…vor hundert Jahren: Kinderscharen aus Pankow und Niederschönhausen feiern Gottesdienst im Park

Am Morgen des 25. April 1920 zogen bunte Kinderscharen fröhlich in den Park von Niederschönhausen, um dort Kindergottesdienst zu feiern. Von der Hoffnungskirche aus, von der alten Pankower Kirche und von Niederschönhausen aus spazierten die festlich gekleideten und teils mit Blumenkränzen geschmückten Mädchen und Jungen bis zur Pankower Grenze Ecke Kavalierstraße um dort gemeinsam den Sonntag Jubilate zu begehen.

Die Helferscharen der Kindergottesdienste von Pankow und Niederschönhausen hatten sich bereits seit einiger Zeit zusammengeschlossen, und dieses war nun der zweite Kindergottesdienst in der freien Natur, den sie gemeinsam gestalteten.

Es war ein schöner Frühlingstag, die Natur war in diesem Jahr schon recht weit, die Wiesen grün, die Bäume blühten. Die Kinderchöre sangen unter den Bäumen Lieder, gemeinsam stimmten alle „Geh aus mein Herz und suche Freud“ an. Auch viele Erwachsene hatten sich versammelt, um dieses Ereignis mitzuerleben. Pfarrer Rudolf Jungklaus aus der Hoffnungskirchengemeinde hielt die Predigt und und sorgte mit einigen Scherzen für fröhliches Gekicher unter den Kindern.

Bei Pfarrer Jungklaus, der in der Arbeit mit Kindern immer ein wichtiges Aufgabenfeld sah, hatten Kindergottesdienste im Freien Tradition – davon zeugen Erzählungen älterer Gemeindeglieder und verschiede Fotos im Gemeindearchiv: das älteste zeigt ihn 1915 mit der Jungengruppe des Kindergottesdienstes unter herbstlichen Bäumen.

Auch dieser Sonntag Jubilate 1920 schien ein gelungener Tag mit den Kindern geworden zu sein. Und doch nahm hier ein Streit seinen Ausgangspunkt, der sich über das ganze Jahr ziehen sollte und schließlich zum Zerwürfnis unter den Helferschaften führte… (GL)

…vor 100 Jahren: Fritz Arnfeld, ein jüdischer Kaufmann, etabliert sich – eine Familie ohne Zukunft

Im Jahr 1919 ließ Fritz Arnfeld sein Gewerbe ins Handelsregister eintragen, das er bereits seit 1913 betrieb. In der Binzstraße 66 hatte er einen Handel für Haarschmuck eingerichtet. Unter dieser Adresse wohnte er auch mit seiner Frau Margarete und der damals 7-jährigen Tochter Charlotte. Der jährliche Ertrag seiner Firma betrug ca. 14.000 Mark bei einem Umsatz von 100.000 Mark. Das war ein recht guter Verdienst, wenn man das mit dem damaligen durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters von 127,- Mark vergleicht. Eine kleine Familie mitten im Pankow, die bald eine zweite Tochter bekam und einer guten Zukunft entgegensah.

Diese Zukunft führte sie auch in die Hoffnungskirchengemeinde – allerdings nicht aus freien Stücken, sondern getrieben von dem einige Jahrzehnte später herrschenden nationalsozialistischen Regime. Bis 1909 war Margarete evangelisch, dann trat sie aus der Kirche aus – vermutlich im Zuge ihrer Verheiratung mit ihrem jüdischen Ehemann. Die Familie lebte wie viele andere um sie herum – die Töchter lernten in verschiedenen Pankower Schulen, hatten viele Freundinnen. Das änderte sich mit der Machtübernahme durch Hitler und der Verfolgung der Juden. Auf Grund der Nürnberger Gesetze galten Fritz Arnfeld und seine ganze Familie als Juden. Als die Bedrängnisse immer größer wurden, hofften die beiden Töchter ihre Lage durch eine Taufe in der Hoffnungskirche zu verbessern. Pfarrer Jungklaus taufte die beiden Mädchen im Jahre 1937. Ein Jahr später wurde nach einem entsprechenden GKR-Beschluss die Mutter Margarete wieder in die evangelische Kirche aufgenommen. Dennoch mussten die beiden Töchter Zwangsarbeit leisten und bekamen reduzierte Lebensmittelrationen. Ein weiterer Versuch, wenigstens den Status der Töchter zu verbessern war die Scheidung der Eltern – so hofften sie wahrscheinlich, mit der Lossagung vom jüdischen Vater würde die Taufe der Töchter anerkannt. Doch erst wurde das Geschäft von Fritz Arnfeld liquidiert und dann kam es zur Katastrophe: erst wurde der Vater Fritz und bald darauf die ältere Tochter Charlotte deportiert und umgebracht. Die „arische“ Mutter und die jündere Tochter Ruth überlebten Krieg und Nationalsozialismus. (GL)

…vor Hundert Jahren: Heinrich Görsch stirbt.

