… vor hundert Jahren: Sehnsuchtsland Dänemark

An einem frühen Morgen warten 21 kleine armselige Gestalten an einem der vielen Gleise des Stettiner Bahnhofs auf die Ankunft ihres Zuges. Sie wurden nach Dänemark eingeladen, um sich dort für mehrere Wochen oder gar Monate in einer Familie oder in einem der elf Ferienkolonien, die eigens für die deutschen Kinder eröffnet wurden, zu erholen.

Fürsorge und einen Tapetenwechsel haben sie dringend nötig. Bleich und abgemagert wie sie sind, haben sie nach der anhaltenden Hungersnot, die vorallem diese Großstadtkinder getroffen hat, kaum eine Chance, sich gesund zu entwickeln. Einige von ihnen sind unterernährt und so schwach, dass sie ihr weniges Gepäck nicht allein tragen können.

Aufgeregt und unruhig schauen sie sich um. Eine so weite Reise in eine unbekannte Gegend zu Menschen, die sie nicht kennen, ist ein Abenteuer, vor dem sie sich trotz aller Freude ein wenig fürchten.

Doch wenn sie wieder zurückkehren, haben sie das längst vergessen. Was hatten sie für eine herrliche Zeit, ein bißchen wie im Paradies. Zum ersten Mal seit langem konnten sie sich richtig satt essen. Sie wurden wieder kräftig und oft konnten sie wieder das Normalgewicht eines Kindes erreichen. Spaziergänge am Meer oder an einem der Seen, Spiele, Musik und die ärztliche Behandlung der verschiedenen in Folge der Unterernährung auftretenden Krankheiten ließen sie wieder gesund werden. Vielleicht haben sie ein bißchen Dänisch gelernt, vor allem haben sie Anteilnahme und Fürsorge erlebt, die ihnen zu Hause fehlten. Zum Abschied wurden sie meist von ihren Pflegeeltern neu eingekleidet, obwohl viele der Gasteltern nicht viel verdienten. Das Elend ihres deutschen Gastkindes rührte sie jedoch so, dass mancher eigener Sohn oder manche eigene Tochter in diesem Jahr auf einen neuen Mantel oder neue Schuhe verzichten mussten.

Vier Jahre von 1917-1920 durften deutsche Kinder sich in Dänemark erholen. Das sog. Dänische Liebeswerk wurde von privaten und sozialen Initiativen durchgeführt. 1917 hatte der dänische Pastor Lindhardt erreichen können, dass 120 Kinder in einzelne christliche Familien für mehrere Wochen untergebracht werden konnten. Die Jahre darauf stellten Großgrundbesitzer, Industrielle, Pastoren, Gewerkschaftsmitglieder, Angestellte u.a. Unterkünfte oder das eigene Zuhause zur Verfügung. Viele spendeten Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Die dänische Regierung erlaubte, 1000 Kinder ins Land zu bringen.

Leider konnte nicht jedem bedürftigen Kind ein solcher Aufenthalt ermöglicht werden. Die dänische Hilfe ging jedoch darüber hinaus. 4000 Berliner Kindern bekamen 1919 die Gelegenheit, während der Sommermonate auf den grossen Spielplätzen in Blankenfelde in der Mark ihre freie Zeit zu verbringen. Sie konnten dort den ganzen Tag an der frischen Luft herumtollen und erhielten gehaltvolle Mahlzeiten, die mit Haferflocken, Milch, Speck, Malzbier und Zucker angereichert wurden. Diese Zutaten wurden aus Dänemark geliefert.

Nicht nur Dänemark leistete Hilfe. Auch Schweden, Norwegen, Holland, Schweiz, Amerika und England trugen nach dem Ersten Weltkrieg dazu bei, dass Leid in Deutschland zu mildern. Wohlfahrtsorganisationen, aber auch Privatinitiativen aus diesen Ländern nahmen sich der herrschenden Not an und sendeten Hilfspakete mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Arzneien oder ermöglichten Kindern einen Auslandsaufenthalt in ihrem Land.

Den meisten ist die sog. „Quäkerspeisung“ im Gedächtnis haften geblieben. Sie war eine kostenlose Essensausgabe an bedürftige Kinder, Erwachsene und Schwangere, die überwiegend von der englischen und amerikanischen Religionsgemeinschaft der Quäker, aber auch von anderen religiösen Gemeinschaften und Privatpersonen organisiert und finanziert wurde. Bis 1926 wurde sie in vielen deutschen Städten, auch in Berlin und Pankow, ausgegeben und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg als wieder großes Elend herrschte.

