… vor hundert Jahren: Schuljahresbeginn zu Ostern – Pankower Schulen – Nutzung der Schulräume als Gemeinderäume

Schuljahresbeginn im Deutschen Reich war seit Anfang des 20. Jahrhunderts, so auch 1918 in Pankow, zu Ostern. Doch das letzte Schuljahr im Ersten Weltkrieg sollte für die meisten Schüler kein gewöhnliches werden. Wie schon in den vorhergehenden Kriegsjahren galt es für die diese oft, außerhalb der Schule Hilfsdienste zu leisten und anstelle der Männer gemeinsam mit den Frauen und Alten die Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Viele Schulen wurden außerdem zu Kasernen umfunktioniert, so auch die Schule in der Grunowstraße. Der Unterricht fand nur unregelmäßig statt, da viele männliche Lehrer zum Kriegsdienst eingezogen waren und ohne Vertretung fehlten. Von einer Erfüllung der Schulpflicht konnte nicht gesprochen werden.

Preußen hatte zwar schon 1717 unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. eine Unterrichtspflicht für Kinder eingeführt, doch deren Durchsetzung sollte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauern. Volksschulen fanden zunächst Verbreitung. Eine weitergefasste Schulpflicht mit acht Schuljahren und fortbildender Schule bis zum achtzehnten Lebensjahr bestand erst ab der Weimarer Republik.

Mit 40000 Einwohnern war Pankow um die Jahrhundertwende zu einem ansehnlichen Berliner Vorort angewachsen und der Bau von großen Schulgebäuden wurde in Angriff genommen.

Ein bescheidenes erstes Schulgebäude am alten Dorfanger von 1837 mit zunächst zwei Klassenräumen und zwei Lehrerwohnungen in der Breiten Straße wurde 1869 um je vier Klassenräume und vier Lehrerwohnungen erweitert. Die Alte Pankower Gemeindeschule war bald für die 586 Kinder schon wieder zu klein und diente ab 1890 nur noch als Mädchenschule. Die Knaben bekamen einen neuen, stattlichen Schulbau in der Schulstraße, 1904 eröffnete in der Grunowstraße, nach Entwürfen des in Pankow tätigen Architekten Wilhelm Johow, die 2. Gemeindeschule.

Neue Schulräume gab es auch in der Thule-Grundschule und der Schule am Eschengraben, (heute zur Trelleborger Grundschule fusioniert). In der Thulestraße hatte die 3. Gemeindeschule 1893 mit sechs Klassen von insgesamt 254 Jungen und Mädchen eröffnet, 1914 wurde sie umgewandelt zur Gemeindeschule für Knaben, während die Schule am Eschengraben als reine Mädchenschule diente. Die Bornholmer Grundschule erbaute 1910 der Architekt und Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, der in Berlin insgesamt 70 Gemeindeschulen gebaut hatte.

Als erste zum Abitur führende Schule wurde 1907 in der Kissingenstraße das Realgymnasium Pankow (heute Rosa-Luxemburg-Gymnasium) eröffnet, in dem nur Knaben unterrichtet wurden. Zum Schulbau fügte Wilhelm Johow eine Turnhalle, eine „Villa“ für den Schuldirektor und später ein Toilettenhaus auf dem Hof.

Das Gegenstück, die höhere Mädchenschule, ein Lyzeum, konnte im Frühjahr 1910 nach Plänen des Architekten und Regierungsbaumeisters Carl Fenten in der Görschstraße eröffnet werden (heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium). Zusammen mit drei Gemeindedoppelschulen – also für Jungen und Mädchen – und einem Lehrerseminar mit Übungsschule war dieser historisierende Bau der riesigste Schulkomplex Pankows.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts auch der Mietskasernenbau in Pankow Süd rasant zunahm und die Hoffnungskirche noch nicht gebaut war, bezog die Kirchengemeinde noch in Friedenszeiten Schulräume zur Nutzung für Gottesdienste und Kindergottesdienste ein. Sieghild Jungklaus erinnerte sich aus Anlass des 50. Kirchweihjubiläums: „Der Kirchengemeinde wurde allmählich klar, dass sie für die Christen in diesem neu entstandenen Ortsteil etwas tun müssten. Die ersten Anfänge kirchlicher Arbeit bestanden darin, dass Gottesdienst und Kindergottesdienst in diesem Siedlungsgebiet gehalten wurde, und zwar in der Schule in der Thulestr. Es war ja damals selbstverständlich, dass die Schule der Kirche ihre Räume zur Verfügung stellte. Der für diesen Bezirk zuständige Pfarrer war Pfarrer Pankow, der in der Binzstr. wohnte. Die Schwestern, die zuerst in diesem Bezirk Dienst taten, waren Schwester Ida und Schwester Marthe Telzero. Es sammelte sich auch bald unter Leitung der Schwestern ein stattlicher Jungfrauenverein, wie man damals den weiblichen Teil der jungen Gemeinde nannte, und unter Pfarrer Pankows Leitung ein blühender Helferkreis für den Kindergottesdienst.“(CW)