Direkt neben den Gräbern der wichtigen Pankower Pfarrer Jungklaus, Fritsch und Maresch ist das Grab befindet sich das Grab eines wichtigen Pankower Bürgers, mit dem die Pfarrer der Pankower Gemeinde zu Lebzeiten sicher auch zu tun hatten. Heinrich Görsch. Er war Gärtnereibesitzer, hatte große Felder, unter anderem Spargelfelder zwischen der Wollakstraße und der Florastraße. Für eine Verbindung zwischen diesen beiden Straßen stellte er das Land seiner Spargelfelder in diesem Bereich zur Verfügung. Dieser ehemalige Weg wurde nach ihm benannt und ist heute die Görschstraße.

Heinrch Görsch prägte Pankow in vielerei Hinsicht. Er nahm als Gemeindevertreter politischen Einfluss, außerdem verpachtete und verkaufte er viel Land zur Bebauung. Der damilige Bauboom machte ihn zu einem reichen Mann. Auch das Grundstück Amalienpark kaufte er zusammen mit anderen bekannten Pankowern wie dem Fabrikanten Fritz Heyn und ließ 1897 die Wohnanlage mit Paek von Otto March darauf bauen.

Heinrich Görsch starb am 27. Oktober 1919 im Alter von 79 Jahren. (GL)

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… vor hundert Jahren: Walter Koeppen – Architekt im Berlin der Kaiserzeit und der Weimarer Republik

Walter Koeppen, geb. am 11. August 1877 in Berlin, gest. 1933, der sich im Wettbewerb für den Bau der Hoffnungskirche als Architekt durchgesetzt hatte und den prachtvollen Bau 1911-13 im neu zu erschließenden Gebiet Pankow-Süd realisierte, war bereits seit Anfang des Jahrhunderts mit baulichen Aktivitäten in der Stadt Berlin in Erscheinung getreten und blieb als solcher bis in die späten 1920er Jahre aktiv.

Seine ersten Entwürfe legte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor. So machte er 1905 durch Entwürfe zur Umgestaltung des Belle-Alliance-Platzes in Kreuzberg auf sich aufmerksam, damals in der Funktion eines Regierungsbauführers. Eine colorierte Entwurfszeichnung des Pavillons mit Wartebereich und „Cigarren“-Kiosk mit Grundrissplan und andere Entwürfe für Grabmalskunst, ein Landhaus und ein Kurhaus, datiert ab 1902, entstanden und werden heute im Architekturmuseum der Technischen Universität zu Berlin aufbewahrt.

Etwa zeitgleich zur Bauzeit der Hoffnungskirche ließ Walter Koeppen sich im damals noch außerhalb Berlins liegenden Hermsdorf privat nieder. Für das Grundstück Silvesterweg 11 (heutige Hausnummer) entwarf er ein geräumiges zweistöckiges Landhaus, dass von der Architekturfirma seines Bruders Carl Koeppen ausgeführt wurde. In der Architektonischen Rundschau 30 (1914) auf S. 71 wurde das Bauwerk mit Grundrissplänen des Erdgeschosses und des Obergeschosses sowie fotografischen Außen und- Innenansichten im Tafelteil der Fachzeitschrift abgebildet. An der Vorderseite des Hauses befindet sich ein von zwei Säulen flankierter, überdachter Portikus. Über dem Eingang prangt ein Reliefbild eines Puttos, welcher von der Jahreszahl 1912 umgeben ist; weitere Relieffriese gliedern die Ansicht des Gebäudes. Auf der Gartenseite des Hauses ist ein mittig gelegener Wintergarten mit aufgestockter Terrasse untergebracht. Ein Blick ins Innere zeigt das modern gestaltete Vestibül, das rechts auf eine breite Treppe mündet. Bei einem Abstecher von einem Spaziergang entlang des Tegeler Fließes kann auch der heutige Spaziergänger das Haus mit der Originalumfriedung noch in Augenschein nehmen.