Auch in unserer Gemeinde gab es eine „Quäkerspeisung“. In einem der Gemeindesäle teilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen von 12.00-14.00 Uhr jeden Tag Suppe aus und nahm sich dabei gleichzeitig der vielen Sorgen und Nöten ihrer Besucher an. Dieses kostenlose Essen half vielen Gemeindemitgliedern zu überleben. (CB)

Das Foto ist der Broschüre „Nothilfe des Auslandes für Deutschland“, 1920 entnommen.

 

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… vor 76 Jahren: Sieghild Jungklaus wird als eine der ersten Frauen in Berlin ordiniert

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Sieghild Jungklaus (1915-2010) als Pfarrvikarin in den 1940er Jahren

Vor mehr als 100 Jahren wurde es den ersten Frauen in Berlin erlaubt, Theologie zu studieren. Bis sie Pfarrerinnen werden konnten und irgendwann die gleichen Rechte wie ihren männlichen Kollegen hatten, war es ein langer Kampf. Eine der Frauen, die ihren Nachfolgerinnen den Weg ebnete, war Sieghild Jungklaus, die von 1943 bis 1975 als Pfarrerin in der Hoffnungskirchengemeinde aktiv war. Zunächst unter dem Titel „Pfarrvikarin“, den damals ordinierte Frauen im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen tragen mussten, später unter den Titel „Pastorin“.

In der Hoffnungskirchengemeinde hat Sieghild Jungklaus den größten Teil Ihres Lebens verbracht – sie wurde als Tochter von Rudolf Jungklaus, dem ersten Pfarrers der Gemeinde, 1915 in das Pfarrhaus gegenüber der Hoffnungskirche hineingeboren. So erlebte sie mit, mit wie viel Engagement und Freunde ihr Vater den Aufbau der damals noch neuen Gemeinde vorantrieb. Dass die gesamte Familie dabei einbezogen wurde, war selbstverständlich. Dieses Erleben von Gemeindearbeit und das Vorbild ihres Vaters war für sie prägend, zumal dieser sie auf ihrem Weg als Theologin stets unterstütze.

So studierte Sieghild Jungklaus Theologie – gekennzeichnet wurde diese Studienzeit vom Nationalsozialismus und dem Kirchenkampf, was dazu führte, dass die junge Theologin die illegalen Veranstaltungen der Bekennenden Kirche besuchte, weshalb sie vom Studium an der Berliner Universität zwangsexmatrikuliert wurde. Sie konnte ihr Studium jedoch in Marburg weiterführen und ihre Theologischen Examina ablegen.

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte sie 1940 im ersten Kriegsjahr – ihr Verlobter, der Thologiestudent Siegfried Anz, der als Soldat eingezogen worden war, fiel.

Trotzdem setzte Sieghild Jungklaus ihr Studium fort und kämpfte mit ihren Mitstudentinnen darum, auch für das Pfarramt ordiniert zu werden, was Frauen bislang noch verwehrt blieb. Doch da so viele männliche Pfarrer als Soldaten im Krieg waren und in den Gemeinden fehlten, entschloss sich die Bekennende Kirche in Berlin, ab 1943 auch Frauen zu ordinieren. Auch Sieghild Jungklaus wurde so 1943 zu einer illegalen (weil nicht von der nationalsozialistischen Kirchenleitung abgesegneten) Pfarrvikarin ordiniert und war damit eine der ersten Frauen in der Landeskirche Berlin-Brandenburg. Dass sie damit aber keinesfalls auf einer Stufe mit den männlichen Pfarrern standen, wurde gleich vermerkt: „Euer Dienst (…) richtet sich zunächst auf Frauen, Jugendliche und Kinder, in der Notzeit der Kirche auch auf alle Gemeindeglieder.“ In dieser „Notzeit“ übernahm Sieghild Jungklaus Aufgaben, die sonst Männern vorbehalten waren: sie predigte, nahm Trauungen vor und konfirmierte 1944 als erste Frau in Berlin Jugendliche. Nur unverheirateten Frauen war es damals gestattet, diesen Dienst auszuüben – wollten sie heirateten, hieß das, dass sie ihren Beruf aufgeben mussten.

