…vor hundert Jahren: Kinderbetreuung in Kriegszeiten

Es ist Sommer, die Schulkinder haben Ferien. Die Sonne scheint und ab und an zieht eine Wolke am Himmel auf, die Regen bringt. Kinderlärm schallt von den Straßen, überall sieht man die Kleinen auf den Gehwegen spielen.

Für viele von ihnen war es noch bis vor einigen Jahren üblich, der Stadt den Rücken zu kehren und mit ihren Familien in die Sommerfrische zu ziehen. Dieses Glück haben nur noch wenige, denn ihre Eltern haben dafür weder Zeit noch Geld. Fast jeder Vater und immer mehr Mütter sind arbeiten.

Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5.12.1916, umgangssprachlich auch Hilfsdienstgesetz genannt, verpflichtet alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren, die nicht an die Front eingezogen wurden und bis zu diesem Zeitpunkt nicht in der Landwirtschaft tätig waren, zur Arbeit in den Rüstungs- oder anderen kriegswichtigen Betrieben.

Dadurch haben sie nicht nur keine freie Arbeitsplatzwahl sondern die Verpflichtung zur Arbeit. Anderseits werden in allen anderen Bereichen immer mehr Frauen benötigt. Zahlreiche Aufrufe auf Litfaßsäulen, in Zeitungen und Zeitschriften, in der Kriegswirtschaft tätig zu sein und den Verlust der männlichen Arbeitskräfte auszugleichen, machen das deutlich. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch in der Industrie werden sie gebraucht.

Viele Mütter sind dazu bereit, um sich und die Kinder zu versorgen, denn oft reicht die Witwenrente nicht aus. In anderen Familien sind die Ehemänner, Brüder oder Väter kriegsbeschädigt zurückgekehrt. Sie haben keine Möglichkeit, erwerbstätig zu sein.

Vor allem in den Städten fehlen den auf sich gestellten Müttern Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Gerade in den Sommerferien wollen sie sie nicht den ganzen Tag ohne Aufsicht lassen. Die Kleineren brauchen ohnehin eine Ganztagsbetreuung.

Um den Arbeitskräftebedarf besser koordinieren zu können und den Bedürfnissen der Frauen besser gerecht zu werden, richtet das Kriegsamt 1916 die „Frauenarbeitszentrale“ ein. Sie wird von Dr. Marie Elisabeth Lüders geleitet, die u.a. von Alice Salomon, trotz heftiger Bedenken, unterstützt wird. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die soziale Fürsorge für die Frauen zu verbessern und so machen sie sich neben Arbeitsschutz und geeigneten Unterkünften auch dafür stark, dass möglichst viele „Fabrikkrippen“ und „Stillkrippen und -stuben“, innerhalb oder in nächster Nähe von Betrieben, eingerichtet werden.

Die Hoffnungsgemeinde hat bereits seit 1913 ein Kindertagesheim, das sich im Seitenflügel des Gemeindehauses befindet. Alle Kinder sind willkommen und so besuchen auch Arbeiterkinder aus den naheliegenden Munitionsfabriken den Kindergarten. Sie werden von Schwester Ida und Martha Telzerow betreut.

Während des Krieges wird außerdem ein Hort für die älteren Kinder und Jugendlichen im Gemeindehaus eingerichtet, der von Schwester Martha geleitet wird. Viele finden hier Geborgenheit und Zuwendung. (CB)

Vor hundert Jahren … Front oder Fußball

Im Sommer 1917 endete die Berliner Fußballmeisterschaft 1916/17.

Den Kriegsleiden zum Trotz wurden in Berlin, anders als Deutschlandweit, zwischen den Jahren 1914 bis 1918 weiterhin Fußballmeisterschaften ausgetragen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren in und um Berlin 183 Fußballvereine gemeldet. Ein Großteil der rund 18.000 aktiven Fußballer wurde an die Front geschickt, wodurch die meisten Vereine an akuter Personalnot litten. Interessanter Weise wurde trotzdem 1917 die Berliner Liga von 10 auf 18 Vereine aufgestockt, wodurch es in der Saison 1916/17 keine Absteiger gab.