Der Architekt hatte in Berlin sowohl für Sakral- als auch für Profanbauten gewichtige Aufträge. So schuf er schon vor dem Bau der Pankower Hoffnungskirche die Entwürfe zweier bedeutender Friedhofskapellen und mehrerer Grabmale in Berlin: 1908-09 entwarf er die Friedhofskapelle auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Kreuzberg mit einer Tempelfront und Dreiecksgiebel, in Anlehnung an das 1810 von Heinrich Gentz entworfene Mausoleum für Königin Luise im Park Charlottenburg. Die zweite Friedhofskapelle entstand 1910-12 auf dem St. Petri-Friedhof im Friedrichshain, deren Ausführung, wie schon erstere, das Baugeschäft seines Bruders Carl übernahm. Auch hier orientierte er sich an klassizistischen Architekturformen und kombinierte Portalsäulen in Kolossalordnung mit biedermeierlichen Elementen und farbigen Glasfenstern. Mustergültig gelang ihm die Einbindung des zweigeschossigen Putzbaues in die umgebenden Grabmale.

Zu Koeppens Leistungen auf dem Gebiet der Profanbauten in Berlin gehören die Wohnanlage in der Wollankstraße (1905-07) und die Posadowsky-Häuser (1905-06) im Ortsteil Gesundbrunnen, die in der Denkmaldatenbank verzeichnet sind.

Mit zunehmender Bauerfahrung übernahm Walter Koeppen auch technische Bauvorhaben in der rasant wachsenden Metropole Berlin:

An prominenter Stelle, unweit der gerade 2019 fertig gestellten James-Simon-Galerie, dem Zentraleingang zur Museumsinsel, befindet sich die „Eiserne Brücke“, nämlich die Verbindung der Museumsinsel zu den Uferstraßen am Kupfergraben und Am Zeughaus über den westlichen Spreearm.

Sie entstand 1914-16 nach Entwürfen Walter Koeppens als einbogige Brücke aus einer mit Muschelkalkstein verkleideten Eisenkonstruktion. Ihren Namen behielt die Brücke nach einem Vorgängerbau aus Gusseisen.

Bereits 1905 mit dem Pavillon am Belle-Alliance-Platz beschäftigt, konzentrierte sich Koeppen noch einmal 1920-23 mit dem Ort – ein aufwändiges Projekt für den Berliner Nahverkehr. So entwarf er den Untergrundbahnhof der Nord-Süd-Bahn am Bahnhof Hallesches Tor, der über eine Treppe und einen langgestreckten Tunnel mit dem Hochbahnhof verbunden war. Eine besondere Herausforderung dabei war der unmittelbar südlich liegende Landwehrkanal, wobei die Gleise unter der Wasserführung besonders tief angelegt werden mussten.

Mit der Bildung Großberlins 1920 war Walter Koeppen also an der Entwicklung und Modernisierung der Metropole in zahlreiche Projekte eingebunden und veröffentliche auch Publikationen, was z.B. eine von ihm – inzwischen längst zum Magistratsoberbaurat befördert – herausgegebene „Bauordnung für die Stadt Berlin“, vom 3. November 1925, mit Berlin-Plan belegt.

Alle aufgeführten Bauwerke stehen heute unter Denkmalschutz und sind in der Auflistung der Berliner Denkmaldatenbank verzeichnet. (CW)

… vor hundert Jahren: Sehnsuchtsland Dänemark

An einem frühen Morgen warten 21 kleine armselige Gestalten an einem der vielen Gleise des Stettiner Bahnhofs auf die Ankunft ihres Zuges. Sie wurden nach Dänemark eingeladen, um sich dort für mehrere Wochen oder gar Monate in einer Familie oder in einem der elf Ferienkolonien, die eigens für die deutschen Kinder eröffnet wurden, zu erholen.

Fürsorge und einen Tapetenwechsel haben sie dringend nötig. Bleich und abgemagert wie sie sind, haben sie nach der anhaltenden Hungersnot, die vorallem diese Großstadtkinder getroffen hat, kaum eine Chance, sich gesund zu entwickeln. Einige von ihnen sind unterernährt und so schwach, dass sie ihr weniges Gepäck nicht allein tragen können.

Aufgeregt und unruhig schauen sie sich um. Eine so weite Reise in eine unbekannte Gegend zu Menschen, die sie nicht kennen, ist ein Abenteuer, vor dem sie sich trotz aller Freude ein wenig fürchten.