Auch in ihrer Kleidung sollten die Vikarinnen sich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden: ihre Dienstkleidung war ein schwarzes Kleid, zu dem sie ein Kreuz um den Hals trugen. Allerdings brachte Sieghilds Jungklaus‘ Vater ihr bald einen Talar mit, den er bei einem Schneider entdeckt hatte. So war es in der Hoffnungkichengemeinde selbstverständlich, dass Sieghild Jungklaus dort als Frau ihren Pfarrdienst ausübte, auch wenn sie durchaus einige Kämpfe auszustehen hatte. Vereinzelt gab es Menschen, die gegen „das Weib auf der Kanzel“ wetterten und beim Bischof protstierten.

Derzeit zeigt die Wander-Ausstellung „Vorgängerinnen – der Weg von Frauen ins geistliche Amt“ in der Marienkirche am Alexanderplatz den Kampf dieser ersten Theologinnen. Sieghild Jungklaus ist eine der darin porträtierten Frauen. Die Ausstellung wird voraussichtlich auch im Herbst in der Hoffnungskirchengemeinde zu sehen sein. (GL)

 

 

…vor 100 Jahren – Pankow und das Kino

Während in diesen Tagen die Berliner Filmfestspiele Zuschauer aus aller Welt in die Kinos der Stadt locken, steckte vor 100 Jahren das Kino noch in den Kinderschuhen. Doch Pankow war ein Ort, der die Anfänge des Kinos miterlebte, denn hier lebte und wirkte Max Skladanowsky, der zusammen mit seinem Bruder Emil 1894 eine Filmkamera und 1895 das Bioscop, einen Filmprojektor, baute. In der Berliner Straße 27, wo sich damals das Ausflugslokal „Feldschlößchen“ befand, zeigten die Brüder den Gästen im Juli 1895 erste Filme und drehten im Garten des Lokals kurze Filme, die im November 1895 im Berliner Wintergarten-Varieté als 15-minütiger Abschluss des Programms gezeigt wurde. Die Aufnahmen zeigten u.a. akrobatische und Jonglage-Nummern, verschiedene Tänze und ein boxendes Känguruh. Einen Monat lang wurde dieses Programm vor immer ausverkauften Publikum gezeigt. Ein Zeitungredakteur schrieb damals: „Das Finale der Vorstellung springt auf die kleinere Bühne des Bioscop über. Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht soll der Teufel wissen.“ Diese Präsentation ist als eine der ersten Filmvorführungen vor zahlendem Publikum in die Filmgeschichte eingegangen (zusammen mit der der Brüder Lumiére in Paris) und markiert damit die Geburtsstunde des Kinos. Einige Jahre später etablierte sich an diesem historischen Ort unter dem Namen „Pankower Lichtspiele“ ein festes Kino. Später wurde es in „Tivoli“ umgetauft, das an dieser Stelle noch bis 1994 existierte. Heute befindet sich auf dem Grundstück der Lidl-Markt, ein Mosaik-Schriftzug erinnert an die historische Bedeutung des Ortes und die Vorführung der Brüder Skladanowsky.

Dieses Ereignis strahlte auf Pankow aus – vor hundert Jahren, im Jahr 1919, hatten sich bereits sechs Kinos in Pankow etabliert, wo sich die Pankower Filme ansehen konnten. (GL)

…vor 100 Jahren: Die Spanische Grippe fordert viele Opfer

Im Jahr 1918 gab es in Deutschland und auf der ganzen Welt einen Feind, der sich rasend schnell über die ganze Welt ausbreitete und nach heutigen Schätzungen circa 50 Millionen Todesopfer forderte (einige Schätzungen gehen sogar von 100 Millionen aus) – mehr Menschen als bei den Kampfhandlungen des ersten Weltkrieges starben. Die Spanische Grippe kam in drei Wellen, wovon die zweite im Oktober 1918 die tödlichste war. Sie hatte eine erschreckend hohe Sterblichkeitsrate und zudem waren die meisten Todesopfer eher junge, kräftige Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Die sonst oft von Infektionskrankheiten betroffene Gruppe der Alten blieb zum größten Teil von der Grippe verschont, zumindest endete sie bei ihnen in den meisten Fällen nicht tödlich.