Die Saison war geprägt von einem spannenden Zweikampf zwischen BFC Hertha 1892 und SC Union Oberschöneweide um den Titel. Am Ende sicherte sich BFC Hertha 1892 (heute Hertha BSC) mit nur einem Punkt Vorsprung die Meisterschaft. Titelverteidiger BFuFC Victoria (heute BFC Victoria 1899) landete mit großem Abstand zum Führungsduo auf dem dritten Platz.

Obwohl es durchaus beeindruckend ist, während eines Krieges den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten, wird den sogenannten Kriegsmeisterschaften eine eher geringe Bedeutung zugeteilt. Dafür waren zu viele Spieler als Soldaten an der Front.

Vielleicht haben auch einige Gemeindemitglieder Spiele von BFC Hertha 1892 besucht, da sie nicht wie heute in Charlottenburg spielten sondern am Gesundbrunnen in der Bellermannstraße und sich Hertha auch während des Krieges großer Beliebtheit erfreute. (Ferdinand Bourcevet)

Vor hundert Jahren… 2 Trauungen in der Hoffnungsgemeinde

Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau
Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau

Viele Hochzeiten werden im Frühling gefeiert. Der Mai mit seinen angenehmen Temperaturen, dem frischen Grün an Bäumen und Sträuchern, dem Vogelgezwitscher und dem immer länger werdenden Tage lädt besonders zu fröhlichen Feiern ein. Doch der fortdauernde Krieg ließ nur wenige daran denken. Auch in der Hoffnungsgemeinde war der Kriegsalltag vorherrschend und so gaben sich im Mai 1917 nur zwei Paare vor Pfarrer Jungklaus das Ja-Wort.

Am 23.5.1917 heiratete der 25-jährige Unteroffizier Heinrich Bramoers seine 30-jährige Braut, Martha Suchland, in der Hoffnungskirche. Für beide Partner war es die erste Ehe. Martha Suchland stammte aus einer Pankower Gastwirt-Familie. Die Familie hatte bereits 1888 eine Gaststätte in der Damerowstraße in Pankow. Der Vater betrieb nun seine Gastwirtschaft in der Florastraße 35, im Eckhaus Florastraße/Mühlenstraße, wo heute die Paulus-Gemeinde Pankow ihre Räume bezogen hat.

Nicht nur an dieser Ecke gab es eine Gaststätte. Zu dieser Zeit waren zahlreiche Gastwirtschaften in der Florastraße und den benachbarten Straßen geöffnet. Daneben waren kleinere Metallbaubetriebe, eine Eisengießerei, verschiedenes Handwerk, Gärtnereien, Kaffee- und Lebensmittelläden, eine Buch- und Landkartenhandlung u.a. in der Florastraße ansässig.

Die Florastraße wurde Ende des 19.Jahrhunderts als eine der Verbindungsstraßen zwischen dem östlichen und dem westlichen Pankow angelegt und über Jahre in verschiedenen Bauabschnitten fertiggestellt. Ihren Namen erhielt sie um 1892 und weist damit zugleich auf die dort früher befindlichen Gärtnereien und Blumenfelder hin.

Pfarrer Jungklaus traute am 31.5.1917 ein weiteres Paar. Die Trauung fand jedoch nicht in der Hoffnungskirche statt, sondern in der Garnisonskirche. Der 27-jährige evangelische Telegrafist Karl Wilhelm Hermann Hein heiratete dort seine 25-jährige katholische Braut Emma Hadwig Bartsch.

Beide Trauungen wurden in das Kirchenbuch eingetragen. (CB)

… vor hundert Jahren: 175 Mädchen und Jungen werden in der Hoffnungskirche konfirmiert

052

(Quelle:Kirchenarchiv der Hoffnungsgemeinde Pankow)

Am 14.3.1917 und 15.3.1917 herrschte in vielen Familien der Hoffnungsgemeinde große Aufregung. Auch in diesem Frühjahr wurde in der Hoffnungskirche Konfirmation gefeiert.