Doch wenn sie wieder zurückkehren, haben sie das längst vergessen. Was hatten sie für eine herrliche Zeit, ein bißchen wie im Paradies. Zum ersten Mal seit langem konnten sie sich richtig satt essen. Sie wurden wieder kräftig und oft konnten sie wieder das Normalgewicht eines Kindes erreichen. Spaziergänge am Meer oder an einem der Seen, Spiele, Musik und die ärztliche Behandlung der verschiedenen in Folge der Unterernährung auftretenden Krankheiten ließen sie wieder gesund werden. Vielleicht haben sie ein bißchen Dänisch gelernt, vor allem haben sie Anteilnahme und Fürsorge erlebt, die ihnen zu Hause fehlten. Zum Abschied wurden sie meist von ihren Pflegeeltern neu eingekleidet, obwohl viele der Gasteltern nicht viel verdienten. Das Elend ihres deutschen Gastkindes rührte sie jedoch so, dass mancher eigener Sohn oder manche eigene Tochter in diesem Jahr auf einen neuen Mantel oder neue Schuhe verzichten mussten.

Vier Jahre von 1917-1920 durften deutsche Kinder sich in Dänemark erholen. Das sog. Dänische Liebeswerk wurde von privaten und sozialen Initiativen durchgeführt. 1917 hatte der dänische Pastor Lindhardt erreichen können, dass 120 Kinder in einzelne christliche Familien für mehrere Wochen untergebracht werden konnten. Die Jahre darauf stellten Großgrundbesitzer, Industrielle, Pastoren, Gewerkschaftsmitglieder, Angestellte u.a. Unterkünfte oder das eigene Zuhause zur Verfügung. Viele spendeten Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Die dänische Regierung erlaubte, 1000 Kinder ins Land zu bringen.

Leider konnte nicht jedem bedürftigen Kind ein solcher Aufenthalt ermöglicht werden. Die dänische Hilfe ging jedoch darüber hinaus. 4000 Berliner Kindern bekamen 1919 die Gelegenheit, während der Sommermonate auf den grossen Spielplätzen in Blankenfelde in der Mark ihre freie Zeit zu verbringen. Sie konnten dort den ganzen Tag an der frischen Luft herumtollen und erhielten gehaltvolle Mahlzeiten, die mit Haferflocken, Milch, Speck, Malzbier und Zucker angereichert wurden. Diese Zutaten wurden aus Dänemark geliefert.

Nicht nur Dänemark leistete Hilfe. Auch Schweden, Norwegen, Holland, Schweiz, Amerika und England trugen nach dem Ersten Weltkrieg dazu bei, dass Leid in Deutschland zu mildern. Wohlfahrtsorganisationen, aber auch Privatinitiativen aus diesen Ländern nahmen sich der herrschenden Not an und sendeten Hilfspakete mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Arzneien oder ermöglichten Kindern einen Auslandsaufenthalt in ihrem Land.

Den meisten ist die sog. „Quäkerspeisung“ im Gedächtnis haften geblieben. Sie war eine kostenlose Essensausgabe an bedürftige Kinder, Erwachsene und Schwangere, die überwiegend von der englischen und amerikanischen Religionsgemeinschaft der Quäker, aber auch von anderen religiösen Gemeinschaften und Privatpersonen organisiert und finanziert wurde. Bis 1926 wurde sie in vielen deutschen Städten, auch in Berlin und Pankow, ausgegeben und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg als wieder großes Elend herrschte.

Auch in unserer Gemeinde gab es eine „Quäkerspeisung“. In einem der Gemeindesäle teilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen von 12.00-14.00 Uhr jeden Tag Suppe aus und nahm sich dabei gleichzeitig der vielen Sorgen und Nöten ihrer Besucher an. Dieses kostenlose Essen half vielen Gemeindemitgliedern zu überleben. (CB)

Das Foto ist der Broschüre „Nothilfe des Auslandes für Deutschland“, 1920 entnommen.

 

… vor 76 Jahren: Sieghild Jungklaus wird als eine der ersten Frauen in Berlin ordiniert

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Sieghild Jungklaus (1915-2010) als Pfarrvikarin in den 1940er Jahren

Vor mehr als 100 Jahren wurde es den ersten Frauen in Berlin erlaubt, Theologie zu studieren. Bis sie Pfarrerinnen werden konnten und irgendwann die gleichen Rechte wie ihren männlichen Kollegen hatten, war es ein langer Kampf. Eine der Frauen, die ihren Nachfolgerinnen den Weg ebnete, war Sieghild Jungklaus, die von 1943 bis 1975 als Pfarrerin in der Hoffnungskirchengemeinde aktiv war. Zunächst unter dem Titel „Pfarrvikarin“, den damals ordinierte Frauen im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen tragen mussten, später unter den Titel „Pastorin“.

