten und so gaben sich insgesamt 252 Paare bis zum Jubiläumstag das Ja-Wort in der Hoffnungskirche. Am 14. September 1918 ließen sich wieder zwei Paare von Pfarrer Simon trauen. Sie wohnten jedoch nicht im Einzugsgebiet der Gemeinde.

Nicht nur freudige Ereignisse wurden gefeiert, auch die traurigen hatten ihren Platz. Es gab in jedem Jahr mehr als hundert kirchliche Bestattungen. Viele Kinder und Jungerwachsene waren darunter. Manche der Gemeindemitglieder erreichten jedoch ein hohes Alter. So verstarb Ludwig Brandt im Jahr 1915 im Alter von 91 Jahren. Auch Friederike Heyer, verwitwete Busch, geborene Bergemann wurde 1917 im gleichen Alter bestattet.

Die im Jahr 1918 einsetzende epidemische Spanische Grippe forderte unter den Gemeindemitgliedern scheinbar keine großen Opfer. Seit Juli 1918 bis zum Jahresende starben elf von ihnen an der Grippe.

Fünf Jahre stand die Hoffnungskirche allein auf weiter Flur umgeben von Feldern und Wiesen. Für viele Menschen war sie ein wichtiger Anlaufpunkt, hier feierten sie ihre Gottesdienste und Feste und hier teilten sie ihr Leid und trösteten einander.

Die Entscheidung des Pankower Gemeindekirchrates zum Bau einer weiteren Kirche mit einem Gemeindehaus und Kindergarten in der damaligen Lindenpromenade war für viele zum Segen geworden.

Pankow hatte sich zu einer attraktiven Stadt für viele Menschen entwickelt. Von 1900 bis 1920 verdreifachte sich die Bevölkerungszahl auf ca. 58.000 Einwohner.

Doch der Krieg forderte seine Opfer. Ca. 10.000 Männer aus Pankow wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Davon fielen etwa 1.500 und viele kehrten verwundet oder versehrt zurück. Einer der bekanntesten Männer, die gleich zu Beginn des Krieges fielen, war der Pankower Bürgermeister Wilhelm Kuhr. Einer der Letzten, die nicht zurückkamen, war der Sohn des Pankower Pfarrers Ferdinand Beier.

Der neue Bürgermeister Gustav Slawitz kümmerte sich trotz des anhaltenden Krieges um den Ausbau der Infrastruktur und mit mäßigen Erfolg um den Bau von Wohnungen.

Während die Wohnungsknappheit auch heute noch ein Problem nicht nur in Pankow ist, werden Jubiläen mit größeren oder kleineren Festivitäten gewürdigt. Nicht aber vor hundert Jahren, an einem scheinbar gewöhnlichen Donnerstag in einer alles anderen als gewöhnlichen Zeit.

(CB)

…. vor hundert Jahren: Die Not mit dem Brot

In diesem Sommer reifte das Getreide wieder und die Kartoffeln wuchsen heran, ohne zu verfaulen. Zwar gab es keine Rekordernte, wie es sich die Bauern nach Jahren der Missernte gewünscht hatten, aber sie konnten mehr ernten, als in den Kriegsjahren davor. Auch die Kühe auf den Weiden fanden genug Gras und die Heuernte ging gut voran. Trotzdem stiegen die Getreide-, Brot- und Milchpreise und die damit einhergehende Schleichhandelkiminalität.

Am 10. August beschloss der Berliner Magistrat, die Vollmichpreise um 10 Pfennig ab dem 1. September zu erhöhen. Dabei hatte er die kinderreichen armen Familien im Blick, die unter dieser Erhöhung am meisten zu leiden hatten. Deshalb hatte er ein Preissteigerungssystem entwickelt, bei dem die Familien mit vielen Kindern nur wenige Pfennige mehr pro Liter zu zahlen hatten, wohingegen die anderen, wie die Milchhändler, erheblich mehr bezahlen mussten.

Umgehend protestierten die Händler, dies sei ungerecht und nicht tragbar. Sie führten an, dass sie nicht nur den größten Teil der Preiserhöhung zu tragen hätten, sondern auch noch das volle Risiko für den Verkauf der Milch. Oft genug, so argumentierten sie, käme die Milch sauer in ihren Läden an, weil die Transporteimer ungeeignet und die Milch nicht ordnungsgemäß behandelt worden sei.

Milch, Butter, Brot u.a. gab es schon seit langer Zeit nur noch über die ausgegebenen Lebensmittelkarten oder auf dem Schwarzmakrt zu kaufen. Die Not war groß und machte erfinderisch. Fast täglich berichteten die Zeitungen über Verurteilungen von Betrügern. Meist waren es Männer, die einen Handel mit den Lebensmittelkarten betrieben, polizeiliche Anmeldungen fälschten oder sich mehrfach als Untermieter in verschiedenen Bezirken eintragen ließen, um weitere Lebensmittelkarten zu erhalten.