Das Kirchenportal war weit geöffnet und feierlich zog eine große Schar festlich angezogener Jugendlicher vom Gemeindehaus in die gut gefüllte Hoffnungskirche ein. In Zweierreihen formiert, liefen sie durch den Mittelgang der Kirche bis zu ihren Plätzen. Die Jungen in ihren dunklen Anzügen gingen voran, ihnen folgten die Mädchen in Rock und Bluse. An diesem Mittwoch wurden 47 Mädchen und 34 Jungen von Pfarrer Simon konfirmiert.

Es war ein festlicher Gottesdienst mit Orgelmusik, den sie gemeinsam mit ihren Familien feierten. Während der Zeremonie knieten die Jugendlichen im Altarraum auf Kniebänken rund um den Altar, Jungen und Mädchen getrennt. Zuvor hatten sie sich im Konfirmandenunterricht, der auch getrennt durchgeführt worden war, auf dieses Ereignis vorbereitet.

Nach dem Ende des Gottesdienst, beim Auszug aus der Kirche, jubelten alle den Neukonfirmierten zu.

Einen Tag später durchschritten erneut viele gut gekleidete Jugendliche die weit geöffneten Kirchentüren. Angeführt von Pfarrer Jungklaus gingen sie in Doppelreihen vom Gemeindehaus hinüber zur Hoffnungskirche, um ihre Konfirmation in einem Festgottesdienst zu feiern. Für 44 Jungen und 50 Mädchen war auch dieser Donnerstag ein wichtiger Tag in ihrem Leben, den sie mit ihren Familien festlich begingen.

Insgesamt 175 Jugendliche, 78 Jungen und 97 Mädchen, wurden im März 1917 von beiden Pfarrern in der Hoffnungskirche konfirmiert. (CB)

 

Tuberkulose und andere Atemwegserkrankungen

Lungenentzündung und Tuberkulose waren sehr verbreitet und eine der häufigsten Todesursachen in der Hoffnungsgemeinde. In den ersten Monaten des Jahres 1917 starben daran 24 Gemeindemitglieder. Der Kriegswinter brachte eine immer enger werdende Versorgungslage und so erkrankten vor allem die Ärmeren, die in engen und dunklen Wohnungen wohnten und wenig zu essen hatten. Auch Kinder und Ältere waren häufig betroffen.

Es war allgemein bekannt, dass feuchte und dunkle Wohnungen und unzureichende Ernährung eine der Ursachen für die große Verbreitung von Tuberkulose waren. Darauf wiesen die Ärzte in den medizinischen Zeitschriften und auf den deutschen und internationalen Ärzte-Kongressen, wie dem Internationalen Tuberkulose-Congress, hin. Sie warnten vor schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen.

In unserem Gemeindegebiet berücksichtigte man dies beim Bau der neuen Häuser, mehrere Hinterhöfe gab es nicht mehr. Stattdessen wurden viele der neuen Wohnhäuser nach dem Ersten Weltkrieg mit genügend Platz und Licht, mit großen grünen Hinterhöfen und teilweise mit Gärten, statt engen Höfen, ausgestattet z.B. in der Lindenallee (später Elsa-Brändström-Straße) oder der Vinetastraße.  (CB)

Neujahr 1917

Wieder begann ein neues Jahr im Kriegszustand. Viele Männer lagen in kalten Schützengräben oder Lazaretten fern ihrer Familien und sehnten den Sieg oder Frieden herbei.

Hier, in Berlin-Pankow in der Hoffnungsgemeinde, wurde so gut es ging das gemeindliche Leben aufrecht erhalten. So wurden im Januar acht Kinder im Alter von 1-3 Jahren von den Pfarrern Jungklaus und Simon getauft. Sechs kirchliche Trauungen fanden in der Hoffnungskirche statt, vier der frisch getrauten Ehemänner waren Soldaten. Unter den Neuvermählten befanden sich auch zwei Paare, bei denen alle bereits schon einmal verheiratet waren und nun erneut getraut wurden. Sie hatten noch nicht das 30. Lebensjahr erreicht und vermutlich schon ihren ersten Ehepartner verloren. (CB)