In der Hoffnungskirchengemeinde hat Sieghild Jungklaus den größten Teil Ihres Lebens verbracht – sie wurde als Tochter von Rudolf Jungklaus, dem ersten Pfarrers der Gemeinde, 1915 in das Pfarrhaus gegenüber der Hoffnungskirche hineingeboren. So erlebte sie mit, mit wie viel Engagement und Freunde ihr Vater den Aufbau der damals noch neuen Gemeinde vorantrieb. Dass die gesamte Familie dabei einbezogen wurde, war selbstverständlich. Dieses Erleben von Gemeindearbeit und das Vorbild ihres Vaters war für sie prägend, zumal dieser sie auf ihrem Weg als Theologin stets unterstütze.

So studierte Sieghild Jungklaus Theologie – gekennzeichnet wurde diese Studienzeit vom Nationalsozialismus und dem Kirchenkampf, was dazu führte, dass die junge Theologin die illegalen Veranstaltungen der Bekennenden Kirche besuchte, weshalb sie vom Studium an der Berliner Universität zwangsexmatrikuliert wurde. Sie konnte ihr Studium jedoch in Marburg weiterführen und ihre Theologischen Examina ablegen.

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte sie 1940 im ersten Kriegsjahr – ihr Verlobter, der Thologiestudent Siegfried Anz, der als Soldat eingezogen worden war, fiel.

Trotzdem setzte Sieghild Jungklaus ihr Studium fort und kämpfte mit ihren Mitstudentinnen darum, auch für das Pfarramt ordiniert zu werden, was Frauen bislang noch verwehrt blieb. Doch da so viele männliche Pfarrer als Soldaten im Krieg waren und in den Gemeinden fehlten, entschloss sich die Bekennende Kirche in Berlin, ab 1943 auch Frauen zu ordinieren. Auch Sieghild Jungklaus wurde so 1943 zu einer illegalen (weil nicht von der nationalsozialistischen Kirchenleitung abgesegneten) Pfarrvikarin ordiniert und war damit eine der ersten Frauen in der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Dass sie damit aber keinesfalls auf einer Stufe mit den männlichen Pfarrern standen, wurde gleich vermerkt: „Euer Dienst (…) richtet sich zunächst auf Frauen, Jugendliche und Kinder, in der Notzeit der Kirche auch auf alle Gemeindeglieder.“ In dieser „Notzeit“ übernahm Sieghild Jungklaus Aufgaben, die sonst Männern vorbehalten waren: sie predigte, nahm Trauungen vor und konfirmierte 1944 als erste Frau in Berlin Jugendliche. Nur unverheirateten Frauen war es damals gestattet, diesen Dienst auszuüben – wollten sie heirateten, hieß das, dass sie ihren Beruf aufgeben mussten.

Auch in ihrer Kleidung sollten die Vikarinnen sich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden: ihre Dienstkleidung war ein schwarzes Kleid, zu dem sie ein Kreuz um den Hals trugen. Allerdings brachte Sieghilds Jungklaus‘ Vater ihr bald einen Talar mit, den er bei einem Schneider entdeckt hatte. So war es in der Hoffnungkichengemeinde selbstverständlich, dass Sieghild Jungklaus dort als Frau ihren Pfarrdienst ausübte, auch wenn sie durchaus einige Kämpfe auszustehen hatte. Vereinzelt gab es Menschen, die gegen „das Weib auf der Kanzel“ wetterten und beim Bischof protstierten.

Derzeit zeigt die Wander-Ausstellung „Vorgängerinnen – der Weg von Frauen ins geistliche Amt“ in der Marienkirche am Alexanderplatz den Kampf dieser ersten Theologinnen. Sieghild Jungklaus ist eine der darin porträtierten Frauen. Die Ausstellung wird voraussichtlich auch im Herbst in der Hoffnungskirchengemeinde zu sehen sein. (GL)

 

 

