… vor hundert Jahren: Ostern 1919

Der Frühling hielt vorsichtig Einzug in Berlin. Die Tage waren jetzt wärmer und ab und zu lugte die Sonne hervor. Überall streckten die Frühlingsblumen ihre Köpfe aus der Erde und vertrieben das triste Wintergrau. Die Menschen auf der Straße erfreuten sich an ihrem Anblick und einige spürten eine frohe Erwartung. Sie hatten ein bisschen Aufmuterung nötig, endlich ging es aufwärts.

Die Presse kündigte die Verteilung von amerikanischen Lebensmitteln (Fleisch, Speck, Mehl) für die Woche nach Ostern an.

In Berlin war die Arbeitslosenzahl zurückgegangen. In den Zeitungen wurden freie Stellen für Arbeiter und Angestellte annonciert. Noch war die Wirtschaft nicht richtig angelaufen, doch es gab eine vorsichtige positive Prognose.

Die anhaltenden Streiks verhinderten jedoch zu hohe Erwartungen. Am Karsamstag nahmen zumindest die Angestellten der Warenhäuser ihre Arbeit wieder auf. Die Kaufhäuser konnten an diesem Tag endlich wieder für ihre Kunden öffnen. Die Arbeitsniederlegungen der Bankbeamten und der Arbeiter in der Metallindustrie gingen dagegen weiter.

Unruhe herrschte auch unter den Arbeiterräten. Ein Rätekongress der Arbeiterräte von Groß-Berlin war für den 19.4.1919, den Karsamstag, einberufen worden, um sich über das weitere Vorgehen abzustimmen. Noch gab es keine Weimarer Verfassung und der Machtkampf unter den verschiedenen politischen Kräften hielt in Deutschland und Berlin an.

In der Hoffnungsgemeinde gab es unter seinen Mitgliedern ein wenig mehr Zuversicht als in der harten Winterzeit. Neben den alltäglichen Schwierigkeiten, die sie bewältigten mussten, wurden jetzt wieder Familienfeste gefeiert.

Ende März wurden von den Pfarrern Simon und Jungklaus insgesamt 176 Jungen und Mädchen konfirmiert.

Am Ostersonntag taufte Pfarrer Simon zwei Kinder, am Ostermontag wurden von ihm acht Kinder und von Pfarrer Jungklaus ein Kind getauft. Das jüngste getaufte Kind, Margareta Elly Elisabeth Schrape, war erst 19 Tage alt. Nicht viel älter war ein weiteres kleines Mädchen: Lucia Greta Hoffmann. Sie war 40 Tage alt. Unter den Täuflingen fand sich auch ein uneheliches Kind, dass jedoch fünf Taufpaten an seiner Seite hatte. Sechs Tage später wurde erneut die Taufe von zwei Kindern gefeiert. Schon lange hatte die Hoffnungsgemeinde nicht mehr so viele Täuflinge innerhalb weniger Wochen gehabt.

Auch Hochzeitsgesellschaften fanden ihren Weg in die Hoffnungskirche. Vier junge unverheiratete Paare gaben sich Ende April vor Pfarrer Jungklaus das Ja-Wort. (CB)

Die Abbildung ist einer Postkarte mit folgenden Angaben entnommen: offizielle Karte für Rotes Kreuz Kriegsfürsorgeamt, Kriegshilfsbüro, Nr. 53-3

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Vor hundert Jahren: Kohleengpass in Berlin

Ein Ende des Elends war nicht in Sicht. Gab es während des Krieges schon einiges gar nicht mehr oder nicht in ausreichender Menge, so wurde es danach, entgegen aller Hoffnung, noch schlimmer. Nicht nur Lebensmittel und Kleidung sondern auch die Kohle wurde immer knapper in Berlin. Die Zeitungen vermeldeten, dass die Kohlevorräte zur Neige gingen und ein Nachschub auf sich warten ließe. Grund dafür war nicht das Schrumpfen der deutschen Kohlevorkommen sondern Arbeitsniederlegungen der Bergarbeiter.

