… vor hundert Jahren: Wahl der Elternbeiräte

Im März 1920 fanden zum ersten Mal in den Pankower Schulen, wie auch in allen anderen deutschen Schulen, aufgrund einer von Kultusminister Haenisch am 5. November 1919 erlassenen Wahlordnung Elternbeiratswahlen statt. Die Wahl wurde mit Wahlzetteln in Wahllokalen durchgeführt. Sie war geheim.

Bereits 1918, kurz vor Kriegsende, war vom Preußischen Kultusministerium eine Wahl von Elternbeiräten angeordnet worden. Allerdings sollten damals die Elternvertreter durch das Schulkollegium/Direktor bzw. den Bürgermeister ernannt bzw. berufen werden.

Das war dieses Mal anders. Mit der neuen Wahlordnung erhielten alle Eltern das gleiche aktive und passive Wahlrecht für eine Elternvertretung an den Schulen ihrer Kinder. Jede Mutter und jeder Vater konnten sich zur Wahl stellen und/oder die gewünschten Elternvertreter wählen. Damit sollte jedem Elternteil ein gewisses Mitbestimmungsrecht in Hinblick auf den Schulbetrieb, die Schulzucht und die geistige und körperliche Ausbildung ihrer Kinder eingeräumt werden.

Im Vorfeld der Elternbeiratswahl wurde auf den Elternversammlungen und auch außerhalb der Schulen ein heftiger Wahlkampf geführt. Es gab erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den Kandidaten der unpolitisch-christlichen Liste und der sozialistisch-weltlichen Liste.

Im Wesentlichen ging es den Anhängern der unpolitisch-christlichen Liste, die von den Kirchengemeinden unterstützt wurden, um die Weiterführung des Religionsunterrichts, des Schulgebets und der christlichen Weihnachtsfeier. Außerdem sollte die Vermittlung von christlichen Werten wie Nächstenliebe weiterhin Bestandteil des Schulunterrichts sein. Die Einführung eines weltlich-politischen Schulfaches lehnten sie ab.

Die Vertreter der sozialistisch-weltlichen Liste waren zumeist Mitglieder der Arbeiterparteien wie SPD oder USPD. Sie traten u.a. für die Abschaffung des Religionsunterrichts und die Einführung eines politischen Weltkundefaches ein. Alles Christliches sollte aus den Schulen verbannt werden.

Diese Elternbeiratswahl war ein wichtiges Thema in unserer Gemeinde. In unserem Archiv finden sich hierzu einige Wahlaufrufe. Darin wird eindringlich an die evangelischen Eltern appelliert, sich an der Wahl zu beteiligen und eine Entscheidung zugunsten der unpolitischen Liste zu treffen. Leider sind die Ergebnisse dieser ersten Wahl für die benachbarten Pankower Schulen nicht bekannt, noch wie viele Eltern überhaupt ihre Stimme abgaben.

Doch das die Elternbeiratswahlen auch in den nächsten Jahren immer wieder ein wichtiges Ereignis im Gemeindeleben waren, lässt sich aus den überlieferten Flugblättern für die späteren Wahlen und deren dokumentierte Ergebnisse ableiten. (CB)

… vor hundert Jahren: Die NSDAP und ihr 25-Punkte Programm

Gestern, vor einhundert Jahren, am 24. Februar 1920 verkündete Adolf Hitler im Münchner Hofbräuhaus das sogenannte „25-Punkte-Programm“ seiner Partei.

Die Partei war erst gut ein Jahr zuvor in München als Deutsche Arbeiterpartei (DAP) gegründet worden. Nach jubelnden Beifall des von Hitler verkündeten Parteiprogramms wurde am Abend die Umbenennung der Partei in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bekannt gegeben.

In dem zuvor verkündeten „25-Punkte-Programm“ wurde u.a. die Aufkündigung des Versailler Vertrages, der Zusammenschluss aller Deutschen zu einem Großdeutschen Reich, die Rückgabe der Kolonien, der Aufbau einer Diktatur, eine Pressezensur und verschiedene Maßnahmen, die dem Slogan „Gemeinnutz vor Eigennutz“ Rechnung tragen sollten, gefordert. Außerdem sollte die Wehrpflicht wieder eingeführt, den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und die Religionsfreiheit eingeschränkt werden.

Obwohl einige Forderungen im Laufe der Zeit verändert wurden oder ganz wegfielen, war mit diesem Parteiprogramm der Grundstein der späteren NS-Diktatur gelegt worden.

Zunächst stieß das in einem Münchner Gasthaus verkündete Programm auf wenig Interesse in der Politiklandschaft außerhalb der NSDAP und ihrer Gesinnungsgenossen. Doch das änderte sich rasch.

Aus den Forderungen einer bis dato kleinen und kaum bekannten Bayrischen Partei wurde eine politische Realität für ganz Deutschland mit verheerenden Folgen.

Auch in unserer Gemeinde hatten diese Grundsatzforderungen ab 1933 erhebliche Auswirkungen. Nicht nur der von den Pfarrern gewährte Schutz vor der Judenverfolgung war für sie und ihre Familien gefährlich, auch das massive Eingreifen in die Gemeindestruktur durch die NSDAP und ihrer Sympathisanten gefährdete in dieser Zeit das Gemeindeleben und eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern.