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… vor hundert Jahren: Ungeklärte Todesfälle

Es gab Gerüchte, Getuschel und große Unsicherheit. Was war wirklich passiert? Wer waren die Schuldigen? Warum konnte die Polizei die Fälle nicht aufklären?

Alles hatte seinen Anfang mit dem ungeklärten Tod von Elfi Rahn genommen. Die 7-jährige Schülerin wurde am 17.1.1918 gefunden, ob auf der Straße oder zu Hause ist nicht bekannt. Das Kind lebte bei Pflegeeltern und die Todesursache konnte laut Sterberegister der Gemeinde nicht festgestellt werden. Vielleicht wußten die Pflegeeltern mehr, offiziell zu Protokoll haben sie es nicht gegeben.

Die kirchliche Bestattung des kleinen Mädchens fand dann am 26. Januar statt. Pfarrer Jungklaus übernahm diesen Dienst.

Wenig später, am 31. Januar, starb der Konditor Alfred Bergemann laut Eintragung im Sterberegister auf der Straßenbahn. War es ein Unglück oder wurde die Todesursache falsch eingetragen?

Genaueres ist nicht bekannt. Möglicherweise starb er jedoch während der Ausschreitungen junger Berliner Streikender. Sie hielten an diesem Tag Straßenbahnen an, die in die nördlichen Vororte Berlins, wie Pankow, unterwegs waren. An den Haltestellen stürmten sie die Straßenbahnen, mißhandelten das Personal und nötigten mit Gewalt die Fahrgäste auszusteigen. Teilweise huben sie die Straßenbahnanhänger aus den Gleisen. Außerdem zerstörten sie Oberleitungen und zerschlugen die Fenster der Straßenbahnen. In den Arbeitergegenden bauten die Jugendlichen aus den Anhängern Wagenburgen, hinter denen sie sich verschanzten.

Der Straßenbahnverkehr war auch an den nächsten Tagen nicht nur in Richtung Norden für viele Stunden unterbrochen. Es hatten sich Nachahmer in ganz Berlin gefunden, die die Strecken blockierten.

Der 32-jährige Ehemann und Vater Alfred Bergemann wurde von Pfarrer Simon am 9. Februar kirchlich beerdigt.

Nicht lange danach fand man den Aushilfsfriseur Johannes Wehr tot auf dem Bahnhof Westend. Auch dieses Mal blieb unklar, warum der 35-Jährige sterben musste. Pfarrer Simon nahm gemeinsam mit der Witwe und den drei hinterbliebenen Kindern Abschied und begleitete sie auf ihrem schweren Weg.

Die drei ungeklärten Todesfälle innerhalb von gut einem Monat sorgten für viel Aufregung und Unruhe in der Gemeinde. Die Zeiten wurden unsicherer und die Gewalt auf den Straßen nahm zu. Innerhalb unserer Gemeinde wurde rege Anteilnahme und Mitgefühl für die Hinterbliebenen und die möglichen Opfer bekundet. (CB)

…vor 100 Jahren: der Amtsschimmel reitet – Lustbarkeitssteuer in Kriegszeiten

Auch in Kriegszeiten fand in der Hoffnungskirchengemeinde ein reges Gemeindeleben mit Theateraufführungen, Konzerten oder Vortragsabenden statt. Meist waren Kinder und Jugendliche an den Aktivitäten beteiligt und sammelten Spenden, indem sie an Elternabenden kleine Theaterstücke aufführten und dafür Eintrittskarten verkauften. Mit viel Liebe wurden die Aufführungen vorbereitet: Theaterstücke wurden ausgewählt, Kostüme und Requisiten gemietet, die Stücke wurden sorgfältig einstudiert und geprobt.

Oft fanden die Veranstaltungen nicht in der Kirche, sondern in anderen Räumlichkeiten statt, zum Beispiel im Restaurant „Zum Kurfürsten“ in der Berliner Straße 102. Dort gab es einen großen und prunkvollen Festsaal.

