… vor hundert Jahren: Sehnsuchtsland Dänemark

An einem frühen Morgen warten 21 kleine armselige Gestalten an einem der vielen Gleise des Stettiner Bahnhofs auf die Ankunft ihres Zuges. Sie wurden nach Dänemark eingeladen, um sich dort für mehrere Wochen oder gar Monate in einer Familie oder in einem der elf Ferienkolonien, die eigens für die deutschen Kinder eröffnet wurden, zu erholen.

Fürsorge und einen Tapetenwechsel haben sie dringend nötig. Bleich und abgemagert wie sie sind, haben sie nach der anhaltenden Hungersnot, die vorallem diese Großstadtkinder getroffen hat, kaum eine Chance, sich gesund zu entwickeln. Einige von ihnen sind unterernährt und so schwach, dass sie ihr weniges Gepäck nicht allein tragen können.

Aufgeregt und unruhig schauen sie sich um. Eine so weite Reise in eine unbekannte Gegend zu Menschen, die sie nicht kennen, ist ein Abenteuer, vor dem sie sich trotz aller Freude ein wenig fürchten.

Doch wenn sie wieder zurückkehren, haben sie das längst vergessen. Was hatten sie für eine herrliche Zeit, ein bißchen wie im Paradies. Zum ersten Mal seit langem konnten sie sich richtig satt essen. Sie wurden wieder kräftig und oft konnten sie wieder das Normalgewicht eines Kindes erreichen. Spaziergänge am Meer oder an einem der Seen, Spiele, Musik und die ärztliche Behandlung der verschiedenen in Folge der Unterernährung auftretenden Krankheiten ließen sie wieder gesund werden. Vielleicht haben sie ein bißchen Dänisch gelernt, vor allem haben sie Anteilnahme und Fürsorge erlebt, die ihnen zu Hause fehlten. Zum Abschied wurden sie meist von ihren Pflegeeltern neu eingekleidet, obwohl viele der Gasteltern nicht viel verdienten. Das Elend ihres deutschen Gastkindes rührte sie jedoch so, dass mancher eigener Sohn oder manche eigene Tochter in diesem Jahr auf einen neuen Mantel oder neue Schuhe verzichten mussten.

Vier Jahre von 1917-1920 durften deutsche Kinder sich in Dänemark erholen. Das sog. Dänische Liebeswerk wurde von privaten und sozialen Initiativen durchgeführt. 1917 hatte der dänische Pastor Lindhardt erreichen können, dass 120 Kinder in einzelne christliche Familien für mehrere Wochen untergebracht werden konnten. Die Jahre darauf stellten Großgrundbesitzer, Industrielle, Pastoren, Gewerkschaftsmitglieder, Angestellte u.a. Unterkünfte oder das eigene Zuhause zur Verfügung. Viele spendeten Geld, Kleidung oder Lebensmittel. Die dänische Regierung erlaubte, 1000 Kinder ins Land zu bringen.

Leider konnte nicht jedem bedürftigen Kind ein solcher Aufenthalt ermöglicht werden. Die dänische Hilfe ging jedoch darüber hinaus. 4000 Berliner Kindern bekamen 1919 die Gelegenheit, während der Sommermonate auf den grossen Spielplätzen in Blankenfelde in der Mark ihre freie Zeit zu verbringen. Sie konnten dort den ganzen Tag an der frischen Luft herumtollen und erhielten gehaltvolle Mahlzeiten, die mit Haferflocken, Milch, Speck, Malzbier und Zucker angereichert wurden. Diese Zutaten wurden aus Dänemark geliefert.

Nicht nur Dänemark leistete Hilfe. Auch Schweden, Norwegen, Holland, Schweiz, Amerika und England trugen nach dem Ersten Weltkrieg dazu bei, dass Leid in Deutschland zu mildern. Wohlfahrtsorganisationen, aber auch Privatinitiativen aus diesen Ländern nahmen sich der herrschenden Not an und sendeten Hilfspakete mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Arzneien oder ermöglichten Kindern einen Auslandsaufenthalt in ihrem Land.

Den meisten ist die sog. „Quäkerspeisung“ im Gedächtnis haften geblieben. Sie war eine kostenlose Essensausgabe an bedürftige Kinder, Erwachsene und Schwangere, die überwiegend von der englischen und amerikanischen Religionsgemeinschaft der Quäker, aber auch von anderen religiösen Gemeinschaften und Privatpersonen organisiert und finanziert wurde. Bis 1926 wurde sie in vielen deutschen Städten, auch in Berlin und Pankow, ausgegeben und dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg als wieder großes Elend herrschte.