Die politischen Unruhen, die Deutschland zur Erklärung des Waffenstillstands gezwungen hatten, waren in weiten Teilen der jungen Republik noch nicht abgeflaut. Die Regierung rang in Weimar um eine neue  Verfassung während in München die Räterepublik ausgerufen worden war und in Mitteldeutschland und anderswo zur Beteiligung an Streiks aufgefordert wurde. Überall kämpften die verschiedenen politischen Kräfte um die Macht. Auch die Arbeiter in den Hallenser und Niederlausitzer Kohlerevieren, die überwiegend die Hauptstadt mit dem „schwarzen Gold“ versorgten, hatten sich dem Aufruf zur Arbeitsniederlegung angeschlossen.

Die Folge war, dass eine ausreichende Stromversorgung von Berlin nicht mehr gewährleistet werden konnte. Industriebetriebe mussten schliessen oder konnten nur noch eingeschränkt produzieren. Außerdem wurde der Verkehr fast vollständig eingestellt. Die Straßenbahnen fuhren gar nicht oder nur sehr unregelmäßig.

Auch die Züge nach Mittel- oder Süddeutschland verkehrten nicht mehr. Für die Einstellung des Zugverkehrs in Richtung Süden war allerdings nicht die Kohleknappheit verantwortlich sondern die Streikwelle in Mitteldeutschland. Aufgrund des Generalstreiks in Halle und Leipzig waren die dortigen Bahnhöfe lahmgelegt, ein Passieren war unmöglich.

Vorallem die einzelnen Haushalte hatten unter dem Kohlemangel erheblich zu leiden. Ein weiteres Mal gab es neue Bezugsscheine. Sie ermöglichten die Entgegennahme einer noch kleineren Menge an Heizmaterial und der Schwarzhandel erhielt erneut Aufschwung. Viele Berliner konnten deshalb ihre Wohnungen nicht mehr ausreichend heizen und froren bei den um diese Jahreszeit üblichen Temperaturen.

Die schlechte Versorgungslage scheint auch unsere Gemeinde getroffen zu haben. Die Zahl der kirchlichen Beerdigungen stieg. In den Monaten Januar bis März wurden von den Pfarrern Beier, Pankow und Simon 40 Gemeindemitglieder bestattet, im Vergleich zu sonstigen Zeiten waren das sehr viele. Kinder waren nicht so oft betroffen. Zumeist handelte es sich bei den Verstorbenen um Frauen und Männer mittleren Alters oder im Rentneralter. Auffällig häufig erlagen sie einer Atemwegs- oder Lungenkrankheit, nur wenige starben an Altersschwäche. (CB)

…vor 100 Jahren – Pankow und das Kino

Während in diesen Tagen die Berliner Filmfestspiele Zuschauer aus aller Welt in die Kinos der Stadt locken, steckte vor 100 Jahren das Kino noch in den Kinderschuhen. Doch Pankow war ein Ort, der die Anfänge des Kinos miterlebte, denn hier lebte und wirkte Max Skladanowsky, der zusammen mit seinem Bruder Emil 1894 eine Filmkamera und 1895 das Bioscop, einen Filmprojektor, baute. In der Berliner Straße 27, wo sich damals das Ausflugslokal „Feldschlößchen“ befand, zeigten die Brüder den Gästen im Juli 1895 erste Filme und drehten im Garten des Lokals kurze Filme, die im November 1895 im Berliner Wintergarten-Varieté als 15-minütiger Abschluss des Programms gezeigt wurde. Die Aufnahmen zeigten u.a. akrobatische und Jonglage-Nummern, verschiedene Tänze und ein boxendes Känguruh. Einen Monat lang wurde dieses Programm vor immer ausverkauften Publikum gezeigt. Ein Zeitungredakteur schrieb damals: „Das Finale der Vorstellung springt auf die kleinere Bühne des Bioscop über. Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht soll der Teufel wissen.“ Diese Präsentation ist als eine der ersten Filmvorführungen vor zahlendem Publikum in die Filmgeschichte eingegangen (zusammen mit der der Brüder Lumiére in Paris) und markiert damit die Geburtsstunde des Kinos. Einige Jahre später etablierte sich an diesem historischen Ort unter dem Namen „Pankower Lichtspiele“ ein festes Kino. Später wurde es in „Tivoli“ umgetauft, das an dieser Stelle noch bis 1994 existierte. Heute befindet sich auf dem Grundstück der Lidl-Markt, ein Mosaik-Schriftzug erinnert an die historische Bedeutung des Ortes und die Vorführung der Brüder Skladanowsky.