Diese Abende mussten im Vorfeld bei den Behörden angemeldet und polizeilich genehmigt werden. Manchmal wurde extra zu einem solchen Anlass die Polizeistunde verlängert, zum Beispiel für den Weihnachts-Elternabend des Evangelischen Vereins junger Männer Pankow-Hoffnung, für den die Polizeistunde „für diesen Abend bis 11 1/2 Uhr abends verlängert wurde“. Die Abrechnung der Einnahmen und Ausgaben und „des zum Besten der Armenpflege der Kirchengemeinde ‚Hoffnungskirche‘ abzuführenden Betrages“ musste zeitnah beim Polizei-Kommissariat vorgelegt werden.

Auch Lustbarkeitssteuer wurde auf solche Veranstaltungen erhoben. Noch heute wird diese Art von Steuer unter dem Namen Vergnügungssteuer erhoben – vor allem auf Eintrittsgelder für Veranstaltungen (Kartensteuer), Spielautomaten (Spielgerätesteuer) und auch auf sexuelle Dienstleistungen (Prostitutionssteuer).

Da allerdings ein solcher Elternabend eine kleine Veranstaltung war und die Einnahmen für einen guten Zweck verwendet werden sollten, befreite der Gemeinde-Vorstand Pankow die Elternabende des Jugendvereins auf Antrag von Pfarrer Jungklaus in Zukunft von der Lustbarkeitssteuer. (GL)

 

… vor hundert Jahren: Munitionsschutt des Ersten Weltkriegs in Pankow

Berlin war im Ersten Weltkrieg wichtiger Industriestandort und aktiver Rüstungslieferant, darunter waren bedeutende Betriebe wie die „Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken“ in Moabit und Wittenau, A. Borsig in Berlin-Tegel, die „Berliner Maschinenbau AG“, die „Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft“ Fabriken Henningsdorf, die „Argus-Motorengesellschaft“ in Berlin-Reinickendorf, die „Luft-Verkehrs-Gesellschaft“ in Berlin-Johannisthal und die „Daimler Motorengesellschaft“, Zweigniederlassung Berlin-Marienfelde.

In Süd-Pankow befand sich keine Munitionsfabrik jedoch hatten die Bewohner vor ihrer Haustür, nahe der Hoffnungskirche, einen Schuttplatz, auf dem Fabrikationsabfall von Munitionsbetrieben abgeladen wurde. Sieghild Jungklaus, 1941-1975 Pfarrerin der Hoffnungskirche und Tochter des frühen und langjährigen Pfarrers Rudolf Jungklaus kannte das noch unbebaute Areal und Umfeld der Hoffnungskirche aus ihren Kindheitsjahren. 1963 verfasste sie, anlässlich des 50jähigen Jubiläums der Hoffnungskirche, einen detaillierten Rückblick, in dem sie schilderte: „Das Gebiet zwischen Binzstraße und Lindenpromenade [heutige Elsa-Brändström-Straße – C.W.] wurde zur Schutthalde für die Munitionsfabriken. Erst nach dem 1. Kriege entstand dort Laubengelände.“ Von welchen Fabriken die Abfälle stammten und welche Art von Schutt es sich handelte ist nicht erwähnt, jedoch fanden die nachfolgenden Schrebergärtner sicher noch Reste der Rückstände aus dieser Zeit.

Als im Januar 1918 das vierte und letzte Kriegsjahres anbrach, war als Folge der jahrelangen Lebensmittelunterversorgung, schwerster Arbeitsbelastungen und ausbleibender Erfolge an der Kriegsfront unter den Berlinern, wie bei großen Teilen der Zivilbevölkerung des ganzen Landes, eine tiefe Erschöpfung gegenwärtig und die Kriegsmoral zunehmend gesunken, ein günstiger Zeitpunkt für beginnende größere Proteste.

Ende Januar rief der Spartukusbund zu Streiks auf, die sich erstmals zu landesweiten politischen Massenstreiks, besonders in den Großstädten, ausweiten sollten. Die Vossische Zeitung und das Berliner Tageblatt berichteten tagtäglich über die Ausstandsbewegungen und verzeichneten in Berlin Zahlen bis zu 400.000 Demonstranten, die ersten waren Arbeiter der Rüstungs- und Munitionsfabriken. Die Regierung und das Militär befürchteten einen Aufstand in der Hauptstadt und verhängten daraufhin am 31. Januar 1918 den verschärften Belagerungszustand, woraufhin die Demonstrationen und Kundgebungen gewaltsam aufgelöst wurden, dabei gab es Tote und Verletzte. Spartakistischer Streikführer und viele Arbeiter wurden inhaftiert. Zehn Monate vor der Novemberrevolution saß das revolutionäre Potential bereits in den Startlöchern. (CW)

… vor hundert Jahren: Jugendgottesdienst zum 400- jährigen Reformationsjubiläum

Eine zentrale Jubiläumsfeier zur Erinnerung an die 95 Thesen Martin Luthers und der daraufhin einsetzenden Reformationsbewegung vor 400 Jahren, gab es es weder in Deutschland, noch in Berlin.