Auch in unserer Gemeinde gab es eine „Quäkerspeisung“. In einem der Gemeindesäle teilte Frau Jungklaus gemeinsam mit anderen von 12.00-14.00 Uhr jeden Tag Suppe aus und nahm sich dabei gleichzeitig der vielen Sorgen und Nöten ihrer Besucher an. Dieses kostenlose Essen half vielen Gemeindemitgliedern zu überleben. (CB)

Das Foto ist der Broschüre „Nothilfe des Auslandes für Deutschland“, 1920 entnommen.

 

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… vor hundert Jahren: Stillstand

Berlin steht still. Trotz unruhiger Zeiten, kurz nach der umstrittenen Unterzeichnung des Versailler Vertrags, kehrt Anfang Juli 1919 Ruhe ein. Jedoch weder politisch noch sozial. Nur auf den Gleisen und Schienen in und um Berlin herum herrscht Stillstand.

Grund dafür war ein groß angelegter Verkehrsstreik, der sowohl die Stadtbahnen als auch den Güterverkehr umfasste und dem sich alsbald etliche Metall- und Holzarbeiter anschlossen. Viele der Streikenden hatten ausschließlich wirtschaftliche Forderungen, die von den kommunistischen Streikführern aber um ein Vielfaches übertroffen wurden. Ihr Ziel war der Ausruf der Räterepublik und eine Umwälzung des Systems.

Die politische Instrumentalisierung des Streikrechts führte zu großen Widerständen, nicht nur in der Politik und Presse, sondern auch in den eigenen Reihen. Einige Führer sozialdemokratischer Organisationen und Mitglieder der sozialdemokratischen Regierung riefen dazu auf, trotz des Streiks arbeiten zu gehen. Doch alle, die dem Aufruf Folge leisten wollten, wurden mit Gewalt von ihrer Arbeit ferngehalten.

Der Streik beschäftigte die Öffentlichkeit über einige Tage hinweg, da anders als heute Lebensmittel, Rohstoffe und Medikamente nur über das Schienennetz geliefert werden konnten. Daher war mit drastischen Folgen zu rechnen, die insbesondere kranke und arme Menschen betreffen würden und es bei anhaltenen Arbeitsniederlegungen zu einer Verschlechterung statt der erhofften Verbesserung der Lebenssituation vieler Arbeiter kommen würde.

Außerdem betraf der Streik auch den Vorortverkehr, der unter anderem auch Pankow mit Berlin verband. Somit gestaltete es sich schwierig, den Arbeitsweg zu beschreiten. Doch aus der Not heraus wurden Fahrgemeinschaften gebildet, bei denen die wenigen zur Verfügung stehenden Busse und Autos effizient genutzt wurden.

Am 3. Juli endete der Eisenbahnstreik in Berlin nach drei Tagen, ging aber in Frankfurt und im Ruhrgebiet weiter. Stille kehrte in der belebten und sich im Wandel befindenden Hauptstadt Berlin auch in der Folgezeit nicht ein. (Ferdinand Bourcevet)

… vor hundert Jahren: Kleingärten, Arbeitergärten, Schrebergärten

„Wir müssen alle mehr denn jemals an der Erzeugung der Lebensmittel teilnehmen. Wir müssen alle lernen, wenigstens ein Stück Garten sachgemäß zu bearbeiten.“ So lautet einer der Aufrufe des Roten Kreuzes an seine Mitglieder im Frühjahr 1919.

Im Roten Kreuz gab es bereits schon lange vorher eine Reihe prominenter Befürworter und so entstanden 1901 in Charlottenburg die ersten Arbeitergärten, kleine parzellierte Grundstücke. Hintergrund war zunächst, dass den vielen an Tuberkulose erkrankten Berlinern und ihren Familien die Möglichkeit geschaffen werden sollte, sich an frischer Luft zu betätigen, zu erholen und sich mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, die sie sich selbst nicht leisten konnten.