Dieses Ereignis strahlte auf Pankow aus – vor hundert Jahren, im Jahr 1919, hatten sich bereits sechs Kinos in Pankow etabliert, wo sich die Pankower Filme ansehen konnten. (GL)

… vor hundert Jahren: Rede von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Lokal „Zum Kurfürsten“ am 18. Dezember 1918

Unweit der Hoffnungskirche, in der Berliner Straße 102, zwischen der Ecke Binzstraße und dem heutigen Naturkostladen „Tilia“, befand sich seit der Kaiserzeit das Lokal „Zum Kurfürsten“, das bald „Zum roten Kurfürsten“ hieß. Dieser Beiname sollte einmal mehr durch eine Rede von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bestätigt werden, die hier in Pankow, knapp einen Monat vor ihrer Ermordung im Januar 1919, am 18. Dezember 1918, leidenschaftlich gegen die Widersacher der Revolution auftraten und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen.

Im Archiv Pankow findet sich der Bericht des ehemaligen Besitzers des „Kurfürsten“, Carl Ebersbach von 1956, dessen Vater Karl Ebersbach 1897 das Grundstück vom insolvent gegangenen Bäckermeister Quast erworben hatte. Zuvor hatte sich an dieser Stelle ein bayrisches Bierlokal in Zeltform inmitten einer großen Gärtnerei befunden. 1896/97 wurden hier in der Berliner Straße 102 ein Vorderhaus, ein Quergebäude, ein Seitenflügel und ein großer Saal von 500 qm erbaut. 1898 erhielt Karl Ebersbach die Konzession und eröffnete am Himmelfahrtstage das Restaurant „Zum Kurfürsten“. Im Wohnhaus wurde ein Speiselokal eingerichtet, der Restaurantgarten lag straßenseitig. Neben dem Saalgebäude gab es einen Pferdestall und Schuppen für Kremser im Hof.

Im Alter von 24 Jahren, am 19. März 1902 übernahm sein Sohn Carl das Restaurant. „Einige Tage später kamen Genossen der S.P.D. zu mir (Freiwald, Eichler, Stubig usw.) und fragten, ob ich meinen Saal zur Versammlung hergebe, was ich tat. Daraufhin wurde festgemacht, daß in dem selben Jahr die erste Maifeier in Pankow, Berliner Str. 102 „Zum Kurfürsten“ stattfand. Der Eintrittspreis betrug 10 Pfg., das Programm ist mir noch in Erinnerung, Musik, Rede von Arthur Stadthagen. Der Erfolg war der, daß das Restaurant ab da „Der rote Kurfürst“ hieß und ich wurde von den Bürgerlichen boykottiert.“ Stammgäste in den Jahren 1904-1908 sollen die Bauarbeiter, welche an den Häusern in der Binzstraße bauten, gewesen sein. Er schildert weiter, dass er den Saal auch für den Turnverein „Fichte“ zur Verfügung stellte, da den Arbeitervereinen die Nutzung der städtischen Turnhallen verweigert wurde und dass im Jahr 1910 Clara Zetkin und die Genossin Stiller eine Versammlung zur Gründung einer Pankower Frauenschaft nutzten. Diese Versammlung wurde aufgelöst, was mit einer Geldstrafe von 30 Reichsmark für Stiller und Ebersbach endete.

