… vor hundert Jahren: Die NSDAP und ihr 25-Punkte Programm

Gestern, vor einhundert Jahren, am 24. Februar 1920 verkündete Adolf Hitler im Münchner Hofbräuhaus das sogenannte „25-Punkte-Programm“ seiner Partei.

Die Partei war erst gut ein Jahr zuvor in München als Deutsche Arbeiterpartei (DAP) gegründet worden. Nach jubelnden Beifall des von Hitler verkündeten Parteiprogramms wurde am Abend die Umbenennung der Partei in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bekannt gegeben.

In dem zuvor verkündeten „25-Punkte-Programm“ wurde u.a. die Aufkündigung des Versailler Vertrages, der Zusammenschluss aller Deutschen zu einem Großdeutschen Reich, die Rückgabe der Kolonien, der Aufbau einer Diktatur, eine Pressezensur und verschiedene Maßnahmen, die dem Slogan „Gemeinnutz vor Eigennutz“ Rechnung tragen sollten, gefordert. Außerdem sollte die Wehrpflicht wieder eingeführt, den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und die Religionsfreiheit eingeschränkt werden.

Obwohl einige Forderungen im Laufe der Zeit verändert wurden oder ganz wegfielen, war mit diesem Parteiprogramm der Grundstein der späteren NS-Diktatur gelegt worden.

Zunächst stieß das in einem Münchner Gasthaus verkündete Programm auf wenig Interesse in der Politiklandschaft außerhalb der NSDAP und ihrer Gesinnungsgenossen. Doch das änderte sich rasch.

Aus den Forderungen einer bis dato kleinen und kaum bekannten Bayrischen Partei wurde eine politische Realität für ganz Deutschland mit verheerenden Folgen.

Auch in unserer Gemeinde hatten diese Grundsatzforderungen ab 1933 erhebliche Auswirkungen. Nicht nur der von den Pfarrern gewährte Schutz vor der Judenverfolgung war für sie und ihre Familien gefährlich, auch das massive Eingreifen in die Gemeindestruktur durch die NSDAP und ihrer Sympathisanten gefährdete in dieser Zeit das Gemeindeleben und eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern.

Die von der NSDAP unterstützte Bewegung der „Deutschen Christen“ gewann im Juli 1933 die Kirchenwahlen in Berlin. Sie erhielt 75% aller Stimmen in der Pankower Gemeinde und stellte damit die meisten Ältesten für die alte Pfarrkirche und die Hoffnungskirche, die damals noch zu einer Gemeinde gehörten. Mit dabei waren zwei der wichtigsten Berliner Funktionäre der „Deutschen Christen“: Dr. Reinhold Krause und Johannes Schmiedchen. Gemeinsam mit Ernst Flessa, dem Fraktionsführer der „Deutschen Christen“ in der Hoffnungskirche, waren sie nicht nur im Gemeindekirchenrat sehr aktiv sondern auch in den verschiedenen kirchlichen Gremien.

Um dem wirksam entgegen treten zu können, hatten sich die Pankower Pfarrer und eine Reihe von Gemeindemitgliedern vor der Wahl für eine gemeinsame Liste „Evangelium und Kirche“ ausgesprochen. Nach der Wahlniederlage waren sie  zunächst bereit, mit den „Deutschen Christen“ zusammenzuarbeiten.

Doch lange währte diese Bereitschaft weder in Pankow noch in anderen Gemeinden. Das Agieren der „Deutschen Christen“ nicht nur in den einzelnen Kirchgemeinden sondern auch auf der Reichsebene machte vielen Pfarrern und Kirchenmitgliedern eine Zusammenarbeit mit ihnen unmöglich. Schnell wurde klar, dass es einer gemeinsamen oppositionellen Bewegung bedurfte, um sich sinnvoll gegen die einschränkenden Maßnahmen der „Deutschen Christen“ und der NSDAP wehren zu können. Aus dem im September 1933 gegründeten Pfarrernotbund wurden im Jahr darauf die „Bekennenden Kirchen“ in den jeweiligen Gebieten der Landeskirchen aufgebaut.