Paralell dazu gab es die Laubenkolonnisten, sie waren aus der sogenannten Pflanzerbewegung entstanden. Brachliegende Flächen, meist Bauerwartungsland, wurden genutzt, um Kartoffeln und andere anspruchslose Früchte anzubauen. Außerdem wurden einfache Baracken und Unterstände auf den Grundstücken errichtet. Mit diesen bescheidenen Mitteln wollten die „Laubenpieper“ ihre Ernährungslage verbessern und den schlechten Wohnverhältnissen entkommen. Bis 1910 gab es in Berlin ca. 40.000 Kleingärtner. Der genutzte Boden gehörte meist der Stadt. Auch Kirchen und Privateigentümer, wie Terraingesellschaften, boten ungenutzte Flächen für eine kurzfristige Nutzung an. In der Regel wurden sie für drei bis sechs Jahre verpachtet.

Mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ende wurde es immer wichtiger, auf dem Land und in der Stadt die bäurische und kleingärtnerische Eigenversorgung voranzutreiben. In Zeitungen, Vereinen u.a. warb die Regierung dafür, einen eigenen Beitrag zur Lebensmittelversorgung zu leisten.

Verschiedene gesetzliche Regelungen unterstützten die kleingärtnerische Initiative. Doch einen umfassenden Schutz für Schrebergärten gab es nicht. Erst mit der am 31. Juli 1919 in Weimar verabschiedeten Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung wurde dies erreicht. Sie fasste die bestehenden Regelungen zusammen und ergänzte sie. Damit wurden erstmals die Kleingärtner vor zu hohem Pachtzins und willkürlicher Kündigung geschützt.

Auch in unserem Gemeindegebiet gab es Kleingärten. Bis in die 1920-er Jahre waren nach der Erinnerung von Gemeindemitgliedern in der Neumann- und Westerlandstraße Laubengärten vorhanden, teilweise mit Scheunen ausgestattet.

Das Areal, das sich hinter der Kirche bis zur Binzstraße zog, war vor dem Ersten Weltkrieg von einer der Berliner Terraingesellschaften erworben worden. Es wurde nicht bebaut und später, ebenfalls in den 20-er Jahren, für Schrebergärten bis in die 1970-er Jahre genutzt. (CB)

… vor hundert Jahren: Ostern 1919

Der Frühling hielt vorsichtig Einzug in Berlin. Die Tage waren jetzt wärmer und ab und zu lugte die Sonne hervor. Überall streckten die Frühlingsblumen ihre Köpfe aus der Erde und vertrieben das triste Wintergrau. Die Menschen auf der Straße erfreuten sich an ihrem Anblick und einige spürten eine frohe Erwartung. Sie hatten ein bisschen Aufmuterung nötig, endlich ging es aufwärts.

Die Presse kündigte die Verteilung von amerikanischen Lebensmitteln (Fleisch, Speck, Mehl) für die Woche nach Ostern an.

In Berlin war die Arbeitslosenzahl zurückgegangen. In den Zeitungen wurden freie Stellen für Arbeiter und Angestellte annonciert. Noch war die Wirtschaft nicht richtig angelaufen, doch es gab eine vorsichtige positive Prognose.

Die anhaltenden Streiks verhinderten jedoch zu hohe Erwartungen. Am Karsamstag nahmen zumindest die Angestellten der Warenhäuser ihre Arbeit wieder auf. Die Kaufhäuser konnten an diesem Tag endlich wieder für ihre Kunden öffnen. Die Arbeitsniederlegungen der Bankbeamten und der Arbeiter in der Metallindustrie gingen dagegen weiter.

Unruhe herrschte auch unter den Arbeiterräten. Ein Rätekongress der Arbeiterräte von Groß-Berlin war für den 19.4.1919, den Karsamstag, einberufen worden, um sich über das weitere Vorgehen abzustimmen. Noch gab es keine Weimarer Verfassung und der Machtkampf unter den verschiedenen politischen Kräften hielt in Deutschland und Berlin an.

In der Hoffnungsgemeinde gab es unter seinen Mitgliedern ein wenig mehr Zuversicht als in der harten Winterzeit. Neben den alltäglichen Schwierigkeiten, die sie bewältigten mussten, wurden jetzt wieder Familienfeste gefeiert.

Ende März wurden von den Pfarrern Simon und Jungklaus insgesamt 176 Jungen und Mädchen konfirmiert.