…vor 100 Jahren – Pankow und das Kino

Während in diesen Tagen die Berliner Filmfestspiele Zuschauer aus aller Welt in die Kinos der Stadt locken, steckte vor 100 Jahren das Kino noch in den Kinderschuhen. Doch Pankow war ein Ort, der die Anfänge des Kinos miterlebte, denn hier lebte und wirkte Max Skladanowsky, der zusammen mit seinem Bruder Emil 1894 eine Filmkamera und 1895 das Bioscop, einen Filmprojektor, baute. In der Berliner Straße 27, wo sich damals das Ausflugslokal „Feldschlößchen“ befand, zeigten die Brüder den Gästen im Juli 1895 erste Filme und drehten im Garten des Lokals kurze Filme, die im November 1895 im Berliner Wintergarten-Varieté als 15-minütiger Abschluss des Programms gezeigt wurde. Die Aufnahmen zeigten u.a. akrobatische und Jonglage-Nummern, verschiedene Tänze und ein boxendes Känguruh. Einen Monat lang wurde dieses Programm vor immer ausverkauften Publikum gezeigt. Ein Zeitungredakteur schrieb damals: „Das Finale der Vorstellung springt auf die kleinere Bühne des Bioscop über. Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht soll der Teufel wissen.“ Diese Präsentation ist als eine der ersten Filmvorführungen vor zahlendem Publikum in die Filmgeschichte eingegangen (zusammen mit der der Brüder Lumiére in Paris) und markiert damit die Geburtsstunde des Kinos. Einige Jahre später etablierte sich an diesem historischen Ort unter dem Namen „Pankower Lichtspiele“ ein festes Kino. Später wurde es in „Tivoli“ umgetauft, das an dieser Stelle noch bis 1994 existierte. Heute befindet sich auf dem Grundstück der Lidl-Markt, ein Mosaik-Schriftzug erinnert an die historische Bedeutung des Ortes und die Vorführung der Brüder Skladanowsky.

Dieses Ereignis strahlte auf Pankow aus – vor hundert Jahren, im Jahr 1919, hatten sich bereits sechs Kinos in Pankow etabliert, wo sich die Pankower Filme ansehen konnten. (GL)

…vor 100 Jahren: Die Spanische Grippe fordert viele Opfer

Im Jahr 1918 gab es in Deutschland und auf der ganzen Welt einen Feind, der sich rasend schnell über die ganze Welt ausbreitete und nach heutigen Schätzungen circa 50 Millionen Todesopfer forderte (einige Schätzungen gehen sogar von 100 Millionen aus) – mehr Menschen als bei den Kampfhandlungen des ersten Weltkrieges starben. Die Spanische Grippe kam in drei Wellen, wovon die zweite im Oktober 1918 die tödlichste war. Sie hatte eine erschreckend hohe Sterblichkeitsrate und zudem waren die meisten Todesopfer eher junge, kräftige Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Die sonst oft von Infektionskrankheiten betroffene Gruppe der Alten blieb zum größten Teil von der Grippe verschont, zumindest endete sie bei ihnen in den meisten Fällen nicht tödlich.

Auch in Pankow und in der Hoffnungskirchengemeinde wütete die Spanische Grippe – an manchen Tagen mussten die Pfarrer drei bis vier Bestattungen durchführen. Anhand der Kirchenbücher ist zu sehen, dass die Lage hier dem weltweiten Trend entsprach. 35 Menschen starben im Oktober 1918 in der Hoffnungskirchengemeinde. Deutlich mehr als im Rest des Jahres, in dem durchschnittlich 13 Menschen pro Monat bestattet wurden. Bei 8 Verstorbenen ist als Todesursache Grippe oder Influenza vermerkt, weitere 13 Menschen sind an Lungenentzündungen gestorben, die sich oft an eine Grippeinfektion anschloss und dann zum Tode führte. Man kann also davon ausgehen, dass in diesem Oktober circa 21 der insgesamt 35 Toten an den Folgen der Grippe gestorben sind, also fast zwei Drittel. Auch hier waren es vor allem junge Menschen. Lediglich drei der im Oktober Bestatteten waren über 60 Jahre alt.

Für einige Familien stellte die Spanische Grippe ein Drama dar, von dem sie sich nicht wieder erholten. Die Ernährer der Familien fielen aus – entweder weil sie schnell starben oder sich nach überstandener Grippe nur sehr langsam erholten. Nicht wenige Patienten hatten im Anschluss mit Depressionen oder neurologischen Ausfallerscheinungen zu kämpfen. Nachdem etliche Männer im Krieg umgekommen waren, verloren einige Kinder nun auch ihren zweiten Elternteil und blieben als Waisen zurück. Der Anblick der an der Grippe Sterbenden war teilweise traumatisch: da meist die Lunge betroffen war, konnte der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Die Haut färbte sich zunehmend blau, im Endstadium fast schwarz, bevor der Mensch verstarb.