Die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz hatte sich bereits im Juni 1917 gegen eine Zentralfeier in Wittenberg am Reformationstag aufgrund des andauernden Krieges entschieden.

Der Kaiser ließ über die Presse mitteilen, dass es entgegen vorheriger Planungen keinen zentralen Reformationsgottesdienst in Berlin geben würde. Er verwies auf die angespannte politische Situation und die militärischen Niederlagen der deutschen Armee und ihrer Verbündeteten in den letzten Monaten. Gleichzeitig versprach er dies in einem besonders feierlichen Rahmen nachzuholen, wenn der Krieg gewonnen wäre. Lange, so war seine Hoffnung, würde es nicht mehr dauern. Die preußischen Kirchengemeinden forderte er unabhänig davon auf, das 400- jährige Jubiläum der Reformation festlich zu begehen.

Einen Feiertag schenkte der protestantische Kaiser seinen Untertanen nicht. Lediglich den evangelischen Beamten und Angestellten der Verwaltung, die einen Gottesdienst am 31.10.1917 besuchen wollten, wurden laut Runderlass des Ministers eine Freistellung von der Arbeit für diese Zeit bei vollem Lohnausgleich gewährt.

Einige der großen Kirchen Berlins, wie z.B. der Dom oder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, luden bereits vor dem eigentlichen Reformationstag zu Festgottesdiensten ein. Die meisten anderen Berliner Gemeinden, auch unsere, feierten am 31.10.1917 mit einem besonderen Gottesdienst den Reformationstag.

Wie wichtig das Reformationsjubiläum für die Pankower Gemeinde trotz oder gerade in den Kriegszeiten war, zeigen die verschiedenen Aktivitäten der Gemeindemitglieder. So gab es nicht nur einen Jubiläumsgottesdienst, sondern auch einen Elternabend des Jugendgottesdienstes der Hoffnungskirche, bei dem Martin Luther das Thema war. Er fand in den Abendstunden des 17.11.1917 im Restaurant „Kurfürst“ in der Berliner Straße statt. Neben einem Vortrag über den Reformator und einem Reigen gab es ein kleines Theaterstück, das von den Kindern der Gemeinde aufgeführt wurde. Es nannte sich „Luther als Kurrendeschüler“. (CB)

… vor hundert Jahren: 400-jähriges Reformationsjubiläum in Pankow – Posaunenchor bläst vom Kirchturm der Hoffnungskirche

Bronzeglocke „Hoffnung“ in der Hoffnungskirche. Die drei Glocken „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ haben ein Gesamtgewicht von 4546 Kilogramm.

Seit der Reformation bis zum Sturz der Monarchie 1918 waren die evangelischen Landeskirchen durch das Summepiskopat, also die oberste Leitungsgewalt des Landesherrn geprägt. Die Feierlichkeiten zum 400. Reformationsjubiläum im Herbst 1917 stellten einen bedrückenden Gipfelpunkt dieser Ära dar, dienten sie doch Staat und Kirche als Handhabe zur Stärkung und Motivation der Bevölkerung im vierten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges. Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuss positionierte sich mit dem Versand einer Ansprache und dem nahegelegten Verlesen von der Kanzel und bekräftigte seine Intentionen zur Vereinnahmung für das Durchhaltevermögen im Krieg: „Wie unsere Väter im Glauben sich des Heldenmuts der Reformatoren, so wollen auch wir der dahingerafften Blüte unserer Söhne und Brüder uns wert erzeigen und bekennen: Ein feste Burg ist unser Gott – das Reich muss uns doch bleiben!“.

Zu Kriegsbeginn herrschte im Allgemeinen eine patriotische und begeisterte Zustimmung. Freiwillig gaben große Teile der Bevölkerung neben Kriegsanleihen auch Goldschmuck, Münzen, Hausgerätschäften aus Kupfer, Zinn und Messing zur Finanzierung des Krieges.