Die von der NSDAP unterstützte Bewegung der „Deutschen Christen“ gewann im Juli 1933 die Kirchenwahlen in Berlin. Sie erhielt 75% aller Stimmen in der Pankower Gemeinde und stellte damit die meisten Ältesten für die alte Pfarrkirche und die Hoffnungskirche, die damals noch zu einer Gemeinde gehörten. Mit dabei waren zwei der wichtigsten Berliner Funktionäre der „Deutschen Christen“: Dr. Reinhold Krause und Johannes Schmiedchen. Gemeinsam mit Ernst Flessa, dem Fraktionsführer der „Deutschen Christen“ in der Hoffnungskirche, waren sie nicht nur im Gemeindekirchenrat sehr aktiv sondern auch in den verschiedenen kirchlichen Gremien.

Um dem wirksam entgegen treten zu können, hatten sich die Pankower Pfarrer und eine Reihe von Gemeindemitgliedern vor der Wahl für eine gemeinsame Liste „Evangelium und Kirche“ ausgesprochen. Nach der Wahlniederlage waren sie  zunächst bereit, mit den „Deutschen Christen“ zusammenzuarbeiten.

Doch lange währte diese Bereitschaft weder in Pankow noch in anderen Gemeinden. Das Agieren der „Deutschen Christen“ nicht nur in den einzelnen Kirchgemeinden sondern auch auf der Reichsebene machte vielen Pfarrern und Kirchenmitgliedern eine Zusammenarbeit mit ihnen unmöglich. Schnell wurde klar, dass es einer gemeinsamen oppositionellen Bewegung bedurfte, um sich sinnvoll gegen die einschränkenden Maßnahmen der „Deutschen Christen“ und der NSDAP wehren zu können. Aus dem im September 1933 gegründeten Pfarrernotbund wurden im Jahr darauf die „Bekennenden Kirchen“ in den jeweiligen Gebieten der Landeskirchen aufgebaut.

Ca. 2000 Mitglieder zählte die „Bekennende Kirche“ allein in Pankow, alle fünf Pankower Pfarrer waren dort Mitglied. Vermutlich war unsere Pankower Gemeinde damit die zweitgrößte Bekenntnisgemeinde in Berlin-Brandenburg. (CB)

…. vor hundert Jahren: Haustaufe

Das neue Jahr begann in unserer Gemeinde hoffnungsvoll. Freudige Ereignisse wie Trauungen und Taufen nahmen in den ersten drei Monaten im Vergleich zu den letzten beiden Jahren wieder zu und zeigten, dass Familien wieder zusammenkamen und feierten. So trauten die Pfarrer Jungklaus und Simon insgesamt 23 Paare in der Hoffnungskirche.

Die Väter kehrten nach und nach aus dem Krieg zurück. Endlich war es wieder möglich, ein geregeltes Familienleben zu führen und sich gemeinsam um die Kinder zu kümmern. Auch Taufen konnten nachgeholt werden. So die dreier Kinder aus der Kaiser-Friedrich-Straße 69, der heutigen Thulestraße, deren Vater Schmied war. Er ließ jedoch nicht nur seine drei ehelichen Kinder, die sechs und fünf Jahre sowie sieben Monate alt waren am 15. Februar von Pfarrer Simon taufen, sondern auch seine mittlerweile 26 Jahre alte uneheliche Tochter. Am diesem wolkenverhangenen Sonntag wurden ebenfalls die drei zehn, acht und sechs Jahre alten Kinder einer Familie aus der Kaiser-Friedrich-Straße 73 von Pfarrer Simon in der Hoffnungskirche getauft.

Eine besondere Taufe wurde am 29. Januar gefeiert. In der Berliner Straße 113 taufte Pfarrer Gustav Göhrke aus der Nikolaikirche ein vier Monate altes Mädchen. Das Ereignis fand nicht in der Kirche statt, sondern Zuhause. Warum die Familie eine Haustaufe für ihr Kind wünschte und diese nicht von den Pfarrern der Pankower Gemeinde durchgeführt worden war, ist nicht bekannt.

Eine Haustaufe war zu dieser Zeit in Pankow und Berlin selten und ungewöhnlich. Im späteren Gebiet der Hoffnungsgemeinde fand 1913 eine in der Binzstraße 2 statt, als der Bruder von Pfarrer Maresch seinen Sohn dort taufen ließ.

Der augenscheinlichste Grund für die geringe Anzahl der Haustaufen in den Städten war, dass nur wenige Haushalte über genügend Platz und einen geeigneten Raum wie eine Kapelle o.ä. verfügten. Von Seiten der Landeskirchen wurde darauf Wert gelegt, dass die Haustaufen in einem würdigen Rahmen stattfanden, eine Hinterhofwohnung reichte nicht aus.

Heute sind Haustaufen nur noch in begründeten Einzelfällen erlaubt. Bis in die 1950-er Jahre waren sie jedoch vor allem in den Bauernfamilien auf dem Lande noch verbreitet. (CB)