Ca. 2000 Mitglieder zählte die „Bekennende Kirche“ allein in Pankow, alle fünf Pankower Pfarrer waren dort Mitglied. Vermutlich war unsere Pankower Gemeinde damit die zweitgrößte Bekenntnisgemeinde in Berlin-Brandenburg. (CB)

…vor 100 Jahren: Fritz Arnfeld, ein jüdischer Kaufmann, etabliert sich – eine Familie ohne Zukunft

Im Jahr 1919 ließ Fritz Arnfeld sein Gewerbe ins Handelsregister eintragen, das er bereits seit 1913 betrieb. In der Binzstraße 66 hatte er einen Handel für Haarschmuck eingerichtet. Unter dieser Adresse wohnte er auch mit seiner Frau Margarete und der damals 7-jährigen Tochter Charlotte. Der jährliche Ertrag seiner Firma betrug ca. 14.000 Mark bei einem Umsatz von 100.000 Mark. Das war ein recht guter Verdienst, wenn man das mit dem damaligen durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters von 127,- Mark vergleicht. Eine kleine Familie mitten im Pankow, die bald eine zweite Tochter bekam und einer guten Zukunft entgegensah.

Diese Zukunft führte sie auch in die Hoffnungskirchengemeinde – allerdings nicht aus freien Stücken, sondern getrieben von dem einige Jahrzehnte später herrschenden nationalsozialistischen Regime. Bis 1909 war Margarete evangelisch, dann trat sie aus der Kirche aus – vermutlich im Zuge ihrer Verheiratung mit ihrem jüdischen Ehemann. Die Familie lebte wie viele andere um sie herum – die Töchter lernten in verschiedenen Pankower Schulen, hatten viele Freundinnen. Das änderte sich mit der Machtübernahme durch Hitler und der Verfolgung der Juden. Auf Grund der Nürnberger Gesetze galten Fritz Arnfeld und seine ganze Familie als Juden. Als die Bedrängnisse immer größer wurden, hofften die beiden Töchter ihre Lage durch eine Taufe in der Hoffnungskirche zu verbessern. Pfarrer Jungklaus taufte die beiden Mädchen im Jahre 1937. Ein Jahr später wurde nach einem entsprechenden GKR-Beschluss die Mutter Margarete wieder in die evangelische Kirche aufgenommen. Dennoch mussten die beiden Töchter Zwangsarbeit leisten und bekamen reduzierte Lebensmittelrationen. Ein weiterer Versuch, wenigstens den Status der Töchter zu verbessern war die Scheidung der Eltern – so hofften sie wahrscheinlich, mit der Lossagung vom jüdischen Vater würde die Taufe der Töchter anerkannt. Doch erst wurde das Geschäft von Fritz Arnfeld liquidiert und dann kam es zur Katastrophe: erst wurde der Vater Fritz und bald darauf die ältere Tochter Charlotte deportiert und umgebracht. Die „arische“ Mutter und die jündere Tochter Ruth überlebten Krieg und Nationalsozialismus. (GL)

… vor hundert Jahren: Eine Kinderheilstätte in der Schönholzer Heide

Auf dem Internationalen Tuberkulose-Kongress 1908 in Washington berichtete ein Berliner Arzt über die Kinderheilstätte des Volksstättenvereins vom Roten Kreuz in der Schönholzer Heide. In seinem Vortrag erklärte er die dringende Notwendigkeit dieser Einrichtung und räumte u.a. ein, dass „.. die Tuberkulose, insbesondere diejenige der Lungen, unter den Schulkindern in viel stärkerem Maße verbreitet ist, als früher angenommen.“ Er wies darauf hin, dass gerade unter den Jugendlichen im Alter von 15-20 Jahren die Zahl der Erkrankten stetig anwuchs. Neben den bekannten Gründen war dieser Anstieg damit zu erklären, dass es nunmehr schulmedizinische Untersuchungen in Berlin gab und die statistischen Erhebungen zu genaueren Angaben über die Zahl der Erkrankungen führten.

Elf Jahre später war trotz des nun vorhandenen Problembewußtseins kein Rückgang der Krankheit zu verzeichnen. Bedingt durch den gerade beendeten Weltkrieg und die damit verbundene Lebensmittelknappheit war die Anzahl der Kinder mit Unterernährung in den großen Städten wie Berlin sehr hoch. Die unterernährten Kinder waren besonders anfällig für die Tuberkulose. Auch die Wohnverhältnisse waren für viele von ihnen weiterhin miserabel und förderten die Krankheit.

Erst durch den später einsetzenden sozialen Wohnungsbau mit seinen weiten, lichtdurchfluteten Höfen sollten sich die Wohnbedingungen für einige bedeutend verbessern.