Mit Fortschreiten der Materialschlachten und zur Linderung des chronischen Rohstoffmangels erfolgten dann Zwangsmaßnahmen zur Einziehung von Metall. 1915 gab es dazu eine Forderung der Preußischen Kultusminister, EOK und Konsistorien, die in einer streng geheimen Aktion die Gemeinden aufriefen, die Kupferdächer ihrer Kirchen abzubauen und bei der Heeresverwaltung abzuliefern. Im Frühjahr 1917 verlangte das Berliner Kriegsministerium darauf die „freiwillige“ Ablieferung von Glocken und Orgelpfeifen aus Bronze. So erschienen auch die „Ausführungsbestimmungen zu der Bekanntmachung vom 1. März 1917 betreffend Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiwillige Ablieferung von Glocken aus Bronze“. Aufgeteilt wurde in drei Kategorien A, B und C, wobei nur letztere Gruppe als „wissenschaftlicher, geschichtlicher oder Kunstwert“ das Einschmelzen der Glocke sicher verhinderte. Ein großer Prozentsatz der deutschen Kirchenglocken landete auf den „Glockenfriedhöfen“ und fiel dieser Aktion zum Opfer.

Zu den kirchlichen Feierlichkeiten in Pankow am 31. Oktober 1917, einem Mittwoch, findet sich im Protokollbuch des Gemeindekirchenrates nur eine kurze Notiz, die besagt, dass „nach dem Konzert in der Hoffnungskirche ein Posaunenchor vom Turm blasen“ sollte. Weiter heißt es: „An demselben Abend um 7 Uhr soll ein Bläserchor von der alten Kirche in Ermangelung der Glocken das Fest einblasen.“ Ob die Glocken für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurden, ließ sich nicht nachweisen. (CW)

… vor hundert Jahren: „Neue Kleider, alte Stoffe“ – Herbstmode 1917

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Gab es am Ende des vierten Kriegsjahres noch ein Interesse an Mode oder wurde es durch den Mangel und die Alltagssorgen verdrängt?

Vieles könnte dafür sprechen, denn die Situation war infolge des andauernden Krieges für viele Frauen bedrückend und brachte so viele Sorgen mit sich, dass Modefragen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Es herrschte Mangel an Lebensmittel und Gebrauchsgütern. Eine immer größer werdende Anzahl der Frauen ging tagsüber arbeiten und kam erschöpft nach Hause. Sie sorgten sich um das Wohlergehen ihrer Kinder und ihrer Ehemänner, Väter und Brüder.

Trotzdem gab es auch im Herbst 1917 in Deutschland eine Herbstmode.

Das kriegsbedingte Modemotto hieß „Neue Kleider, alte Stoffe“. Die Röcke wurden weiter geschnitten und auf Wadenlänge gekürzt, damit die Frauen, die es eilig hatten, besser vorankamen. Es gab Arbeitsoverale für Frauen und das Kittelkleid wurde zur Alltagskleidung. Beides war praktisch und ließ viel Bewegungsfreiheit.

Längst hatten sich die Farben grau und schwarz durchgesetzt, auch im propagandistischen Sinne: grau als Huldigung an die Männer im Krieg und schwarz in Solidarität mit den vielen Witwen.

Seit April 1917 gab es eine neue Kleiderordnung, die von der Reichsbekleidungsstelle erlassen worden war. Danach blieben jeder Frau nur noch ein Sonntagsgewand und zwei Alltagsgewänder. Außerdem durfte sie lediglich je einen Sommer- und Wintermantel, zwei Blusen, drei Schürzen, sechs Taschentücher, ein Paar Winterhandschuhe sowie einen Rock besitzen. Insgesamt drei Paar Schuhe waren erlaubt, Winterstiefel mit eingeschlossen. Die einzige Ausnahme waren die Kopfbedeckungen. Davon konnte man soviel besitzen und tragen, wie man wollte.

Trotz dieser Beschränkungen wurde in den Modejournalen die neueste Mode mit Modellen und Schnittmustern vorgestellt. Kaufhäuser und Geschäfte warben mit entsprechenden Stoffen um ihre Kundinnen.

In Berlin gab es ca. 30 Kaufhäuser, 260 Konfektionsschneider und ca. 25 Maßateliers, die das Thema Mode weiterhin den Frauen näher brachten und dafür sorgten, dass der graue Alltag die neueste Herbstmode nicht ganz aus ihrem Leben verschwinden ließ. Das galt sicherlich auch für Frauen in der Hoffnungsgemeinde. (CB)