Am Ostersonntag taufte Pfarrer Simon zwei Kinder, am Ostermontag wurden von ihm acht Kinder und von Pfarrer Jungklaus ein Kind getauft. Das jüngste getaufte Kind, Margareta Elly Elisabeth Schrape, war erst 19 Tage alt. Nicht viel älter war ein weiteres kleines Mädchen: Lucia Greta Hoffmann. Sie war 40 Tage alt. Unter den Täuflingen fand sich auch ein uneheliches Kind, dass jedoch fünf Taufpaten an seiner Seite hatte. Sechs Tage später wurde erneut die Taufe von zwei Kindern gefeiert. Schon lange hatte die Hoffnungsgemeinde nicht mehr so viele Täuflinge innerhalb weniger Wochen gehabt.

Auch Hochzeitsgesellschaften fanden ihren Weg in die Hoffnungskirche. Vier junge unverheiratete Paare gaben sich Ende April vor Pfarrer Jungklaus das Ja-Wort. (CB)

Die Abbildung ist einer Postkarte mit folgenden Angaben entnommen: offizielle Karte für Rotes Kreuz Kriegsfürsorgeamt, Kriegshilfsbüro, Nr. 53-3

… vor hundert Jahren: Frauen wählen

Der 19. Januar 1919 war in vielerlei Hinsicht ein historischer Tag. Zum ersten Mal durften die Frauen in Deutschland wählen gehen und gewählt werden. Ca. 20 Millionen Frauen waren an diesem Tag aufgerufen, ihre Stimme zur Nationalversammlung abzugeben. Gewählt wurde ein Parlament, das keinem Monarchen verpflichtet war und später in Weimar zusammentrat.

Den ganzen Tag standen Männer, Frauen und Kinder in der klirrenden Kälte vor den Wahllokalen und verteilten an die zur Wahl gehenden Berliner/innen die Stimmzettel der von ihnen bevorzugten Partei. Eine allgemein gültige Wählerliste mit allen zur Wahl zugelassenen Kandidaten und Parteien gab es noch nicht. Jede/r Stimmberechtigte/r nahm sich den Wahlschein seiner Wunschpartei und gab ihn ab.

Am 12. November 1918 hatte die Übergangsregierung die erste demokratische Wahl mit unbeschränktem aktiven und passiven Frauenwahlrecht beschlossen. Danach erhielten alle Frauen, ob Hausfrau, Arbeiterin oder Adlige ab dem 20. Lebensjahr das Wahlrecht für die Stadt- und Landgemeinden, für den Bundesstaat und für das Parlament. Darüber hinaus durften sie sich selbst zur Wahl stellen.

Das war zu diesem Zeitpunkt sehr fortschrittlich und traf viele Frauen unvorbereitet. In Deutschland war ihnen bisher jegliches Recht wählen zu gehen verweigert worden. In anderen Ländern hingegen durften die Frauen bereits seit ungefähr 50 Jahren auf unterschiedliche Weise wählen.

Es war deshalb eine dringende Aufgabe der Parteien und Frauenrechtlerinnen, die potentiellen Wählerinnen zu überzeugen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen und ihnen gleichzeitig einen Überblick über die politischen Zielsetzungen zu geben. Wahlveranstaltungen, speziell für Frauen, wurden allerorts meist durch politisch aktive Frauen durchgeführt. Mit Flugblättern und Zeitungsartikeln wurden sie immer wieder angehalten, sich mit ihren neuen Rechten auseinanderzusetzen und diese zu nutzen. „Wahlrecht ist Wahlpflicht“ lautete einer der Slogan.

In Berlin war Luise Zietz eine bekannte Frauenrechtlerin. Sie hatte sich gemeinsam mit Clara Zetkin u.a. lange vorher für das Wahlrecht der Frauen eingesetzt. Bei ihren Veranstaltungen waren die Säle meist überfüllt. Wortgewaltig überzeugte sie die Zuhörerinnen, ihre Stimme abzugeben.

Die Zeit bis zur Wahl war knapp und von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Räten und den Freikorps überschattet. Neue Parteien hatten sich gebildet. Frauen, die bisher meist nicht in der Politik aktiv waren, ließen sich als Kandidatinnen aufstellen und führten, unerfahren auf diesem Gebiet, ihren ersten Wahlkampf durch.

Trotzdem beteiligten sich ca. 83 % der Wahlberechtigten an dieser Wahl. 37 Frauen zogen nach Auszählung der Stimmen als erste weibliche Abgeordnete in das Parlament ein und stellten damit ca. 10 % aller Abgeordneten. Luise Zietz war eine unter ihnen. Sie war für die USPD angetreten. (CB)