Doch es sollten noch Jahrzehnte dauern bis die Tuberkulose weitesgehend verschwand. Daher waren im Jahr 1919 die Lungenheilstätten besonders wichtig, um den Kindern und Erwachsenen eine Chance auf Heilung oder Besserung einzuräumen. Rund um Berlin gab es eine Reihe davon. Die bekannesten lagen in Beelitz und Hohenlychen. Daneben gab es weitere saisonal geöffnete Heilstätten, die von Mai bis September betrieben wurden.

Ein paar von ihnen waren ausschließlich für Kinder. Die 1902 eröffnete Kinderheilstätte in der Schönholzer Heide war eine von ihnen. Dort wurden jedes Jahr 250-300 Kinder, überwiegend mit beginnender Tuberkulose, betreut und versorgt. Sie trafen jeden Morgen mit der Straßenbahn oder dem Zug gegen 8 Uhr ein und verbrachten dort den ganzen Tag. Gegen 19 Uhr fuhren sie wieder nach Hause oder übernachteten in der benachbarten Schönholzer Heilstätte, wenn ihr gesundheitlicher Zustand ein Hin- und Herfahren nicht erlaubte. Bei gutem Wetter blieben sie den ganzen Tag an der frischen Luft, um auf den Liegen auszuruhen, unter Anleitung kräftigende Gynastik zu machen und ausreichend stärkende Mahlzeiten einzunehmen. Für die Schulkinder gab es, wenn sie dazu in der Lage waren, einen zweistündigen Schulunterricht.

Die meisten der Kinder wurden die ganze Saison betreut, der Mindestaufenthalt betrug zwei Monate. Viele kamen auch mehrere Jahre hindurch und bekamen damit die Möglichkeit, das Erwachsenenalter zu erreichen und gesundheitlich so stabil zu werden, dass sie einen Beruf erlernen und ausüben konnten.

Doch leider schafften es nicht alle. Die Tuberkulose war in dieser Zeit eine Volkskrankheit. Auch in unserer Gemeinde litten Kinder und Erwachsene unter dieser Krankheit und nicht wenige starben daran. Von September bis Dezember wurden 51 Gemeindemitglieder kirchlich bestattet, darunter fünf Kinder. Vierzehn von ihnen starben an einer Lungenkrankheit.

Heute lässte sich nicht mehr ermitteln, wieviele Mitglieder unserer Gemeinde dank der Heilstätten wieder genasen oder eine Besserung erfuhren. Hoffen wir, dass es viele waren, die in den Genuss einer Heilstättenbehandlung kamen und dass die meisten der Kinder nur den kurzen Weg in die Schönholzer Heide hatten. (CB)

Das Foto ist entnommen aus: „Das Deutsche Rothe Kreuz und die Tuberkulose – Bekämpfung. Denkschrift für den Internationalen Tuberkulose-Kongress. Washington, 21. September bis 12. Oktober 1908“