Ein Fall von Butterdiebstahl gelangte zu größerer Aufmerksamkeit. Diesmal handelte es sich um vier weibliche Angestellte eines Berliner Buttergroßhandelsunternehmen. Sie arbeiteten als Filialleiterin, Kontoristin oder Verkäuferin in diesem Unternehmen und hatten gemeinsam größere Mengen an Butter und Magarine beiseite geschafft. In der Verhandlung kam jedoch zur Sprache, dass nicht nur diese weiblichen Angestellten, sondern auch die männlichen Führungskräfte in großem Stil Butter und Fette unterschlagen hatten, wie es vermutlich auch in anderen Großhandelsunternehmen üblich war.

Alle Maßnahmen des Berliner Magistrats zur Eindämmung dieser Misstände, wie z.B. die im August 1918 erlassenen zwei Verordnungen zur Eindämmung des Schleichhandels mit Mehl und Getreide, führten zu keinem Erfolg. Die Beschaffungskriminalität nahm zu.

Andernorts wurden zwei Drittel der Mühlen geschlossen, weil die Müller nicht den Anordnungen über das Ausmahlen von Selbstversorgergetreide Folge leisteten. Der Bauernverband kritisierte deshalb auch die Regelungswut der Regierung und setzte sich für einen freien Lebensmittelmarkt ein.

Eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung war trotz der guten klimatischen Bedingungen nicht sichergestellt. Schon jetzt stieg in einer ersten Welle die Zahl der mit der Spanischen Grippe Infizierten schnell an. Arbeitskräfte, die dringend auf dem Lande für die Ernte benötigt wurden, fielen aus und konnten nicht ersetzt werden. Die Folge war, dass vielerorts Kartoffeln u.a. in der Erde blieben und nicht rechtzeitig geerntet werden konnten.

Vorallem die Stadtbevölkerung, auch viele Pankower, die sich nicht selbst versorgen konnten, litten am meisten darunter. (CB)

HInweis: Das oben gezeigte Bild findet sich unter: https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=6426

…vor hundert Jahren: Berliner fahren Straßenbahn

1918 durchzog ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz die Stadt.

Angefangen hatte es mit Pferdebahnen, die später von den elektrischen Bahnen abgelöst wurden. Die erste Pferde-Straßenbahn fuhr vom Brandenburger Tor bis nach Charlottenburg zum damaligen Pferdebahnhof an der Kreuzung Spandauer Damm/Sophie-Charlotten- Straße. Ihre Jungfernfahrt hatte sie am 22. Juni 1865. Knapp 16 Jahre später, am 16. Mai 1881, nahm die erste elektrische Straßenbahn  in Lichterfelde ihren fahrbahnmäßigen Betrieb auf. Sie war eine Erfindung Werner von Siemens und eine große Weltneuheit.

In den Jahren danach kamen immer neue Strecken hinzu. Berlin wurde immer größer und die Vororte wurden zu ausgebauten Städten. Damit einher ging ein immer weit verzweigteres Straßenbahnnetz.

In Pankow wurde am 1. März 1904 der Straßenbahnbetrieb aufgenommen. Die Linie 49 fuhr von der Breiten Straße über die Schönhauser Allee, den Alexanderplatz, Kottbusser Tor bis zum Hermannplatz.

Ab dem 1. September 1907 fuhr eine weitere Straßenbahn. Die Linie Nr. 5 machte einen großen Bogen von Pankow (Breite Straße) bis zum Wedding über die Schönhauser Allee, den Alexanderplatz, die Hasenheide, die Yorkstraße, die Turmstraße, die Fennstraße zur Pankstraße. Beide Linien unterhielt die „Große Berliner Straßenbahn“, ein privates Unternehmen.

Die Straßenbahn war das beliebteste Berliner Verkehrsmittel. Seit 1908 gab es insgesamt 98 Straßenbahnlinien betrieben von 15 unterschiedlichen Straßenbahngesellschaften (acht private und sieben kommunale), die ein umfangreiches Liniennetz geschaffen hatten. Alle Straßenbahnunternehmen waren in einem Dachverband organisiert, der einen einheitlichen Fahrscheintarif und abgestimmte Fahrzeiten ermöglichte.

Die Fahrpreise waren mit dem Ausbau der Straßenbahnlienien kontinuierlich gestiegen. So kostete 1918 der Einzelfahrschein 0,15 M. Man konnte aber auch Doppelfahrscheine, Sammelkarten für 8 Fahrten, Monatskarten (auch für Schüler) und Arbeiterwochenkarten für 6 Fahrten erwerben.

Des einen Freud war des anderen Leid. Mit der Zunahme des Straßenbahnverkehrs stiegen auch die Verkehrsunfälle und immer häufiger kam es zu Personenschäden oder sogar Todesfällen. Vor allem Kinder waren von den schweren Unfällen betroffen. Die Schulverwaltung wies deshalb die Schulen an, Verkehrserziehung in den Unterricht aufzunehmen. Die Schüler sollten auf die besonderen Gefahren des Straßenbahnverkehrs hingewiesen werden.

Aber nicht nur Kinder verunglückten. Immer öfter gab es auch Zeitungsmeldungen über Verkehrsunfälle von Erwachsenen.