Die Medizin, die erst vor kurzem das Gebiet der Bakteriologie entdeckt hatte, – woran Forscher der Berliner Charité einen entscheidenden Anteil hatten – standen der Spanischen Grippe hilflos gegenüber. Denn kein Bakterium konnte als Ursache identifiziert werden. Aber was war dann die Ursache? Die technischen Möglichkeiten waren erst 1931 mit der Erfindung des Elektronenmikroskops so weit, dass etwas so kleines wie der Grippevirus identifiziert werden konnte. (GL)

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Rekonstruierter Virus der Spanischen Grippe. Quelle: Cynthia Goldsmith Content Providers: CDC/ Dr. Terrence Tumpey/ Cynthia Goldsmith – vom Centers for Disease Control and Prevention’s Public Health Image Library (PHIL), Identifikationsnummer #8243

Zurück zu den Wurzeln: Mode aus Brennnesseln

Im Sommer 1918 liest man in vielen Zeitungen und auf Handzetteln „Sammelt Brennesseln!“ Das, was heute als ökologisch wertvoller Rohstoff von einigen Modedesignern als neue Geschäftsidee beworben wird, wurde schon im 11. Jahrhundert zur Textilherstellung genutzt und war vor 100 Jahren die aus der Not geborene Rückbesinnung auf alte Traditionen.

Denn durch die britische Seeblockade im 1. Weltkrieg konnte kaum noch Baumwolle von Deutschland importiert werden. Der Mangel machte sich immer stärker bemerkbar. Was früher verpönt war, dürfte im Jahr 1918 selbst in gepflegten bürgerlichen Pankower Haushalten keine Seltenheit gewesen sein: in geflickter Kleidung herumzulaufen. Denn neue Bauwollkleidung gab es schon lange nicht mehr zu kaufen. Nähkurse erfreuten sich in dieser Zeit außerordentlicher Beliebtheit. Die Industrie versuchte, Ersatzprodukte zu erzeugen – so gab es Kleidung aus Papierfasern oder eben Brennnesseln.

Die Fasern des Stängels der Brennnessel können mit Hilfe verschiedener Verfahren zu spinnfähigen Bastfasern aufbereitet werden, aus denen ein glänzender Stoff hergestellt werden kann, der im Sommer kühlt und im Winter warm hält. Was lag also näher, als die sonst unbeliebte Brennnessel zu sammeln und sogar gezielt anzubauen? Bereits 1917 wurde zu diesem Zweck die „Nessel-Anbau-Gesellschaft“ in Berlin gegründet, die auf 300 Hektar Land in Rummelsburg die Urtica dioica – die große Brennnessel – anbaute du auch bei Bauern in der Umgebung für deren Anbau warb. 400 Mark Prämie wurde dafür für jeden Hektar versprochen. Auch die Sammler der Pflanzen konnten sich damit Geld verdienen. 28 Mark wurden für 100 Kilo getrockneter Stängel gezahlt. Sicher versuchte auch so mancher Pankower und manches Pankower Kind so Geld zu verdienen. Für Blätter und Samen wurde ebenfalls gezahlt. Doch es ging nicht nur ums Geld, so appelliert die Nessel-Anbau-Gesellschaft 1918 in ihrem Merkblatt: „Jedes Kilo Faser trägt dazu bei, uns vom Ausland unabhängig zu machen, jedes Kilo Samen fördert den Anbau, und jedes Kilo Brennesselblätter kommt unserer Viehhaltung und damit der Volksernährung zugute!“ Als Nahrungsergänzung hatten viele Menschen die Nesselpflanze bereits entdeckt: in etlichen Berliner und Pankower Haushalten landete sie als Spinatersatz oder in Form von Brennnesselsuppe schon längst auf dem Teller.

Die 1918 groß angelegte Sammelaktion verlief allerdings hinsichtlich de Textilherstellung im Sande: so gab es einfach keine Textilfabriken für die Weiterverarbeitung der Fasern und schließlich machte auch das Kriegsende die aufwändige Produktion von Ersatzstoffen nicht mehr nötig. (GL)

… vor hundert Jahren: 130. Geburtstag und 70. Todestag Elsa Brändströms

 

Am 26. März 1888 erblickte in St. Petersburg ein kleines Mädchen das Licht der Welt. Elsa Brändström. Ihr Vater war zu dieser Zeit Militärattaché der Schwedischen Botschaft in Russland. Doch ihre Kindheit und Jugend verbrachte Elsa Brändström überwiegend in ihrem Heimatland Schweden.

Als Zwanzigjährige kehrte sie zurück nach St. Petersburg, weil ihr Vater zwischenzeitlich zum Gesandten des Königreiches Schweden ernannt worden war. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieg verbrachte sie dort eine unbeschwerte Zeit auf Bällen und Gesellschaften.