… vor hundert Jahren: Helene Schmitz – eine Berliner Stadtverordnete

Für eine Weile war Helene Schmitz fast Pankowerin – bis sie sich gezwungen sah, im September 1939 (also vor genau 80 Jahren) ihre Wohnung in der Bornholmer Straße aufzugeben. Aber wie kam es dazu?Helene Schmitz, geborene Hüser, wurde am 18. März 1874 in Elberfeld als Tochter eines Schuhmachers geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte sie eine Lehre, arbeitete im Anschluss als Posamentiererin und wurde sogar Meisterin und Abteilungsleiterin in der Herstellung von Zierborten. Im Jahre 1894 heiratete sie den Schlosser und Gewerkschaftsangestellten August Schmitz. Nach der Ehe nur Hausfrau zu sein, reichte ihr nicht, sie trat in die SPD ein. Den evangelischen Glauben empfand sie zu dieser Zeit als nicht mehr passend. 1910 zogen ihr Ehemann und sie nach Berlin. Auch in der großen Stadt blieb Helene Schmitz politisch in der SPD aktiv und 1916 erfolgte ihre Wahl in den Berliner SPD-Bezirksvorstand, dem sie bis 1926 angehörte. Mit der Revolution von 1919 bekamen Frauen in Deutschland nicht nur das Recht, zu wählen, sondern auch das Recht, gewählt zu werden. Helene Schmitz war eine der ersten Frauen, die in der Weimarer Republik im Stadtparlament und im preußischen Landtag vertreten waren. Bereits 1919 (und danach noch zwei weitere Male) wurde sie bei der Stadtverordnetenwahl im Wahlkreis 4 (Prenzlauer Berg) ins Stadtparlament gewählt, von 1925 bis 1932 gehörte sie dem Landtag an. Außerdem war sie von 1919 bis 1933 Vorstandsmitglied der Berliner Arbeiterwohlfahrt,die am 3. Dezember 1919 gegründet wurde, um der Not der Nachkriegsjahre besser begegnen zu können.Viele Jahre setzte sie sich auf diese Weise selbstbewusst und kämpferisch für die sozial Schwachen ein. Im Wahlkampf für die Wahl von 1932 verwies Helene Schmitz auf die Erfolge der sozialdemokratischen Regierungen in Preußen und machte sich stark für die Wiederwahl Otto Brauns. Vor allem die gesundheitlichen und fürsorgerischen Maßnahmen im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit lagen ihr am Herzen. Aber auch der humane Strafvollzug und der soziale Wohnungsbau waren für sie wichtige Themen.Doch mit der Wahl verlor die „Weimarer Koalition“ in Preußen ihre Mehrheit und die Machtübernahme der Nationalsozialisten deutete sich an. Deren Erfolg im Januar 1933 wurde für das Ehepaar Schmitz zu einem tiefen Eingriff in ihr Leben. Aufgrund ihrer politischen Tätigkeit wurde Helene Schmitz von der Gestapo überwacht. Ihr Mann, der als Angestellter einer Gewerkschaft mittlerweile arbeitslos geworden war, erinnerte sich 1952: „Unsere jahrelange Arbeit für die SPD war natürlich noch ein mitbelastendes Moment bei der Auseinandersetzung mit den Nazis. […] Die tägliche Bespitzelung wurde so unangenehm, dass wir uns entschlossen, unsere Wohnung in der Bornholmer Straße aufzugeben. Unser Häuschen in Frohnau wurde zum Sammelpunkt der alten Kollegen und auch Naziverfolgten […].“ So verkleinerte sich der Wirkungskreis der Politikerin. Als dann noch ihr Frohnauer Rückzugsort 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, musste das Ehepaar in eine Kellerwohnung in der Nähe umziehen. Ihre politischen Möglichkeiten schrumpften also weiter und die Befreiung von den Nationalsozialisten erlebte Helene Schmitz nicht mehr. Wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges starb sie am 4. Mai 1945 an einem Gehirnschlag.  (JM)

… vor hundert Jahren: Sehnsuchtsland Dänemark

An einem frühen Morgen warten 21 kleine armselige Gestalten an einem der vielen Gleise des Stettiner Bahnhofs auf die Ankunft ihres Zuges. Sie wurden nach Dänemark eingeladen, um sich dort für mehrere Wochen oder gar Monate in einer Familie oder in einem der elf Ferienkolonien, die eigens für die deutschen Kinder eröffnet wurden, zu erholen.

Fürsorge und einen Tapetenwechsel haben sie dringend nötig. Bleich und abgemagert wie sie sind, haben sie nach der anhaltenden Hungersnot, die vorallem diese Großstadtkinder getroffen hat, kaum eine Chance, sich gesund zu entwickeln. Einige von ihnen sind unterernährt und so schwach, dass sie ihr weniges Gepäck nicht allein tragen können.

Aufgeregt und unruhig schauen sie sich um. Eine so weite Reise in eine unbekannte Gegend zu Menschen, die sie nicht kennen, ist ein Abenteuer, vor dem sie sich trotz aller Freude ein wenig fürchten.

Doch wenn sie wieder zurückkehren, haben sie das längst vergessen. Was hatten sie für eine herrliche Zeit, ein bißchen wie im Paradies. Zum ersten Mal seit langem konnten sie sich richtig satt essen. Sie wurden wieder kräftig und oft konnten sie wieder das Normalgewicht eines Kindes erreichen. Spaziergänge am Meer oder an einem der Seen, Spiele, Musik und die ärztliche Behandlung der verschiedenen in Folge der Unterernährung auftretenden Krankheiten ließen sie wieder gesund werden. Vielleicht haben sie ein bißchen Dänisch gelernt, vor allem haben sie Anteilnahme und Fürsorge erlebt, die ihnen zu Hause fehlten. Zum Abschied wurden sie meist von ihren Pflegeeltern neu eingekleidet, obwohl viele der Gasteltern nicht viel verdienten. Das Elend ihres deutschen Gastkindes rührte sie jedoch so, dass mancher eigener Sohn oder manche eigene Tochter in diesem Jahr auf einen neuen Mantel oder neue Schuhe verzichten mussten.