Auch in Pankow und in der Hoffnungskirchengemeinde wütete die Spanische Grippe – an manchen Tagen mussten die Pfarrer drei bis vier Bestattungen durchführen. Anhand der Kirchenbücher ist zu sehen, dass die Lage hier dem weltweiten Trend entsprach. 35 Menschen starben im Oktober 1918 in der Hoffnungskirchengemeinde. Deutlich mehr als im Rest des Jahres, in dem durchschnittlich 13 Menschen pro Monat bestattet wurden. Bei 8 Verstorbenen ist als Todesursache Grippe oder Influenza vermerkt, weitere 13 Menschen sind an Lungenentzündungen gestorben, die sich oft an eine Grippeinfektion anschloss und dann zum Tode führte. Man kann also davon ausgehen, dass in diesem Oktober circa 21 der insgesamt 35 Toten an den Folgen der Grippe gestorben sind, also fast zwei Drittel. Auch hier waren es vor allem junge Menschen. Lediglich drei der im Oktober Bestatteten waren über 60 Jahre alt.

Für einige Familien stellte die Spanische Grippe ein Drama dar, von dem sie sich nicht wieder erholten. Die Ernährer der Familien fielen aus – entweder weil sie schnell starben oder sich nach überstandener Grippe nur sehr langsam erholten. Nicht wenige Patienten hatten im Anschluss mit Depressionen oder neurologischen Ausfallerscheinungen zu kämpfen. Nachdem etliche Männer im Krieg umgekommen waren, verloren einige Kinder nun auch ihren zweiten Elternteil und blieben als Waisen zurück. Der Anblick der an der Grippe Sterbenden war teilweise traumatisch: da meist die Lunge betroffen war, konnte der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Die Haut färbte sich zunehmend blau, im Endstadium fast schwarz, bevor der Mensch verstarb.

Die Medizin, die erst vor kurzem das Gebiet der Bakteriologie entdeckt hatte, – woran Forscher der Berliner Charité einen entscheidenden Anteil hatten – standen der Spanischen Grippe hilflos gegenüber. Denn kein Bakterium konnte als Ursache identifiziert werden. Aber was war dann die Ursache? Die technischen Möglichkeiten waren erst 1931 mit der Erfindung des Elektronenmikroskops so weit, dass etwas so kleines wie der Grippevirus identifiziert werden konnte. (GL)

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Rekonstruierter Virus der Spanischen Grippe. Quelle: Cynthia Goldsmith Content Providers: CDC/ Dr. Terrence Tumpey/ Cynthia Goldsmith – vom Centers for Disease Control and Prevention’s Public Health Image Library (PHIL), Identifikationsnummer #8243

Zurück zu den Wurzeln: Mode aus Brennnesseln

Im Sommer 1918 liest man in vielen Zeitungen und auf Handzetteln „Sammelt Brennesseln!“ Das, was heute als ökologisch wertvoller Rohstoff von einigen Modedesignern als neue Geschäftsidee beworben wird, wurde schon im 11. Jahrhundert zur Textilherstellung genutzt und war vor 100 Jahren die aus der Not geborene Rückbesinnung auf alte Traditionen.

Denn durch die britische Seeblockade im 1. Weltkrieg konnte kaum noch Baumwolle von Deutschland importiert werden. Der Mangel machte sich immer stärker bemerkbar. Was früher verpönt war, dürfte im Jahr 1918 selbst in gepflegten bürgerlichen Pankower Haushalten keine Seltenheit gewesen sein: in geflickter Kleidung herumzulaufen. Denn neue Bauwollkleidung gab es schon lange nicht mehr zu kaufen. Nähkurse erfreuten sich in dieser Zeit außerordentlicher Beliebtheit. Die Industrie versuchte, Ersatzprodukte zu erzeugen – so gab es Kleidung aus Papierfasern oder eben Brennnesseln.

Die Fasern des Stängels der Brennnessel können mit Hilfe verschiedener Verfahren zu spinnfähigen Bastfasern aufbereitet werden, aus denen ein glänzender Stoff hergestellt werden kann, der im Sommer kühlt und im Winter warm hält. Was lag also näher, als die sonst unbeliebte Brennnessel zu sammeln und sogar gezielt anzubauen? Bereits 1917 wurde zu diesem Zweck die „Nessel-Anbau-Gesellschaft“ in Berlin gegründet, die auf 300 Hektar Land in Rummelsburg die Urtica dioica – die große Brennnessel – anbaute du auch bei Bauern in der Umgebung für deren Anbau warb. 400 Mark Prämie wurde dafür für jeden Hektar versprochen. Auch die Sammler der Pflanzen konnten sich damit Geld verdienen. 28 Mark wurden für 100 Kilo getrockneter Stängel gezahlt. Sicher versuchte auch so mancher Pankower und manches Pankower Kind so Geld zu verdienen. Für Blätter und Samen wurde ebenfalls gezahlt. Doch es ging nicht nur ums Geld, so appelliert die Nessel-Anbau-Gesellschaft 1918 in ihrem Merkblatt: „Jedes Kilo Faser trägt dazu bei, uns vom Ausland unabhängig zu machen, jedes Kilo Samen fördert den Anbau, und jedes Kilo Brennesselblätter kommt unserer Viehhaltung und damit der Volksernährung zugute!“ Als Nahrungsergänzung hatten viele Menschen die Nesselpflanze bereits entdeckt: in etlichen Berliner und Pankower Haushalten landete sie als Spinatersatz oder in Form von Brennnesselsuppe schon längst auf dem Teller.