Carl Ebersbach selbst wurde gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 eingezogen und war bis Anfang 1919 noch in Gomel (Weißrussland). Seine Frau übernahm unterdessen die Geschäfte im Pankower Restaurant und überließ den Saal im Dezember 1918 der KPD für eine bedeutende Veranstaltung: Am Mittwoch, 18. Dezember 1918, fand hier eine Großversammlung im überfüllten Saal statt, auf der Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vor etwa 2500 Besuchern gegen die Feinde der Revolution sprachen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen. Auch der Garten soll voller Menschen gewesen sein, teilweise saßen die Zuhörer auf den Bäumen und auf dem Saaldach. Für weitere Veranstaltungen der SPD und später der KPD hatte Ebersbach den Saal oft kostenlos überlassen.

Kurzzeitig wurde der Saal 1919 zu einem Filmtheater umgestaltet, was sich aber nicht rentierte. In den weiteren Jahren der Weimarer Zeit war das Lokal immer wieder Treffpunkt der Kommunisten, seit 1929 trafen sich hier auch die Nazis. Bei mehreren „Saalschlachten“ gab es Verletzte und Sachschäden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Erscheinungsbild des Restaurants. Da Carl Ebersbach eingetragenes Mitglied der der KPD war und seine Frau Jüdin, war das Ehepaar Anfeindungen durch die Nazis ausgesetzt. Seit 1936 war er gezwungen, den Saal an einen Nazi zu verpachten, ab 1942 dienten die Räumlichkeiten als Quartier für eine Luftwaffeneinheit und zahlreiche Filme wurden dort aufbewahrt. Am 24. April 1945 ging der Saal bei Luftangriffen durch deutsche Fliegerbomben in Flammen auf. Die Gastwirtschaft brannte in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 ab. Die Ruine wurde im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks 1955 enttrümmert. Um 1960 wurde das Wohnhaus wieder aufgebaut, im Erdgeschoss befanden sich dann dort eine Drogerie und ein weiterer kleiner Laden, ein Wiederaufleben der Gastwirtschaft gab es nicht mehr, obwohl Carl Ebersbach noch bis in die 80er Jahre in dieser Adresse wohnte. Zu dieser Zeit wurde an der Hausfassade eine Gedenktafel über das Versammlungs-Lokal der SPD „Zum Kurfürsten“ angebracht, die jedoch in den 1990er Jahren von unbekannt wieder demontiert wurde. Eine Fotografie der Tafel aus dem Jahr 1991 wird im Pankower Archiv aufbewahrt.

Mit dem Versammlungsort „Der rote Kurfürst“ stand das südliche Pankow noch vor seiner Eingemeindung in die Metropole in enger Verknüpfung zu den weltbewegenden Revolutionsereignissen von 1918/19. Die durch rätedemokratische Ideen bestimmten Kräfte des linken Flügels der Revolutionäre sollten nach kurzer Zeit am Widerstand der SPD-Führung scheitern, die aus Furcht vor einem Bürgerkrieg die alten kaiserlichen Eliten nur teilweise entmachtet hatte. Ihren Höhepunkt fanden die Ereignisse, als rechtsgerichtete Freikorpseinheiten den sogenannten Spartakusaufstandes im Januar 1919 niederschlugen, in deren Zusammenhang auch die gewaltsamen Tode Luxemburgs und Liebknechts und mit ihnen bis zum Mai 1919 die Tode von mindestens 2400 Menschen standen. (CW)

… vor hundert Jahren: Ende des Ersten Weltkrieges

In den letzten Monaten hatte sich immer mehr Kriegsmüdigkeit unter der Bevölkerung breit gemacht. Die meisten sehnten den Frieden herbei. Auch unter den Politikern wuchs der Widerstand gegen eine Weiterführung des Krieges.

Die erwarteten militärischen Erfolge des deutschen Heeres waren seit dem Sommer ausgeblieben, die Mehrzahl der Soldaten waren demoralisiert und die deutsche Wirtschaft lag nach vier Kriegsjahren darnieder. Eine Besserung war nicht in Sicht.

Aus dieser Situation heraus entschied sich die deutsche Heeresleitung Anfang Oktober 1918 Waffenstillstandsverhandlungen zu führen. Sie wollte ohne größere Zugeständnisse an ihre Gegner den Krieg beenden. Zu einer schnellen Einigung zwischen den Kriegsparteien kam es nicht.