Nach dem Ausbruch des Krieges veränderte sich ihr Leben radikal. Im Herbst 1914 nahm sie gemeinsam mit ihrer Freundin an einem Krankenpflegekurs teil. Die Pflege kranker und verwundeter Soldaten in den Lazaretten erfreute sich in dieser Zeit nicht nur in Russland sondern in ganz Europa bei den gutsituierten jungen Damen großer Beliebtheit.

Doch bei Elsa Brändström war es mehr. Nachdem sie bei einem Besuch des Nikolaihospitals das erste Mal auf verwundete Kriegsgefangene traf, beschloss sie, fortan in Kriegsgefangenenlazaretten und -lagern zu arbeiten.

Zusammen mit ihrer Freundin Ethel von Heidenstam wurde sie russische Schwester des Sankt-Georgs-Ordens und arbeitete in dem Hospital.

1915 organisierte sie gemeinsam mit ihrer Freundin neben einer Hilfsaktion für deutsche Kriegsgefangene den Austausch schwer verwundeter deutscher Soldaten gegen russische Verwundete und begab sich eigenmächtig nach Berlin, um sich mit dem Ehrenpräsidenten des Badischen Roten Kreuzes, Max von Baden, zu treffen und die unwürdigen Zustände der Kriegsgefangenen in Russland zu schildern. Im Anschluss daran erhielten sie eine große Summe Spendengelder für Hilfsgüter, die nach Sibirien in die Kriegsgefangenenlager geschafft werden sollten. Um selbst den Transport begleiten zu können, traten sie dem Schwedischen Roten Kreuz bei und unter deren Schutz führten sie die Reise durch.

In den sibirischen Lagern herrschten neben Hunger und Kälte sowie Willkür der Lageraufsicht auch menschenunwürdige hygienische Bedingungen, die die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten und Seuchen begünstigten. Medikamente und medizinische Ausrüstungen waren nicht vorhanden.

All dies nahmen die beiden jungen Frauen in Kauf und leisteten mit anderen Helfern Außergewöhnliches. Sie sorgten für Hygiene und eine einfache medizinische Grundausstattung in den Krankenbaracken und die Isolierung der Seuchenkranken. Darüber hinaus übernahmen sie die Pflege Kranker und Verwundeter und bemühten sich um eine ausreichende Versorgung der Gefangenen. Sie errichteten Bibliotheken und Arbeitsstätten, damit die psychisch angeschlagenen Inhaftierten wieder eine Perspektive entwickeln konnten.

Dreimal, zuletzt im russischen Bürgerkrieg 1918 bis 1920, machte sich Elsa Brändström, teilweise unter Lebensgefahr, in die sibirischen Weiten auf. Sie blieb dort viele Monate und half, wo sie konnte. „Engel von Sibirien“ nannten sie die Männer, die sie besuchte.

Mit vielen von ihnen blieb sie freundschaftlich verbunden und stand in Briefkontakt, auch nach Beendigung der Gefangenschaft.

Ihre Tätigkeit erforderte nicht nur viel Mut und Durchhaltevermögen, es kostete sie auch ihre Gesundheit. Sie war völlig erschöpft und erkrankte schwer.

1921 erschien ihr Buch „Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien 1914-1920“. Es wurde ein Welterfolg. Mit den Einnahmen aus diesem Buch und ihren Vorträgen errichtete sie u.a. die „Stiftung Arbeitssanatorium für ehemalige kriegsgefangene Deutsche“ und betrieb im Schloß Neusorge bei Mittweida ein Heim für Kinder, deren Väter in den russischen Kriegsgefangenenlagern gestorben waren. Sie hatte in Sibirien versprochen, für diese Kinder zu sorgen.

Am 6. November 1929 heiratete sie den Pädagogikprofessor Robert Ulich. Ihre Tochter Brita wurde 1932 geboren und 1934 wanderte sie mit ihrer Familie in die USA aus.

Auch während des Zweiten Weltkrieges und danach kümmerte sich Elsa Brändström um die Notleidenden.

Am 4. März 1948 starb sie nach schwerer Krankheit in Cambrigde (Vorort von Boston).

Das Andenken dieser großartigen Frau ist auch in unserer Gemeinde bis heute lebendig. Unsere Hoffnungskirche steht in der 1936 umbenannten Elsa-Brändström-Straße und es gibt seit vielen Jahren einen regen Kontakt zur schwedischen Partnergemeinde. (CB)