Die 1918 groß angelegte Sammelaktion verlief allerdings hinsichtlich de Textilherstellung im Sande: so gab es einfach keine Textilfabriken für die Weiterverarbeitung der Fasern und schließlich machte auch das Kriegsende die aufwändige Produktion von Ersatzstoffen nicht mehr nötig. (GL)

… vor hundert Jahren: 130. Geburtstag und 70. Todestag Elsa Brändströms

 

Am 26. März 1888 erblickte in St. Petersburg ein kleines Mädchen das Licht der Welt. Elsa Brändström. Ihr Vater war zu dieser Zeit Militärattaché der Schwedischen Botschaft in Russland. Doch ihre Kindheit und Jugend verbrachte Elsa Brändström überwiegend in ihrem Heimatland Schweden.

Als Zwanzigjährige kehrte sie zurück nach St. Petersburg, weil ihr Vater zwischenzeitlich zum Gesandten des Königreiches Schweden ernannt worden war. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieg verbrachte sie dort eine unbeschwerte Zeit auf Bällen und Gesellschaften.

Nach dem Ausbruch des Krieges veränderte sich ihr Leben radikal. Im Herbst 1914 nahm sie gemeinsam mit ihrer Freundin an einem Krankenpflegekurs teil. Die Pflege kranker und verwundeter Soldaten in den Lazaretten erfreute sich in dieser Zeit nicht nur in Russland sondern in ganz Europa bei den gutsituierten jungen Damen großer Beliebtheit.

Doch bei Elsa Brändström war es mehr. Nachdem sie bei einem Besuch des Nikolaihospitals das erste Mal auf verwundete Kriegsgefangene traf, beschloss sie, fortan in Kriegsgefangenenlazaretten und -lagern zu arbeiten.

Zusammen mit ihrer Freundin Ethel von Heidenstam wurde sie russische Schwester des Sankt-Georgs-Ordens und arbeitete in dem Hospital.

1915 organisierte sie gemeinsam mit ihrer Freundin neben einer Hilfsaktion für deutsche Kriegsgefangene den Austausch schwer verwundeter deutscher Soldaten gegen russische Verwundete und begab sich eigenmächtig nach Berlin, um sich mit dem Ehrenpräsidenten des Badischen Roten Kreuzes, Max von Baden, zu treffen und die unwürdigen Zustände der Kriegsgefangenen in Russland zu schildern. Im Anschluss daran erhielten sie eine große Summe Spendengelder für Hilfsgüter, die nach Sibirien in die Kriegsgefangenenlager geschafft werden sollten. Um selbst den Transport begleiten zu können, traten sie dem Schwedischen Roten Kreuz bei und unter deren Schutz führten sie die Reise durch.

In den sibirischen Lagern herrschten neben Hunger und Kälte sowie Willkür der Lageraufsicht auch menschenunwürdige hygienische Bedingungen, die die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten und Seuchen begünstigten. Medikamente und medizinische Ausrüstungen waren nicht vorhanden.

All dies nahmen die beiden jungen Frauen in Kauf und leisteten mit anderen Helfern Außergewöhnliches. Sie sorgten für Hygiene und eine einfache medizinische Grundausstattung in den Krankenbaracken und die Isolierung der Seuchenkranken. Darüber hinaus übernahmen sie die Pflege Kranker und Verwundeter und bemühten sich um eine ausreichende Versorgung der Gefangenen. Sie errichteten Bibliotheken und Arbeitsstätten, damit die psychisch angeschlagenen Inhaftierten wieder eine Perspektive entwickeln konnten.