Die „Märkische Rundschau“ vom 20. Juni 1918 (Nr. 142) meldete:

Pankow. In der Schloßstraße zu Pankow stießen am Sonntag Nachmittag zwei Straßenbahnwagen zusammen, wobei ein Wagen bis auf den Bürgersteig geschleudert wurde. Eine Frau erlitt schwere, fünf weitere Fahrgäste leichte Verletzungen.“

Mehr als 40 tödliche Straßenbahnunfälle gab es jährlich in Berlin.

Auch Mitglieder der Hoffnungsgemeinde waren davon betroffen. Im Sterberegister der Gemeinde findet sich immer mal wieder der Eintrag „Tod auf/an der Straßenbahn“ als Todesursache. Von einem besonderen Fall hatten wir bereits im Februar berichtet. (CB)

… vor hundert Jahren: Feldpost und Briefe aus der Heimat – Zensur und andere Vorschriften

Postkarten, Briefe und Päckchen boten im Ersten Weltkrieg nahezu die einzige Kontaktmöglichkeit zwischen Front und Heimat, riesige Massen davon wurden in den vier Kriegsjahren geschrieben, verschickt, befördert, empfangen und hoffnungsvoll oder entmutigt gelesen. Die Feldpost von der Front sollte die Angehörigen zu Hause unterrichten, während mit Briefen aus der Heimatfront moralische Bestärkung und materielle Unterstützung zu erfolgen hatte.

Allererstes Anliegen der Briefeschreiber war die schlichte Wissbegierde um ein Lebenszeichen. Familienangehörige und Freunde wollten über Gesundheitszustand, Aufenthaltsort, über Leben oder Tod informiert sein. Je länger eine briefliche Pause bestand, desto beunruhigter wurden die Angehörigen, deshalb hatten auch scheinbar banal wirkende kurze Nachrichten oder sogar vorgefertigte Floskeln auf Postkarten essentiellen Wert.

Im Zusammenhang mit einem Heimaturlaub oder einem Lazarettaufenthalt konnten Soldaten unverfälscht höchstpersönlich Informationen in beide Richtungen transferieren, wohingegen der Feldpostbrief, der durch mehrere Instanzen befördert wurde, diese Sicherheit nicht bot. Schon seit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde der Briefzensur eine wichtige Rolle beigemessen, wenn auch in den ersten zwei Kriegsjahren noch unsystematisch und willkürlich. Jeder Feldbrief musste zunächst dem Vorgesetzten vorgelegt werden und dieser entschied dann weiter. Die Korrespondenzen aus dem Feld sollten den Kriegsverlauf ausschließlich positiv darstellen.

Während von der Front negative Meldungen in die Heimat vermieden werden sollten, hatte die Post aus der Heimatfront wiederum die Soldaten nicht unnötig mit den „Alltagssorgen“ zu belasten, sondern eher zu bestärken. Neben der Entsendung von Feldpostpäckchen in Form von „Liebesgaben“, „Fresspaketen“, Zigaretten oder warmen Socken waren vor allem Fotografien der Ehefrau, Verlobten oder Geliebten und bestärkende Berichte gefragt wohingegen „Klagebriefe“ von Frauen und Müttern an ihre kämpfenden Ehemänner und Söhne ins Feld über eigene Nöte an der Heimatfront allgemein tabu und mit der Vaterlandsliebe nicht vereinbar waren.

Im letzten Kriegsjahr war die Zensur allgegenwärtig geworden, auch logistisch war der Transport von Sender zu Empfänger nicht immer leicht zu gewährleisten und es kam darauf an, überhaupt noch Kontakt zueinander zu halten. Um den reibungslosen Transport zu erreichen, wurden über Zeitungen Richtlinien verbreitet.

Das Niederbarnimer Kreisblatt, die regionale Ausgabe für Oranienburg, Hohenneuendorf und Umgebung, Bernau und Liebenwalde, zu dessen Reichweite durchaus auch Pankow gehörte, veröffentlichte in seiner Ausgabe Nr. 123 am Mittwoch, den 29. Mai 1918 in seinen Kreis-Nachrichten nützliche Ratschläge in Sachen „Briefe an Kriegsgefangene“. Darin hieß es: „Wer an deutsche Kriegsgefangene, die in neutralen Ländern interniert sind, schreibt, schreibe so kurz und so deutlich wie möglich. Briefe, die über vier gewöhnliche Oktav- oder zwei Quartseiten lang oder undeutlich geschrieben sind, erleiden beträchtliche Verzögerungen, oft von mehreren Monaten, und werden mitunter von der ausländischen Zensur, durch die sie gehen, als unzulässig beschlagnahmt.

War also der Brief nicht nur inhaltlich unpassend, sondern zu unübersichtlich oder zu lang, da viermal oder gar achtmal gefaltet, konnte dies für seine schnelle Beförderung hinderlich sein, in jedem Falle war die Kontrolle und Zensur der Bevölkerung spätestens in diesem letzten Kriegsjahr bewusst geworden. Rückschlüsse auf die abnehmende Kriegsbereitschaft und Kampfmoral in diesen letzten Kriegsmonaten spiegeln sich auch aus diesem Blickwinkel wider. (CW)