Vier Jahre von 1917-1920 durften deutsche Kinder sich in Dänemark erholen. Das sog. Dänische Liebeswerk wurde von privaten und sozialen Initiativen durchgeführt. 1917 hatte der dänische Pastor Lindhardt erreichen können, dass 120 Kinder in einzelne christliche Familien für mehrere Wochen untergebracht werden konnten. Die Jahre darauf stellten Großgrundbesitzer, Industrielle, Pastoren, Gewerkschaftsmitglieder, Angestellte u.a. Unterkünfte oder das eigene Zuhause zur Verfügung. Viele spendeten Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Die dänische Regierung erlaubte, 1000 Kinder ins Land zu bringen.

Leider konnte nicht jedem bedürftigen Kind ein solcher Aufenthalt ermöglicht werden. Die dänische Hilfe ging jedoch darüber hinaus. 4000 Berliner Kindern bekamen 1919 die Gelegenheit, während der Sommermonate auf den grossen Spielplätzen in Blankenfelde in der Mark ihre freie Zeit zu verbringen. Sie konnten dort den ganzen Tag an der frischen Luft herumtollen und erhielten gehaltvolle Mahlzeiten, die mit Haferflocken, Milch, Speck, Malzbier und Zucker angereichert wurden. Diese Zutaten wurden aus Dänemark geliefert.

Nicht nur Dänemark leistete Hilfe. Auch Schweden, Norwegen, Holland, Schweiz, Amerika und England trugen nach dem Ersten Weltkrieg dazu bei, dass Leid in Deutschland zu mildern. Wohlfahrtsorganisationen, aber auch Privatinitiativen aus diesen Ländern nahmen sich der herrschenden Not an und sendeten Hilfspakete mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Arzneien oder ermöglichten Kindern einen Auslandsaufenthalt in ihrem Land.

Den meisten ist die sog. „Quäkerspeisung“ im Gedächtnis haften geblieben. Sie war eine kostenlose Essensausgabe an bedürftige Kinder, Erwachsene und Schwangere, die überwiegend von der englischen und amerikanischen Religionsgemeinschaft der Quäker, aber auch von anderen religiösen Gemeinschaften und Privatpersonen organisiert und finanziert wurde. Bis 1926 wurde sie in vielen deutschen Städten, auch in Berlin und Pankow, ausgegeben und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg als wieder großes Elend herrschte.

Auch in unserer Gemeinde gab es eine „Quäkerspeisung“. In einem der Gemeindesäle teilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen von 12.00-14.00 Uhr jeden Tag Suppe aus und nahm sich dabei gleichzeitig der vielen Sorgen und Nöten ihrer Besucher an. Dieses kostenlose Essen half vielen Gemeindemitgliedern zu überleben. (CB)

Das Foto ist der Broschüre „Nothilfe des Auslandes für Deutschland“, 1920 entnommen.

 

… vor hundert Jahren: Stillstand

Berlin steht still. Trotz unruhiger Zeiten, kurz nach der umstrittenen Unterzeichnung des Versailler Vertrags, kehrt Anfang Juli 1919 Ruhe ein. Jedoch weder politisch noch sozial. Nur auf den Gleisen und Schienen in und um Berlin herum herrscht Stillstand.

Grund dafür war ein groß angelegter Verkehrsstreik, der sowohl die Stadtbahnen als auch den Güterverkehr umfasste und dem sich alsbald etliche Metall- und Holzarbeiter anschlossen. Viele der Streikenden hatten ausschließlich wirtschaftliche Forderungen, die von den kommunistischen Streikführern aber um ein Vielfaches übertroffen wurden. Ihr Ziel war der Ausruf der Räterepublik und eine Umwälzung des Systems.

Die politische Instrumentalisierung des Streikrechts führte zu großen Widerständen, nicht nur in der Politik und Presse, sondern auch in den eigenen Reihen. Einige Führer sozialdemokratischer Organisationen und Mitglieder der sozialdemokratischen Regierung riefen dazu auf, trotz des Streiks arbeiten zu gehen. Doch alle, die dem Aufruf Folge leisten wollten, wurden mit Gewalt von ihrer Arbeit ferngehalten.