Ende Oktober verweigerten viele Matrosen den Gehorsam und bildeten gemeinsam mit den Soldaten und Arbeitern eigene Räte, die letztlich zur Abdankung des Kaisers am 9. November 1918 führten.

Zwei Tage später trat das von der neuen deutschen Regierung in Frankreich unterschriebene bedingungslose Waffenstillstandsabkommen in Kraft, das das Ende des Ersten Weltkrieges markiert.

Dem Abkommen folgten Vertragsverhandlungen mit den Siegermächten, die ihren Abschluss in den sog. Versailler Verträgen fanden. Deutschland wurde darin zu hohen Reparationszahlungen und anderen Leistungen verpflichtet, die letztlich, so die überwiegende Meinung der Historiker, zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten.

An einigen Fronten, überwiegend in Afrika, wurde auch nach dem 11. November 1918 noch weitergekämpft. Die Nachricht über den vereinbarten Waffenstillstand erreichte die Generäle erst später.

Die Zahl der Kriegstoten stieg bis zum Ende des Jahres weiterhin an. In den Dezemberausgaben der Zeitungen fanden sich noch viele Todesanzeigen von im Krieg gestorbener Männer und Frauen.

Während des Ersten Weltkrieges starben ca. 9 Millionen Soldaten, davon ca. 2 Millionen deutsche. Viele der heimgekehrten Männer hatten Schaden an Leib und Seele genommen. Ungefähr 2,5 Millionen Deutsche kehrten kriegsversehrt zurück.

Auch in unserer Kirche gedachte man der gefallenen Männer der Hoffnungsgemeinde. Auf der linken Seite des Altarraum lag ein Buch aus, in dem ihre Namen verzeichnet wurden. Dieses Buch ist leider nicht mehr erhalten und somit bleiben uns nur wenige Informationen über die in diesem Krieg umgekommenen Mitglieder unserer Gemeinde. (CB)

… vor hundert Jahren: Abdankung des Kaisers

Auf den Straßen Berlins geht es am 9. November 1918 hoch her. Die Menschen strömen aus allen Richtungen in die Mitte der Stadt. Zeitungsjungen wedeln an jeder Straßenecke und auf den Bahnhöfen mit den druckfrischen Gazetten und rufen den Vorbeieilenden die allerneuste Schlagzeile entgegen: „Der Kaiser hat abgedankt!“

Vor dem Reichstagsgebäude drängt sich eine große Menge. Überall, auf dem Platz vor dem Reichstag, auf dessen Stufen und Säulensockeln stehen sie dicht an dicht und warten gespannt auf eine offizielle Bestätigung der Zeitungsmeldung.

Gegen 14.00 Uhr erscheint der SPD-Politiker Philipp Scheidemann auf dem Westbalkon und verkündet den Zusammenbruch der Monarchie. Er ruft die deutsche Republik aus. Jubel brandet auf. Hüte fliegen in die Luft. Die Menschen reißen begeistert die Arme in die Höhe und lassen die neue Republik hochleben.

Zwei Stunden später gibt es ein ähnliches Szenario: Karl Liebknecht vom sozialistischen Spartakusbund ruft im Lustgarten beim Berliner Schloss die sozialistische Räterepublik vor den herbeigerufenen Soldaten und Arbeitern aus. Auch hier gibt es Jubel, Hochrufe und Beifall. In den Wochen zuvor hatten sich bereits in den deutschen Städten Arbeiter- und Soldatenräte gebildet.

An diesem Tag werden in Berlin gleich zwei Republiken ausgerufen.

Nur wenige wissen zu dieser Zeit, dass Kaiser Wilhelm keineswegs selbst abgedankt hatte. Er hielt sich mit seinem Stab in Belgien auf und lehnte zunächst die telefonische Aufforderung des Reichspräsidenten Max von Baden, der ihm eine Abdankung nahelegte, ab. Der Reichspräsident und andere Regierungsmitglieder befürchteten, dass es in Berlin zu ähnlichen revolutionären Zuständen wie in Russland kommen könnte.Wilhelms Versuch, als Kaiser, nicht als preußischer König zurückzutreten, scheiterte, da Max von Baden ohne dessen Zustimmung seine endgültige Abdankung in alle Welt telegrafierte.