Dreimal, zuletzt im russischen Bürgerkrieg 1918 bis 1920, machte sich Elsa Brändström, teilweise unter Lebensgefahr, in die sibirischen Weiten auf. Sie blieb dort viele Monate und half, wo sie konnte. „Engel von Sibirien“ nannten sie die Männer, die sie besuchte.

Mit vielen von ihnen blieb sie freundschaftlich verbunden und stand in Briefkontakt, auch nach Beendigung der Gefangenschaft.

Ihre Tätigkeit erforderte nicht nur viel Mut und Durchhaltevermögen, es kostete sie auch ihre Gesundheit. Sie war völlig erschöpft und erkrankte schwer.

1921 erschien ihr Buch „Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien 1914-1920“. Es wurde ein Welterfolg. Mit den Einnahmen aus diesem Buch und ihren Vorträgen errichtete sie u.a. die „Stiftung Arbeitssanatorium für ehemalige kriegsgefangene Deutsche“ und betrieb im Schloß Neusorge bei Mittweida ein Heim für Kinder, deren Väter in den russischen Kriegsgefangenenlagern gestorben waren. Sie hatte in Sibirien versprochen, für diese Kinder zu sorgen.

Am 6. November 1929 heiratete sie den Pädagogikprofessor Robert Ulich. Ihre Tochter Brita wurde 1932 geboren und 1934 wanderte sie mit ihrer Familie in die USA aus.

Auch während des Zweiten Weltkrieges und danach kümmerte sich Elsa Brändström um die Notleidenden.

Am 4. März 1948 starb sie nach schwerer Krankheit in Cambrigde (Vorort von Boston).

Das Andenken dieser großartigen Frau ist auch in unserer Gemeinde bis heute lebendig. Unsere Hoffnungskirche steht in der 1936 umbenannten Elsa-Brändström-Straße und es gibt seit vielen Jahren einen regen Kontakt zur schwedischen Partnergemeinde. (CB)

…vor 124 Jahren: Das Schicksal einer jüdischen Familie

Am 13. August 1893 wird Gabriella Licht in Budapest geboren. Damals ahnt sie noch nicht, dass die Hoffnungskirche eines Tages ein wichtiger Ort in ihrem Leben sein wird. Ihre Eltern sind jüdischen (mosaischen) Glaubens und auch Gabriella wächst zunächst in diesem Glauben auf.

Sie lernt den ebenfalls in Budapest geborenen Kaufmann Eugen Siklós kennen. Auch er ist jüdischen Glaubens. Die beiden heiraten und  im August 1920 kommen die gemeinsamen Zwillingstöchter Eva und Irene in Wien zur Welt.

Bald darauf zieht Familie Siklós nach Berlin, in den wachsenden Stadtteil Pankow. Hier zogen die Eltern mit den beiden Zwillingsmädchen in die Maximilianstraße 48, ins Gemeindegebiet der Hoffnungskirche.

Obwohl es in Pankow schon eine rege jüdische Gemeinde gab – das jüdische Waisenhaus in der Berliner Straße mit der darin befindlichen Synagoge war Zentrum des jüdischen Lebens in Pankow – suchte die Familie Kontakt zu Pfarrer Rudolf Jungklaus. Der war in der „Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden“ aktiv und so Ansprechpartner für viele Menschen jüdischens Glauben, die zum Christentum übertreten wollten. Pfarrer Jungklaus‘ Tochter erinnert sich später an die Familie: „Uns ist noch in Erinnerung, wie unser Vater einmal eine ganze Familie, Eltern und Kinder, die alle auf eigenen Wunsch hin getauft werden wollten, in unserer Wohnung zum regelmäßigen Unterricht versammelte. Es war uns sehr eindrücklich wie Vater von der hohen Intelligenz und der inneren Anteilnahme dieser Menschen sprach.“

Im Januar 1928 wurden die Eltern und die 7-jährigen Töchter von Pfarrer Jungklaus in der Hoffnungskirchengemeinde getauft.

Der weitere Lebensweg der Familie nahm durch die später aufkommende Herrschaft der Nationalsozialisten eine schrecklichen Verlauf: was aus Gabrielle und Eugen Siklós geworden ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Über ihre beiden Zwillingstöchter Eva und Irene ist bekannt, dass sie am 25.02.1945 im KZ Flossenbürg angekommen und dort am 31.03.1945 ums Leben gekommen sind. Sie sind 24 Jahre alt geworden. (GL)