Der Streik beschäftigte die Öffentlichkeit über einige Tage hinweg, da anders als heute Lebensmittel, Rohstoffe und Medikamente nur über das Schienennetz geliefert werden konnten. Daher war mit drastischen Folgen zu rechnen, die insbesondere kranke und arme Menschen betreffen würden und es bei anhaltenen Arbeitsniederlegungen zu einer Verschlechterung statt der erhofften Verbesserung der Lebenssituation vieler Arbeiter kommen würde.

Außerdem betraf der Streik auch den Vorortverkehr, der unter anderem auch Pankow mit Berlin verband. Somit gestaltete es sich schwierig, den Arbeitsweg zu beschreiten. Doch aus der Not heraus wurden Fahrgemeinschaften gebildet, bei denen die wenigen zur Verfügung stehenden Busse und Autos effizient genutzt wurden.

Am 3. Juli endete der Eisenbahnstreik in Berlin nach drei Tagen, ging aber in Frankfurt und im Ruhrgebiet weiter. Stille kehrte in der belebten und sich im Wandel befindenden Hauptstadt Berlin auch in der Folgezeit nicht ein. (Ferdinand Bourcevet)

… vor hundert Jahren: Kleingärten, Arbeitergärten, Schrebergärten

„Wir müssen alle mehr denn jemals an der Erzeugung der Lebensmittel teilnehmen. Wir müssen alle lernen, wenigstens ein Stück Garten sachgemäß zu bearbeiten.“ So lautet einer der Aufrufe des Roten Kreuzes an seine Mitglieder im Frühjahr 1919.

Im Roten Kreuz gab es bereits schon lange vorher eine Reihe prominenter Befürworter und so entstanden 1901 in Charlottenburg die ersten Arbeitergärten, kleine parzellierte Grundstücke. Hintergrund war zunächst, dass den vielen an Tuberkulose erkrankten Berlinern und ihren Familien die Möglichkeit geschaffen werden sollte, sich an frischer Luft zu betätigen, zu erholen und sich mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, die sie sich selbst nicht leisten konnten.

Paralell dazu gab es die Laubenkolonnisten, sie waren aus der sogenannten Pflanzerbewegung entstanden. Brachliegende Flächen, meist Bauerwartungsland, wurden genutzt, um Kartoffeln und andere anspruchslose Früchte anzubauen. Außerdem wurden einfache Baracken und Unterstände auf den Grundstücken errichtet. Mit diesen bescheidenen Mitteln wollten die „Laubenpieper“ ihre Ernährungslage verbessern und den schlechten Wohnverhältnissen entkommen. Bis 1910 gab es in Berlin ca. 40.000 Kleingärtner. Der genutzte Boden gehörte meist der Stadt. Auch Kirchen und Privateigentümer, wie Terraingesellschaften, boten ungenutzte Flächen für eine kurzfristige Nutzung an. In der Regel wurden sie für drei bis sechs Jahre verpachtet.

Mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ende wurde es immer wichtiger, auf dem Land und in der Stadt die bäurische und kleingärtnerische Eigenversorgung voranzutreiben. In Zeitungen, Vereinen u.a. warb die Regierung dafür, einen eigenen Beitrag zur Lebensmittelversorgung zu leisten.

Verschiedene gesetzliche Regelungen unterstützten die kleingärtnerische Initiative. Doch einen umfassenden Schutz für Schrebergärten gab es nicht. Erst mit der am 31. Juli 1919 in Weimar verabschiedeten Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung wurde dies erreicht. Sie fasste die bestehenden Regelungen zusammen und ergänzte sie. Damit wurden erstmals die Kleingärtner vor zu hohem Pachtzins und willkürlicher Kündigung geschützt.

Auch in unserem Gemeindegebiet gab es Kleingärten. Bis in die 1920-er Jahre waren nach der Erinnerung von Gemeindemitgliedern in der Neumann- und Westerlandstraße Laubengärten vorhanden, teilweise mit Scheunen ausgestattet.

Das Areal, das sich hinter der Kirche bis zur Binzstraße zog, war vor dem Ersten Weltkrieg von einer der Berliner Terraingesellschaften erworben worden. Es wurde nicht bebaut und später, ebenfalls in den 20-er Jahren, für Schrebergärten bis in die 1970-er Jahre genutzt. (CB)