Es folgen unruhige Zeiten, in denen von allen Seiten um die Macht gekämpft wird. Karl Liebknecht und seine Anhänger können sich letztlich nicht mit ihrer Idee durchsetzen. Auch eine Rückkehr der Monarchie gelingt ihren Vertretern nicht. 1919 etabliert sich eine parlamentarische Republik, die Weimarer Republik. (CB)

… vor hundert Jahren: Vom Branntweinmonopol und Alkohol

Während das Ende des 1. Weltkriegs absehbar war und bereits Friedensverhandlungen eingeläutet wurden, beschloss die Regierung eine Abgabenerhöhung für den Postverkehr sowie den Verkauf von Bier und Branntweinen. Darunter litten neben den Gastwirten vor allem die ärmeren Teile der Bevölkerung.

Anders als heutzutage war Alkohol weniger im privaten Rahmen ein Thema, vielmehr zentraler Bestandteil des freizeitlichen Beisammenseins in den unzähligen Kneipen. Während die Frauen zuhause für die Kinder und den Haushalt zuständig waren, gehörte es insbesondere für die Männer der Arbeiterklasse zu einem normalen Feierabend, ein, zwei Gläser Bier und ein paar Kurze zu trinken.

Alkoholismus war immer noch ein großes Problem, obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch von Schnaps in den letzten 50 Jahren um ein Drittel zurückgegangen war. Eine der Hauptursachen für den Rückgang war die stetig steigenden Abgaben auf Spirituosen.

Am 01. Oktober 1918 gab es zum letzten Mal im bald nicht mehr existenten deutschen Kaiserreich eine Erhöhung der Reichsabgaben. Pro Liter Likör musste ein Wirtshaus oder eine Kneipe für die damalige Zeit sehr hohe 14 Mark Zollgebühren an das Reich bezahlen, für Cognac 13 Mark und für alle anderen Trinkbranntweine 7,5 Mark. Im Gegensatz zu anderen Gütern wurden die Branntweine nicht exportiert, sondern nur innerhalb der Reichsgrenzen verkauft. Man sprach von einem Branntweinmonopol. Damit das Reich trotzdem durch den Inlandsverkauf Einnahmen generieren konnte, wurden regelmäßig die Abgaben erhöht. Ebenfalls davon betroffen war die Biersteuer, jedoch in deutlich kleineren Dimensionen. Der Bierkonsum pro Person war im Gegensatz zum Branntwein kontinuierlich angestiegen, in den letzten 40 Jahren um fast ein Drittel. Damit zeigte sich eine deutliche Tendenz innerhalb der Gesellschaft: Eine Entwicklung weg vom Besäufnis hin zu einer mehr oder weniger verantwortungsvollen Trinkkultur. Dem konnte auch nicht die neuerliche Erhöhung der Biersteuer auf 12,05 Pfennig pro Liter entgegen wirken.

Im Einzugsgebiet der Gemeinde befand sich die 1882 gegründete Weißbierbrauerei Willner auf dem Gelände Berliner Straße/Eschengraben. Das Bier erfreute sich großer Beliebtheit und so überstand diese Brauerei nicht nur die Wirren des Ersten und Zweiten Weltkrieges und deren Nachkriegszeit, sondern konnte bis 1990 ihren Betrieb aufrecht erhalten.

Auf dem Gelände gab es eine Gastwirtschaft, in der sicherlich das Willner-Bier ausgeschenkt wurde. Auch in vielen anderen der zahlreichen Pankower Gasthäusern, Kneipen und Eckkneipen konnte Bier getrunken werden. Die Auswahl war groß. Schon in der Berliner Straße gab es über zehn Gastwirtschaften, sogar in der Brennerstraße 1 konnte man bei einem Bier zusammensitzen. (Ferdinand Bourcevet)